Nachsuche im Mais: Wie im Dschungel

Hundert Hektar Mais und irgendwo in der grünen Hölle ein krank geschossener und überaus schlecht gelaunter Keiler? Nachsuchen im Mais sind ein Job für Spezialisten. Nachsuchenführer Dirk Thielke verrät, worauf es dabei ankommt.

„Keiner klatscht vor Freude in die Hände, wenn er zur Nachsuche auf einen 100-Kilo-Keiler im Mais gerufen wird“, räumt auch der Brandenburger Nachsuchenführer Dirk Thielke ein. „Denn jeder dieser Einsätze kann zum Drama werden, wenn man Hunde auf die Sauen loslässt, die nicht mit deren Raffinessen vertraut sind.“ Thielke ist schwerpunktmäßig in weitem Umkreis rund um seinen Wohnort im Havelland im Einsatz und hat sich mit seinem Gespann – der neunjährigen BGS-Hündin Ronja vom Rumpelsberg und der fünfjährigen Drahthaar-Hündin Anna von der Peterhofer Heide – auf schwierigen Nachsuchen einen exzellenten Ruf erworben.

Das Hauptproblem im Mais ist die schlechte Sicht. Oft kann man nur ein paar Meter die Reihe entlang sehen, was rechts und links davon geschieht, bleibt im dichten Blattwerk verborgen. „Es gibt Mais mit und ohne Unkraut“, weiß Thielke, „Ohne Unkraut ist die Sicht besser, aber die Sauen gehen früher hoch. Im Unkraut drücken sich die Sauen länger und du wirst eher von ihnen überrascht.“ In übermannshohen Schlägen stehen unten oft nur noch die kahlen Stängel: Wenn du dich hinkniest, kannst du zwischen ihnen durchsehen und einen Schuss anbringen.“ Auch im Körnermais wächst mit zunehmender Reife die Sicht, weil die trockenen Blätter verschrumpeln.

Auf den feuchten Böden im Rhinluch jedoch wächst der Mais oft unvorstellbar hoch und dicht: „ Über dir ist ein geschlossenes Blätterdach, es ist dämmerig da drin wie im Dschungel.“ Unter solchen Bedingungen sehen sich auch erfahrene Spezialisten mitunter gezwungen, eine Nachsuche abzubrechen. „Im dicksten Maisdickicht ein wehrhaftes Stück mit einem tiefen Laufschuss nachzusuchen, ist einfach zu gefährlich. Solche Stücke stellen sich schlecht und nehmen schnell an. Du kannst aber weder die Hunde schnallen, noch das Stück anzugehen. Denn während die Schweine aufgrund ihres Gewichts und der Keilform einfach durch den Mais gehen, kommen die Hunde nicht weg. Und im Mais springst auch du nicht zur Seite, wenn dich der Keiler annimmt: Du kommst genauso wenig weg wie die Hunde…“

IMG_1024

Fotos: SE

 

Natürlich müsse man sich im klaren darüber sein, was der Abbruch der Nachsuche für das Wild bedeutet, mahnt Thielke. Nachsuchen dürfe nicht zum Sport verkommen. Es könne nicht sein, dass jeder mal nachsuchen gehe und dabei reihenweise falsche Entscheidungen treffe – auf Kosten des Wildes. In schwierigen und aussichtslos scheinenden Fällen seien grundsätzlich erfahrene Schweißhundeführer hinzuzuziehen.

Je vertrackter die Lage, desto wichtiger ist die gründliche und gekonnte Untersuchung des Anschusses, wenn Überraschungen der unliebsamen Art vermieden werden sollen. Trittsiegel und Schaleneingriffe ermöglichen Rückschlüsse auf die Größe des Stückes. „Ich hoffe dann immer sehr, dass das Stück vor dem Einwechseln ins Maisfeld ausreichend Pirschzeichen verloren hat, denn im Mais, gerade wenn wenig Unkraut vorhanden ist, werden meist wenig oder keine Pirschzeichen zu finden sein“, erklärt Thielke. Die Höhe, in der der Schweiß abgestreift wurde, liefert – wie bekanntlich auch die Art des Schweißes – wertvolle Hinweise auf den Treffersitz. „Es empfiehlt sich immer, gefundenen Schweiß oder Gewebeteile mit allen Sinnen zu untersuchen: zwischen den Fingern verreiben, ausgiebig daran riechen, bei Verdacht auf Leberschweiß ruhig mal kosten (Zungenspitze) – das bringt die Meinungsfindung weiter.“ Auf Maisblättern hinterlassener Schweiß führt nach der Erfahrung des Nachsuchenführers oft zu Fehleinschätzungen: „Die feinen Härchen auf den Maisblättern täuschen bei Wildbretschweiß organischen Inhalt vor.“

Krank werden lassen

Im Mais laufen die Stücke die Reihen entlang und streifen kaum noch Schweiß ab. „Egal“, sagt Thielke, „Jede Fährte hört irgendwann auf zu schweißen. Schweiß ist nicht das entscheidende. Das Problem ist, dass der durchschnittliche Weidmann kaum in der Lage ist, seinem Hund auch nur 200, 300 Meter ohne Bestätigung durch Schweiß zu folgen. Man muss dem Hund vertrauen und ihm die Möglichkeit geben, seine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen.“ Im Mais muss der Hund absolut sicher sein, sein Führer ihm bedingungslos vertrauen können. Auch Wesensfestigkeit ist gefragt, denn: „Du schmeißt im Mais jede Menge andere Schweine aus dem Bett und willst da drin ja keine Drückjagd veranstalten.“

Für die Sicherheit von Hund und Führer ist es entscheidend, das Stück lange genug krank werden zu lassen – wie lange, hängt vom Schuss ab. „Viele Jäger unterschätzen, welche Wirkung das Wundfieber über Nacht ausübt und sagen etwa bei Krellschüssen: Den kriegen wir nie. Dabei ist so ein Stück am nächsten Tag stocksteif, wenn der Treffer nah an der Wirbelsäule sitzt.“

Ohnehin rät Thielke von nächtlichen Nachsuchen dringend ab, obwohl er die Zwickmühle natürlich kennt: „Der Weidwunde taugt morgens nur noch zum Wegwerfen.“ Es gelte in jedem Fall, Tierschutz und Nachtjagdverbot, Risiko für die Hunde und Eigengefährdung gegeneinander abzuwägen.

Die Riemenarbeit im Mais unterscheidet sich nicht grundsätzlich von der in anderem Terrain. Wer jedoch in den riesigen, teilweise mehrere hundert Hektar großen Maisschlägen der neuen Bundesländer stundenlang einer Fährte folgt, verliert unweigerlich die Orientierung. Der Einsatz von Abstellschützen wird dadurch erschwert oder unmöglich. „Auch ist es im Mais sehr schwierig zurückzugreifen – es ist einfach illusorisch, die Markierung wiederzufinden.“ gerade darum rät Thielke, an allen übergangenen Schneisen oder an Stellen, wo der Mais so flach ist, dass man ihn überblicken kann, deutlich sichtbare Markierungen anzubringen. Er benutzt dazu spezielle, im Forstbedarf erhältliche Bänder in leuchtenden Farben, die sich beim nächsten Regenguss auflösen.

IMG_1028

Fotos: SE

 

Da das Blickfeld nur eine Reihe umfasst, muss der Hundeführer sich verstärkt auf sein Gehör verlassen und jedes Knistern und Rascheln registrieren. Auch der Wind ist zu beachten. Dennoch: „Du kommst nie leise an das Stück ran.“. Üblicherweise hat sich das Stück so postiert, dass es Wind vom Nachsuchengespann kriegt, oft liegt es so, dass es auf die Fährte zurückblickt. „Das Schwein weiß, dass du da bist, und es weiß, dass du der Bösewicht bist“, warnt Thielke. Die meisten Schwarzkittel ziehen es zwar vor, zu fliehen, statt anzugreifen. Dennoch erfordert die Nachsuche auf das wehrhafte Wild einige Vorsicht:

Kurz vor dem Stück – und nur da – zeigt BGS-Hündin Ronja an, dass sie geschnallt werden möchte. „Sie setzt sich dann hin. Das heißt: Mach mal ab den Strick.“ Von diesem Zeitpunkt an trägt Thielke die Waffe in der Hand. Haben die Hunde gestellt, geht er so leise wie es irgend machbar ist den Standlaut an. Und das möglichst mit und nicht quer zu den Reihen: „Ich gehe gleich den großen Bogen (dabei auf den Wind achten!), um im Idealfall gleich in der richtigen Reihe zu landen nicht dicht am Standlaut geräuschvoll quer zu den Reihen laufen zu müssen.“ Hier gilt: Nicht blindlings losrennen, vorher Gedanken machen!

Da es im Mais kaum gelingen dürfte, Hunde und Sau gleichzeitig und frei sehen zu können, muss man voll konzentriert bei der Sache sein, um die Hunde nicht zu gefährden. „Nicht irgendwo hinschießen, du musst wissen: Wo sind Hunde, wie ist ihre Bewegung, greifen sie gerade an? Das ist nichts zum mal probieren, sondern was für Leute, die ihre Hunde kennen.“

Nach dem Fangschuss bleibt die Waffe im Gesicht, bis ganz sicher ist, dass das Schwein liegt. In dieser Zeit wird auch nicht nachgeladen. „Ich habe selbst schon gesehen, wie ein Schwein plötzlich noch einmal aufspringt und die Hunde packt.“ Sicherheitshalber fängt Thielke alle Sauen nach dem Fangschuss noch ab, wenn am liegenden Stück nicht eindeutig der Sitz de FLG festzustellen ist. Ein stabiles, ausreichend großes Messer ist ein unverzichtbarer Bestandteil der Ausrüstung.

Wahl der Waffe

Die handliche Slugflinte, die es mit ihren 50-Zentimeter-Läufen auf nur 99 Zentimeter Gesamtlänge bringt, ist für Dirk Thielke die Nachsuchenwaffe der Wahl. Die Präzision ist weit besser, als sich die meisten Weidmänner vorstellen. Die spezielle Visierung mit Schwalbenschwanzkimme ermöglicht es, beim Schuss die Umgebung des Stücks und vor allem die Hunde im Blick zu behalten. Für schnelle und sichere Handhabung sorgen nicht umschaltbarer Einabzug und Ejektoren. Höhere Magazinkapazität oder andere Visierungen hat er nie vermisst.

Ein Repetierer scheidet für ihn aus, weil dessen Geschosse das Stück durchschlagen und die Hunde gefährden könnten. Die Stoppwirkung großkalibriger Revolver lässt nach seiner Erfahrung zu wünschen übrig, das Gefuchtel mit der Kurzwaffe in brenzligen Situationen lehnt er aus Sicherheitsbedenken – insbesondere den Hunden gegenüber – ab.

Thielke, der sein Handwerk bei alten DDR-Jägern gelernt hat und mit Flintenlaufgeschossen (FLG) aufgewachsen ist, führt zwei verschiedene Typen davon im Patronengürtel mit, etwas härtere für die manchmal erforderlichen weiteren Schüsse, weichere für den Fangschuss auf kurze und kürzeste Distanz. Letztere durchschlagen bei diagonaler Schussabgabe Stücke ab etwa 50 Kilogramm nicht, sondern bleiben stecken – aber dann haben sie ihre Arbeit verrichtet. Bei wehrhaften Stücken voller Adrenalin wirkt das schwere FLG mit seinem großen Querschnitt wie ein Vorschlaghammer. Die hohe Stoppwirkung bei vergleichsweise geringer Durchschlagskraft ist ein unschätzbarer Vorteil: „Bei annehmenden Sauen ist manchmal unvermeidbar, die Stücke von vorn zu erlegen, obwohl die Hunde an den Keulen hängen.“ Bei Stücken die so schwach sind, dass die Hunde durch ein durchschlagendes FLG gefährdet sein könnten, kommt für Thielke keine Schussabgabe in Frage. Doch immerhin hat er für diese Situation Trost parat: „Wenn das Schwein so klein ist, dass das FLG durchschlägt, frisst es dich auch nicht auf.“ Stephan Elison

Ein Gedanke zu „Nachsuche im Mais: Wie im Dschungel

  1. Pingback: Anonymous

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.