Österreich: “Schlechtes Licht auf die Jägerschaft”

Eines der großen Probleme der Jägerei ist, dass es einfach zu viele von jener Sorte Weidmänner gibt, die in einem unbedachten Moment mit dem Hintern mehr einreißen, als die beste Öffentlichkeitsarbeit (die wir nicht haben) in Jahren mühseliger Arbeit errichten kann. Einer dieser eher entbehrlichen Weidmännern ist jener, der am vergangenen Wochenende in der Kärntner Gemeinde Liebenfels auf einer starken Sechser-Rehbock schoss. Der Schuss trennte dem Bock beide Vorderläufe fast vollständig ab, wie der ORF berichtete. Das ist schlecht, kann aber vorkommen und ist der Grund dafür, dass Jäger zur Nachsuche bei jedem unklaren Schuss verpflichtet sind. Wäre im vorliegenden Fall nachgesucht worden, hätte jeder halbwegs firme Jagdhund das Leiden des schwer kranken Stücks innerhalb von Minuten beendet. Denn – es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich das vorzustellen – auf zwei blutigen Stümpfen kommt man nicht weit. Und besonders schnell ist man auch nicht. Doch die Nachsuche unterblieb. Warum wissen wir nicht. “Das kann ja nur ein Wilderer gewesen sein”, hieß es so voreilig wie selbstgerecht. Denn es stellte sich heraus: Der vermeintliche Wilderer war ein Jäger, der berechtigt war, in dem Gebiet zu jagen. Ob der Unglücksschütze sich mit dem leidigen “Werde ich wohl vorbeigeschossen haben” getröstet hat oder sich einredete, “Den kriegen wir ja doch nicht” – darüber wird er sich vor dem Disziplinarausschuss der Kärntner Jägerschaft ausführlich äußern müssen, der ihm Rahmen der Selbstverwaltung der Jägerschaft auch über einen Entzug des Jagdscheins entscheiden kann.

Die laue Entschuldigung des Jägers, er habe “den angeschossenen Bock tagelang nicht gefunden”, klingt wenig überzeugend. Jedenfalls humpelte das arme Vieh noch tagelang auf einer Wiese herum, bis ein Anwohner einen Jäger verständigte, der den Bock erlöste. Seit einer Woche beschäftigt der Fall die Medien in Österreich, der Image-Schaden für die Jägerschaft ist immens. Und natürlich werden Konsequenzen gefordert – Konsequenzen, die alle Jäger betreffen. Strengere Kontrollen und härtere Konsequenzen bei Verstößen gegen das Jagdgesetz forderte die Vorsitzende des Wiener Tierschutzvereins (WTV), Madeleine Petrovic, im ORF. Und das ist noch eine der gemäßigten Stimmen: Fälle wie der aktuelle würden “ein schlechtes Licht auf die redliche Jägerschaft werfen, die sich um ethische und ökologische Standards bemühe”, sagte Petrovic. Da hat sie leider Recht. SE

Beitragsbild: Wundfährte eines Stück Rotwilds mit Laufschuss. Foto: SE

5 Gedanken zu „Österreich: “Schlechtes Licht auf die Jägerschaft”

  1. Toby

    Da wünschte man sich doch fast verpflichtende Anschussseminare in regelmäßigen Abständen.

    Irren ist menschlich und jeder hat schon mal Fehler gemacht aber das Verhalten des “Waidgenossen” ist eine Schande und gehört bestraft. Es ist doch nun wirklich nicht schwierig bei Unklarheiten am Anschuss mit einem Hund zu überprüfen, ob getroffen wurde oder nicht.

    Man, man, man.

    Waidmannsheil
    Toby

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  2. Joachim

    Das ist der GAU, ohne Frage.
    Aber vielleicht ist es auch Anlass sich wieder vor Augen zu führen, dass es den „ich habe sicher gefehlt“ Schuss eigentlich nicht gibt.
    Wenn das Stück nicht liegt, muss ein ausgebildeter Hund her. Ich habe jede Menge Nachsuchen gemacht, bei denen es keinen Schweiß, keinen erkennbaren Anschuss gab und doch lag das Stück oder war verletzt.
    Selbst bei Schnee kann der Schweiß, je nach Konsistenz des Schnees, komplett durchsacken und mit dem Auge nicht erkennbar sein.
    Und wenn kein Hund greifbar ist, muss der Finger eben gerade bleiben, auch wenn es schwer fällt. Wald vor Wild, wie es die „ökologischen“ Jäger postulieren, berechtigt nicht zur „Hauptsache geschossen“ Mentalität.
    Da tut ein wenig altbackene jagdliche Tradition doch ganz gut, die im Wild eine Kreatur und nicht einen Waldschädling sieht.

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    1. Anko

      In jedem Jagdscheinkurs wird den Teilnehmern eingehämmert, was jeder Jagdpraktiker aus eigener Anschauung zu Genüge weiss: Dass “nicht gezeichnet”, “ging ab wie gesund” und kein Schweiß/ kein Anschuss (gefunden) ausnahmslos GARNICHTS zu sagen hat und immer ein brauchbarer Hund zur Kontrolle ran muss. Das ist Basiswissen, Irrtümer in diesem Bereich sind nicht zu tolerieren, Bequemlichkeitserwägungen, die man wohl dem Herrn aus dem Artikel unterstellen muss, noch viel weniger.

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      1. admin Beitragsautor

        Zumal das Stück mit dem Schuss sicherlich gezeichnet hat, im Schuss zusammengebrochen oder zumindest vorne runtergegangen ist. Erfahrungsgemäß gehen Stücke mit solchen Schüssen in geringer Entfernung vom Anschuss ins Wundbett, so dass der erwähnte brauchbare Hund leichtes – und schnelles – Spiel haben dürfte.

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