Palmarum

Der Merkvers für den Palmsonntag, Palmarum tralarum, ist eher nichtssagend. Fast hat man den Eindruck, den Urhebern ist nicht viel zum Thema Schnepfenstrich eingefallen. Palmarum bzw. Palmsonntag wird der 6. Sonntag der Passionszeit genannt. Früher begann die Messe mit Psalm 21: Domine, ne longe facias auxilium tuum a me, ad defensionem meam aspice, libera me de ore leonis, et a cornibus unicornium humilitatem meam. Die Übersetzung ist: Herr, mit Deiner Hilfe sei mir nicht fern! Schau her und beschütze mich! Befreie mich aus dem Rachen des Löwen, vor dem Horn des Einhorns rette mich Armen!

Das ist übrigens ganz nebenbei wieder ein schöner Hinweis darauf, wie wörtlich man die Bibel nehmen bzw. eher nicht nehmen sollte. Mit Einhorn wird ja vermutlich nicht der Narwal (Monodon monoceros) gemeint sein.

Auch um den Palmsonntag herum ist mit gutem Strich zu rechnen, vorausgesetzt das Wetter passt. Bei starkem Wind oder Sturm bleibt man besser zu Hause. Nach meiner Erinnerung war der Strich immer dann besonders ausgeprägt, wenn es nach einem sonnigen Frühlingstag gegen Abend deutlich kühler wurde und leichter Dunst wie ein Zauberschleier über dem Land lag. Wenn dann die letzte Drossel verschwieg, stieg die Spannung fast ins Unerträgliche, und oft genug ging man eilig in Voranschlag weil man meinte, den Vogel mit dem langen Gesicht schaukelnd vorbeistreichen zu sehen.

Früher wurden bei uns die Schnepfenstrecken etwa zu gleichen Teilen beim Frühjahrsstrich und im Herbst erzielt. Entsprechend sind in den letzten knapp 40 Jahren etwa nur halb so viele Schnepfen erlegt worden wie vor dem Verbot der Frühjahrsjagd. Nach übereinstimmender Meinung aller Fachleute hatte das allerdings keinerlei Effekt auf die europäische Schnepfenpopulation, zumal die 5 bis 15 Tsd. bei uns erlegten Schnepfen gerade mal knapp 5 Prozent der europäischen Strecke ausmachen.

Schnepfenstrecke_HDP

Schnepfenstrecken in Deutschland. Grafik: HDP

In freier Natur sterben bei allen Tierarten nur extrem wenige Individuen an Altersschwäche. Die Sterblichkeit ist meist bei jungen Exemplaren besonders hoch, wobei Verluste durch widrige Witterungsverhältnisse, Hunger und Prädation im Vordergrund stehen. Die sog. kompensatorische Sterblichkeit, also auch die nachhaltige Jagd, hat naturgemäß keine populationsdynamischen Konsequenzen. Heribert Kalchreuter hat das in seinem auch heute noch lesenswerten Buch „Die Sache mit der Jagd“ an verschiedenen Beispielen anschaulich gezeigt. Auf den Punkt gebracht hat er es so: „Sie sterben, ob wir sie schießen oder nicht.“

Prof. Gerhard Spitzer (Universität Wien) hat der Europäischen Kommission im Frühjahr 2016 ein Gutachten zugeleitet. Darin stellt der Ornithologe neue Fakten vor, die die in Deutschland verbotene Frühjahrsbejagung der Schnepfe in einem völlig anderen Licht erscheinen lassen. Es handelt sich nach seinen Erkenntnissen bei den sog. Balzflügen eher um Orientierungsflüge von Hähnen. Entsprechend besteht beispielsweise in Österreich die Frühjahrsstrecke zu 95 Prozent aus Hähnen. Bei der Herbstbejagung werden wesentlich mehr Hennen erbeutet als im Frühjahr. Bisher für bedeutsam gehaltene Argumente gegen die Frühjahrsbejagung sind demnach vom Tisch. Falls sich ein Jagdverbot für Schnepfen selbst im Licht dieser Erkenntnisse nicht vermeiden lässt, wäre eine Einschränkung der Herbstjagd aus Sicht des Artenschutzes wohl eher angebracht. Man darf auf die Reaktion der EU gespannt sein.

Die Schnepfenjagd beim Frühjahrsstrich wurde in Deutschland also verboten, obwohl die europäische Vogelrichtlinie sie durchaus zulässt (siehe felix Austria), weil ideologisch motivierte Naturschützer den Gesetzgeber mit faulen Zahlen zum vorauseilenden Gehorsam gedrängt haben. Prof. Dr. Hans-Dieter Pfannenstiel

Beitragsbild: Palmarum – leichter Dunst liegt wie ein Zauberschleier über dem Land. Foto: Hans-Dieter Pfannenstiel

Bisher erschienen:

Palmarum

Judica

Laetare

Reminiscere

Oculi

 

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