Offener Brief zum Rotwild im Erzgebirge – Nabu Sachsen zieht Unterschrift zurück

Der Nabu Sachsen hat seine Unterschrift unter den Offenen Brief “zur zu den Forderungen des Landesjagdverbandes Sachsen und der Hegegemeinschaften bezüglich der Rotwildbejagung” vom 18. Oktober 2018 zurückgezogen. Das teilt der Verband mit. Der Nabu will seine Position zur Rotwildbejagung überdenken.

Anlass für den Rückzieher waren, wie ein Nabu-Sprecher auf Nachfrage von JAWINA mitteilte, Proteste von Nabu-Ortsverbänden aus dem Erzgebirge – von Naturschützern also, die wissen, wie der Umgang des Sachsenforsts mit dem Rotwild in der Praxis aussieht. “Der Rothirsch ist der letzte große Herbivore in unserer Landschaft”, so der Nabu-Sprecher, “Wir sollten zu einem anständigen und angemessenen Umgang mit ihm finden.”

Im folgenden die Pressemitteilung des Nabu Sachsen im Wortlaut:

NABU Sachsen diskutiert seine Position zu Wald und Wild

Die Frage, wie hoch die Rotwildbestände sein dürfen, damit eine nachhaltige Waldverjüngung nicht gestört wird, ist derzeit – besonders im Erzgebirge – Gegenstand hitziger Debatten. Auch der NABU Sachsen hat mitdiskutiert und sich nun, aufgrund der Vielschichtigkeit und Emotionalität des Themas entschieden, seine Beteiligung am offenen Brief vom 10. Dezember 2018 an den Sächsischen Staatsminister für Umwelt und Landwirtschaft zur Rotwildbejagung im Erzgebirge zurückzuziehen.

Dies wurde Minister Thomas Schmidt und den Unterzeichnern vom NABU‐Landesvorsitzenden Bernd Heinitz offiziell mitgeteilt. In dem offenen Brief hatte der NABU gemeinsam mit sechs weiteren Natur‐ und Waldschutzverbänden ein Positionspapier des Landesjagdverbandes und der Hegegemeinschaften in seinen wesentlichen Punkten abgelehnt und sich für eine temporäre Anpassung der Rotwildbestände ausgesprochen. Vor allem aus den NABU‐Untergliederungen im Erzgebirge gab es jedoch Einwände, dass der offene Brief den Intentionen des NABU nicht gerecht werde. Naturschutz und der Erhalt der biologischen Vielfalt kämen nicht ausreichend zur Geltung bzw. würden nur einseitig dargestellt.

Der NABU Sachsen will sich nun innerhalb des Verbandes der Diskussion zum Thema Wald und Wild stellen. An deren Ende soll eine für Sachsen einheitliche Position stehen, die der Komplexität und Dringlichkeit des Themas Rechnung trägt. „Die biologische Vielfalt schwindet zusehends, die Stabilität unserer Ökosysteme gerät zunehmend aus den Fugen, nicht nur im Offenland, auch im Wald. Es muss schleunigst gegengesteuert werden“, sagt Heinitz. Der Erhalt der Biodiversität stehe für den NABU gleichwertig neben der Eindämmung des Klimawandels. Nur wenn man beide Probleme im Zusammenhang betrachte, können tragfähige Konzepte entstehen und dabei spiele auch das Wild eine maßgebliche Rolle. „Es ist an der Zeit, nach zukunftsträchtigen Lösungen zu suchen, die dem Rothirsch – einer vorwiegend tagaktiven und das Offenland bewohnenden Art – wieder ein einigermaßen artgerechtes Leben gestatten“, konstatiert Bernd Heinitz.

Hintergrund

Der NABU und die Verbände äußerten sich zu den Forderungen des Landesjagdverbandes und der Hegegemeinschaften zur Beibehaltung der bisherigen Wildbestandsdichte, insbesondere beim Rotwild, im Dezember 2018 mit großer Besorgnis. Derzeitige Wildbestände beeinträchtigten häufig eine nachhaltige Waldverjüngung sowie die Biodiversität im Wald, hieß es im offenen Brief. In strukturreichen Mischwäldern beheimatete Arten fänden angesichts überhöhter Wildbestände keinen Lebensraum und Waldbesitzer seien erhöhten Belastungen zum Waldschutz durch Verbiss und Schälung ausgesetzt. Bedenken aus den eigenen Reihen ließen den NABU Sachsen seine Beteiligung am offenen Brief nun zurückziehen.

Beitragsbild: Pressemitteilung des Nabu Sachsen aus Anlass der zurückgezogenen Unterschrift. (Screenshot)

3 Gedanken zu „Offener Brief zum Rotwild im Erzgebirge – Nabu Sachsen zieht Unterschrift zurück

  1. Waldläufer

    Das Sagen haben leider die, die im Auftrage von ANW und ÖJV unterschrieben bzw. das ganze unter Verdrehung von Tatsache initiiert haben.

    Diese Leute interessieren weder ökologische Zusammenhänge und wildbiologische Erkenntnisse noch akzeptieren sie die allgemeinsten Funktionen des Waldes, wie sie in der ehemaligen DDR bereits jedes Grundschulkind vermittelt bekam.

    Die Misere des Waldzustandes liegt nicht an zu viel wiederkäuendem Wild, sondern dem falschen Umgang mit diesem.
    Der sogenannte Offene Brief ist Ablenkung vom Ziel der Profitmaximierung, den waldbaulichen Fehlern der Vergangenheit und Gegenwart und der Unfähigkeit in den Chefetagen von Sachsenforstdem Wild als Standortfaktor zu akzeptieren.
    Zum Umgang mit diesem gehören Strategien,die es ermöglichen das Wild in seinem ihm von Menschen zugewiesenen Lebensraum nachhaltig weidgerecht zu hegen, zu bejagen und zu erlegen, wie es im Bundesjagdgesetz gefordert wird und somit einen artenreichen und gesunden Wildbestand in Akzeptanz, dass dieser auch seinen Lebensraum beeinflusst, in einer den Funktionen des Waldes genehmen Stückzahl zu erhalten.
    Dies käme dann der Dialektik von Wald als Lebensraum und Nachhaltigkeit der Entwicklung und Nutzung seiner Ressourcen nahe.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.