Ökologisches Jagdgesetz für Mecklenburg-Vorpommern angekündigt

Einführung von Dreijahres-Abschussplänen, verpflichtende Reduktionsabschüsse per Verordnung, Verlängerung der Jagdzeiten für Rehböcke – in Mecklenburg-Vorpommern wurden nun “nahezu alle altbekannten ÖJV-Forderungen – offensichtlich ohne jegliche Gegenwehr – durchgesetzt”, wie ein Betroffener kommentiert. Umweltminister Backhaus (SPD) besitzt dennoch die Unverfrorenheit, sich in einer Pressemitteilung seines Ministeriums attestieren zu lassen, er habe “Einvernehmen zwischen Interessensverbänden” erzielt.

Gestern fand in Schwerin eine Gesprächsrunde zwischen Jägern, Forstleuten, Waldbesitzern und Umweltschützern statt, zu der das Umweltministerium Mecklenburg-Vorpommerns geladen hatte. Das nach diesem Treffen verabschiedete “gemeinsame Positionspapier” hat es in sich. In der Darstellung des Ministeriums liest sich das so:

Die Wald-Wild-Frage oder das Spannungsfeld Forst-Jagd sind nicht neu. Im Zuge des Klimawandels und unter der Maßgabe klimastabile Wälder zu etablieren, erreicht der Konflikt jedoch eine neue Aktualität. Auch in Mecklenburg-Vorpommern wird das Thema kontrovers diskutiert, weswegen der zuständige Umweltminister Dr. Till Backhaus […] Jäger, Forstleute, Waldbesitzer und Umweltschützer zur Diskussion nach Schwerin einlud.

Zum Auftakt des Gespräches machte er seine Position deutlich: „Es geht nicht um eine Entscheidung Wald oder Wild, sondern um eine Lösung für den Wald mit Wild. Wir wollen gesunde, klimastabile Wälder, weil sie unser Land maßgeblich prägen. Genauso aber gehört das Wild zu unserer Heimat. Es geht nicht darum, alles Wild aus dem Wald zu vertreiben, sondern zu einem möglichst stabilen Gleichgewicht zu kommen.“ Hier sehe er Politik, Landwirte, Forstleute, Jäger, Waldbesitzer und Umweltschützer gleichermaßen in der Pflicht.

Der Minister räumte ein, dass der Verjüngungs- und Anpassungsprozess der Wälder dort beeinträchtigt wird, wo die Schalenwildbestände und damit der Wildverbiss zu hoch sind. Genau diese Prozesse brauche es aber, um die Wälder klimastabiler zu machen. Wenn für dieses Problem keine Lösung gefunden werde, nützten auch die angekündigten großen Förderprogramme des Bundes zur Wiederaufforstung und zum Waldumbau nicht viel. „Dann werden die staatlichen Zuschüsse nämlich in Größenordnungen in den Wildmägen landen. Das wäre nicht nur ein Bärendienst für den Klimaschutz, sondern würde langfristig auch das Aus für die heimische Forstwirtschaft bedeuten“, so Backhaus.

In seinem Eingangsstatement stellte der Minister verschiedene Maßnahmen vor, die das Land erwägt, um die unterschiedlichen Interessen in Einklang zu bringen. Die Umsetzung der einzelnen Ziele wurden von den insgesamt rund 30 anwesenden Teilnehmern in Teilgruppen diskutiert und später in großer Runde vorgestellt. Die Ergebnisse sind in ein gemeinsames Positionspapier eingeflossen.

Digitaler Wildnachweis

Ein großer Streitpunkt in der aktuellen Debatte sind die tatsächlichen Bestandszahlen. „Dafür habe ich größtes Verständnis – schließlich ist eine solide Datenbasis immer der beste Berater“, betonte Backhaus. Das Land habe deshalb bereits die Vorbereitung des digitalen Wildnachweises in Auftrag gegeben. Damit sollen die Jagdausübungsberechtigten die Möglichkeit erhalten, die im Landesjagdgesetz geforderte Streckenliste digital zu erstellen und diese elektronisch an die zuständigen unteren Jagdbehörden zu übermitteln. Durch die digitale Erhebung und Auswertung werde der Arbeitsaufwand bei den unteren Jagdbehörden deutlich reduziert, wodurch die Jagdbehörden andere Aufgaben, wie der Überwachung der Abschussplanerfüllung, effektiver kontrollieren können.

„Es ist aber nicht so, dass wir bezüglich des Wildnachweises aktuell völlig im Dunkeln tappen. Immerhin untersucht das Thünen-Institut seit dem Jahr 2000 die Wildbestandsentwicklung in Mecklenburg-Vorpommern, insbesondere von Rot- und Damwild“, sagte der Minister. Inzwischen lägen drei Abschlussberichte vor, der vierte sei in Bearbeitung. Die Berichte gingen in Mecklenburg-Vorpommern von 14 Wildschwerpunktgebieten aus.

Einführung des 3-Jahresabschlussplans

Eine weitere Entlastung der unteren Jagdbehörden soll die Einführung eines 3-Jahresabschussplan bringen. Dieser ist in den vergangenen drei Jahren im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte erprobt worden und habe sich ersten Auswertungen zufolge bewährt. Auch die Wildschadensausgleichskassen sollen künftig bei der Erstellung der Abschlusspläne in den einzelnen Hegegemeinschaften mitwirken. Bisher werden die jährlichen Abschusspläne für die rund 4.500 Jagdbezirke im Land durch die acht unteren Jagdbehörden genehmigt. Auch soll der 3-Jahresabschlussplan dem Revierinhaber mehr Flexibilität bei der Abschussplanerfüllung ermöglichen. So kann er zukünftig besser auf Witterungsverläufe oder geänderte landwirtschaftliche Produktionsbedingungen reagieren.

In den letzten 20 Jahren (1998 – 2018) wurden allein in Mecklenburg-Vorpommern zwei Drittel mehr Rotwild, drei Viertel mehr Damwild und doppelt so viel Schwarzwild geschossen als im gleichen Zeitraum davor. Das hat Backhaus zufolge aber nicht gereicht. Die Wildbestände seien bundesweit deutlich angewachsen – auch in Mecklenburg-Vorpommern. Die Gründe hierfür seien vielfältig. Vor allem das gute Nahrungsangebot an Eicheln und Bucheckern sorge dafür, dass die Tiere gut ernährt in die kalte Jahreszeit gehen. Die besonders milden Winter der vergangenen Jahre hätten zudem die Sterblichkeit der Jungtiere verringert.

Änderung der Jagdzeitenverordnung

Um dem Anstieg der Wildbestände weiter zu begegnen kündigte Backhaus eine Änderung der Jagdzeiten für Rehwild an, zum Beispiel für den Bockabschuss im Winter. Demnach könnte dieses Tier beispielsweise nicht wie bisher von Mai bis Oktober, sondern von Mitte April bis Ende Januar des Folgejahres auf Gesellschaftsjagden zum Abschuss freigegeben werden.

Aufhebung der Sperrwirkung des Abschussplanes für die Schalenwildarten in den Altersklassen 0 und 1

Weiterhin soll die Sperrwirkung des Abschussplanes für die Schalenwildarten in den Altersklassen 0 (Kitze bzw. Kälber) und 1 (1-jährige Stücke) aufgehoben werden. Das heißt, wenn der Abschussplan erfüllt ist, aber dennoch sehr viel Wild im Revier ist, kann der Plan, ohne Sanktionen der unteren Jagdbehörde befürchten zu müssen, überzogen werden.

Wildbewirtschaftungsrichtlinie

Aus Sicht des Ministers müsse auch die Wildbewirtschaftungsrichtlinie angefasst werden. Sie müsse in den Rang einer Verordnung erhoben werden. „Dadurch werden dann klarere Vorgaben hinsichtlich des Altersklassenabschusses für die Abschussplanung erreicht. Bei überhöhten Wildbeständen sind Gruppenabschuss und Reduktionsabschuss für alle Hegegemeinschaften festzusetzen. Dazu müssten nun rasch Zielbeständen auf wissenschaftlicher Basis hergeleitet werden“, erklärte Backhaus. Dieses Vorhaben setze die Änderung des Landesjagdgesetzes voraus.

Einfaches und praxisgerechtes Wildschadensverfahren

Ferner erwarte er Vorschläge für ein einfaches und praxisgerechtes Wildschadensverfahren im Wald. Dazu bedürfe es insgesamt mehr Sachverständige zur Wildschadensschätzung, aber vor allem auch mehr Gutachter für Wildschäden im Wald. „Nicht jeder Verbiss ist auch automatisch ein Verbissschaden. Auch müssen festgestellte Wildtierschäden richtig interpretiert werden. Die richtige Beurteilung der Auswirkungen auf die Walddynamik verlangt Expertise und Erfahrung“, so der Minister. PM/SE

Beitragsbild: “Gemeinsames Positionspapier” zur Einführung eines Öko-Jagdgesetzes in MV (Screenshot)

 

9 Gedanken zu „Ökologisches Jagdgesetz für Mecklenburg-Vorpommern angekündigt

  1. Hans-Dieter Pfannenstiel

    Man kann nur hoffen, dass der Jagdverband in MV gegen das Gesetz klagt, wenn es in vorgestellter Form kommen sollte. Der generelle Mindestabschuss, hier als “Aufhebung der Sperrwirkung des Abschussplans” bezeichnet, in AK 0 und 1 bedeutet de facto die Abschaffung des qualifizierten Abschussplans, wie es in Brandenburg bereits geschehen ist. Durch seine Zustimmung zu der schändlichen neuen DVO hat sich der Jagdverband in Brandenburg der Möglichkeit beraubt, gegen die DVO zu klagen. Und so wird in den Landesforsten, zumindest in den ganz fortschrittlichen Oberförstereien, das Wild unbarmherzig zusammengeschossen. Tierschutz und Weidgerechtigkeit mutieren langsam zu Fremdwörtern. Nichts spricht dagegen, im Zeichen des Waldumbaus lokal Wildbestände abzusenken, aber bitte mit Sinn und Verstand. Auch der verbleibende geringere Bestand soll gesund sein. Das fordern übrigens (noch?) alle Jagdgesetze.

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    1. js

      Seit wann kann ein Jagdverband gegen ein Gesetz klagen? Es gibt keine Popularklage gegen Gesetze.
      Auch ein Normenkontrollantrag gegen Vorschriften, die unter dem Landesgesetz stehen, (Verordnungen) setzt voraus, dass der Antragsteller in seinen Rechten verletzt ist. Dies ist bei Jagdverbänden grundsätzlich nicht der Fall, wenn es um eine Verordnung zum Jagdgesetz geht. Denn der Jagdverband übt nicht die Jagd aus und hat i.d.R. auch kein Jagdausübungsrecht.
      Im Übrigen sollte sich mittlerweile herumgesprochen haben, dass in den Ministerien Forstideologen sitzen, denen wildbiologische Zusammenhänge oder die Auffassungen von Jagdverbänden völlig schnurz sind. Dort rufen eingesandte Aufklärungsschriften, wonach der Gesetzes- oder Verordnungsinhalt wildbiologischen Erkenntnissen zuwider läuft, höchstens noch Heiterkeit hervor, bewirken aber nichts.

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  2. Carpe Diem.. jetzt erst recht

    So wie es 2015 “alternativlos” war die Grenzen zu öffnen wird heute mit dem “Klimawandel” Schindluder getrieben. Hinter diesem “Klimawandel” verstecken sich ideologische Kräfte, die bisher nicht zum Zuge kamen und jetzt unter diesem Schlagwort die Rückendeckung aus der Politik bekommen. Das sind “des Kaisers neue Kleider”, alle sehen den Unfug, nur keiner von Bedeutung hat die Kraft es klar zu sagen.

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  3. HW

    Da angeblich auch “Jagdverbände” geladen waren, gehe ich davon aus, dass auch der LJV dabei war. Anhören tut es sich allerdings so, als ob nur der ÖJV dabei war. Wenn der LJV das abgesegnet haben sollte, dann kann man dem altmännerlastigen Präsidium nur den Rücktritt nahelegen.

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  4. Gerhard Kusch

    Keiner von uns Jägern darf dazu still bleiben. Das erweiterte Präsidium des Landesjagdverbandes muss kurzfristig in den nächsten Tagen zusammenkommen, um Konsequenzen zu Beschließen,die diesen Irrsinn verhindern.
    Meint Backhaus etwa, dass er so seine Ministerposten retten kann?
    Vielleicht kann er ja kurzfristig noch die Partei wechseln.

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  5. Koch Volker

    Welche Erbärmlichkeit und Angst muss hier vorliegen, einen solchen runden Tisch in aller Kürze einzuberufen.
    Für einige Beteiligte gab es kaum Vorbereitungszeit. Die Verantwortlichen sind an undurchdachter Spontanität kaum zu
    überbieten. Eigentlich hätte man mit einer solchen Aktion rechnen müssen. Ich bin der Meinung, der Minister führt schon
    lange nicht mehr, er wird geführt.
    Vor einigen Jahren hatte ich ihm öffentlich meine Enttäuschung gegenüber seinem Ministerwirken und als Jagdkamerad ausgesprochen.
    Ich hatte Recht und bleibe bei meiner Auffassung. Unser Jagdverband wird sich noch artikulieren und in den Folgejahren wird die SPD wohl
    ca. 10.000 Stimmen bei uns verlieren

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  6. O.H.

    Tja liebe Leute, mittlerweile haben die am runden Tisch zustimmenden Herren des LJV zurückgerudert, fühlen sich nach Medienangaben (NDR) “überrumpelt”.
    Bei allem Respekt, aber wer annimmt, der Minister lädt zu netter Plauderei über Wald, Wild und Rübezahl und alle haben sich lieb, der irrt resp. ist m.E. nicht in der Lage, Situationen und Themen objektiv und im Kontext des meinungsbildenden Mainstreams einzuordnen und zu bewerten. Demzufolge muss sich die verdiente Herrenriege des LJV kritisch fragen lassen, ob ein “Überrumpeln” nicht Indikator genug ist, den Platz für Schneller- und Zuendedenkende zu räumen. Letztlich jagen diese Herren gefühlt tausend Jahre nach “alter Väter Sitte” und verpassen anlässlich einer Kaffeerunde bei Dr. B. künftigen Jägern mal eben den nicht wieder einholbaren Anstrich von Schädlingsbekämpfern. Natürlich ganz aus Versehen und ziehen ihre gegebene (meinetwegen passive) Zustimmung wieder zurück.
    Ehrlich ? Lächerlich und dilettantisch mit schwerwiegenden Folgen.
    Ich freu mich auf die dazu in Aussicht gestellte Stellungnahme meines Interessenverbandes, der lodengrünen Grauen Panter .. Über die forst- und agrarpolitische Denke der SPD müssen wir gar nicht erst reden.
    Hätte nie gedacht, schon als Mittvierziger Gedanken a la “gute, alte Zeit” haben zu müssen.
    So, muss los, Böcke für die nächste Trophäenschau schießen ..

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  7. Alf

    Beim Überrumpeln gibt es einen, der überumpelt und einen, der sich überrumpeln lässt. Nun kann man denken, so ist das und passiert so. Die Herren sind schließlich etwas betagter. Die Wahrheit ist vermutlich deutlich furchtbarer. So wird die nächste Zeit zeigen, dass die Spitze des LJV M-V bereits vor dem Runden Tisch am 22.11. in Entscheidungsprozesse eingebunden war. Die Thematik wird seit Längerem vom Ministerium und den ökologischen Vereinen verfolgt, wie die detailliert aufgeführten Maßnahmen dies belegen. Im Juli 2019 gab es den Angriff von Hr. Heydorn auf den SPD-Kollegen Backhaus, der ebenfalls in diesem Zusammenhagn zu sehen ist.
    Die Herren vom LJV haben einfach getan was sie immer taten, sie gingen zum Ministergespräch und haben abgenickt. So wurden frühere Gesetzesänderungen getätigt und Entscheidungen des Ministeriums mitgetragen, die Jägerschaft hat dem ja auch zugestimmt. Nur dieses Mal ist der Bogen vollkommen überspannt worden.
    Dieser Verrat gegenüber dem Wild, der Satzung und den Mitgliedern muss durch eine Erneuerung der Verbandsspitze geahndet werden. Aus Altersgründen steht sie unbedingt an. Die nächsten Zeiten werden anstrengend.

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