Nichts dazugelernt

 

Hurra, wir verblöden: Unbeeindruckt von Expertenwissen und gesundem Menschenverstand führt der Klub Bayerischer Gebirgsschweißhund (KBGS) seine traditionelle, auf “genetische Vereinheitlichung” der Rasse setzende Zuchtstrategie fort.

Auf der Jahreshauptversammlung des KBGS in Suhl am 29.4.2017 ließ sich der Klub von dem renommierten Humangenetiker und Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des VDH, Prof. Dr. Jörp Epplen beraten. Der Vereinsvorsitzende und vor allem auch der Zuchtwart seien “durch den Vortragsinhalt und die Aussagen etwas durcheinander geschüttelt” worden, berichtete Epplen im Interview mit JAWINA, in dem der Genetikexperte sich mit deutlicher Kritik nicht zurückhielt: Von “verbrecherischen Zuchtstrategien” war sogar die Rede. Schon damals argwöhnten Insider, dass sich die Vereinsoberen von Fachwissen und Sachkenntnis nicht irritieren lassen würden: “Lass den mal reden, wir wissen schon, wie es richtig ist: So, wie wir es immer gemacht haben”, sei die Devise. Die aktuelle Verpaarungsliste des KBGS liefert einen geradezu erschütternden Beleg für diese These.

Es ist übrigens ein erbostes KBGS-Mitglied, dass die JAWINA-Redaktion auf die aktuelle “Verblödungs- äh Verpaarungsliste” aufmerksam gemacht hat. Wir zitieren aus dem Schreiben des LBGS-Mitglieds:

“19 Verpaarungen, zwei davon erst halb geplant, macht also 18 x 2 = 36 beteiligte Hunde, von diesen 36 stammen 5 aus dem Zwinger Mahlpfuhler Fenn, 4 aus dem Zwinger vom Roten Bruch, 3 aus dem vom Schwedenstein, 3 aus dem von Hohehahn, 2 aus dem von der Annaburger Heide, 2 aus dem vom Eschkopf usw. Insgesamt 21 von 36 beteiligten Hunden aus 7 Zwingern, also fast zwei Drittel. Über die Hälfte stammt aus 6 Zwingern.

Darunter x Wurfgeschwister mit entsprechend 50 % identischen Genen, siehe:

• Mahlpfuhler Fenn
– Queenie, Q-Wurf 27.3.2014 (Paarung Nr. 4), Vater Hatz v. Hohehahn, Mutter Diana v. Dachsgrund
– Ottilie, O-Wurf, 21. 2.2012 (Paarung Nr. 2), Vater Harry v. Hohen Roth, Mutter Diana v. Dachsgrund
– Otto, O-Wurf, 21.2.2012 (Paarung Nr. 3), wie oben
–  Otto nochmal (Paarung Nr. 10)
– Ronja, R-Wurf 26.4.2015 (Paarung Nr. 1), Vater Kenny v. Kreuzberg, Mutter Diana v. Dachsgrund

• vom Roten Bruch
– Baron, B-Wurf 2010 (Paarung Nr. 4), Vater Emil v. Stürzerkopf, Mutter Raika v. den Drei Pappeln
– Baron noch mal (Paarung Nr. 8)
– Baron eventuell ein drittes mal (Ersatzrüde Paarung Nr. 2)
– Canja, C-Wurf 22.2.2012 (Paarung Nr. 6), Vater Yukon v. Wolfsborn, Mutter Raika v. den Drei Pappeln
– Cleo, C-Wurf, 22.2.2012 (Paarung Nr. 13), wie oben

• vom Schwedenstein
– Umbra, U-Wurf 1.3.2012 (Paarung Nr. 8), Vater Xaver v. Wolfsborn, Mutter Janka v. Habichtsgrund
– Ule, U-Wurf x (Paarung Nr. 10), wie oben
– Thyra, T-Wurf 2010 (Paarung Nr. 9), Vater/Mutter?

• Hohehahn
– Jukon, J-Wurf 2010 (Paarung Nr. 5), Vater Irmin v. Hangenstein, Mutter Tessa v. der Sauenhatz
– Karda, K-Wurf 2011 (Paarung Nr. 7), Vater Xidi v. Wolfsbach, Mutter Tessa v. der Sauenhatz
– Konny, K-Wurf 2011 (Paarung Nr. 17), wie oben

• Annaburger Heide
– Bronco, B-Wurf 2010 (Paarung Nr. 13), Vater/Mutter?
– noch mal Bronco (Paarung Nr. 16), Vater/Mutter?

• Nieplitztal
– Olsen, O-Wurf 2011 (Paarung Nr. 7), Vater/Mutter?
– Olsen noch mal (Paarung Nr. 12), wie oben

• Eschkopf

– Holly, H-Wurf vom Eschkopf, 1.3.2014 (Paarung Nr. 14): Vater Xeno v. Weißenstein, Mutter Gila v. Fließtal
– Haiko H-Wurf vom Eschkopf, 1.3.2014 (Paarung Nr. 15): wie oben”

Überdies werde mit Hunden ohne Leistungsnachweise gezüchtet: “Spalte 8 „LN“: das steht für Leistungsnachweise (kumuliert, also ALLE in ihrem Leben). Laut Satzung darf nur mit erwiesen leistungsstarken Hunden gezüchtet werden, die in der Praxis ihre Fähigkeiten bewiesen haben. Soviel zur Theorie. In der Praxis kommen hier ELF Hunde (fast ein Drittel) zum Zuchteinsatz, deren Führer keine Leistungsnachweise abgegeben haben. Warum auch immer. Und es kommen darüber hinaus x Hunde zum Zuchteinsatz, die KAUM gearbeitet haben. Anzahl LN: 7, 20, 21, 25, 2, 34, 18, 32, 33, 24.”

Wir haben den KBGS-Vorsitzenden Reinhard Scherr gefragt, wie dieser Befund zu folgenden Aussagen und Zitaten passt:

1. zu Scherrs eigenen Aussagen in dem auf JAWINA veröffentlichten Beitrag „Genetik und Hundezucht: Viel Unwissenheit“:

“Seit 1994 wurde ganz bewusst mit Hunden aus der gesamten Population (knapp 5000 Hunde) des Internationalen Schweisshundverbandes gezüchtet, zur Erweiterung der genetischen Basis.”

“Allerdings beziehen sich die Zuchtwerte zum größten Teil auf Leistungsmerkmale, lediglich das Stockmaß fließt in die Berechnung mit ein.”

“Unsere Zuchtauslese erfolgte aber schon seit mindestens 19 Jahren unter Beachtung von Inzuchtkoeffizient und genetischen Zusammenhängen.”

2. Aus dem Interview mit Prof. Dr. Epplen:

JAWINA: Wenn ich als Züchter oder Zuchtverband einer kleinen Spezialhunderasse diese Rasse durch züchterische Methoden und Entscheidungen möglichst stark schädigen wollte – wie müsste ich da vorgehen?

Prof. Dr. Epplen: Puh. Mit Geschwistern züchten und möglichst nur mit einem Geschwisterpaar.

JAWINA: Manche Verbände, Schweißhundeverbände zum Beispiel, fahren die entgegengesetzte Strategie, halten die Population klein und befriedigen nicht einmal die Nachfrage nach Welpen aus den Reihen ihrer Vereinsmitglieder.

Prof. Dr. Epplen: Ja, da brauchen wir gar nicht so weit zu gucken, nehmen Sie die  bayerischen Schweißhunde, die machen das so, hört man. Aber die sind ja durch die Veranstaltung dort in Thüringen [Jahreshauptversammlung KBGS, Suhl, 29.4.2017] auf die Problematik nochmal aufmerksam geworden, und sind – wie der Vorsitzende und vor allem auch der Zuchtwart sagten – durch den Vortragsinhalt und die Aussagen etwas durcheinander geschüttelt worden. Das heißt, auch dort kommt es jetzt zu einem Reflexionsprozess, der hoffentlich dazu führt, dass auch die “Ausländer“, so sie denn wirklich zur Rasse gehören, mit zum Einsatz kommen und dass nicht bevorzugt nur mit einigen wenigen Hunden gezüchtet wird.

3. Aus Scherrs Antwort:

“Bei unserer Zuchtauswahl wird großer Wert auf Gesundheit, Leistungsfähigkeit, Härte am Wild und Wesensfestigkeit gelegt.”

Scherr geruhte, unsere Anfrage nicht zu beantworten. Die Strategie scheint klar zu sein: Weiterwursteln wie bisher, Probleme leugnen, Risiken und bereits auftretende Probleme der genetischen Verarmung leugnen und beschönigen und Kritiker und Informanten der Fachpresse als Nestbeschmutzer diffamieren.

Es scheint – im Schreiben des erbosten KBGS-Mitglieds fanden sich Hinweise darauf – dass die Kritik auch vereinsintern zunimmt. Vermutlich ist dies der einzig gangbare Weg, dass sich kritische KBGS-Mitglieder zusammenschließen, Allianzen bilden und die Gremien des hartnäckig verstockten Vereins nutzen, um das dringend erforderliche Umdenken in die Wege zu leiten. Es gibt – auch unter den kleinen Jagdhundezuchtvereinen – durchaus Beispiele dafür, wie es besser geht. SE

Video: Jagdhund erleidet auf der Jagd epileptischen Anfall. Quelle: Gary Ginger/YouTube

5 Gedanken zu „Nichts dazugelernt

  1. Jörg Krügel

    Liebe Leser, ich habe diesen Beitrag mit Interesse zur Kenntnis genommen. Mein Hund ist in diesem Beitrag erwähnt und in der Zuchtplanung des KBGS berücksichtigt.
    Die erwähnten Leistungsnachweise sind nicht korrekt eingetragen oder fehlen ganz. Die LN der betroffenen Hunde sind in unserer Klubzeitschrift veröffentlicht worden.
    Die Versäumnisse sind bestimmt keine böse Absicht gewesen. Jeder unserer Züchter oder Rüden-Besitzer kann sich also über den Leistungsstand des Deckpartners informieren.
    Nach meinen Erfahrungen wird zumindest in der Ländergruppe Brandenburg/Mecklenburg ergebnisoffen, bei den Gruppenversammlungen zu den Themen Zucht und Problemen mit der Zucht diskutiert. Dabei wird auf die Problematik enge Zuchtbasis, Epilepsie, Inzucht und Leistung hingewiesen und nach Lösungen gesucht.
    Mir ist nicht bekannt, daß größere Probleme oder kranke und degenerierte Hunde das Ergebnis in der Zucht des KGBS sind.
    Entscheidend ist doch das Ergebnis. Wenn man sich die KGBS-Satzung anschaut, ist unter Kapitel 3 (Zucht) der Punkt 4.1.4 Häufigkeit der Zuchtverwendung klar geregelt:
    “Im Interesse einer breiten Zuchtbasis sollen nach einem Zuchttier nicht mehr als 18 bis 20 Nachkommen gezüchtet werden.”
    Auch unter 4.1.6 Inzestzucht : ” Paarungen von Verwandten ersten Grades sind nicht gestattet.”
    Sollte jemand davon Kenntnis haben, daß es Probleme mit Degeneration, Epilepsie oder Leistung unserer Hunde gibt, wäre es wichtig, daß diese Fälle konkret benannt
    werden.
    Ich bin davon überzeugt, daß diese Fälle Beachtung finden und Konsequenzen folgen würden. Man darf aber auch nicht erwarten, daß es in Vereinen oder Klubs immer
    Übereinstimmung in allen Fragen zur Zucht gibt. Der KGBS existiert schon über 100 Jahre und hat es geschafft, für Hunde und Hundeführer in ganz Deutschland gute Mög-
    lichkeiten der Aus- und Weiterbildung zu bieten. Die Organisation der Mitglieder in den Ländergruppen ist demokratisch und gut geregelt. Die Aufnahme von Mitgliedern und Vergabe von Welpen ist an bestimmte Voraussetzungen geknüpft, die auf den ersten Blick etwas überzogen scheinen, aber die Motivation ist gut gemeint und im
    Interesse leistungsstarker Hunde.
    Auch mit Blick auf die zukünftigen Probleme mit Wolf und Jagdgegnern sollten wir vereinsübergreifend im Sinne des Wildes und unserer Hunde alles Mögliche dafür tun,
    um auf der roten Fährte zu bestehen. i
    In diesem Sinne
    Viel Weidmanns Heil und gesunde Hunde.

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  2. Torsten Bieler

    Was ich hier vermisse, ist ein etwas seriöserer Journalismus und eine bessere Recherche bevor man Artikel veröffentlicht. Z.B. werden seit geraumer Zeit von einigen Schweißhundeführern keine Leistungsnachweise mehr gemeldet, um z.B. unliebsamen Fragen von Seiten ihrer Arbeitgeber aus dem Weg zu gehen.
    Torsten Bieler

    Antworten
    1. admin Beitragsautor

      Kann es sein, dass Sie die Unterscheidung seriös/unseriös mit der Unterscheidung passt mir in den Kram/passt mir nicht in den Kram durcheinander bringen? Wir haben, angeregt durch einen Hinweis eines Mitglieds, beim KBGS u.a. angefragt, warum in der Verpaarungsliste keine Leistungsnachweise (LN) aufgeführt sind und ob das bedeutet, dass ohne LN gezüchtet wird. Wenn der KBGS, der als Ersteller der Tabelle der einzige ist, der diese Frage beantworten kann, letzteres nicht tut, dann bleibt das halt als Tatsache stehen. Es ist nicht Aufgabe von Journalismus, sich hier in irgendwelchen Mutmaßungen zu ergehen oder Rechtfertigungen dafür zu suchen.

      Ich frage mich allerdings, wie seriös Ihre Begründung für das Nicht-Melden von LN ist, dass nämlich auf diese Weise Nachsuchen während der Arbeitszeit verdeckt und verschwiegen werden müssten. Echt jetzt? Ich will ja nicht kleinlich sein, aber ich hätte gedacht, das ist Betrug am Arbeitnehmer, der bei wiederholter und systematischer Durchführung eine 1a Begründung abgibt für eine fristlose Kündigung, die vor jedem Arbeitsgericht der Welt Bestand hat. Muss einem der Beschiss nicht schon ziemlich zur zweiten Natur geworden sein, wenn man dessen Verschleierung so ungeniert als Rechtfertigung anführt? SE

      Antworten
  3. Hoffi

    Wenn ich diesen Artikel lese und mit der aktuellen Zuchtplanung vergleiche – gibt es einige inhaltliche Fehler!

    Wenn man lesen muss das angeblich Hunde ohne oder mit wenigen Leistungsnachweisen in der Zucht sein sollen, aber gleichzeitig die Spalte Hauptprüfung mit einer HP inkl. Hatz gefüllt sind, dann weiß jeder Hundeführer das die leere Spalte Leistungsnachweise wenig bis keine Aussagekraft hat. Denn zum erlangen einer solchen Hauptprüfung gehört eine gewisse Erfahrung beim Gespann, die nur durch die entsprechende Praxis erworben werden kann.

    Außerdem sind die Zahl der Leistungsnachweise bezogen auf die Nachsuchen Meldungen Stand Dez. 2016 – also mit wenig Aussagekraft in Bezug auf junge Hunde die in der Zucht berücksichtigt werden. Deshalb ist die Aussage – nicht oder kaum gearbeitet wohl auf der Unwissenheit und oder Mutmaßung zurückzuführen.

    Wenn das “erboste KBGS-Mitglied” über diese Situation mit dem zuständigen Gruppenobmann zur Erläuterung gesprochen hätte, wäre es mit Sicherheit produktiver.

    Waidmannsheil

    Antworten
  4. Robert Saemann-Ischenko

    Servus zusammen,

    ich bin KBGS-Mitglied und habe mir die aktuelle Zuchtplanung (Stand 13. 2.) jetzt mal genau angeschaut.

    Und ich bin durchaus erschüttert.

    Denn die Hauptvorwürfe stimmen.

    Von 16 der geplanten 19 Paarungen sind beide Elterntiere bekannt. Von diesen 32 BGS stammen allein fünf aus dem Zwinger „Vom Mahlpfuhler Fenn“ und vier aus dem „Vom Roten Bruch“. Neun von 32 BGS, die sich im Jahr 2018 fortpflanzen sollen, stammen aus nur zwei Zwingern! Allein das ist schon ein vollkommen unnötige Verengung der Zucht (die nach Meinung aller Genetiker gerade bei enger Zuchtbasis, wie bei den Schweißhunden der Fall, auf möglichst breiter Verpaarung fußen sollte, also der möglichst vieler Individuen).

    Aber es ist noch schlimmer: Die vier „Mahlpfuhl“-Hunde (die fünfmal zum Zug kommen sollen) und die drei „Vom Roten Bruch“ (vier Einsätze) haben jeweils dieselbe Mutter. Genau wie im Artikel beschreiben.

    Da ist ein Kommentar eigentlich schon überflüssig..

    Im Gegensatz zu meinen Vorkommentatoren finde ich übrigens durchaus, dass sowas in die Öffentlichkeit und dort auch diskutiert gehört, oh ja. Denn der KBGS maßt sich an, der Gralshüter der Bayerischen Gebirgsschweißhunde zu sein – und muß also sein Schaffen, in Sonderheit seine Zuchtstrategie, kritisch hinterfragen lassen. Das macht man so in einer demokratischen, pluralistischen Gesellschaft, auch wenn’s ungewohnt ist und wehtut.

    Transparenz darf man nicht immer nur fordern.

    Und abschließend sei mir die Bemerkung gestattet, dass ich es mindestens unglücklich finde, dass der Vereinsvorsitzende Herr Scherr auf Anfrage keine Stellung bezieht. Wenn schon der Verein keine Öffentlichkeitsarbeit oberhalb der Wahrnehmungsschwelle betreibt, dann sollte man wenigstens die Gelegenheit nutzen, die Position des Vereins auszubreiten, wenn man in der Öffentlichkeit Thema wird, wie hier der Fall. Das wäre professionell. Und zwar ganz egal, ob man das Medium oder den betreffenden Journalisten mag oder nicht (da gab’s ja in der Vergangenheit schon ein paar Gefechte).

    Just my five Cent.

    Schöne Grüße

    Robert Saemann-Ischenko

    Antworten

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