Modifizierter Frischling: Ein seltsamer Fang

Am Montag Nachmittag (25.4.) rufen Jagdfreunde Tanja und Karsten bei Jagdkumpel Holger an, Mitpächter eines Jagdreviers am nordwestlichen Stadtrand Berlins, und melden einen einzelnen, noch gestreiften Frischling, der ziemlich vertraut zwischen Straße und Feldrand grubbert. Holger schwingt sich ins Auto und brettert los, schließlich gilt es, einen weiteren Wildunfall auf der vielbefahrenen Straße an der Reviergrenze zu verhindern. Am angegebenen Ort findet er den Frischling ohne große Mühe: Völlig arglos widmet sich der Mini-Schwarzkittel gleich neben der Straße am hellichten Tag der Nahrungssuche. Holger nimmt die im Rahmen seiner Nebentätigkeit als Stadtjäger in einer benachbarten Gemeinde gründlich eingeübte Schleichpositur – Oberkörper leicht vorgebeugt, Fangarme ausgestreckt, Knie federnd angewinkelt – ein und pirscht sich an. Das übliche Einkriegespiel durch Gräben und Dornenbüsche entfällt diesmal. Gleich beim ersten ersten Versuch lässt sich der Frili an den Hinterläufen packen. “Der hat auf den Schreck hin zwar gequiekt wie am Spieß, sich aber sonst nicht groß gewehrt”, berichtet Holger. “Das fand ich schon seltsam, denn normalerweise kämpfen die kleinen Kerle dieser Größenordnung schon wie die Helden.”

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Der Frischling ließ sich nicht problemlos nur fotografieren, sondern auch einfangen. Fotos: KP

Dieser hier kämpfte nicht. Er ließ sich sogar streicheln. Holger sperrte den Frischling ohne Gegenwehr in die Hundebox und suchte mit seinem Kopov den Graben auf beiden Seiten der Straße ab. Sein Verdacht, dass die zum Frischling gehörende Bache totgefahren worden sei und der Waise in der Nähe der Unfallstelle geblieben war, bestätigte sich aber nicht. Holger lieferte den Frischling bei einer Tierauffangstation ab, mit der er schon geraume Zeit vertrauensvoll zusammenarbeitet.

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Ungewöhnlich: Dieser Frischling ließ sich streicheln und schien es auch noch zu genießen. Fotos: KP

Der Jäger überlegte, was aus dem Frischling werden sollte und hegte schon große Pläne für eine Karriere seines schweinischen Schützlings in einem nahegelegenen Schwarzwildgatter. Diese wurden aber bereits am nächsten Tag durch einen Anruf der für die  Auffangstation tätigen Tierärztin zunichte gemacht: Diese bestätigte, was sich schon abgezeichnet hatte: Der Frischling ist die Nähe von und den Umgang mit Menschen gewohnt und als handzahm zu bezeichnen. Aber es kommt noch besser: Aus dem Keiler war ein Ex-Keiler geworden, das Schweinchen fachgerecht kastriert worden. “Und alle Parasiten, die ich ausgekämmt habe, waren tot”, sagte die Tierärztin, “Der muss also entsprechend behandelt worden sein.” Und noch etwas: “Der ist völlig blind und rennt gegen alles gegen.”

Holger vermutet, dass jemand den Frischling eingesammelt hat, als er noch ganz klein war – was zwar verboten, ansonsten aber leicht zu bewerkstelligen ist, da sich ganz junge Wildschweine bei Gefahr bekanntlich drücken, also flach auf den Boden legen und tot stellen – und ihn als Haustier oder Küchenschwein halten wollte. Weil er blind war, konnte er möglicherweise der Rotte nicht folgen oder wurde verstoßen. Das hilflose kleine Schweinchen dürfte das Mitleid eines wohlmeinenden Stadtbewohners geweckt haben. Das ist in der Gegend anscheinend nicht unüblich, vor einigen Jahren hat ein anderer Stadtjäger in unmittelbarer Nähe ein zahmes Reh erlegt. Als das Wildschwein dann jedoch eine gewisse Größe erreicht hatte und “anfing zu nerven” oder gefährlich zu werden, “den Garten klarmachte” oder aufgrund seiner Blindheit die Wohnungseinrichtung demolierte, wurde er halt kurzerhand wieder ausgesetzt. Das war freilich nicht nett, denn gehandicapt wie er war, hätte der kleine Kerl in freier Wildbahn keine Überlebenschance gehabt.

Aus der Karriere als Gattersau wird nun natürlich auch nichts. Vorerst bleibt der blinde Frischling in der Auffangstation, wenn er groß genug ist, um von den anderen Sauen nicht “platt gemacht” zu werden, soll er in ein “ziviles” Wildschweingehege überstellt werden. SE

JAWINA dankt allen Beteiligten für die Story und KP die Fotos!

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