Müritz-Nationalpark: Anleitung zum Rufmord

Zum Fall Jagszent ist alles gesagt, könnte man meinen: Die Jagd- und Lokalpresse hat das Thema durchgehechelt, in den einschlägigen Foren gibt es tausende von Wortmeldungen zum Thema, und sogar das Fernsehen war schon da. Ist damit alles gesagt? Wohl kaum: Niemanden scheint zu stören, dass der auf üble Weise öffentlich Angefeindete selbst bisher kaum zu Wort kam. Und wie die unappetitliche Hetzkampagne gegen Jagszent eingefädelt wurde, hat auch noch keiner enthüllt. Holen wir es nach.

Der böse Nachbar

Eine bestimmte Art von Telefonaten zählt in allen Redaktionen von Jagdzeitschriften zu den so regelmäßig wie Themenkonferenzen eintretenden Vorkommnissen: Ein Anrufer klingelt mit unterdrückter Nummer an, spricht mit konspirativer Stimme, will seinen Namen nicht nennen. Er erhebt schwere Vorwürfe gegen den Reviernachbarn, der gegen praktisch alle Jagdgesetze und sämtliche überkommenen Grundsätze deutscher Weidgerechtigkeit verstößt: “Das ist eine Riesensauerei, da müssen Sie was machen.”

 Wer solch vermeintlich “heißen Storys” nachgeht,verheddert sich üblicherweise bald in einem unentwirrbaren Gestrüpp aus maßlos übertriebenen und kaum zu beweisenden Anschuldigungen, die bei genauerem Nachforschen in sich zusammenfallen wie das sprichwörtliche Soufflé. Folglich rät der erfahrene Redakteur solchen Anrufern, die geschilderten unerträglichen Vorkommnisse bei der zuständigen Jagdbehörde anzuzeigen. Das wollen die natürlich nicht, weil sie dabei namentlich in Erscheinung treten müssten, wenn es was bringen soll.

 “Nein, das muss in die Jagdpresse”, winden die sich dann. Aber auf den Vorschlag, den Artikel doch gleich selbst zu schreiben, wollen sie auch nicht eingehen. Sie wollen, dass andere für sie ihre dreckige Wäsche waschen, so dass sie gemütlich im Sessel sitzen und sich die Hände reiben können, wenn beim Nachbarn die Bombe platzt.

 Im Fall Jagszent ist das gelungen. Und es war fast genau so, wie oben beschrieben. Das weiß ich aus erster Hand, weil der “Informant” mir seine Story auch angeboten hatte. Selbstverständlich wollte der Informant nicht selbst in Erscheinung treten, ist mit den Gepflogenheiten der Jagdpresse aber vertraut genug, um zu wissen, dass aus der Bombe nichts wird, wenn nicht einer als Zeuge auftritt. So wurde als Sprachrohr ein Berliner Imbissbudenbesitzer vorgeschickt, der als Jagdgast bei den fraglichen Ansitzdrückjagden im Müritz-Nationalpark dabei war.

 Der eigentliche Informant und Strippenzieher dahinter ist ein Berliner Jäger, der in einem der an den Nationalpark angrenzenden Reviere zur Jagd geht. Es handelt sich mithin um den klassischen Fall eines mit unfeinen Methoden geführten Angriffs feindseliger Reviernachbarn. Offenbar verübelten diese Jagszent seine (Anfangs-) Erfolge bei der – von seinem Dienstherrn, dem Landwirtschaftsministerium in Schwerin angeordneten – Reduzierung der Schalenwildbestände, insbesondere des Damwilds.

Nächste Seite: Auftakt zur Hetzjagd

9 Gedanken zu „Müritz-Nationalpark: Anleitung zum Rufmord

  1. Ralf Stephan

    Beleg für hohe Standards
    Es ist gut und verdeutlicht die hohen journalistischen Standards der Jawina-Redaktion, dass in der uJ-Müritz-Sache nun auch die andere Seite beleuchtet wird. In meiner kurzen Zeit als uJ-Chefredakteur hatte ich versucht, mehr brisante Themen ins Heft zu holen und dabei gegenüber unakzeptablen Zuständen oder Haltungen auch klare Kante zu zeigen. Mit ihren Beiträgen zum Wolf in der Lausitz oder zum ersten Anlauf für ein Bleifrei-Gebot im brandenburgischen Landesforst gehörte die uJ zu den Vorrreitern, was ihren Ruf als fundiert recherchierte Fachzeitschrift festigte und woran heute für Jawina schreibende Jäger gewichtig mitwirkten. Die Betrachtung beider Seiten einer Medaille war bei unseren eigenen Beiträgen immer selbstverständlich. Ich erinnere mich auch an manche heftige interne Diskussion darüber, wie weit die Redaktion in der Schärfe ihrer “Attacken” gehen sollte und wann die Grenze des Vertretbaren überschritten wäre.
    An Versuchen, uns in private Kleinkriege zu verwickeln, mangelte es auch damals nicht. Meist waren sie verbunden mit Drohungen, das Abo zu kündigen oder “zur Konkurrenz” zu gehen, wenn sich die Redaktion nicht als gefügig erweist. Als ich die Ausgabe mit der unsäglichen Hass-Schlagzeile auf dem Titel in die Hand bekam, hatte ich schon vor dem Lesen des Beitrages das Gefühl, dass dies keine Sternstunde in der Geschichte dieser landauf, landab hochgeschätzten Zeitschrift sein würde. Die Recherchen von Jawina haben das nun endgültig bestätigt.
    Nicht nur aus alter Verbundenheit ist meine Bitte, der uJ und ihrem neuen, jungen Team auf seinem sehr hoffnungsvoll stimmenden Weg eine Chance zu geben. Vor journalistischen Fehlleistungen sind selbst große, sehr viel besser ausgestattete Redaktionen nicht gefeit. Da muss man nicht gleich an die Hitler-Tagebücher des “stern” denken, es reicht ein Blick auf die in regelmäßiger Folge auftretende Rudelbildung bei Tagesmedien, die einseitige Verlautbarungen von Parteien oder Gruppen unkritisch übernehmen oder dumpf deren politisch motivierten Fehldeutungen von Statistiken aufsitzen.
    Danke also an Stephan alias Jawina und ihm wie allen Leserinnen/Lesern
    Weidmannsheil
    Ralf Stephan, Berlin

    Antworten
  2. Albrecht von Kessel

    Als Teilnehmer der großen November Jagden im Müritz-Nationalpark 2012 kann ich sie zu dem Artikel nur beglückwünschen. Die Jagden waren hervorragend organisiert und besonders erfolgreich in den Revieren, die bisher ausschließlich Einzeljagden durchgeführt haben. Die von ihnen beschriebenen (Groß-) Drückjagden habe ich genauso 1:1 erlebt.
    Der Vorwurf des Regelverstoßes gegen Falk Jagszent wegen der überschossenen Damtiere bleibt allerdings stehen. Der Rest ist nichts weiter als eine unerträgliche persönliche Hetzkampagne, die besonders der weiteren Entwicklung des Müritz-Nationalparks geschadet hat.

    Albrecht v. Kessel, Vorsitzender
    Förderverein Müritz-Nationalpark e.V.

    Antworten
  3. Frank Feldmann

    Sehr geehrtes Jawina-Team,

    die zahlreichen Fakten in dem von ihnen verlinkten Wild und Hund Artikel widerlegen, dass hier nur ein angeblich neidischer Nachbar und der benannte Imbissbudenbesitzer agiert haben. Offensichtlich waren Förster, Wildhändler und Teilnehmer der Jagd im Müritz-Teil sehr auskunftsfreudig. Ebenso die Kreisjagdverbandsvorsitzenden. Und: Dass Herr Jagszent im Februar (!) Durchgeher und Hunde auf Sauen loslassen wollte, ist hoffentlich nichts, was sie gutheißen?! Und was ist mit der Missachtung der Arbeitsschutzvorschriften etc? Und auch der interne Bericht von Herrn Jagszent über den Verlauf der Jagden: Wie kommt der in die Öffentlichkeit ? Solche Interna sprechen doch eher dafür, dass auch das Umfeld von Herrn Jagszent Redebedarf hatte. Was eine Zeitung dann aus den Informationen macht, steht auf einem anderen Blatt und ist nicht den Quellen anzulasten. Können sie irgend eine Information aus dem Wild und Hund Dossier als unwahr belegen? Oder stört sie nur der Stil der UJ?

    FF

    Antworten
    1. admin Beitragsautor

      Sehr geehrter Herr Feldmann,
      es geht, wie gesagt, nicht darum, eine Apologie zu verfassen. Sondern um Ausgewogenheit. Dazu gehört, dass man verschiedene Stimmen, vor allem aber auch den Betroffenen selbst zu Wort kommen lässt. Ich habe bewusst auf die anderen Beiträge zu Thema verlinkt, damit sich der geneigte Leser seine eigene Meinung bilden kann.
      Beste Grüße
      SE

      Antworten
  4. H. Lindhorst

    Hallo,

    die Damwildstrecken in der Verwaltungsjagd NPA Müritz waren – wie Sie den NP-Berichten entnehmen können – vor 9-10 Jahren doppelt so hoch wie heute. Der angeblich neidische Nachbar hätte damals also um einiges mehr Grund als heute gehabt, in dem von Ihnen berichteten Sinne zu agieren. Davon ist in der Region nichts bekannt. Auch kann ich mich dem Vorredner anschließen: Selbst der Ausgangsartikel in der UJ erwähnt ein internes Dokument aus dem behördlichen Schriftverkehr zwischen dem ehemaligen Dezernenten Flächenmanagement und dem ehemaligen Referat VI-211b des Ministeriums. Dass ein neidischer Nachbar solche Dokumente besitzt, erscheint eher unwahrscheinlich…..Bradley Manning auf Mecklenburgisch?? Und auch dass der KJV-Vorsitzende Koch sich vor seinem Interview mit der UJ an das Ministerium gewandt hatte und auf den laxen Umgang mit den jagdrechtlichen Vorgaben hingewiesen hatte, lassen Sie unerwähnt. Hier Denunziantentum zu mutmaßen, wird dem Skandal nicht gerecht. Vielmehr sollten Sie davon ausgehen, dass hier viele kleine Whistleblower Fakten zusammengetragen haben, was Sie als Journalist eigentlich hoch schätzen müssen. Nur zuletzt: Die Erkenntnis, dass die Effizienz der Jagd vor die Jagdethik gestellt, hat in dieser Deutlichkeit allen voran Minister Dr. Backhaus ggü. den Mitarbeitern des NPA Müritz in einer internen Zusammenkunft geäußert (am Ende der internen Ermittlungen!). Das hat er nach den heutigen Erkenntnissen zum Sündenregister des/der Verantwortlichen nicht leichtfertig getan.
    Mit Weidmannsheil

    H. Lindhorst

    Antworten
    1. admin Beitragsautor

      Hallo Herr Lindhorst,
      die Aktionen von Manning und Snowden richteten sich gegen staatliche Akteure – hier geht es darum, eine Einzelperson zu beschädigen. Das macht einen Unterschied. Manning und Snowden sollten einen nicht dazu verführen, jetzt jede miese kleine Denunziation, jeden Geheimnisverrat zur Heldentat hochzustilisieren.
      Dass ein “neidischer Nachbar” interne, vertrauliche Dokumente besitzt, ist nach meiner Erfahrung nicht so ungewöhnlich, da die oft geradezu herumgereicht werden. Wer sich in jagdlichen Gremien engagiert oder die richtigen Leute kennt, ist in der Regel gut informiert.
      Beste Grüße
      SE

      Antworten
  5. H. Lindhorst

    Guten Abend SE,

    Sie betonen, keine Verteidigungsrede auf Herrn Jagszent zu halten. Dass Sie ihm Gehör gewähren ist fair. Aber es beschleicht einen doch das Gefühl, dass es in Ihrem Artikel nicht so neutral zugeht, wie Sie das hervorheben. Eher, dass man Sie versucht zu instrumentalisieren. Zum einen relativieren Sie die umfangreichen Untersuchungsergebnisse, laut denen hier ein ganzer “Sack voll” Rechtsbrüche begangen wurde. Glauben Sie, ein Minister – zur beamtenrechtlichen Fürsorge verpflichtet – würde sich so öffentlich äußern, wenn es sich nicht um endgültig gesicherte Fakten handelt? Der Mann wäre doch mit dem sprichwörtlichen Klammerbeutel gepudert. Und Ihre Neutralität leidet auch deswegen, weil Sie gleichzeitig anklagen. Der angeblich neidische Nachbar, der Strohmann-Pommesbudenbesitzer, der schlechte Journalistenkollege. Das ist insofern bemerkenswert, als ÖJV, NABU und Co. zunächst öffentlich die Schuldigen für angebliche Schmutzkampagnen beim LJV, den KJV und der Jagdpresse dingfest gemacht haben. Beim ÖJV mussten nach Darstellung in seinem Blog auch gleich noch die Politiker mit herhalten (“Jagdfunktionäre, Politiker und Journalisten”) Nach dem das beim obersten Jäger des Landes nicht gezogen hat und dieser vielmehr sehr deutlich gemacht hat, was er von “Öko-Jagd-Methoden” hält, muss nun über Sie als Sprachrohr die älteste aller Totsünden herhalten: Der Jagdneid. Glauben Sie mir: Wenn Sie sich die Mühe machen, alle Fakten dieses Jagdskandals zu recherchieren und mit involvierten Bediensteten zu sprechen, werden Sie Ihre Perspektive sicherlich überdenken. Ein Vorschlag: Da ihr “Informant” ihnen seine “Story” ja auch andrehen wollte, stellen Sie doch die übermittelten Dokumente anonymisiert hier ein. Dann kann a) der mit der Sache befasste Zeitgenosse abgleichen, ob es sich um die Belege handelt, die nun bei der Staatsanwaltschaft, dem Disziplinarverantwortlichen und der Jagdbehörde liegen oder ob ihr neidischer Nachbar wie behauptet, lediglich falsch Zeugnis wider seinen Nächsten geredet hat. Und b) kann dann jeder nicht Involvierte sich anhand der ihnen zugespielten Dokumente selbst (im Sinne der von Ihnen angestrebten Neutralität) ein Bild von der Qualität der begangenen Rechtsverstöße machen.

    Das würde Ihrem ansonsten sehr ansprechend aufgemachten Portal gut zu Gesicht stehen.

    Mit Weidmannsheil

    Lindhorst

    Antworten
  6. Herbert Eingang

    Sehr geehrter Herr Elison,

    ich bin der “instrumentialisierte Würstchenbudenbesitzer” (Gekürzt. Bitte achten Sie auf Ihre Ausdrucksweise. admin.)
    Da sie selbst über schlampige journalistische Arbeit sprechen wenn ein Beteiligter nicht zu Wort kommt wundert es mich doch sehr, dass sie Behauptungen über mich veröffentlichen ohne vorher mit mir gesprochen zu haben. Ganz schlechter Stil.

    Antworten
    1. admin Beitragsautor

      Sehr geehrter Herr Eingang,

      ich weiß wirklich nicht, worüber Sie sich aufregen: Sie sind doch in dem erwähnten uJ-Beitrag ausführlich genug zu Wort gekommen. Das kann (und soll) bitteschön jeder nachlesen und sich eine eigene Meinung bilden – auch in Bezug darauf, was “ganz schlechter Stil” ist.

      Im übrigen hat keiner gefordert, dass alle Beteiligten (alle 150 Schützen plus Treiber und Helfer?) zu Wort kommen müssten. Auch geht es in dem Beitrag auf jawina.de nicht darum, die ganze Geschichte nochmal von Anfang an aufzudröseln und die letzte und absolute Wahrheit zu verkünden, sondern darum (siehe Einleitung des Artikels) zwei in der bisherigen Berichterstattung schmerzlich vermisste Aspekte nachzuliefern: a) den “Angeklagten” (oder das Opfer?) Falk Jagszent selbst zu Wort kommen zu lassen und b) der Tatsache Rechnung zu tragen, dass es eine ganze Reihe (!) von Jägern gibt, die die Jagden im Müritz-NLP als sehr positiv und professionell erlebt haben – obwohl sie weder im NABU noch im ÖJV sind.

      Mit freundlichen Grüßen

      SE

      Antworten

Schreibe einen Kommentar zu Frank Feldmann Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.