Lehrgeld

 Fehler machen wir alle mal. Aber nicht jeder zahlt dafür einen so hohen Preis wie Jungjäger Matthias Meyer, der einen Hundeführer auf einer Nachsuche begleitete.

Ein klarer, feuchtkalter Wintertag Anfang Januar. Morgens um halb sieben erklimmt Matthias M. einen Hochsitz: „Eigentlich sollte es ein Fuchsansitz werden.“ Vor knapp einem Jahr hat er die Jägerprüfung bestanden und einen Begehungsschein in dem Revier in der Nähe seines Heimatortes in Oberfranken ergattert. Gegen acht Uhr zieht in etwa 80 Metern Entfernung eine Rotte Sauen über die angrenzende Wiese auf das abgeerntete Maisfeld. Es sind zwölf bis 14 Stück, deutlich kann M. die starken Bachen von den Überläufern unterscheiden. Als ein schwacher Überläufer frei steht, lässt er fliegen. Die 45-Kilo-Wutz liegt im Knall.

 Ein gewagter Schuss

 Die Rotte flüchtet eine Böschung hinab und durch den Bach. M. zieht mit. Als das letzte Stück aus dem Bach auf das Feld wechselt, drückt er ab. Der Überläufer – M. schätzt ihn auf 60 Kilogramm – zeichnet nicht. M. repetiert und schießt nach. Auch diesmal kein Zeichnen. Die Rotte entschwindet hochflüchtig. Ebenso schnell verfliegt die Freude über den guten ersten Schuss. M. birgt das gestreckte Stück. Währenddessen setzt ein heftiger Graupelschauer ein. Als M. den Anschuss des zweiten Überläufers kontrolliert, sind dort weder Schweiß noch Schnitthaar zu finden.Obwohl alles auf einen Fehlschuss hindeutet, telefoniert M. mit dem befreundeten Nachbarpächter – einem erfahrenen Schweißhundeführer – und meldet den Anschuss. Eine Stunde später trifft der Hundeführer ein. Nach 150 Metern finden sie den ersten Schweiß. Zwei Stunden lang folgen sie der Fährte über Wiesen und Waldstücke und überqueren die Bundesstraße, die Grenze zum Nachbarrevier. Doch eine alte Sehnenverletzung macht dem Hund zu schaffen, was gegen Mittag den Abbruch der Nachsuche erzwingt.

Fatale Entscheidung

Zwei Stunden später trifft ein anderer Nachsuchenführer mit seinem acht Jahre alten BGS ein und setzt die Suche fort. Er lässt den Hund frei suchen. Der BGS trägt keine Halsung, aber Ortungsgerät und eine Signalweste. Bald erklingt zum ersten Mal Standlaut in einer Fichtendickung. Die einen halben bis drei Meter hohen Bäume sind so dicht gepflanzt, dass man im Stehen die eigenen Füße nicht sieht. Hundeführer und Schütze versuchen, den krank geschossenen Überläufer anzugehen. „Normalerweise mache ich das nicht“, erklärt der Hundeführer auf unsere telefonische Nachfrage, „Aber ich habe gedacht: Das ist ein junger, kräftiger Mann, der kann ruhig mitgehen.“

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Matthias M. beim Verbandswechsel: Vier tiefe Fleischwunden, 35 Stiche, eine Woche Krankenhaus. Foto: SE

Der Hundeführer widerspricht dieser Darstellung: M. habe auf der Rückegassesollen. Er wisse nicht, ob ein Missverständnis vorliege oder M.s Jagdleidenschaft mit ihm durchgegangen sei. Außerdem habe man ihm gesagt, dass er einen 25-kg- Frischling nachsuche, den der Hund allein hätte halten können. Das Stück sei auf Wechseln gezogen, sodass die Fährte keine verwertbaren Hinweise auf die tatsächliche Größe ergab.

Einmal „den Kopf geschüttelt“

Stimmt nicht“, entgegnet M. „Was sollte ich auf der Rückegasse? Wir wussten doch, dass die Sau da nicht rauskommt.“ Jedenfalls marschiert er nur mit seiner MagLite in der Hand in die Dickung. Er kommt auf eine kleine Lichtung, die Fichten gehen ihm bis zur Brust. Nur zwei, drei Meter vor sich hört M. den Hund: „Ich mache Krawall, rufe hey, hoo! und bemerke, wie der Hund Laut gebend nach rechts ausweicht. Im nächsten Moment höre ich die Sau am Hund vorbeipoltern, genau auf mich zu. Ich gucke und sehe einen Meter vor mir der Kopf.

Der Keiler fährt mir zwischen die Beine und schlägt vielleicht zwei, drei, vier Mal. Das ging so schnell, der hat einmal den Kopf geschüttelt.“ M. stürzt, taucht unter im Fichtendickicht: „Ich habe mir die Hände vors Gesicht gehalten. Die Sau ist auf mich rauf, hat dann von mir abgelassen, ich glaube, weil der Hund von hinten kam.“ Sau und Hund verschwinden, M. rappelt sich auf: „Das an den Beinen hat sich wie richtig fiese Pferdeküsse angefühlt.“ M. brüllt: „Die Sau hat mich erwischt, hat mich geschlagen!“ „Ist es offen, blutet es?“, will der Hundeführer wissen. An der wattierten Hose ist nicht viel zu sehen. „Aber dann wurde es richtig warm an den Beinen und ich merkte, das blutet wie Sau.“

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M. kämpft gegen die aufkommende Panik an. Mühsam schleppt er sich dem Hundeführer entgegen. Auf einer weiteren kleinen Lichtung treffen sie sich. Während M. – von Beruf Pharmareferent und daher medizinisch nicht ganz unbewandert – versucht, die Arterie abzudrücken, ruft der Hundeführer einen Krankenwagen. Immer wieder reißt die Verbindung ab, genaue Ortsangaben zu machen, erweist sich als schwierig. Schlotternd und taumelnd bewegen sich die beiden auf einem Waldweg Richtung Straße. „Da habe ich gemerkt: Die Blutung hört auf und bin ruhiger geworden.“

Das dicke Ende

Die beiden halten ein Auto an und bitten die Fahrerin um den Verbandskasten. Während der Hundeführer mit der Rettungsstelle telefoniert und die Frau – käseweiß im Gesicht – daneben steht, verbindet M. sein Bein. Schließlich kommt noch ein Freund M.s vorbei und fährt ihn die 500 Meter bis zum Hubschrauberlandeplatz. Als die Sanitäter die Bahre einladen, sagt einer der inzwischen eingetroffenen Polizisten: „Jetzt hat es gerade zweimal geschossen.“

Der Hundeführer fand seinen BGS in misslicher Lage vor: Standlaut gebend und hart attackiert von der Sau, hatte er sich mit der Schutzweste im Gestrüpp verfangen. Als er den Hund befreien will, schießt die Sau vor, schlägt beide. Der Hund trägt innere Verletzungen und eine Absplitterung am Beckenknochen davon, der Führer eine dicke Prellung an der Hand. Beide sind inzwischen wieder wohlauf. Der BGS stellte die Sau ein weiteres Mal, und diesmal gelingt es, den Fangschuss anzutragen. Beide Schüsse M.s hatten getroffen: Der 75 Kilogramm schwere Keiler hatte einen Streifschuss am Brustkern, ein weiterer Schuss saß auf der Keule.

Über ein Jahr später hat M. noch immer mit den Spätfolgen der Verletzungen zu kämpfen: Die Wunden an den Oberschenkeln sind zwar gut verheilt, aber die zerschnittenen Muskeln an der Wade schmerzen: “Und die Kraft ist auch erst zu schätzungsweise 65 Prozent wieder da.”           Stephan Elison