Nasse Tage in Cowal

Rotkahlwild-„Jagd auf eigene Faust“ in Cowal/Schottland im November 2014 – Ein Reisebericht von Robert Saemann-Ischenko

1. Tag

Naß, nasser, Cowal im November. Selbst die Eingeborenen der Halbinsel im Südwesten Schottlands geben zu, es sei wet. Noch nicht very, aber immerhin quite. Nach einer halben Stunde Ansitz ist das Wachs runter von den Bergschuhen und der Regen drin im altersschwachen Fernglas. Wobei „Anlage“ es besser treffen würde: Ich kauere im Heidekraut und strecke mich nur alle fünf Minuten so weit hoch, dass ich gerade eben durchs Gras über den Horizont schielen kann – ist es schon da, das Rotwild, dessentwegen wir hier sind? Nö. Nur Regen, den der Sturm in so dichten Schauern von links nach rechts über den Kahlschlag treibt, dass er die Fernsicht nimmt wie Nebel. Dabei könnte man hier weit schauen, denn die für die wenig zimperliche schottische Forstwirtschaft typischen Harvester haben hier Dutzende Hektar Fichtenwald in eine Mondlandschaft verwandelt. Das dürre Gras zwischen den Stümpfen würde in Deutschland kein Rotwild interessieren, den schottischen Kollegen aber genügt’s, der Menge an Losung nach zu urteilen.

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Nicht schön, aber keineswegs untypisch für die schottische Forstwirtschaft, also auch für die Jagd dort: ein großflächiger Kahlschlag.
Copyright: Robert Saemann-Ischenko

Eine Woche Jagd auf Rotkahlwild liegt vor uns, und zwar ohne Führer, juhu! Zwei Tage Anreise mit dem Auto, des Hundes wegen, gestern dann endlich die Ankunft. Der schottische Jagdführer ist nicht informiert, dass wir einen Hund dabeihaben (obwohl wir den Jagdreiseveranstalter schriftlich informiert haben) und sagt, in dieser Hütte sei dieser zufällig kein Problem, in anderen wäre er eins. Es folgt die Einweisung in die Pirschbezirke. Plural, weil es zwei Flächen sind, die wir bejagen dürfen, eine von 200 und eine von 400 Hektar. Während der Rundfahrt zeigt der Mann die Grenzen der Gebiete, verläßt aber kein einziges Mal das Auto. Hier mache eigentlich nur Ansitz Sinn, nicht jedoch Pirschen, erläutert er, und dass wir im Falle des jagdlichen Erfolgs ganz und gar auf uns gestellt wären, weil er keineswegs beim Bergen helfen werde.

Schluck! Das geht ja gut weiter! Erst springt uns der dritte Mann kurz vor der Abfahrt unter fadenscheinigen Gründen ab, jetzt erfahren wir, dass uns nicht mal der vertraglich vereinbarte Bergeservice zur Verfügung steht. Zu dritt hätten wir die dicken Hirschmuttis gerade noch aus der krassen schottischen Landschaft ziehen können, aber so? Alright – meine Frau und ich beschließen unabgesprochen in dieser Sekunde, fernab der Wege nur Kälber und Schmaltiere zu schießen und jeden Tag sehr reichhaltig zu essen. Aber das andere? „Jagd auf eigene Faust“ war vereinbart, klar; das wußten und wollten wir. Aber wenn schon Jagen ohne Führung in fremden Landen, dann doch bitte die geliebte und zu Hause in Franken kaum mögliche Pirsch, und die braucht schließlich Platz, Platz, Platz. Laut Veranstalter war schließlich auch Pirsch die Hauptjagdart und sollten uns beiden 1000 bis 2000 Hektar dafür zur Verfügung stehen!

Der Jagdführer bemerkt unsere Irritation und ruft über die Freisprechanlage den Veranstalter an. Der hält es für schlau, erst minutenlang zu schweigen zu den Punkten kleines Jagdgebiet, kaum mögliche Pirsch und verweigerter Bergeservice, dann behauptet er schlichtweg, das stehe alles nirgends. (Was nicht stimmt, wie ich in einem nach der Rückkehr geführten Mailwechsel Punkt für Punkt nachweise.)

Wir beschließen zum einen, mit diesem Mensch nie wieder zu tun haben zu wollen, und zum anderen, uns die heiß ersehnte Woche in Schottland nicht versauen zu lassen. Trotz Starkregen und Sturm setzen wir uns noch an diesem Samstag nachmittag an, auch um uns für den nächsten, den ersten Morgen Plätze zu erschließen, die wir im Dunklen finden. Sollten dort gleich heute Rotis kommen, um so besser!

2. Tag

Es kam gestern natürlich nichts, weder auf meinen Kahlschlag noch im lichten Hang, den meine Frau sich für den ersten Ansitz ausgesucht hat. Also gleich wieder raus an diesem Morgen! Falls jemals Leute daran gezweifelt haben, dass Hunde vorwurfsvoll schauen können, hätten sie unseren Jungschweißi heute früh sehen sollen. Ich habe ihm in weise-ängstlicher Voraussicht ein wasserdichtes Mäntelchen sowie eine ebenfalls wasserdichte Matte besorgt, die ich jetzt mitnehme. Mir doch egal, dass es nicht aussieht, als würde ich ansitzen, sondern umziehen. Blöd allerdings, dass weder Mantel noch Matte auch nur im Entferntesten wasserdicht sind.

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Ansitz mit weitem Blick ins Tal und ins miese Wetter; ohne Klebeband an der Mündung wäre die Büchse schnell voll wie eine Strandhaubitze.

Überhaupt kommt hier im Extremwetter die Ausrüstung schon am zweiten Tag an ihre Grenzen. Den schlauen Tipp, mindestens zwei komplette Klamotten-Monturen dabeizuhaben, weil sowieso immer eine naß ist, haben wir berücksichtigt. Jedenfalls soweit möglich. Denn wer hat schon beispielsweise von seiner Lieblingsjacke zwei Exemplare? Immerhin haben wir beide uns bei Ebay jeweils ein zweites Paar Wanderschuhe geholt. Die Idee: Wir tragen das eine, während das andere trocknet. Leider trocknen die Schuhe wegen extremer Durchnässung so langsam, dass wir im folgenden nur noch das etwas weniger nasse Paar aussuchen können.

Auch bei diesem Morgenansitz sehen wir nichts.

Dafür macht bei der anschließenden Erkundung des kleineren Jagdbezirks meine Frau zwei Stück Rotwild hoch.

Schön hier. 200 Hektar voller Abwechslung: neben dem erwähnten schwarzgrauen Kahlschlag dichter grüner Fichtenwald, gelbglühende Lärchenhaine, rotbraune offene Flächen mit Farn und Heidekraut, Schneisen mit fahlbraunem Gras, bunt gesprenkelte Jungwuchsflächen mit halbwüchsigen Fichten, Birken, Aspen, die weite Blicke erlauben. Und all das in heftiger schottischer Raufrunter-Topographie.

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Noch’n Tal, noch’n Bach: Der BGS weiß nicht, ob er sich mehr über die vielen Rotwildfährten freuen soll oder das den ganzen Junghund fordernde Gelände.

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Stinknormaler schottischer Ausblick – in Deutschland gäbe es an einer solchen Stelle sicher mindestens ein Café.

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Der einzige Weg durch Jagdgebiet 1: links lichtes Tal, rechts dichter Wald, hinten die beginnenden Highlands, in der Mitte munter wuchernder Stechginster.

Die Vorstufe der Highlands, wie der Jagdführer erklärt hatte.

Wir markieren uns Ansitzstellen und Ansetzstellen möglicher Pirschsteige und gurken zurück in unser Cottage (immer schön bremsbereit wegen der vielen Fasane). Eine halbe Stunde ist’s von dort zum ersten Gebiet, eine dreiviertel Stunde zum zweiten. Das Häuschen selbst ist wenig idyllisch in einer kleinen Ferienhaussiedlung und direkt an einer Straße gelegenen, also laut; aber sonst in Ordnung und komplett ausgestattet. Sinnigerweise unter anderem mit einem Trockner.

In dieser Anlage sind öfter Jäger untergebracht, Besucher finden folgenden Hinweis vor: „We do hope that your stalking will be successful, but other residents may be distressed at the sight of any trophies, meat etc. These should remain out of sight in your vehicle and not visible to other people.“

Waffen zerlegen, Klamotten trocknen, heiß duschen, Hund füttern, Nudeln fassen, wieder raus.

Diesmal ins zweite Gebiet. Meine Frau sitzt an, ich laufe los und umschlage wegen ungünstigen Winds weiträumig eine lange Wald-Heide-Kante, um sie dann langsam zurückzupirschen. Wo ein Bach durch einen tief eingeschnittenes Tal in die Fichten braust, lasse ich mich nieder und bleibe. Der immer noch heftige Wind weht mir ins Gesicht, hinter einem Winzhügelchen finde ich perfekte Deckung, und von hier oben kann ich prima ins Bachtal glasen, habe aber auch die Waldkante im Blick. Schade, dass der Hund bibbert, sobald er nicht mehr herumspringen darf. Okay, er bekommt meine Regenjacke als Unterlage. Weil er weiterbibbert, bekommt er auch noch meine fett gefütterte Jacke als Decke. Unter dieser schläft der Jung-BGS fast sofort ein. Alles für den Hund!

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Heide-Tarn war gerade nicht verfügbar, aber thermisch tut’s für den frierenden Fiffi auch diese Jacke.

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Jaaaa, mein Braver, genau da stand vorhin das allein ziehende Alttier, das wir nur deswegen nicht bekommen haben, weil Vatis blöde Brille beschlug.

Hier muß doch was gehen! Gut, es hat nur vier Grad und der Regen fliegt immer noch waagerecht, aber mei, wenn das schottische Wild bei solchen Bedingungen die Nahrungsaufnahme einstellte, wäre es längt verhungert.

Und tatsächlich erscheint nach keinen 15 Minuten ein Tier am Waldrand und mümmelt sich seelenruhig durch die Heide. Auf keine 80 Meter! Was für ein Anblick!

Aber wo sind die anderen?

Es kommen keine anderen Tiere, dafür zieht auch das einzelne wieder in den Wald.

Hm. Hätte ich schießen sollen? Obwohl ich nicht ganz sicher war, dass da noch ein Kalb kommt?

3. Tag

Nachts plätschert das Wasser dermaßen laut aufs Dach und am Haus runter, dass wir den Eindruck haben, auf einem Schiff zu schlafen. Kaum zu glauben, dass der Regen am Morgen noch mal zunimmt. Den Ansitz lassen wir ausfallen, dafür erkunden wir ausführlich das zweite Revier.

Auch schön, verflixt noch mal! Schon die Anfahrt: vorbei an Seen, baumhohen Rhododendren und enormen Eichenhainen, dann längs an einem der langen Fjorde, die Cowal auszeichnen, durch die abgeschlossene Schranke, hinauf auf den Berg, an den Schafweiden vorbei, immer höher, durch weitere Tore, bis wir oben auf dem Plateau sind, wo es nach Salz riecht und der Blick ringsum auf Berge und das Meer, Wälder und Heide fällt. Ein Schloß am Strand, ein Dörfchen nicht weit davon, sonst keine Menschen.

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Fahrt in Revier 2: Heide und Wald, Berge und Meer, Schafe und Rotwild – auf Cowal liegt alles dicht beieinander.

Der Wald selbst besteht hier aus unpassierbaren Fichten, doch dazwischen öffnen sich Brandschneisen und Bachtäler mit Gras, Moosen, Erika, Farnen, Flechten. Wenn man diese talwärts geht, fällt der Blick irgendwann unweigerlich aufs sturmgepeitschte Meer.

Der Boden ist durchweg so naß, weich und bewachsen, dass sich kaum Fährten finden – aber dafür um so mehr Wechsel, Losung, Verbißstellen.

Abends bzw. nachmittags Ansitz in Revier 1. Meine Frau hat über eine Stunde einen jungen Hirsch vor, der so fasziniert ist von den ein paar hundert Meter entfernt weidenden Rindern, dass er sie besucht. Sonst bekommt er nichts mit; als wüßte er, dass männliches Rotwild seit dem 20. Oktober zu ist.

Ich versuche noch einmal mein Glück auf dem Kahlschlag. Kurz vor fünf, im letzten Licht, wechselt auf 200 Meter ein kleines gemischtes Rudel aus und beginnt zu äsen. Bei diesem Licht muß ich näher ran, um ansprechen und schießen zu können; und bis ich näher ran bin, ist es zu dunkel. Also robbe ich zurück. Fast hätte es geklappt!

 4. Tag

Morgenansitz in 2. Klar und entsprechend kalt ist es. Hier oben, wo fast immer ein Wind geht, sogar deutlich unter dem Gefrierpunkt. Meine Frau sitzt an einer großen Wiese im Wald an, dort an der Seite im Windschatten, wo das Gras nicht gefroren ist.

Ich pirsche bei halbem Wind die lange Waldkante an oberen Ende des Reviers ab, weil dort die Sonne zuerst den Rauhreif wegtauen läßt. Wenn Wild schon ausgetreten ist, sollte ich gut herankommen, wenn es noch im Wald steht, müßte es allerdings recht flott Witterung von mir bekommen.

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Blauer Himmel über Schottland – dass wir das noch erleben dürfen! Ganz oben in Gebiet 2; rechts des Weges der im Text erwähnte vielversprechende längliche Waldrand.

Ich komme zum Bachlauf, an dem ich gestern das allein ziehende Alttier gesehen habe, und pirsche Schritt für Schritt voran, bleibe stehen, glase gründlich. Erst als fast ganz ums Eck bin und auch das eingeschnittene Tal überblicke, sehe ich keine 50 Meter entfernt einen Rotwildspiegel. Eindeutig weiblich. Eindeutig allein. In aller Seelenruhe äst das Tier am Bachrand.

Gaaanz langsam lasse ich mich nach hinten sinken, bis ich außer Sicht bin, bringe den Hund per Handzeichen ins Platz, fummle den Ohrschützer aus der Jackentasche, setze ihn auf, öffne lautlos die Zielfernrohrkappen, stemme den Pirschstock unters Knie, schlage die Waffe halb an, richte mich gerade so weit auf, dass ich übers Gras vor mir komme, richte mich am Schaft ein und sehe – nichts.

Meine Brille ist beschlagen.

Ich tauche wieder ab, fummle mit fliegenden Fingern das Putztuch aus der Jacke, schließlich geht es hier um Sekunden, denn der Wind steht zum Stück, säubere die Brille, schlage die Waffe erneut an, komme Zentimeter um Zentimeter hoch und sehe – nichts, wie gehabt.

Das Tier ist weg.

Ohne den Kopf zu bewegen, rastere ich mit den Augen das Tal ab.

Und finde das Tier tatsächlich. Sein Kopf ragt heraus, sein Körper ist verborgen hinter der einzigen Windwurffichte weit und breit.

Zwei, drei Sekunden sichert das Tier so, dann zieht es sich zurück.

Einatmen, ausatmen.

Das war noch knapper.

Ein ganzes Stück weiter sehe ich im Glas mehrere Stücke Rotwild, dann allerdings schon ein paar hundert Meter vom Weg entfernt. Ein Alttier könnten wir beiden nicht so weit ziehen, ein Kalb wohl schon (schließlich macht Lauftraining aus einem Fünfzigjährigen vielleicht einen zähen Fünfzigjährigen, aber nie einen Herkules).

Also mache ich mich auf.

Das Wild ist aus dem Wald in die sonnenbeschienen Hügel davor gezogen und äst dort, ein paar Stücke ruhen oben auf dem Grat. Das Gelände davor ist ebenfalls wellig, so dass ich einigermaßen herankomme: die kleinen Täler kann ich geduckt überwinden, über die Hügel muß ich liegend kriechen. Gut, dass ich mit dem Hund vorher wochenlang Pirschen geübt habe, vom Bei-mir- bis zum Allein-zurückbleiben.

Als ich auf knappe 200 Meter heran bin, schiebe ich mich zu einer kleinen erhabenen Stelle auf meinem Höhenrücken und dort so weit vor, dass ich mit dem Fernglas zwischen ein paar Erikastengeln durchlinsen kann.

Alles Hirsche. Ein paar sind schon wieder in den Wald zurückgezogen, ein paar stehen und liegen noch da. Schade. Aber vor allem: schön.

Auf dem weiten Rückmarsch großes Schwitzen. Kein Quadratmeter dieses fast grundsätzlich sumpfigen Geländes ist eben, normales Marschieren nicht möglich.  Dafür mache ich drei Moorschneehühner hoch, die nur wenige Meter vor mir hochpurren wie aus der Kanone geschossen.

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Rückweg von der ausführlichen Pirsch, quer über die Heide zum Auto. Der Hund federt über die Löcher und Gräben, der Mann legt sich etwa einmal pro 100 Meter unfreiwillig hin.

Nachmittags schönster Sonnenschein, leider bei drehenden Winden. Meine Frau sitzt in 1 da an, wo sie schon zweimal Rotwild vorhatte, ich will am anderen Eck pirschen. Breche ab, weil ich den Wind plötzlich, aber nachhaltig im Rücken habe. Dann eben doch wieder Ansitz am Kahlschlag, wo wir inzwischen eine Höhle als Erdsitz klargemacht haben, die sich unter einem gewaltigen Wurzelteller gebildet hat. Kommt das Rotwild hier an derselben Stelle wie am Tag davor, könnte ich von hier sofort schießen. Es kommt nicht, weil nach einer halben Stunde der Wind wieder dreht und jetzt maximal ungünstig steht.

5. Tag

Schon der 5. Tag! Die Tage vergehen wie nichts im schnellen jagdlichen Vorlauf. Heute: schon wieder blauer Himmel, kaum zu glauben. Noch kälter morgens. Wir setzen uns in 2 an schöne Schneisen im Wald, haben aber kein Wildgefühl, weil dicker Rauhreif den gesamten Boden bedeckt. Das Gefühl trügt nicht; wir bleiben ohne Anblick. Einen anschließenden Pirschversuch muß ich abbrechen, weil bei diesen Bodenverhältnissen an lautloses Fortkommen nicht zu denken ist. Zack, schon mache ich auf dem Rückweg einen Sechser Hirsch hoch, der nur ein paar Meter neben mir über die Schneise trollt.

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V-förmige Schneise in Revier 2: Traumhafte Stelle, an der sich auch bei mehrmaligem Ansitz nicht mal ein fussliges Schmalreh zeigte.

Anschließend Pirsch am Waldrand längs, bei gutem und nur leichtem Wind. Dort, in der Sonne, müßten die Biester doch nun wieder stehen. Stehen sie aber nicht; auch nicht ganz hinten, wo ich gestern nicht war, also auch nichts vergrämt haben kann.

Bei der Abfahrt sehen wir in einem Teil des Reviers, den wir nicht bejagen, weil wir von dort sowieso kein Wild bergen könnten, prompt auf 150 Meter Tier und Kalb im Hang stehen.

Idee: nachmittags früher rauszugehen, weil wir erwarten, dass das Rotwild auch früher auf den Läufen ist, um die dann überall getaute Äsung aufzunehmen.

Also sitzen wir von 14.30 bis 17 Uhr an, an verschiedenen aussichtsreichen Stellen in 2.

Wir sehen nichts, aber wissen danach ein Lied zu singen vom Chill-out-effekt bei minus drei Grad und krasser Luftfeuchtigkeit.

 6. Tag

Wettertechnisch zurück auf Anfang: The rain is back. Samt Wind.

Hilft aber nix – raus geht’s, wir haben schließlich nur noch heute und morgen den halben Tag. Wir karriolen wie üblich noch in dunkler Nacht zu 1, stellen fest, dass hier der Wind nicht nur fast in Sturmstärke tobt, sondern auch noch aus der völlig falschen Richtung. Weiter zu 2, wo wir nach über einer Stunde Fahrt endlich ankommen. Und kaum aussteigen können, weil hier, auf dem Bergrücken, der Sturm sich erst so richtig entfalten kann und wir gegen ihn die großen Türen unseren Autos nur einen Spalt aufbekommen. Im Bewußtsein der Sinnlosigkeit unseres Tuns ziehen wir los; meine Frau zu ihrem Ansitz unter der alten Fichte, ich zu einem Pirschgang von Dick zu Dünn, also vom Waldinneren zur Kante. Könnte doch in den windabgewandten Schneisen was stehen, denke ich. Zu Unrecht.

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Die große Wiese in Revier 2 oder Der verzweifelte Versuch, einen prächtigen schottischen Sonnenuntergang mit der Handykamera einzufangen.

Krempel trocknen, heiß duschen, ab ins Pub zu Fish & Chips. Auf dem Weg raus nimmt unser Junghund mit einem von seinem Frauchen ständig abgeliebelten Spaniel Kontakt auf, der ihn prompt an der Kehle faßt und an den Boden nagelt. Als ich meinerseits den Spaniel am Schlawittchen packe, reagiert das Herrchen zum Frauchen empört und bittet mich fast raus in den Hof. Der Fehler sei ja wohl auf Seiten unseres Hundes zu suchen, was komme der auch einfach so unangeleint daher.

Der einzige unangenehme Kontakt der ganzen Woche. Sonst: markantes Volk, die Schotten, nämlich sagenhaft handfest, hilfsbereit und lustig.

Nachmittags zu 1. Sturm und Regen haben nicht nachgelassen. Meine Frau versucht ihr Glück am Hang unterhalb der Stelle mit dem Kuh-Hirsch, ich schleiche eine durchs Revier verlegte unterirdische Wasserleitung längs, für die endlich der Wind halbwegs paßt. Der Sturm peitscht den liquid sunshine, wie der Barkeeper vorhin den Regen so charmant nannte, so fulminant von links nach rechts bzw. Süden nach Norden, dass die Sichtweite auf unter 100 Meter beschränkt bleibt, obwohl man hier endlich mal weiter gucken könnte. Immerhin weiß man so stets, wohin man stinkt. Alle paar Meter rauschen spontan sich bildende Bäche zu Tal und machen die Welt noch lauter als sie durch den Sturm eh schon ist. Wenn ich jetzt und hier Rotwild sehe, will ich Meier heißen!

Ich hätt’s nicht denken sollen, denn wider Erwarten sehe ich Rotwild. Der übliche Spiegel, wiederum weiblich. Ein einzelnes Stück oder das letzte des Trupps. Auf 12 Uhr, keine 80 Meter voraus. Aber leider ganz knapp am Waldrand. Flüssig tauche ich ab, bei den Umständen kein Problem, schiebe mich sicherheitshalber mit dem Wind ein Stück talabwärts, krieche in Bauchlage 25 Meter vor, bis ich unter einer Eberesche Deckung habe und komme wieder hoch, Zentimeter um Zentimeter. Weg. Auch dieses Stück. Obwohl es weder Wind bekommen noch mich gesehen oder gehört hat. Sicherheitshalber bleibe ich eine halbe Stunde liegen, aber es tut sich nichts mehr.

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Schlechtes Foto, schlechtes Wetter: In der nassen Sturmhölle war erstaunlicherweise denn doch ein Rottier unterwegs.

Zurück am Auto, merke ich beim Entladen der Waffe, dass es nichts zu entladen gibt, weil ich vorm Pirschgang versäumt habe, eine Patrone ins Lager zu repetieren. Tolle Wurst!

In der Hütte sehen wir, dass an mehreren Stellen Wasser durchs Dach kommt.

 7. Tag

Der Wetterbericht hat bisher noch jeden Tag falsch gelegen und stimmt gottlob auch heute nicht. Vorhergesagt war ein patschnasser Abschiedsvormittag, geworden ist’s ein perfekter. Punktgenau während der Nachtfahrt zu 1 hörte der Regen auf, der Himmel klarte auf, und mit dem ersten Licht legte sich auch der Wind. Dazu milde 9 Grad und ein leichter, aber konstanter Westwind.

Meine Frau sitzt oben am Berg ins Leere, wie leider so oft.

Ich pirsche wieder die Pipeline entlang. Schon im ersten Tal, das sich nach kaum 300 Metern zur Rechten weit öffnet, sehe ich beim Abglasen ein kleines Rudel Kahlwild. Sehr aufmerksam, wie stets, und leider auch wie üblich hart an einem Waldrand. Natürlich probiere ich es. 40, 50 Meter in Indianerart durch die schwammvolle Heide, dann schauen. Jawoll, wieder weg, auch dieser Trupp, in aller Ruhe.

Aber: sie sind unterwegs – vielleicht klappt’s doch noch am letzten halben Tag!

Hoch, weiter.

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Letzter Pirschgang in Revier 2: rechts der Wald, links das weite Tal mit Fichtenaufforstungen, in dem das Rotwild an diesem schönen Morgen nach dem Sturm unterwegs war.

200 Meter westlich das nächste weite Tal. Fünf Schritte, glasen, drei Schritte, glasen, fünf Schritte – ein Spiegel! Aber: nur eine Rehgeiß. Drei Schritte…

Hier findet sich eine ideale Stelle für ein Zwischendurchansitzerle. Ich bleibe eine halbe Stunde, lasse den Blick übers Tal schweifen und weiter ins nächste, auch wenn das längst nicht mehr zu unserem Revier gehört, weiter auf den Berg dahinter mit den golden befarnten Abhängen, den Berg rechts davon, den hinter diesem, den See weit im Osten. Was für eine Ehre und Freude, in diesem herrlichen Land jagen zu dürfen.

Direkt unter meinem improvisierten Sitz im Fels ragt ein Grat ins Tal hinein, der den Blick direkt hinunter unmöglich macht. Als ich weiterpirsche, versäume ich nicht, nach ein paar Metern jeweils auch hinter diesen Vorsprung zu schauen, weil durch die sich stets ändernden Blickwinkel  auch immer wieder neue Flächen einsehbar sind. Und wirklich sehe ich plötzlich gar nicht weit unterhalb meines kleinen Ansitzplatzes einen mächtigen Wildkörper. Scharfstellen. Ein Hirsch. Der äst und äst und äst, viele Minuten lang ohne auch nur einmal zu sichern. Von hier sind es weniger als 100 Meter bis zu ihm.

Weiter.

Nichts mehr. Auch nicht dort, wo ich gestern das Single-Tier sah.

Zurück zum Auto.

Der junge Hund springt fröhlich von Graspolster zu Graspolster, über Gräben, saugt sich nasologisch hier fest, folgt da einer Fährte, verspachtelt dort ein wenig Losung, freut sich überhaupt so offenkundig der Gegend und seines Lebens, dass schon dieser Anblick jeden Kilometer Anfahrt und jeden Euro wert war.

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Sobald der Hund merkte, dass es losging zur Pirsch und er mitdurfte, wußte er kaum noch wohin mit sich vor Freude.

Alles andere auch. Wir haben zwar keine Beute gemacht, aber wie schön wir keine gemacht haben, das war sozusagen im Wortsinne ein nasser Jagdtraum.

Abschließend ein Gespräch mit dem Jagdleiter, der unsere Beobachtungen bestätigt: Man sieht immer das Rotwild-Geschlecht, das man nicht frei hat, und Kahlwild paßt wirklich besser auf (so wie tatsächlich immer die FasanenHÄHNE mitten auf der Straße hocken) .

Unser Fazit: Schottland: jederzeit wieder. Dieses Jagdgebiet: auch jederzeit wieder! Aber nie wieder über diesen Anbieter („Jagen auf eigene Faust“ in Cowal hat zum Glück noch ein anderer Veranstalter im Programm).

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Wo ist Willi? In Schottland im Zweifelsfall immer an der Heizung – es heißt ja nicht umsonst Schweißhund.

Kosten

Wir haben bei zwei Jägern für 4,5 Jagdtage auf Rot-Kahlwild (aus denen dann vor Ort 6 wurden) 635 Euro plus 175 Euro Bearbeitungsgebühr plus 75 Euro fürs Firearm-Permit gezahlt (der Grundpreis ist sonst für zwei Jäger etwas höher, was daran liegt; aber wir hatten ursprünglich für DREI Jäger gebucht). Enthalten waren Jagd und Unterkunft. Dazu kamen in unserem Fall 40 Pfund für Strom und 50 Pfund für den Hund sowie Anreise etc.

 Ausrüstung

Bewährt haben sich der zerlegbare Bergstock aus Hasel, Zielfernrohrabdeckungen, Kappen in Tarnfarben, Gesichtsmasken in Tarnfarben, Chaps (also lange Gamaschen bzw. Überhosen, die sich unten perfekt abdichten lassen mit den bei Fliegenfischern üblichen Neopren-Gamaschen {„Gravel Guards), bei nicht ganz üblem Wetter auch mal nur die üblichen Gamaschen (die aber wirklich IMMER. Aber Obacht, welches Modell Sie nehmen: Wir hatten zwei verschiedene im Einsatz, die beide nicht überzeugen konnten), eine zerlegbare Waffe mit Kunststoffschaft, Neopren-Handschuhe (weil sie sich nicht vollsaugen), Funktionsunterwäsche aus weitmaschigem Kunststoff, weil alles andere ewig naß bleibt und einen auskühlen läßt), zwei Paar Bergschuhe (was Schottland angeht, stets mit Membran), ein Brustgurt aus elastischem Band, um das Fernglas während der Pirsch zu fixieren, bei Jagd im November ein LED-Leuchthalsband für den Hund, weil man dank diesem während der urlangen Nacht stets weiß, wo sich der Fiffi befindet.

Vermisst haben wir: eine wasserdichte Decke, weil man sich oft doch für eine Weile auf dem grundsätzlich nassen bis sehr nassen Boden einrichten muß (auf einem Hocker ragt man gelegentlich zu weit auf), wofür handelsübliche Sitzkissen viel zu klein sind.

Text und Fotos: Robert Saemann-Ischenko

 

 

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