Mit der Brandl in die neue Welt

Ein Beitrag von Joachim Ernst

Vor zwanzig Jahren haben meine Frau und ich immer einmal wieder an der GreenCard-Lotterie der USA teilgenommen. Damals wild entschlossen, sofort alles stehen und liegen zu lassen und das eigene Glück in der Neuen Welt zu schmieden. Gewonnen hatten wir nie. Jetzt, zwanzig Jahre später, kommt bei einer Tasse Kaffee das Gespräch auf die alten Zeiten und mehr aus einer Laune, denn aus Ernsthaftigkeit heraus, füllen wir das Bewerbungsformular erneut aus. Es kommt wie es kommen muß. Nach einigen Monaten liegt die Gewinnbenachrichtigung im Briefkasten. Der Schreck war eindeutig größer als die Freude, aber das sich anschließende Auswahlverfahren bei der US-Botschaft, bei dem noch einmal die Hälfte der Gewinner aussortiert wird, wollten wir doch mitmachen. Auch das haben wir erfolgreich überstanden und mussten uns nun entscheiden. Letztlich haben wir uns entschieden und sind samt unseres nun dreieinhalb Jahre alten Brandlbrackenrüden Argos vom Basenberg nach New Hampshire in die USA gezogen.

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Nachsuche auf ein mit Pfeil beschossenes Weißwedel-Alttier auf dem Mascoma River. DerHund führt mich dreimal an den Fluß und bewindet im Uferbereich die Wasserpflanzen (er geht eigentlich nicht in´s Wasser!). Zur weiteren Kontrolle auf Flußinsel mit Kanu übergesetzt. Dort keine Fährte mehr. Alttier im Uferwasser verendet und abgetrieben. Fotos: Joachim Ernst

Auch jagdlich sind die USA eine neue Welt. Um Jäger zu werden, muß man eine vergleichsweise einfache Ausbildung samt Prüfung durchlaufen und darf dann überall jagen, wo es nicht ausdrücklich verboten ist. Ein Reviersystem wie in Deutschland gibt es nicht. Die aus unserer Sicht eher merkwürdigen Jagdzeiten und –arten sind historisch begründet.

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Weißwedeltier.
Foto: Joachim Ernst

Der „weiße Mann“ hat nicht nur die Büffel an den Rand der Ausrottung gebracht, sondern im Grunde alle größeren Wildtiere. Mit Hundemeuten wurde das Wild gehetzt und zur Strecke gebracht. Es diente der Ernährung der eigenen Familie oder zum Verkauf des Wildbrets auf dem örtlichen Markt. Es war Präsident Theodore Roosevelt, der Anfang des 20. Jahrhunderts die ersten Nationalparks gründete und als Konsequenz der Ausrottungstendenzen die Jagd massiv einschränkte. So wurde unter anderem der Verkauf von Wildbret unter Strafe gestellt und der Einsatz von Hunden zur Jagd gänzlich verboten.

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Auburn, New Hampshire
Foto: Joachim Ernst

Im Grunde ist es bis heute so geblieben, und die Wildbestände haben sich überall erholt. Weite Teile des Landes, auch hier in New Hampshire, sind mehr Wildnis als bewirtschaftete Waldflächen im deutschen Sinne. Es gibt wenige Wege, und der Wald wächst, wie es ihm paßt.

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Der Wald wächst so, wie es ihm passt.
Foto: Joachim Ernst

Für Argos ist die neue Welt mindestens so neu wie für uns. Nichts ist so, wie es sein soll. Alles, aber auch absolut alles riecht anders. Und Sachen gibt´s!

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Sachen gibt’s…
Foto: Joachim Ernst

Es ist sehr interessant zu beobachten, wie der Hund auf all die neuen Eindrücke reagiert. Stinktiere und Schildkröten findet er äußerst interessant, wohingegen die Feder eines Truthahnes erst mit Respekt bewindet und dann mit einem Überraschungsangriff in die ewigen Jagdgründe befördert wird.

Da Argos in Deutschland im Rotwildkerngebiet des Nordschwarzwaldes hauptsächlich auf Nachsuchen geführt wurde, habe ich mich darum bemüht, auch in New Hampshire eine entsprechende Lizenz zu erhalten.

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Auf Nachsuche mit Argos.
Foto: Joachim Ernst

Wie oben beschrieben, ist der Einsatz von Hunden bei der Jagd grundsätzlich verboten. In den letzten Jahren änderte sich dies jedoch ganz allmählich, und so ist seit 2007 die Nachsuche verletzten Wildes mit Hunden in New Hampshire erlaubt. USA weit sind es derzeit rund 50% der Staaten, die die Nachsuche mit Hunden zulassen.

Auch die Regularien für die Nachsuche unterscheiden sich stark von denen in Deutschland. So darf der Hund nur angeleint zur Suche eingesetzt werden. Die Hetze ist nicht zugelassen. Auch darf der Nachsuchenführer nur die Waffe zur Nachsuche einsetzen, die zum Zeitpunkt der Schußabgabe zugelassen war. Das bedeutet, wenn ein Bär in der Bogensaison beschossen wurde, dann darf er auch nur mit Pfeil und Bogen nachgesucht werden. Ein vielleicht etwas gewagtes Unterfangen.

Lediglich eine Handfeuerwaffe darf der Nachsuchenführer tragen. Doch deren Effektivität ist schon bei angeschweißten Sauen eher zweifelhaft.

Anforderungen an den Hund werden von rechtlicher Seite nicht gestellt. Er muß lediglich an seinem Wohnort registriert, und der Hundeführer muß im Besitz einer gültigen Jagdlizenz sein.

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Irgendwo in den Green Mountains, New Hampshire
Foto: Joachim Ernst

Allerdings gibt es eine USA weite Vereinigung zur Förderung des Nachsuchenwesens, die auch Seminare und Prüfungen, ähnlich unserer SP, durchführt. Nachgesucht wird mit allem, was Hund ist, und so wundert man sich nicht, auch einmal einen Rottweiler auf der roten Fährte zu treffen. Überwiegend aber kommen Teckel zum Einsatz.

Seit dem 1. September hat die Jagdsaison mit dem Bogen auf Weißwedelhirsche und mit Bogen oder Büchse auf den Schwarzbären begonnen. Die erste Anforderung als Nachsuchengespann erhielten wir abends. Ich kam gerade vom Chips und Cola Holen aus dem örtlichen Krämerladen und hatte mich auf einen entspannten Fernsehabend eingestellt. Der Schreck fuhr mir in die Knochen, als ich den Anrufbeantworter abhöre, und ein Jäger um Rückruf bittet. Es seien zwei Bären beschossen worden. Einer sei vermutlich gefehlt, und beim Zweiten sei Schweiß und ein Stück Knochen zu finden. Unsere Nummer habe er von einem anderen Nachsuchenführer, der keine Zeit habe.

Mit reichlich Respekt, um nicht zu sagen auch etwas Furcht, haben wir uns am kommenden Morgen auf die eineinhalb Stunden lange Fahrt in die Berge gemacht. Neben meiner eigenen Furcht vor einem angeschweißten Bären war ich mir auch nicht sicher, ob Argos nicht eine instinktive Angst vor der Bärenwitterung hat. Also habe ich mich zu Beginn für den Anschuß mit Schweiß entschieden, in der Hoffnung, daß die in jedem Falle vorhandene Wundwitterung Argos Jagdtrieb die Oberhand behalten läßt. Alles was ich am Anschuß vorfand, ließ mich auf einen Lauftreffer schließen. Was ich davon halten sollte, wußte ich noch nicht. Auf der einen Seite war ich froh, denn ich war mir sicher, einen laufkranken Bären wohl nie zu Gesicht zu bekommen, wenn ich Argos nicht schnallen darf. Auf der anderen Seite wußte ich nicht, wie die Jäger auf eine erfolglose Nachsuche reagieren würden..

Argos hat die Wundfährte sofort angefallen und keinerlei Anzeichen von Angst gezeigt. Die Fährte führte uns von einem Waldweg durch den Bestand und einen kleineren Sumpf hinaus in ein riesiges Maisfeld. Schweiß gab es nur bis etwa 300m nach dem Anschuß. Im Maisfeld hat der Bär an 6 verschiedenen Stellen großflächig den Mais niedergedrückt und sich gütlich getan. Für den ersatzpflichtigen Pächter in Deutschland wäre das ein Horrorszenario. Hier aber ist es das Pech des Landwirtes.

Da es dem Bär offenbar noch recht gut ging, bat mich der Jäger, den zweiten Anschuß zu kontrollieren. Dieser Bär wurde ziemlich sicher gefehlt. Die Fährte führte ebenfalls in den Mais, wo er sich auf einer längeren Strecke immer wieder einzelne Maiskolben gepflückt hatte, ohne auch nur eine einzige Pflanze umzudrücken. Da haben Argos und ich mehr Schaden angerichtet. Letztlich führte die Fährte zurück in den Wald. Obwohl wir nicht zum Stück gefunden hatten, schienen die Jäger von Argos Leistung beeindruckt und wir traten wieder den Heimweg an.

Zwei Wochen später wurde der Bär mit einer Wildkamera fotografiert und es bestätigte sich, daß er einen Laufschuß hat und bester Dinge ist.

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Nachsuche auf eine für das Gespann bis dahin unbekannte Wildart.
Foto: Joachim Ernst

In der Folge haben wir einige Nachsuchen auf Weißwedelhirsche gemacht, die allesamt mit dem Bogen beschossen wurden.

Leider enden Nachsuchen häufig an privatem Grund und Boden, wenn ein Waldbesitzer den Zutritt und die Jagd auf seinem Land verweigert. Dann finden sich alle 50m Schilder mit der Aufschrift „Posted No Trespassing“. Ein Überschreiten zum Zwecke der Nachsuche ist strafbar. Von diesen Schildern gibt es auch in der Wildnis Neu Englands mehr als man erwartet.

Weitere Hindernisse sind der Schuß mit dem Bogen und das Verhalten der Jäger. Trifft der Pfeil kein Organ oder öffnet die Kammer gänzlich, dann kommt die Wirkung eher einer tiefen Schnittverletzung gleich. Ohne zu schnallen sind die so getroffenen Stücke kaum zu bekommen. Häufig bleibt der Pfeil stecken und verschließt obendrein die Wunde. So kommt es nicht selten vor, daß Stücke erlegt werden, die alte Pfeilspitzen in sich tragen.

Obendrein ist vielen Jägern unbekannt, daß es Nachsuchengespanne gibt. Üblicher Weise suchen die Jäger selbst und folgen der Wundfährte in stundenlanger Suche. Daß sie in der Regel damit aber die Chancen auf eine erfolgreiche Nachsuche gegen Null verschieben, ist ihnen nicht klar. Eigentlich war ich davon ausgegangen, daß wir, wenn überhaupt nur sehr wenige Anrufe auf Nachsuchen erhalten. Es sind jetzt gerade 3 Wochen vergangen, seit wir die Maisfeldnachsuche gemacht haben, und wir können uns vor Aufträgen nicht mehr retten. Inzwischen bekommen wir täglich mehr Anfragen als wir abarbeiten können.

Vor wenigen Tagen erhielten wir dann den Anruf eines 70-jährigen sehr erfahrenen Outfitters aus den Bergen. Er fragte, ob ich der German Guy mit dem guten Hund sei. Ein Jagdgast habe einen Bären mit dem Bogen beschossen. Schweiß sei auf den ersten 50m vorhanden, dann habe der Bär den Pfeil abgestreift und die Wunde sei zu, keine Pirschzeichen mehr.

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Bei dem Stück handelt es sich um ein Weißwedelschmaltier, zur Strecke gekommen in Auburn, New Hampshire.
Foto: Joachim Ernst

Den Auftrag haben wir angenommen. 1,5 Stunden Fahrt in die Berge und anschließend 3 Stunden Riemenarbeit ohne das geringste Pirschzeichen haben wir hinter uns gebracht und wollten eigentlich gerade aufgeben. Einen riesigen Bogen waren wir gelaufen, den Hang hinauf, dann hinunter ins Tal, über einen Gebirgsbach, auf der anderen Seite den Hang wieder hinauf und dann wieder zurück in die Nähe des Anschusses. Gerade als der Outfitter mir erklärt, daß er das alles für unwahrscheinlich hält, und ich auch selbst nicht mehr glaubte, daß der Hund richtig ist, wirft sich Argos mit aller Wucht in den Riemen. Ich folge ihm eher widerwillig noch 15 Meter über eine kleine Kuppe und stehe vor dem verendeten Bären. Die Freude beim Jäger, dem Outfitter und nicht zuletzt auch bei mir war riesig. Argos hat dem Bären erstmal kräftig in die Keulen gebissen und ihn dann relativ desinteressiert liegengelassen.

Der Pfeil hatte die Kammer getroffen, aber nicht durchschlagen. Organe wurden keine verletzt und der Bär ist innerlich verblutet. Das größte Lob erhielten wir von dem alten und die ganze Zeit eher skeptischen Outfitter, „You probably have the best dog in the entire state“ sagte er zum Abschied. Wir werden versuchen, diesem Ruf gerecht zu werden und die Austrian Black and Tan Hounds würdig vertreten.

Text und Bilder: Copyright Joachim Ernst www.eye2nature.com

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