Natur- und Tierschutzverbände fordern Stopp der Bergjagd

+++ Niedersachsen: Taubenjagd für den guten Zweck +++ Bayern: Hund reißt Reh an Fütterung +++ Bayern: Wilderei? Jäger erlöst angeschossenes Reh +++ Bayern: Waschbärenstrecke steigt rasant +++ Baden-Württemberg: “Jäger vor Ort sollen außen vor bleiben” – SEK für den Wolf +++ Mecklenburg-Vorpommern: Wolf bei Marlow gefilmt +++

Wiener Tierschutzverein: Fütterungsverbote ignorieren

In seltener Einigkeit fordern Natur-, Tierschutz- und Jagdverbände Sofortmaßnahmen zum Schutz des Bergwilds aufgrund der Witterungssituation in den Alpen.

“Die plötzlich einsetzenden, massiven Schneefälle der vergangenen Woche haben ein weißes Leichentuch über die Wälder und Berggebiete der Alpen gelegt, heißt es in einer Pressemitteilung des Vereins Wildes Bayern: “Gerade die langbeinigen Pflanzenfresser stecken zum Teil wie einbetoniert in den nassen Schneemassen fest, ohne Chance irgendwie Nahrung zu erreichen. Zuvor hatte bereits der Bayerische Jagdverband (BJV) einen Jagdstopp auf das Bergwild gefordert (JAWINA berichtete).

Deshalb haben in einer ungewöhnlichen Allianz zwei Tierschutz- und zwei Naturschutzvereine einen Eilantrag an Regierung und Ministerium gestellt. Mit von der Partie sind der Deutsche Tierschutzbund (DTB), Landesverband Bayern, der Bund gegen Missbrauch der Tiere (bmt) und der Verein für Landschaftspflege und Artenschutz in Bayern (VLAB). Die Federführung übernahm der Verein „Wildes Bayern“.

“Unsere Forderungen sind klar und zielgerichtet, da gibt es kein Verhandeln”, so Dr. Christine Miller, Vorsitzende des Wilden Bayern:

• Sofortige Einstellung der Jagd im Berggebiet

• Anordnung von Sofortmaßnahmen zur Linderung der Not von Wildtieren im Berggebiet und

• Keine erneute Bejagung, bevor nicht ermittelt wurde, wie es den überlebenden Tieren geht.

„Es darf 2019 kein Schuss im Berggebiet fallen, bevor nicht klar ist, wie es denn Wildtieren geht!“ Das große Sterben ist zum Teil hausgemacht. Im Staatsforst haben die Betriebsleiter die Fütterung von Rehwild verboten, sogar in den Gebirgslagen. Die Rotwildfütterungen wurden teilweise ersatzlos aufgelöst. Dort, wo noch Fütterungen betrieben werden, dürfen die Forstangestellten erst spät mit der Fütterung beginnen. Nach den massiven Schneefällen der vergangenen Tage stecken die Tiere jetzt oft in höheren Lagen fest und können sich nicht mehr zu den wenigen Futterstellen durchkämpfen.

Neben dem individuellen Leid, das die entkräfteten und erschöpften Tiere jetzt erleben, geht es beim Gamswild buchstäblich ums Ganze. Denn seit Jahren warnen Experten davor, dass die Bestände immer kleiner werden, ein Kollaps zu befürchten ist. Die kleinen Rudel wurden systematisch durch einen massiven Jagddruck aufgerieben.

Besonders schlimm ist dabei, dass die Gams in ihren wichtigen Überwinterungsgebieten den ganzen Winter hindurch geschossen werden. Genau in diesen Wintereinständen von Berchtesgaden bis Sonthofen wird seit Jahren die Schonzeit aufgehoben. Dazu kamen bereits im vergangenen Jahr schwere Verluste durch den langen Winter. „Ich gehe davon aus, dass wir die Jagd auf Gamswild, für mindestens ein oder zwei Jahre komplett einstellen müssen, damit diese, geschützte Tierart überhaupt noch überlebt,“ so Miller.

Sogar die Bundeswehr stehe Gewehr bei Fuß um in den unzugänglichen Gebieten Heu auszubringen, so der Verein Wildes Bayern. In den Hochlagen seien die Tiere sehr oft in den Schneemassen gefangen, weil mit sogenannten Kirrungen, die man aus jagdlichen Gründen anlegte, verhindert worden sei, dass sie rechtzeitig in tiefere Gebiete zogen. „Soweit ich weiß, haben die Staatsforsten jedoch die Hilfe der Bundeswehr abgelehnt. Wenn dadurch jetzt unnötig Tiere verhungern, werden, wir die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen!“ so Miller. „Sollte unser Eilantrag – und die akute Nothilfe für unsere Wildtiere – nicht berücksichtigt werden, werden wir wohl die Frau Staatsministerin persönlich davon überzeugen müssen, dass zu Bayern auch Wildtiere gehören und die Regierung und ihre Forstbetriebe sich auch mal etwas anstrengen müssen um diesen landeskulturellen Schatz für künftige Generationen zu erhalten.“ PM Wildes Bayern

In Österreich ruft der Wiener Tierschutzverein dazu auf, Fütterungsverbote zu ignorieren:

Skandalös sei es angesichts der Witterungsbedingungen, dass “diverse Landes- und Bezirksbehörden Fütterungsverbote für Wild erlassen” hätten, so der Wiener Tierschutzverein (WTV). Dem WTV wurde vermehrt von der ersatzlosen Auflösung von Winterfütterungen für Rotwild in ganz Österreich berichtet, so der Verein. Auch mehrere Vertreter der Jägerschaft berichteten empört, dass dies behördenseitig angeordnet wurde. Aber auch Touristen in Wintersportgebieten missfalle eine solch grausame Vorgehensweise. So hätten sich etwa Urlauber aus Kitzbühel und Salzburg diesbezüglich beim WTV gemeldet.

Zudem scheine es, klagt der WTV, als hätten die Behörden aus den Vorfällen im Vorjahr nichts gelernt. Damals kam es durch die Einstellung der Fütterung zu einem massenweisen Verhungern von Rotwild. So hat der WTV beispielsweise letzten Winter einige Behörden in Kärnten deshalb angezeigt.

Der WTV appelliert daher an die GrundstückseigentümerInnen und Jagdberechtigten, im Hinblick auf das Wohl der Tiere allfällige Verbote von Landesbehörden zu ignorieren. Einige Jagdberechtigte, die ihre Befugnisse im Einklang mit den Prinzipien des Tierschutzes ausüben wollen, haben sich bereits an den WTV gewandt, weil sie ein Massensterben der ausgehungerten und ausgefrorenen Wildtiere befürchten. Madeleine Petrovic, Präsidentin des Wiener Tierschutzvereins: „Tierschutz steht rechtlich im Verfassungsrang. Landes- und Bezirksbehörden dürfen keine Tierquälereien anordnen, ohne selbst verantwortlich zu werden. Was endlich nottut sind Richtlinien für die Fütterung, die Wildtiere zwar Wildtiere sein lassen und sie nicht wie Haustiere permanent an Fütterungen gewöhnen, die aber dennoch der Not der Tiere im Winter Rechnung tragen, insbesondere dann, wenn wochenlanger Frost und meterhohe Schneeschichten zu Hungerkatastrophen führen“.

Schweiz: Wild in Ruhe lassen

Auch in der Schweiz, wie etwa im Kanton Graubünden, führen “überdurchschnittlich grosse Schneemengen in vielen Regionen des Kantons zu äusserst anspruchsvollen Lebenssituationen für das Wild”, wie es in einer Mitteilung des Amts für Jagd und Fischerei heißt. Das Amt bittet die Bevölkerung und insbesondere auch die Schneesportlerinnen und Schneesportler daher,

– die Lebensräume der Wildtiere nicht zu stören;
– die von den Gemeinden ausgeschiedenen Wildruhezonen strikt einzuhalten; und
– Hunde möglichst immer an der Leine zu führen.

Für den Fall, dass sich die Situation weiter verschärfen sollte, werden weitere Massnahmen wie Betretungsverbote sowie das Fällen von einzelnen Bäumen als Futterangebot oder das Anbieten von Heu direkt in den Lebensräumen gezielt eingeleitet, um den Winterlebensraum zusätzlich zuberuhigen, so die Jagdbehörde weiter. Je nach Entwicklung der Wetterverhältnisse und Verhalten der Wildtiere können diese Massnahmen durch den Kanton unverzüglich angeordnet werden. PM/red.

Beitragsbild: Rotwild im Winter. Quelle: Christoph Burgstaller / Verein Wildes Bayern

3 Gedanken zu „Natur- und Tierschutzverbände fordern Stopp der Bergjagd

  1. Ralf

    Im althergebrachten Grundsatz der Waidgerechtigkeit ist auch der Tierschutzgedanke immanent. Unnötige Leiden sind zu vermeiden.
    Bei unseren Vorfahren hätte es niemals eine Überlegung gegeben, in der Notzeit Wild zu erlegen und nicht zu füttern. Doch leider führen auch aus dem jagdgegnerischen Lager teils dominierende Ansichten dazu, z.B. Fütterungen in Notzeiten zu verbieten oder nicht durchführen zu lassen, weil dies angeblich den Wildbestand unnötig hoch halten würde. Mit der Jagd, egal ob staatlich oder nicht staatlich, ist die Pflicht zur Hege verbunden. Hege bedeutet auch, das Wild in Notzeiten nicht verhungern zu lassen.

    Ich persönlich würde aufgrund meiner (jagdlichen) Erziehung nicht im Ansatz daran denken, im Hochschnee zu Jagen. Anzuordnen braucht mir das keiner.
    Wenn es aber stimmen sollte, dass sich staatliche Stellen nicht an die Grundsätze deutscher Waidgerechtigkeit und die damit verbundene Hege gebunden fühlen, dann finde ich das bedauerlich und rechtlich nicht ganz unproblematisch. Der jeweilige Behördenleiter wird sich verantworten müssen, sollte an dem Vorhalt etwas dran sein.

    Auf der anderen Seite:
    Könnte es sich wieder einmal um eine Initiative handeln, durch die versucht werden soll, die Jagd weiter einzuschränken? Wenn es heißt: “„Es darf 2019 kein Schuss im Berggebiet fallen, bevor nicht klar ist, wie es denn Wildtieren geht!“, könnte man das annehmen.
    Jäger braucht man nicht wie ein Kleinkind andauernd zu Maßregeln!

    Antworten
    1. Christine Miller

      Wenn die “Jagd” in Ordnung wäre, dann bräuchte es diese Aufforderung überhaupt nicht. Aber einerseits hält sich der größte Flächenverwalter im Berggebiet (Staatsforste) nicht an die Regeln von Tierschutz und Nachhaltigkeit. Und zweitens ist “der Jäger”, ich vermute, damit sind Privatjäger mit eigenem Revier gemeint, schon lange kein “Herr” der Abschusszahlen mehr. Diese werden von Forstverwaltung und diesen willig folgenden Jagdbehörden bestimmt. Es steht auch “den Jägern” gut an, wenn sie sich Gedanken machen, ob Sie den Zuwachs der Wildpopulationen weidgerecht abschöpfen wollen, oder ob sie sich zum Erfüllungsgehilfen eines gnadenlosen Raubbaus und teilweise Vernichtungsfeldzugs machen wollen.

      Antworten
      1. Ralf

        Keiner kann den Wildbestand besser erfassen, als der Jäger im Revier. In den Privatrevieren entscheiden die Jagdpächter (nach Beratungen mit Hegezusammenschlüsse, etc.) über die Festlegung der Abschusszahlen (und nicht Forstverwaltungen wie von Ihnen geschildert alleine). Diese haben auch im Hinblick auf Nachhaltigkeit kein Interesse daran, den Bestand zu überschießen und planen entsprechend des Gesamtbestandes unter Betrachtung der Zuwachsrate und des Natur-Wild-Verhältnisses als Gesamtkonstrukt. Ich würde Sie auch im Hinblick auf Vermeidung von Populismus darum bitten wollen, dies zur Kenntnis zu nehmen.

        Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.