ÖJV und Naturschutzverbände fordern Duldungspflicht für überjagende Hunde

Das Nachbarrevier bei der Drückjagd gleich mitbejagen – davon träumen wohl so manche Jäger, und ganz besonders anscheinend Ökojäger: Der ÖJV Bayern fordert eine generelle “Duldungspflicht für überjagende Hunde bei angemeldeten Bewegungsjagden”. Denn eine “effektive, tierschutzgerechte Jagd dürfe nicht an Revieregoismen scheitern”.

Die Pflicht, überjagende Hunde bei Bewegungsjagden unter bestimmten Bedingungen dulden zu müssen, hat Eingang in einige Landesjagdgesetze (zum Beispiel Baden Württemberg, Saarland, Nordrhein-Westfalen, neuerdings Niedersachsen, geplant für Sachsen-Anhalt) gefunden. Der Bayerische Jagdverband (BJV) hatte gegen entsprechende Forderungen aus Niedersachsen und Brandenburg protestiert (JAWINA berichtete) und eine entsprechende Regelung im Bundesjagdgesetz erfolgreich verhindert – ein “riesiger Erfolg”, findet der BJV. Das sehen ANW, Bund Naturschutz und ÖJV Bayern erwartungsgemäß anders: Von einer “schallenden Ohrfeige für Waldbesitzer und Landwirte” ist in einer gemeinsamen Pressemitteilung der Verbände die Rede. Ihre Empörung begründen Ökojäger und Waldbesitzer ausgerechnet mit der drohenden Gefahr durch die Afrikanische Schweinepest (ASP) – verlogener geht es wirklich nicht mehr.

“Zur effektiven Bekämpfung der Afrikanischen Schweinepest (ASP) bei Wildschweinen hat die Bundesregierung einen Gesetzentwurf zur Änderung des Tierschutz- und des Jagdgesetzes eingebracht (Drucksache 257/18)”, heißt es in der gemeinsamen PM: “Dabei sollten nach bewährtem Baden-Württemberger Vorbild das unbeabsichtigte Überjagen von Hunden bei sogenannten Drückjagden jährlich dreimal geduldet werden, um die Wildschweindichten und damit das Ausbreitungsrisiko der ASP zu verringern […]. “Mit der Verhinderung der Duldungspflicht überjagender Hunde durch den BJV und die CSU ist eine einmalige Chance vertan, die Kriminalisierung einer angesichts der ASP dringend benötigten Jagdart zu beseitigen“, so Wolfgang Kornder, Vorsitzender des ÖJV Bayern. Hohe Schwarzwildbestände, die im Ernstfall die Ausbreitung der ASP fördern, können nach übereinstimmender Meinung aller Experten am ehesten durch Bewegungsjagden mit Hunden verringert werden. Hunde sind in der Lage, das wehrhafte und intelligente Schwarzwild aus seinen Einständen heraus vor die Schützen zu treiben.”

Damit siegten “Revieregoismen von Jagdausübungsberechtigten über eine effektive und tierschutzgerechte Bejagung”, sekundiert der ÖJV Bayern: “Viele mögliche Bewegungsjagden müssen so unterbleiben, da die Verantwortlichen nicht sicherstellen können, dass die Stöberhunde mit Sicherheit im eigenen Jagdbezirk bleiben. Eines der wichtigsten Instrumente zur Reduzierung überhöhter Schalenwildbestände, insbesondere aber die Eindämmung der vielerorts weit überhöhten Wildschweinbestände, wird so unbrauchbar gemacht.”

Das ist an Verlogenheit wirklich kaum zu überbieten: Zum einen, weil jeder weiß, dass es nicht die intensive Schwarzwildbejagung ist, die den ÖJV-Jüngern besonders am Herzen liegt. Hier dürfte es weit eher darum gehen, die nach Ansicht der Ökojäger überall und immer überhöhten Bestände verbeißenden Schalenwilds beim bösen Nachbarn, der vielleicht nicht ganz so vorbildlich ökologisch gesinnt ist, mitzureduzieren. Dreimal im Jahr das Nachbarrevier mit weitjagenden Stöberhunden umzudrehen – das sollte reichen, um die eigenen jagdlichen Vorstellungen auch beim Reviernachbarn durchzusetzen. Der BJV hat somit völlig Recht, wenn er kritisiert, dass diese Regelung einer Enteignung gleichkäme. Nicht ohne Grund galt das Überjagen von Hunden bislang als Wilderei.

Zum anderen ist anzumerken, dass der von den Ökos so sehnlich herbeigewünschte Stöberhundeinsatz im Nachbarrevier gerade bei Sauen nicht unproblematisch ist: Zwar wird es den Hunden mitunter durchaus gelingen, eine Rotte hochzumachen und vor die Schützen zu treiben (ob diese weiträumige Beunruhigung der Eindämmung des ASP-Risikos dient, steht auf einem anderen Blatt), aber bekanntlich stellen sich Wildschweine in vielen Fällen den Hunden. Was dann? Soll es dem Nachbarhundeführer dann auch gestattet sein, den Standlaut seines Hundes im Nachbarrevier anzugehen? Dann können wir das deutsche Reviersystem gleich ad acta legen.

Man darf gespannt sein, wie sich die entsprechenden Vorschriften zur Duldungspflicht in den genannten Bundesländern bewähren. Man kann sich kaum vorstellen, dass benachbarte Revierinhaber es sich gefallen lassen, wenn von den durch die Duldungspflicht geschaffenen Möglichkeiten exzessiv Gebrauch gemacht wird. Vielleicht kommt der eine oder andere ja auf die Idee, sich dafür zu revanchieren, indem er künftig einen Tag vor den termingerecht angesetzten und mit hohem organisatorischen Aufwand geplanten großen Bewegungsjagden seine eigenen Hunde das Nachbarrevier gründlich durchstöbern lässt? Eines lässt sich mit Sicherheit voraussagen: Das Konfliktpotenzial ist gewaltig. Ob damit letzten Endes die erwünschte Kooperation von Reviernachbarn gefördert oder nicht viel eher langfristig geschwächt und in Misskredit gebracht wird, wird sich zeigen.

Ohne Frage kann es vorkommen, dass Hunde bei Bewegungsjagden überjagen – sie kennen ja die Reviergrenzen nicht. Kein vernünftiger Revierinhaber wird Probleme damit haben, dergleichen im Einzelfall zu dulden. Aber Jagdrecht ist Eigentumsrecht, daran muss man wohl hin und wieder erinnern. Systematisch betriebenes Überjagen dürfte ohne Zweifel einen Eingriff in dieses Eigentumsrecht darstellen – man darf also gespannt sein, wie die zu erwartenden Klagen gegen die Neuregelungen zum Überjagen in den Landesjagdgesetzen ausgehen.

Es ist auch daran zu erinnern, dass sich das Überjagen durch ordnungsgemäßen Hundeeinsatz zwar nicht vollständig, aber doch weitgehend verhindern lässt, etwa indem Stöberhunde weit genug entfernt von Reviergrenzen eingesetzt werden und die jagdliche Charakteristik der Hunde (weit oder kurz jagend) berücksichtigt wird. Sich entsprechend zu verhalten ist eine Frage des jagdlichen Anstands – der bei einigen Zeitgenossen stark verkümmert zu sein scheint. SE

Beitragsbild: Stöberhunde beuteln ein erlegtes Wildschwein. Foto: SE

 

10 Gedanken zu „ÖJV und Naturschutzverbände fordern Duldungspflicht für überjagende Hunde

  1. Edelmann

    “Jagdrecht ist Eigentumsrecht” gilt für Eigenjagdbezirke.
    Dieses ständige Betonen des Eigentumsrechts suggeriert Pächtern bei einer Jagdgenossenschaft, sie hätten “Eigentum”.
    Eigentümer der Flächen bin ich als Grundstückseigentümer und nicht “mein” Jagdpächter!
    Der Jagdpächter besitzt ein Aneignungsrecht für jagdbares Wild,
    selbst das Wild ist herrenlos.
    Also, wo bitte gibt es ein Eigentumsrecht bei einer Genossenschaftsjagd.
    Darüber hinaus – falls die Reviere zu klein für Bewegungsjagden sind – hätte ich folgenden Vorschlag.
    TÄGLICH haben wir in Deutschland einen Flächenschwund für Siedlung und Infrastrukter von 62 ha !
    https://www.bmu.de/themen/nachhaltigkeit-internationales/nachhaltige-entwicklung/strategie-und-umsetzung/reduzierung-des-flaechenverbrauchs/

    Wie groß ist ein durchschnittlicher Jagdbogen? 500 ha bei Genossenschaftsjagden?
    Somit verliert Deutschland jährlich die Fläche von über 45 Pachtgrundlagen (je nach Größe dennoch signifikant).
    Vielleicht sollte man mal ähnlich wie bei einer “Flurbereinigung” Reviere zusammenlegen oder Reviergrenzen anders ziehen.

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  2. HW

    Edelmann, Sie irren!

    Das verpachtete Jagdausübungsrecht ist ein dingliches Recht, das in Folge der Verpachtung für die Dauer der Verpachtung auf den Pächter übergeht. Inhaber dieses dinglichen und durch §§ 1004, 823 BGB gegen jedermann (auch gegen die Jagdgenossenschaft) abwehrfähige Rechtes ist in dieser Zeit der Pächter. Außerhalb der Verpachtung ist die Jagdgenossenschaft Inhaberin dieses Rechtes (der einzelne Jagdgenosse dagegen nie). Sie verengen den Eigentumsbegriff zu sehr auf das Grundeigentum des einzelne Landeigentümers. Das dingliche Jagdausübungsrecht ist ein davon völlig unabhängiges Recht, das erst in der Hand der Jagdgenossenschaft zu einem solchen erstarkt.

    Was das eigentliche Thema hier angeht: Gut, dass ein solcher verfassungsrechtlich höchst fragwürdiger Vorstoß geblockt wurde. Auch wenn es den ÖJV – was zu erwarten war – ärgert. Aber was Recht ist muss Recht bleiben.

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    1. Edelmann

      @HW
      Die zititerten BGB-§§ beziehen sich auf den Abwehranspruch und setzen Eigentum voraus.
      Bitte definieren Sie mir ein “dingliches” Recht.
      Für mich bleibt der Eigentumsbegriff in Verbindung mit einer Genossenschaftsjagd weiterhin abstrakt und suspekt.
      Ich mag den Begriff Eigentum eng auslegen, dafür verstehen manche Genossenschaftspächter den Begriff deutlich zu weit.
      Und dieses Verständnis wird durch das Gejammer um den Verlust von Eigentum unterstützt.
      Beispiele für falsch verstandene Eigentumsrechte wären das Befahren der Flurstücke, es gibt ein Betretungsrecht aber kein Recht für Kontrollfahrten.
      Das Bedienen an Streuobstbäumen und Nussbäumen im Revier und die Meinung, man könnte unerwünschten Personen einen Platzverweis erteilen.

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      1. HW

        Sie sagen es ja selbst: §§ 1004 und 823 BGB setzen Eigentum voraus. Da sie dem Jagdpächter zustehen, muss er wohl – entgegen Ihrer unzutreffenden Auslegung – Inhaber einer eigentumsrechtlichen Rechtsposition sein (geschützt durch Art. 14 GG).

        Nein, ich werde Ihnen keine Rechtsvorlesung Sachenrecht halten und den Begriff des dinglichen Rechtes auseinandersetzen. Wenn Sie wirklich an der eigentumsrechtlichen Dimension von Jagdrecht und Jagdausübungsrecht interessiert sind, sollten Sie sich dieses Buch zu Gemüte führen:
        – Dietlein / Froese: Jagdliches Eigentum https://www.springer.com/de/book/9783662547700

        Ansonsten meckern Sie ruhig weiter, die von Ihnen gewählten Beispiele sind aber trotzdem je nach Situation falsch: Ein Jagdausübungsberechtigter kann selbstverständlich Personen, die z.B. die Jagd stören oder das Wild verbotswidrig aufsuchen, auffordern sich zu entfernen. Das kann er sogar gegenüber dem Eigentümer der Grundfläche. Mag Ihnen komisch vorkommen, ist aber so.

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        1. Edelmann

          @HW
          Dass ein Jagdpächter von einem Eigentümer fordern kann, sich von dessen Grundbesitz zu entfernen – hierzu hätte ich gerne eine Quellenangabe. Richtig, das Grundgesetz schützt Eigentum, hier sind dann die Grundrechte des Eigentümers betroffen,
          Dass das Jagdrecht als ein dingliches Recht mit Grundbesitz verbunden ist, steht im Bundesjagdgesetz.
          Hier sehe ich das Grundgesetz deutlich höherwertiger als das Bundesjagdgesetz – das übrigens zu weiten Teilen aus Zeiten übernommen wurden, die vor dem Grundgesetz liegen.
          Es geht auch nicht im einzelne “auf die Spitze getriebene Beispiele – es geht um das Selbstverständnis.
          Sicherlich bearbeite ich nicht während einer Treibjagd meine Flächen – sofern die Treibjagd angekündigt war.
          Andererseits lasse ich mir aber auch keine Uhrzeiten vorschreiben, ab wann man denn abends stören würde.
          Ein paar angeeignete Nüsse stören mich nicht, nur ab wann wird es dreist?
          Wenn mal eben schnell einige Jungbäume gesägt werden, weil man für eine jagdliche Einrichtung noch ein paar Stangen benötigt?
          Alles schon erlebt.

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  3. HW

    Sie werfen da einiges durcheinander, deswegen ergibt es auch keinen Sinn, das weiter zu diskutieren.
    Nur soviel: Es geht um das Jagdausübungsrecht, nicht um das Jagdrecht. Beides sind von Art. 14 GG geschützte Rechtspositionen.
    Und: Das Klauen von Nüssen und Stangenholz hat nichts mit den jagdrechtlichen Befugnissen zu tun, sondern ist eine Straftat.
    Aber es macht Ihre Intention, zu diesem Thema zu kommentieren, durchsichtig. Kann es sein, dass Sie Landwirt sind, der mit “seinem Jagdpächter” nicht zufrieden ist?

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    1. Edelmann

      @HW
      Meine Intention ist ein Rangersystem – auch wenn ich meiner Zeit voraus bin.
      Die Geplänkel mit unseren Jagdpächtern, wir haben in 2 Genossenschaften und 4 genossenschaftlichen Jagdbögen Flurstücke, lassen sich im deutlichen Gespräch klären.
      Für mich sind die Zwangsmitgliedschaften nicht mehr zeitgemäß, ebenso kritisch sehe ich die Agrarförderung und deren Kontrolle.
      Es werden hier wie da nur Strukturen verfestigt, Lobbyismus eben.
      Aber danke für den Buchtipp, werde ich mir für die Winterzeit vornehmen.
      Steht ja schon bei der Einleitung “hochumstritten” dabei ….. da wird jeder wieder das rauslesen, wie es beliebt.

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      1. Grimbart

        Ein Rangersystem? Wie soll das aussehen? Das müsstenSie schon erklären können, wenn Sie ihrer Zeit schon so weit vor raus sind. doch wohl nicht wieder die viel zitierten Berufsjäger und damit einhergehend die Abschaffung der “Hobbyjagd”? Da gab es übrigens gerade eine Abstimmung im Kanton Zürich, die das mit 84% abgelehnt hat.

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        1. Edelmann

          Die Diskussion hierzu scheue ich nicht.
          Frage an die Moderation: Ich frage nur, ob es Sinn macht das Thema hier abschweifen zu lassen.
          Gerne greife ich die Frage bei einem passenden Artikel auf.
          Kurz um, ich gehe davon aus, dass eine derartige Umfrage in D nicht anders ausfallen würde, a) wegen der Lobbyarbeit und b) wegen dem Desinteresse vieler Kleineigentümer.
          Meine Vorstellung von einerm Rangersystem wäre ein Team von Wildhütern, Agrarverwaltung und der Landespflege.
          Evtl. sogar als EG-Truppe, da Agrarvorgaben sowieso europäisiert sind (das Jagdrecht siehe Befriedung zunehmend auch).
          Aktuell hängt die Agrar-Förderung an der Größe der landw. Nutzfläche, mit der Folge, dass insbesondere Saumstrukturen auch noch bewirtschaftet werden – zum Nachteil der Wildtiere bis zu den Insekten. Für mich hat Biotopschutz Vorrang, und das funktioniert nur vor-Ort und nicht vom Schreibtisch. Zudem bin ich der Meinung, dass Wildtiere anders bewertet werden müssen, d.h. ein Recht auf Ressourcen haben und deshalb nicht von Privatpersonen gemanagt werden sollen. Ich kenne einige Jäger, die für diesen Job bestens geeignet wären.

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          1. Grimbart

            Die Abstimmung betraf nicht nur die Grundeigentümer sondern es ging um eine Volksbefragung. Wenn es eine Umstellung der Agrarförderung gäbe, wären sicherlich auch viele Jäger hoch erfreut. Als die Brachflächen nicht mehr gefördert wurde und diese im Rahmen der Energiewende fast alle mit Mais bestellt wurden, brachen die Neiderwildbestände ein. Dafür konnten aber die Jäger nix.
            Nein, Herr Edelmann, Sie betreiben hier nichts anderes als Ihren privaten Feldzug gegen die Jägerschaft, da Sie persönlich schlechte Erfahrungen gemacht haben und scheren so alle über einen Kamm. Nur dass Ihr Modell zu Lasten der Steuerzahler gehen würde.

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