“Mundwerker des Naturschutzes”

Offener Brief der Jägervereinigung Oberhessen zur Novellierung des Bundesjagdgesetzes (BJagdG) an Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU). Wir dokumentieren das Schreiben im Wortlaut:

“Sehr geehrte Frau Bundesministerin Klöckner,

nun liegt er also vor, der Referentenentwurf zum Bundesjagdgesetz, offensichtlich dominiert von den einseitigen Forderungen der „Wald-ohne-Wild“-Strategen. Bereits in meinem Offenen Brief vom 5. Juni hatte ich Sie – mit Fakten belegt – auf zahlreiche Widersprüche in den einseitigen Forderungen der Waldstrategie 2050 sowie auf reale Probleme des Waldes hingewiesen, die bislang in der Wald-Wild-Debatte nicht thematisiert wurden.

Allerdings ist nicht einmal eine Eingangsbestätigung, geschweige denn eine Stellungnahme Ihres Ministeriums erfolgt. Auch die Stellungnahme der Gesellschaft für Wildtier- und Jagdforschung und der renommierten Wildbiologen Dr. Michael Stubbe, Dr. Dr. Sven Herzog und Dr. Hans-Dieter Pfannenstiel fand meinen Informationen zufolge bei Ihnen keine Berücksichtigung und wurde ebenfalls nicht beantwortet.

Andererseits bedanken Sie sich aber in einem Schreiben an die Bundesvorsitzende des
Ökologischen Jagdvereins (ÖJV), Elisabeth Emmert, geradezu überschwänglich für „Ihre
wertvollen Hinweise auf die drängenden Probleme beim Waldumbau und mögliche
Lösungsansätze durch die Jagd“. Darin beziehen Sie sich auf die ÖJV-Stellungnahme zum
„Offenen Brief“ der drei oben genannten Wildbiologen. Weiter heißt es in Ihrem Schreiben an den ÖJV, sehr geehrte Frau Klöckner, wörtlich:

„Für die fachkundigen Erläuterungen bin ich Ihnen dankbar, denn auch ich habe das Ziel, die
Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass der Waldumbau hin zu klimaresilienten Wäldern gelingt. So befürworte ich, das BJagdG so anzupassen, dass die Schalenwildbestände den
aktuell erforderlichen Maßnahmen und der Bewältigung der Herausforderungen des
Klimawandels im Wald nicht im Wege stehen. In diesem Sinne kann ich Sie nur ermutigen, sich in der anstehenden Verbändeanhörung zu den Änderungen im BJagfdG entsprechend
einzubringen. Wir werden Ihre Anmerkungen sehr ernsthaft prüfen und diskutieren.“

Ihre derart positive Bewertung der ÖJV-Stellungnahme kann nur verwundern. Denn darin
unterstellt der ÖJV, der etwa 1,1 % der deutschen Jägerinnen und Jäger vertritt, unter anderem
wahrheitswidrig und pauschal: „Alle bisherigen waldbaulichen Gutachten zeigen, dass
überhöhte Wildbestände nicht nur lokal, sondern auf der überwiegenden Landesfläche
vorhanden sind.“

Dies trifft nicht zu. So wurden in Hessen bereits Anfang der 1990er Jahre Verbissgutachten
eingeführt, deren Ergebnisse zur Festsetzung des Rehwildabschusses herangezogen werden.
Weil aber in diesem Bundesland der Rehwildverbiss waldbaulich immer weniger eine Rolle
spielte, eröffnete das HJagdG 2013 die Möglichkeit, auf ein aufwendiges Verbissgutachten zu
verzichten. Von dieser Möglichkeit haben seither Waldbesitzer und Jagdausübungsberechtigte
immer öfter einvernehmlich Gebrauch gemacht. Dennoch wiederholen Grüne, ÖJV und ihre
Verbündeten in den Naturschutzverbänden gebetsmühlenartig ihre These vom flächendeckend
überhöhten Verbiss. Wer keine triftigen Argumente hat, macht heute eben mit lautstarkem
Alarmismus und gezielter Skandalisierung Politik.

Allein schon ein Vergleich der ökosystemaren und wildbiologischen Expertise von Frau Emmert
(als Biologin freiberuflich tätig in den Bereichen Biotopkartierung und Landschaftsplanung) und
des Vorsitzenden des bayerischen ÖJV-Landesverbandes, Dr. Wolfgang Kornder (laut ÖJV
Bayern Theologe, Kontemplationslehrer und Heilpraktiker für Psychotherapie) mit dem
wissenschaftlichen Werdegang der Professoren Stubbe, Herzog und Pfannenstiel zeigt, wo in der Wald-Wild- bzw. Forst-Jagd-Frage wirklich wissenschaftliche Kompetenz angesiedelt ist.
Einerseits irritiert es den Bürger und Wähler zusehends, wenn ideologisierte „Friday-for-Future“-
Kids von der Politik fordern „Folgt der Wissenschaft“ und die Bundesregierung daraus überstürzt Konsequenzen zieht, die auf eine De-Industrialisierung unserer Volkswirtschaft hinauslaufen können. Andererseits negiert die Bundesregierung jedoch beharrlich fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse der Wildbiologie, weil deren Umsetzung mühsamer wäre, als den Wald mit Blei, pardon Kupfer, zu düngen und beim wiederkäuenden Schalenwild „reinen Tisch“ machen. Der BMEL-Veröffentlichung „Information zum Stand der Änderung des Bundesjagdgesetzes bzw. der Arbeiten an einer Waldstrategie 2050“ vom 13.05.2020 entnehme ich zudem:

„Im September und Oktober 2019 hat BMEL dazu (zur Waldstrategie, H.N.) insgesamt über
40 Verbände aus den Bereichen Wald, Holz, Jagd, Umwelt- und Naturschutz, Erholung und
Gesundheit angehört, und es gab sehr konstruktive Diskussionen über mögliche Inhalte
der Strategie, so dass BMEL ein breites Meinungsspektrum vorliegt.“

Ich frage mich jedoch, was einige dieser Verbände zum Gelingen der Wiederbewaldung und des
Waldumbaus überhaupt beitragen wollen und können? Nabu und BUND verbreiten zum Beispiel in der naturfernen urbanen Bevölkerung bezüglich des Waldes penetrant und leider allzu „erfolgreich“ eine Ideologie, die Nutzung und Eingriffe generell zum Teufelswerk erklärt. Beide Verbände setzen prinzipiell selbst in der vom Menschen durch und durch geformten
Kulturlandschaft auf eine imaginäre „Selbstregulation“, auf die „Stilllegung“ großer Waldflächen
und die kontinuierliche Ausweitung ihres politischen Einflusses auf die Forstwirtschaft (etwa durch die FSC-Zertifizierung). Wirtschaftliche Interessen werden von diesen Gruppierungen völlig hintangestellt, aber die theoretische Rettung der Natur schreitet in den Veröffentlichungen dieser „Mundwerker“ des Naturschutzes unaufhaltsam voran. Waldbesitzer, die sich auf dieses Spiel einlassen, steuern unweigerlich auf die Selbstkastration ihrer Eigentumsinteressen zu.

Ein „breites Meinungsspektrum“ zu Wort kommen zu lassen, ist sicher aller Ehren ehrenwert.
Letztlich aber müssen praktische Erfahrungen sowie gesicherte forstwissenschaftliche und
wildbiologische Erkenntnisse den Ausschlag für eine langfristig angelegte Wald- und
Jagdstrategie geben – nicht aber die emotionalen Befindlichkeiten urbaner „Waldbadegäste“ und „Bäume-Umarmer“ oder das Streben dogmatischer Naturschützer, ihren Einfluss auf Kosten der Eigentümer zu erweitern.

Besonders auffällig: Bei den Forderungen zum Waldumbau stehen stets nur um das
„schädliche“ Wild und dessen Dezimierung durch Jägerinnen und Jäger im Fokus.
Häufige menschliche Störungen des wiederkäuenden Schalenwildes in dessen Lebensräumen
führen jedoch laut vielen wildbiologischen Untersuchungen zu erhöhten Verbiss- und
Schälschäden – selbst wenn die Wildpopulation der Lebensraumkapazität angepasst ist.
Denn auch wenige Wildtiere je Quadratkilometer Wald stillen ihren Hunger notgedrungen in
dichten Jungbeständen an jungen Bäumen, wenn sie durch Störungen ständig von Freiflächen
vertrieben werden, die ihnen eigentlich attraktivere Nahrung bieten. Die Jägerinnen und Jäger
tragen dieser Problematik durch zeitlich gestaffelte Intervalljagd, Verzicht auf Nachtjagd in
Rotwildgebieten, revierübergreifende Bewegungsjagden, vermehrte Morgenansitze statt
störender Abendansitze etc. Rechnung. In vielen Revieren finden jedoch tagtäglich von morgens
früh bis spät in die Nacht hemmungslose Freizeitaktivitäten statt, die der Störung durch
Drückjagden gleichzusetzen sind und auch noch von vielen Kommunen gefördert werden (vgl.
ausführliche Darstellung in den beigefügten Forderungen zum Bundesjagdgesetz).

Zu Guter Letzt: Zahlen sprechen für sich

Laut Statistischem Bundesamt (Stand 31.12.2018) umfasst die Waldfläche in Deutschland
rund 106.546 km2 (= ca. 29,8 % der Gesamtfläche). Die Wiederbewaldungsfläche
wird in BMEL-Veröffentlichungen mit 245.000 Hektar (= 2.450 km²) angegeben. Dies
entspricht einem Anteil von ca. 2,3 % der Waldfläche. Allerdings taucht diese
prozentuale Kennziffer im Zusammenhang mit der Wiederbewaldung in keiner der von
mir eingesehenen BMEL-Veröffentlichungen auf. Warum? Passt diese vergleichsweise
geringe Schadfläche nicht in die öffentliche Dramaturgie, mit der ein
wildfeindliches Jagdgesetz durchgesetzt werden soll? Wohlgemerkt: Jeder Hektar
Windwurf- oder Borkenkäferfläche ist ein Hektar zu viel und belastet den
Waldeigentümer. Dennoch sind auch von der Politik in der Wiederbewaldungsdiskussion
Offenheit und Ehrlichkeit gefragt.

Im Übrigen verliert der Entwurf der BJagdG-Novelle kein Wort über die landwirtschaftlich
genutzte Fläche (181.625 km², immerhin über 50 % der deutschen Gesamtfläche), die
neben stark rückläufigen Wildarten auch etlichen bedrohten nicht jagdbaren Arten als
Lebensraum dient. Im Blickpunkt steht im obigen Entwurf allein der Wald. Die
ökologische Aufwertung des Offenlandes wäre aber eine ebenso bedeutende
Aufgabe, verehrte Frau Agrarministerin, bei der Sie die Jägerinnen und Jäger
vorbehaltlos an Ihrer Seite finden.

Mit freundlichen Grüßen

Helmut Nickel, Vorsitzender der Jägervereinigung Oberhessen”

Beitragsbild: Schreiben der JV Oberhessen an Ministerin Klöckner (Screenshot, Ausschnitt)

8 Gedanken zu „“Mundwerker des Naturschutzes”

  1. Jäger aus Walhall

    Eine ordentliche Ansage. Aber interessieren wird es niemanden.
    Wissenschaft wird nur dann angewendet, wenn diese zur Ideologie passt, sonst muss sich die Wissenschaft der Ideologie anpassen.
    Gab es schon mehrmals im deutschen Lande und hatte jeweils mehr oder weniger Jahrzehnte gehalten und mehr oder weniger Tote gebracht. Diesmal sind es „zum Glück „nur“ Wildtiere“.

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  2. HF

    Hut ab, Herr Nickel, für den Mut zu diesem offenen Brief.
    Allerspätestens jetzt wird auch der Letzte verstehen, wie Politik funktioniert.
    Splittergruppen dürfen ungeniert ihre Meinung loswerden, ja sogar mit unwahren Behauptungen untermauern und die Politik verkauft den Rest der Welt auf dieser Basis für dumm.

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  3. RK

    Dass die CDU sich auch hier zum willfährigen Gehilfen links-grüner Politik macht, erstaunt fast schon nicht mehr. Umso mehr erstaunt, dass offensichtlich noch nicht alle CDU-Wähler dies halbwegs intellektuell durchblicken (oder die Wahlmanipulation – v.a. bei der Briefwahl – hat schon signifikante Formen angenommen?). Es passt aber in den Trend der Anbiederung an die “Grünen”, der aus der Logik des Machterhalts (Fleischtöpfe) entspringt. Die ehemals konservative CDU/CSU ist mittlerweile fest auf links/grün/sozialistischem Kurs, auch wenn es dem Land und Europa massiv schadet. Wir fahren auf die Wand zu und geben noch Gas.

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  4. E. Hahlweg

    Chapeau!, Herr Nickel, das sind sehr fundierte Darlegungen. Solange wir noch Menschen haben, die sich so für die Jagd einsetzen, habe ich Hoffnung.

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  5. G Strothmeyer

    Eine starke Behauptung ist besser als ein guter Beweis.Dies zeigt sich immer wieder und ist eine Grundlage der Politik

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  6. Mayr Günter Martin

    Das ist mehr als richtig und kann nur unterstützt werden.
    Es bleibt – die allerdings leider schwache Hoffnung- dass die Politik dies noch einsieht und das Thema bleibt Wald und Wild.
    Dies ist kein Gegensatz sondern eine langgeübte Praxis waidgerechter Jagd unserer Vorfahren und ich es ist nur zu hoffen, dass unsere Kinder und Enkel dazu noch in der Lage sind.
    Die Zeichen stehen aber leider eher negativ und es folgen immer mehr Einschränkungen, die im Gegensatz zu Corona, nicht wissenschaftlich belegt und ausführlich besprochen und diskutiert werden.
    Mehr als schade und danke für Ihren sehr sehr guten Beitrag, der fachlich ao. fundiert ist.

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  7. MH

    Frau Klöckner werden Ambitionen in Richtung CDU-Vorsitz (und vielleicht noch mehr?) nachgesagt. Könnte da eine Strategie hinsichtlich eines Wunsch-Koalitionspartners durchscheinen?

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