Offener Brief der Jägervereinigung Oberhessen an Bundesministerin Klöckner

Die Jägervereinigung Oberhessen hat einen Offenen Brief zum Thema “Bundesjagdgesetz / Waldstrategie 2050 als Leitlinie der Jagdpolitik” an Bundeslandwirtschaftsministerin Klöckner gesendet. Wir dokumentieren das Schreiben im Wortlaut:

Sehr geehrte Frau Bundesministerin Klöckner,

die zusammengefassten Schlussfolgerungen des Expertenrates zur Waldstrategie 2050 orientieren sich vornehmlich an kurzfristigen, anthropogenen ökonomischen Gesichtspunkten, aber nicht an der Entwicklung des Gesamtökosystems Wald, zu dem auch untrennbar der Einfluss des Wildes gehört. In mehreren Punkten sind sie widersprüchlich und nicht nachvollziehbar. Auch der Tierschutz (Artikel 20a des Grundgesetzes), der Artenschutz und die bereits eingesetzte genethische Verarmung beim Rotwild scheinen keine Rolle zu spielen.

Es besteht kein Zweifel – die aktuellen Waldschäden sind eine Herausforderung für die Forstwirtschaft, aber auch für die Jagd. Es ist auch überhaupt nicht strittig, dass Waldbesitzer und Jäger natürliche Partner sind und auf Verjüngungsflächen Rehe und Hirsche verstärkt bejagt werden müssen. Dies funktioniert in Hessen schon seit Jahren durch die Orientierung an Verbissaufnahmen, die in die Abschussplanung einfließen. Obwohl die Zahl der „Weiserflächen“ deutlich erweitert wurde, haben im letzten Jahrzehnt in immer mehr hessischen Hegegemeinschaften Förster und Jäger einvernehmlich auf neue Verbissgutachten verzichtet. Der Grund: Die Verbissschäden durch Rehwild wurden immer öfter waldbaulich unerheblich.

Aktuelle Waldschäden und deren Gründe dürfen nicht verschwiegen werden

Das „neue Deutsche Waldsterben“ ist nach jahrzehntelangen Waldsterbensszenarien auch von jedem Laien leicht erkennbar: abgestorbene „Baumleichen“ und nicht aufgeforstete Windwurfflächen. Insbesondere Flächen von Nadelbäumen zeigen das Gesicht eines „Geisterwaldes“. Die Gründe: Wassermangel und der Borkenkäfer.

Der Wassermangel ist allerdings in vielen Regionen nicht nur alleine auf die trockenen Sommer zurück zuführen, sondern auch auf die Grundwasserabsenkungen durch die Wasserversorgung der Ballungszentren. Auf dieses Thema gehe ich noch detailliert in der Anlage 1 unter Punkt 1.) – Borkenkäfer und Wassermangel – ein.

Dem Wild kann dieser Zustand nicht angelastet werden. Der Wald leidet vielmehr auch unter einem „Pflegenotstand“, der durch den rigorosen Stellenabbau in der Forstwirtschaft im Zuge des „Neoliberalismus“ entstanden ist. Seit Jahrzehnten wird der Wald nicht mehr ausreichend gepflegt. Selbst im „Eckpunktepapier“ ist unter Nr. 2.3 die Rede von „Rückständen in der Waldpflege“. Daher sollte zunächst einmal die Entwicklung zum erbärmlichen Zustand des Waldes ausführlich geklärt werden.

Unabhängig von Maßnahmen zur Aufforstung bleiben „Käferfichten“ oft zu lange stehen und verbreiten den Borkenkäfer weiter. Zweige und Rinde, die durch das Entasten vom „Vollernter“ anfallen, werden nicht mehr beseitigt und bilden Brutnester für den Borkenkäfer. Das trockene Reisig auf dem Boden stellt eine extreme Waldbrandgefahr dar.
Auf Verjüngungsflächen wird die Begleitflora – z. B. Reitgras – nicht mehr gemäht und erstickt die Verjüngung. Fuchs und Greifvögel werden durch hohen Grasbewuchs daran gehindert, die Mäuse zu dezimieren. Mäuse-Gradationen können nicht mehr wirkungsvoll bekämpft werden, so dass den Nagern die Verjüngung hektarweise zum Opfer fällt.

Diese Problematik existiert nicht erst seit dem trockenen Jahr 2018, wie dem Eckpunktepapier zu entnehmen ist, sondern ist schon seit längerem bekannt.

Hierzu verweise ich auf weitere Details in der Anlage 1 unter Punkt 2.) „Waldbauliche Fehler“ und Punkt 3.) „Wildverbiss“

In dem Eckpunktepapier des wirtschaftlichen Beirates „Waldpolitik“ wird das Wild zusammen-fassend als alleiniger „Sündenbock“ für die Probleme des Waldes hingestellt. Die Waldstrategie 2050 sieht folglich den stark erhöhten, flächendeckenden Abschuss von wiederkäuendem Schalenwild und die übermäßige Verlängerung seiner Jagdzeit als primäre Lösung für den Waldumbau vor. Damit liegt der Beirat auf der gleichen Linie mit aktuellen (!) Forderungen von Naturschützern und den Forstbehörden der Länder, von denen bereits fünf im Vorhinein die Jagdzeiten auf wiederkäuendes Schalenwild verlängert haben. (Erstaunlich: Zuvor haben Verbände wie Nabu und BUND vehement eine Verkürzung dieser Jagdzeiten auf die Monate August bis Dezember gefordert!).

Es gibt durchaus auch renommierte Wissenschaftler, die eine andere jagdliche Strategie verfol-gen, aber im Eckpunktepapier nicht zu Wort kommen. Zum Beispiel Prof. Dr. Michael Stubbe, Prof. Dr. Hans Dieter Pfannenstiel, Prof. Dr. Dr. Sven Herzog, Prof. Dr. Klaus Hackländer und der Forstwissenschaftler und Ökologe Prof. Dr. Reimoser.

In diesem Zusammenhang verweise ich auch auf weitere Aussagen in der Anlage 1 unter Punkt 4.) „Widersprüche und Glaubwürdigkeit“.

In dem Eckpunktepapier des wissenschaftlichen Beirates „Waldpolitik“ wird die Leistung der Jägerschaft bei den Abschusszahlen von über 1,4 Millionen Rehen und Hirschen ins Gegenteil verkehrt. Dort ist zu lesen: „Ein zentrales Hindernis für ein effizientes Wildtiermanagement zur Verbesserung der Verjüngungssituation im Wald ist die Tatsache, dass die Jagdausübung vielfach in der Hand von Jägern liegt, die bei der Jagd Entspannung vom beruflichen Alltagsstress und Erholung in der Natur suchen und dem Waldzustand gegenüber der Jagd keinen Vorrang einräumen. Diese Ausrichtung wird durch Lücken in der heutigen Jagdgesetzgebung erst ermöglicht“. Im Zusammenhang mit diesen Aussagen verweise ich auf Anlage 2.) „Entwicklung der Jagdstrecken bei Rehwild und Rotwild“.

Pauschale Verunglimpfungen von Jägern sind keine Fakten. Zahlen und Vergleiche für die Entwicklung der Verbiss-Belastung sind nicht aufgeführt. Zudem ermöglichen die Jagdgesetze bislang schon die Ausweisung von Weiserflächen und die Erhebung von Verbiss- und Schälschäden. Aber der Inhalt des Eckpunktepapiers zeigt, dass es in der Waldbau-Problematik um eine einseitige Schuldzuweisung an die Jäger und das Wild geht. Der Satz „Diese Ausrichtung wird durch Lücken in der heutigen Jagdgesetzgebung erst ermöglicht“ lässt erahnen, wo die Reise hingegen soll und erweckt den Verdacht, dass der Inhalt des Jagdgesetzes bereits feststeht und der Beirat die Begründung liefert.

Alle Aspekte müssen berücksichtigt werden

Wenn jedoch die Politik weiterhin ihre Hausaufgaben nicht macht und
● nicht für ausreichend Personal zum Wiederaufbau und zur Pflege des Waldes sorgt,
● das Problem mit der massiven Wasserentnahme in Waldregionen zur Wasserversorgung der Ballungszentren nicht ernsthaft angeht,
● die Wiederbewaldung nicht als gesamtgesellschaftliche Aufgabe sieht und das Schalenwild weiterhin nicht ausreichend vor menschlichen Störungen bei der Freizeitnutzung des Waldes schützt
● und bei der Fichte als „Brotbaumart“ bleibt,

dann kann sie das Wild per Gesetz noch so sehr dezimieren lassen, aber der Wald wird weder seine ökonomischen noch seine ökologischen Funktionen vollauf erfüllen können.

Seit Jahrzehnten wird das Jagdrecht stets in kleinen Schritten eingeschränkt oder beschnitten. Immer wieder zugunsten von Naturschutzverbänden und Jagdgegnern. Nun scheinen die Corona-Krise und die Waldschäden eine Chance zu bieten, das Jagdrecht endgültig dem Naturschutzrecht zu unterstellen und als Eigentumsrecht zu entwerten. Seit Jahren kämpfen Vertreter der Naturschutzverbände – die ja im Bundesumweltministerium wichtige Funktionen bekleiden – mit der Unterstützung der Partei der Grünen darum, dieses Ziel zu erreichen.

Im „Eckpunktepapier“ wird Jägerschaft wird zum waldbaulichen Buhmann degradiert und mit ideologischen Parolen diskreditiert, aber viele Naturnutzer können in Wald und Feld oft ohne Rücksicht auf Fauna und Flora ihrem Freizeitvergnügen freien Lauf lassen. Dass Jagdpolitik auch ohne Unterstellungen, Schuldzuweisungen und einseitigen Forderungen funktionieren kann, zeigt die Vereinbarung, die in Baden Württemberg das zuständige Ministerium und der Landesjagdverband getroffen haben. Dort müssen alle Akteure für die Zukunft des Waldes Verantwortung übernehmen (s. Anlage 1, Punkt 5).

Bei der Wiederbewaldung sind Waldbesitzer und Politik zweifelsohne besonders auf die Unterstützung der Jägerschaft angewiesen. Ökologische Leerformeln, ideologische Thesen und einseitige Schuldzuweisungen erweisen sich hier als kontraproduktiv. Sei es bei der Wiederbewaldung, sei es bei Prävention und Bekämpfung der Afrikanischen Schweinepest, sei es beim Artenschutz: Alle diese Probleme können nur gemeinsam mit der Jägerschaft gelöst werden. Deshalb muss die Politik auch die Anliegen und Erfahrungen der Betroffenen ernst nehmen.

Auch beim Thema Waldumbau fanden die Vorschläge der Jägerschaft auf Bundesebene bisher keine oder wenig Beachtung. Dadurch wird jedoch das Gegenteil des von der Politik verfolgten Zieles erreicht. Insbesondere als Gründungsvorstand der Stiftung für „Ehrenamt und Engagement“ sollten Sie, Frau Ministerin die Leistungen der Jägerschaft kennen und anerkennen.

Die Verbände, die heute ein Jagdverbot fordern und morgen faktisch die Schonzeiten für das Schalenwild aufheben wollen, können dazu – außer theoretischen Ergüssen – überhaupt nichts beitragen.

Mit freundlichen Grüßen

Helmut Nickel, Vorsitzender der Jägervereinigung Oberhessen

Ein Gedanke zu „Offener Brief der Jägervereinigung Oberhessen an Bundesministerin Klöckner

  1. Peter-C.Neigenfind

    Dieses Thema ist nicht nur in Hessen aktuell sondern z.B. auch in Brandenburg. Die Auffassung anerkannter Fachleute wird ignoriert, Schadenfeststellungen werden dem
    Bedarf des Landesbetrieb Forst angepaßt und Minister Vogel unterschreibt, ebenso wie sein Vorgänger Vogelsänger, alles was der Forst wünscht.
    Und wenn es dann noch nicht paßt, der Leiter des Landesbetrieb Forst ist ja gleichzeitig Leiter der Obersten Jagdbehörde !! Noch Fragen ?
    Peter-C. Neigenfind
    Vors. Hegegemeinschaft Niederwild Barnim Süd

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