“Noch fünf Punkte Luft nach oben…”

DJV-Interviews mit Christian Beitsch, neuer Bundesmeister im Jagdlichen Schießen, und der Zweitplatzierten Carmen Wilshusen.

“Ein guter Schütze muss kein guter Jäger sein, aber ein guter Jäger immer ein guter Schütze”
Christian Beitsch ist mit 345 von 350 Punkten Bundesmeister im jagdlichen Schießen im Gesamtklassement geworden. Über den langen Weg zum Bundesmeister erzählt der 37-Jährige im DJV-Interview.

DJV: Herzlichen Glückwunsch zum Sieg! Was für eine Leistung! War das schon immer ihr Ziel?

Beitsch: Ja, das war immer das große Ziel. Ich habe im Jahr 2000 in Sachsen während meines Forstwissenschaftsstudium  das jagdliche Schießen entdeckt und angefangen regelmäßig zu trainieren, um tierschutzgerecht zu jagen. Daraus hat sich das Wettkampf-Schießen entwickelt. Natürlich hatte ich auch einen sehr guten Trainer: den heutigen DJV-Schießleiter Dr. Torsten Krüger. Er hat meine Technik extrem verbessert, besonders im Flintenschießen. Ich war mit der Flinte auch schon zwei Mal Bundesmeister. Irgendwann hat man aber den Wunsch Bundesmeister im Gesamtklassement zu werden.

Jetzt haben Sie Ihr Ziel erreicht. Schießen Sie weiter?

Ja, natürlich! Eigentlich wollte ich 350 Punkte schießen, das heißt ich habe noch fünf Punkte Luft  nach oben. Auch im europäischen Bereich sind wir seit zwei Jahren unterwegs. Dafür ist es natürlich wichtig Wettkampfstärke aufzubauen. Das gelingt nur durch Wettkampfteilnahmen. Bei den Europameisterschaften habe ich den Deutschen Rekord im Auge. Dafür muss aber alles stimmen.

Wie häufig nehmen Sie an Wettkämpfen teil?

Im Zuge der Europameisterschaften habe ich mir vorgenommen noch mehr Wettkämpfe zu schießen, ansonsten habe ich dieses Jahr allerdings nicht viel gemacht. Ich trainiere auch nicht viel, aber wenn, dann sehr intensiv. In diesem Jahr habe ich zehn Wettkämpfe geschossen. Das reicht von Bezirksmeisterschaften bis hin zu Landes-, Bundes- und Europameisterschaften, dann noch zwei bis drei Spaßwettkämpfe. Es geht darum, sein Können sofort abrufen zu können, egal in welcher Situation.

Sie sagen, sie trainieren nicht oft, wie häufig ist das dennoch?

Das Problem ist, dass man die richtigen Leute zum Trainieren braucht. Durch meinen Umzug nach Hessen sehe ich meinen Mentor, Dr. Torsten Krüger nicht so oft. Deshalb mache ich nur zwei/ drei intensive Trainings wenn ich nach Sachsen fahre. Pro Jahr bin ich also höchstens 20 Mal auf dem Schießstand, aber auch nicht den ganzen Tag. Ich schieße zwei/drei oder vielleicht auch mal fünf Runden. Dazu kommen Trockenübungen zu Hause.

Schaffen Sie’s noch zur Jagd?

Dieses Jahr konnte ich kaum jagen weil ich gerade zum zweiten Mal Vater geworden bin. Außerdem habe ich noch keine Jagdgelegenheit in der Nähe. Mein Jagdrevier ist 90 Kilometer entfernt. Das bedeutet viel Zeitaufwand. Da ich aber im Außendienst in den Wäldern tätig bin, kann ich hier und da schon mal mit auf Jagd gehen, das hat aber dieses Jahr bis jetzt auch nur vier Mal geklappt. Aber ab Herbst geht es dann auch wieder richtig los für mich!

Wie sind sie damals überhaupt zum Schießen gekommen?

Ganz ehrlich, ich bin in einem Dorf in Brandenburg groß geworden, da hatte früher jeder ein Luftgewehr. Das war der Anfang. Im Forstwissenschaftsstudium habe ich dann Dr. Torsten Krüger kennen gelernt, der damals die Jagdausbildung für die Studenten gemacht hat. Ich bin dann nur durch ihn zu diesem Leistungsschießen gekommen. Er kann sehr gut lehren. Dazu hat mir das Schießen Spaß gemacht und ich habe gemerkt, dass man auch mit dem Training im jagdlichen Bereich etwas anfangen kann. Es gibt ja diesen Spruch: „Ein guter Schütze muss kein guter Jäger sein, aber ein guter Jäger immer ein guter Schütze“. Das ist bis heute mein Leitspruch.

Gibt es sonst noch was dass sie loswerden möchten?

Ich möchte Dr. Torsten Krüger und meiner Mannschaft dafür danken, dass sie mich so weit gebracht haben. Natürlich möchte ich mich auch bei meiner Freundin bedanken! Sie hat es mir ermöglicht, so viel Zeit in dieses Hobby zu stecken. Zuletzt möchte ich mich auch noch bei meinen Eltern, vor allem bei meinem Vater für die Unterstützung bedanken. Mit 16 durfte ich schon meinen Jugendjagdschein machen. Der Titel wäre ohne ihn gar nicht möglich gewesen.

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Carmen Wilshusen bei der Siegerehrung zum ersten Platz in der Damenwertung bei der Bundesmeisterschaft im jagdlichen Schießen in Freiburg / Bremgarten 2015. (Quelle: Hunger/DJV)

„Männer halten drauf, schießen, zack, fertig. – Frauen denken zu viel.“
Mit Carmen Wilshusen ist erstmals eine Frau Zweite im Gesamtklassement. Wie sie das gemacht hat, erklärt die 40-jährige selbständige Bauunternehmerin im DJV-Interview.

DJV: Herzlichen Glückwunsch Frau Wilshusen! Mit 341 von 350 Punkten haben Sie beim jagdlichen Schießen nicht nur etwas für uns völlig Unvorstellbares geleistet, Sie sind auch als erste Frau in die Sphären der Männerergebnisse vorgestoßen. Wie fühlt sich das an?

Wilshusen: Super! Ich habe es noch gar nicht realisiert und es läuft noch wie im Film ab. 341 Punkte sind mehr, als ich mir je vorgestellt habe. Normalerweise liege ich im Schnitt bei unter 300 Punkten über 340 habe ich noch nie geschossen.

Gab es dafür im Vorfeld Anzeichen?

Das ist eine witzige Geschichte: Ich bin im Juli 40 geworden. Zur Feier waren auch die Freunde aus dem Niedersachsen-Kader eingeladen, die mir aus Styropor eine Dartwand gebastelt hatten, auf die Tauben aus Papier gepinnt waren. Auf der Rückseite der Tauben standen ganz verschiedene Geschenk-Wünsche, wie zum Beispiel „Eis essen in Freiburg / Bremgarten“. Auf einer stand „Groß-Gold-Sonderstufe III in Freiburg / Bremgarten“. Und auf einmal ist das auch wahr geworden.

Ihre Leistung stand bis zum Schluss ganz oben, dann ist Christian Beitsch als einziger Mann vorbei gezogen. Wie war das?

Mir war nicht bewusst, dass die Latte so hoch war. Unser LJN-Geschäftsführer meinte zu mir ‚Mensch, die Jungs fangen das Zittern an, Mädchen‘, aber in Niedersachsen haben wir Top-Schützen und die Elite in der offenen Klasse kam ja erst noch. Für Christian habe ich mich total gefreut. Er ist wie Claus Schäfer, der Drittplatzierte, auch im Bundeskader und wir kennen uns schon lange.

Mit Ihrer Leistung haben Sie gezeigt, dass Frauen bei einem Konzentrationssport wie dem Schießen gleiche Leistungen wie Männer bringen können. Was machen dann aber Frauen so anders? Im Ergebnisdurchschnitt liegen diese ja doch immer zwanzig bis dreißig Punkte hinter den Männern.

So weit ist das nicht, aber ich glaube tatsächlich, dass Frauen zu viel denken. Männer können abschalten. Frauen überlegen noch, was sie heute einkaufen oder morgen kochen. Männer halten drauf, schießen, zack, fertig.

Und wie haben Sie’s gemacht?

Ich bin ganz locker ran gegangen und habe mir eben nicht gesagt: ‚Jetzt will ich Deutscher Meister werden‘. Dieses Jahr hab ich gedacht ‚mal über 300 Punkte schießen, wäre nett‘.

Das ist ziemlich tief gestapelt.

Dann kam der Taubendurchgang mit voller Punktzahl, aber selbst dann war das Endergebnis noch unwahrscheinlich. Ich wusste dennoch, mit der einen oder anderen Fahrkarte wäre ich bei 320, das heißt Groß-Gold-Sonderstufe 1. Das war schon aufregend.

Sie haben das Fundament für Gold in der Mannschaftswertung gelegt, wie war da die Stimmung?

Mit den Tauben waren wir zufrieden und die Möglichkeit auf eine Platzierung war da. Deshalb wuchs auch die Anspannung bei der Kugel. Unser Trainer hat gesagt, wir sollen ruhig bleiben.

Ist Ihnen das geglückt?

Ich schieße immer an zweiter Stelle und schaue zwischendurch nicht auf den Monitor, der mir anzeigt, wie ich geschossen habe. Nach dem letzten Schuss, haben mir meine Mädels schon gesagt, dass ich Sonderstufe 3 geschossen habe und wir lagen uns in den Armen. Dann kamen die Freudentränen. So etwas ist einmalig.

Was braucht man für einen solchen Mannschaftserfolg?

Man braucht ein gutes Klima. Im Niedersachsenkader ist kein Zickenkrieg, das sind echte Freundschaften. Wenn eine mal einen schlechten Tag hat, dann kriegt die gleich Wind von vorn, aber wir nehmen das nicht krum. Wer Erfolg haben will, braucht Harmonie im Team. Mit Neidern in der Rotte geht das nicht.

Wie häufig trainieren Sie?

Ich trainiere meistens zwei Mal in der Woche, drei Mal schaffe ich nicht immer. Ich habe aber auch kein anderes Hobby.

Was sagt Ihr Mann dazu?

Der sagt: „Du bist wahnsinnig!“, aber er steht 100 Prozent hinter mir und hat sich für mich sehr gefreut. Ohne Rückhalt in der Familie wäre das auch gar nicht möglich und in meiner Familie fließt jede Menge Jägerblut: Mein Vater schießt jagdlich, mein Opa war Jäger. Irgendwo muss der Vogel ja her kommen.

Schaffen Sie’s dann noch zur Jagd?

Leider eher selten. Es geht am ersten Mai zur Bockjagd, aber das war’s dann meistens auch schon.

Was machen Sie, wenn Sie nicht auf dem Schießstand sind?

Ich bin selbständig in der Tiefbaubranche, reiße Häuser ab, schachte aus.

Womit schießen Sie?

Meine Flinte ist eine Beretta 682 Gold. Die Büchse ist eine Repetierbüchse Mark Ganske (Waffenschmied aus der Lüneburger Heide) im Kaliber .222 Rem., die Mark I heißt. Da passt alles. Ich schieße Kaliber .222 Rem., weil die .22 Hornet immer etwas windanfällig ist. Wenn dann im Wettkampf mal Wind ist, dann fängt man mit dem Rechnen an und hat wieder keinen freien Kopf.

Wie gelingt es Ihnen den Kopf frei zu machen?

Man muss die Nerven im Auto lassen. Es muss einem egal sein, was morgen oder übermorgen ist. Beim Schießen zählt das Schießen. Alle anderen Gedanken nützen nichts.

Haben Sie Ziele für 2016?

Mein Ziel habe ich unerwartet am Donnerstag erreicht. Das hatte ich noch nicht mal geträumt. Sonst: gut abschneiden und vielleicht auf den Europameisterschaften nicht Letzte werden. Außerdem weiterhin ein gutes Miteinander mit den Mitschützen.

Haben Sie noch etwas, was Sie loswerden wollen?

Ich möchte Erwin Eichel für die tolle Betreuung danken und Mark Ganske, der mir seit 2010 auch Schießunterricht gegeben hat. Ein ganz herzlicher Dank geht auch an meinen Niedersachsen-Kader.

Beitragsbild: Christian Beitsch: DJV-Bundesmeister im jagdlichen Schiessen, Quelle: DJV/Hunger

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