Lupenreine Demokraten-Herrschaftsarchitektur

Klotzig, ein lang gestreckter Riegel aus Beton und Glas in bester Innenstadtlage, auf der einen Seite umspielt vom Fluss, auf der anderen Seite von repräsentativen Rasenflächen eingerahmt, Überwachungskameras überall, teurer Kunstscheiß in jeder Ecke. Große Glasflächen simulieren Offenheit und Transparenz, stehen aber in eigenartigem Kontrast zu den Sicherheitsschleusen im Eingangsbereich, wo jeder Besucher Leibesvisitationen und Taschenkontrollen wie vor einem Interkontinentalflug über sich ergehen lassen muss. Ein Großaufgebot von Sicherheitskräften in Uniform und zivil zeigt Präsenz, unaufdringlich, aber unübersehbar. Vor dem Haupteingang des Regierungsgebäudes fahren lange Schlangen schwarzer Limousinen vor, uniformierte Lakaien öffnen den Mächtigen die Türen, weil die das seit den Tagen des Sonnenkönigs ja nicht selber können. Ein Bericht aus Ceausescus letzten Tagen? Aus Lukaschenkos Weißrussland? Nein, sondern die Chronik unseres Versuchs, dem Paul-Löbe-Haus, einem Funktionsgebäude des Deutschen Bundestages, einen Besuch abzustatten.

Wie wir dazu kommen? Nun, die Bundestagsfraktion der Grünen (ausgerechnet) hat die Jawina-Redaktion zu einer Podiumsdiskussion ins Paul-Löbe-Haus (dazu demnächst mehr) eingeladen. Es versteht sich von selbst, dass unter diesen Umständen nur die Anreise mit dem Auto in Frage kommt. Gut geeignet wäre beispielsweise ein betagter Land Rover Defender Diesel ohne Abgasreinigung und einem CO2-Ausstoß von mindestens 500 Gramm pro Kilometer (das heraustropfende Öl nicht eingerechnet) – und wie es sich manchmal trifft, just ein solches Fahrzeug befindet sich in meinem gut sortierten Fuhrpark. Der alte Diesel hat eine beeindruckende Erfolgsbilanz vorzuweisen: Einmal zerschellte auf dem Kudamm ein Porsche an der massiven Hecktraverse des vorbildlich die Contenance wahrenden und dadurch freilich nicht aus der Ruhe zu bringenden Engländers: War da was? Hat jemand geklopft? Traurig sah er aus, der Porsche, als wir ihn unter dem hohen Heck des Geländewagens hervorzogen: Die Scheinwerfer nicht mehr auf die Straße, sondern wie Flakscheinwerfer in den Himmel gerichtet, die Stoßstange hing herab und zerknittert wie Alufolie war die einst so schön geschwungene Haube. Eine Flüssigkeit lief aus und machte eine Pfütze auf den Asphalt, und auch dem Lackaffen von Besitzer kamen fast die Tränen. Minutenlang kniete der Polizist, der den Unfall aufnahm, unter meinem Auto, leuchtete mit einer Taschenlampe herum und murmelte immer wieder: “Unfassbar, unfassbar!” Denn da war: nichts. Keine Delle, keine Schramme, kein Kratzer.

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Großzügige Glasflächen simulieren Offenheit und Transparenz, stehen aber in eigenartigem Kontrast zu den Sicherheitsschleusen im Eingangsbereich.

Und einmal, mein größter Triumph, haben mein Landy und ich dem (damals noch) Nabu-Funktionär Gregor B. einen Denkzettel erteilt. Beide hatten wir – selbstverständlich unabhängig voneinander – eins dieser unsäglichen Bleifrei-Symposien besucht. Nach dem Ende der Veranstaltung strömte alles auf den überfüllten Parkplatz und stieg in die dicht an dicht geparkten Autos. Gregor B. hatte seinen albernen Kleinwagen leichtsinnigerweise so abgestellt, dass sich die Scheibe seiner Fahrertür genau in Höhe des ofenrohrartigen Endes meines Abgastrakts befand.

Und unbedachterweise hatte er die Scheibe heruntergelassen. Ich glühte nur ganz kurz vor, weil das zuverlässig die größte Abgaswolke beim Start erzeugt, eine schwarze Wand aus Dieselruß, durchzogen von blauen Schwaden unverbrannten Kraftstoffs. Der Plan ging auf. Die Hust- und Kotzgeräusche aus dem popeligen Kia oder Opel übertönten sogar das zornige Nageln des verfrüht aus dem Schlaf gerissenen Diesels. Schnell weg, sagte ich mir, bevor es noch Ärger gibt. Ich fuhr vom Parkplatz, dann erst wandte ich mich um und erhaschte einen heiteren Blick auf den erzürnten Kleinwagenfahrer, der seinen fülligen Oberkörper aus der viel zu kleinen Fensterluke gequetscht hatte, sich mit einer Hand die Nase zuhielt, während er die andere zur Faust geballt hatte und wütend über dem hochroten Kopf schwenkte, auf dessen Stirn selbst auf diese Entfernung noch deutlich die – vor Wut? aus Atemnot? – stark geschwollenen Adern zu erkennen waren.

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Staatskarossen vor dem Eingangsbereich, ein Chauffeur übt mit einem Kollegen den korrekten Kotau.

Man wird zugeben müssen, dass das kampferprobte treue Gefährt das Fortbewegungsmittel der Wahl gewesen wäre, wenn es galt, dem feindlichen Lager, dem Grünen in seiner von Energiesparlampen schummrig beleuchteten Höhle einen Besuch abzustatten. Doch dem hatten die Grünen Khmer in weiser Voraussicht einen Riegel vorgeschoben – mit dem Innenstadtfahrverbot, einer diktatorischen Maßnahme, an der auch Ceausescu oder Lukaschenko ihre Freude gehabt hätten. Bürgern die Benutzung ihrer Fahrzeuge verbieten, die zum Zeitpunkt der Herstellung vollkommen gesetzeskonform waren und damit noch eine verdeckte Subvention für die allseits gepamperte Industrie verbinden: Das hat was. Der Landy schied also aus. Da es nicht gelang, kurzfristig ein innenstadttaugliches SUV (bevorzugt V8) zu beschaffen, blieb nur der Rückgriff auf den übermotorisierten italienischen Sportwagen aus eigenem Bestand. Doch ich hatte die Verschlagenheit und Skrupellosigkeit des Gegners unterschätzt…

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In einer Demokratie gilt eine gewisse Arbeitsteilung: Die einen machen die Gesetze, die anderen befolgen sie. Für die Staatskarossen gilt das absolute Halteverbot selbstverständlich nicht.

Seit einer halben Stunde kurve ich nun mit laut bollerndem Auspuff durch die Straßen rund um das Paul-Löbe-Haus und das Reichstagsgebäude, vor einer Viertelstunde hat die Veranstaltung angefangen. Ohne mich. Ich finde keinen Parkplatz. Ich befrage das Internet und finde heraus, dass die kostenpflichtigen Parkplätze in der weiteren Umgebung mit 22 Euro für zwei Stunden (!) zu den teuersten überhaupt gehören. Aber es gibt sowieso keine. In den Querstraßen überall absolutes Halteverbot, lässig ignoriert von den hier geparkten Staatskarossen.

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Verschwenderischer Umgang mit Flächen in teuersten Innenstadtlagen kennzeichnen das Repräsentationsbedürfnis von Potentaten jeglicher Couleur. Diese Grünfläche ergäbe einen angemessenen Besucherparkplatz…

Doch da, direkt neben dem Reichstagsgebäude ist eine großzügige Parkfläche mit vielen freien Plätzen. Als ich auf die Auffahrt fahre, stellt sich mir ein Angehöriger der Securitate – oder wie die zum Schutz der Machthaber tätigen Sicherheitskräfte hier heißen mögen – in den Weg.

“Hier können Sie nicht parken”, sagt er.

“Wieso nicht?”, frage ich.

“Hier parken nur…”

“Bonzen?”

“… Abgeordnete und Beschäftigte des Deutschen Bundestages.”

“Sag ich doch.”

Ich krame Einladung und Presseausweis hervor. Aber auch das funktioniert diesmal nicht. Normalerweise ist es ja so mit der Presse: Wir gehören zwar nicht zu den Schönen, Reichen und Mächtigen, leben aber in einer Art symbiotischer Beziehung mit Ihnen. Sie laden uns auf Empfänge und Veranstaltungen ein, wo es was zu essen gibt, sie schütteln unsere Hände und räumen uns ein paar mindere Privilegien ein, zum Beispiel eben das, mit dem Presseausweis auf Bonzenparkplätzen parken zu dürfen. Dann fühlen wir uns auch ein bisschen wichtig und mächtig, als Freund vom Minister und vierte Gewalt im Staate, und berichten im Gegenzug dann recht freundlich und verständnisvoll über unsere Freunde, die wirklich Wichtigen und Mächtigen.

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Dieser Sicherheitsbeamte ist das Fleisch gewordene “Wir müssen leider draußen bleiben-Schild”, wie man es von Supermarkttüren kennt. Eine MP hat er angeblich nicht, und sich breitbeinig in die Auffahrt stellen wollte er auch nicht. Hier gibt es Potenzial für Verbesserungen: In anderen Ländern – Weißrussland, Nordkorea, um nur einige zu nennen – machen das die Wachposten ganz von selbst.

Ich schildere dem Sicherheitsbeamten meine Probleme, einen Parkplatz zu finden und frage ihn, wo denn die Besucherparkplätze seien. Er überlegt eine Weile. Dass es keine gibt, dass Besucherparkplätze schlicht nicht vorgesehen sind, und ich offenbar der erste bin, der dreist genug ist, danach zu fragen, will er wohl nicht sagen.

“Parken Sie doch am 17. Juni”, empfiehlt er.

“Klar”, sage ich, “Und wenn ich die zwanzig Minuten zurück gelaufen bin, ist die Veranstaltung vorbei.”

Ich lasse es einfach, entscheide ich in diesem Moment. Sollen ohne mich auskommen oder beim nächsten Mal eine von den schwarzen Limos schicken. Aber eins gibt es noch zu tun. “Darf man hier fotografieren?”, frage ich den Polizisten. Man weiß ja nie. Vielleicht ist das hier eines dieser Länder, wo man auf den Auslöser drückt und dann, zack, erstmal drei Monate in einem finsteren, feuchten Verlies voller Krimineller schimmelt, bis Amnesty International einen raushaut. “Klar”, sagt der Wachmann. Durch seine freundliche Antwort ermutigt, fordere ich ihn auf, an der objektiven Berichterstattung und Meinungsbildung mitzuwirken: Ob er nicht mal seine MP holen und sich hier breitbeinig in die Auffahrt stellen könne? Das gäbe ein gutes Foto. “MP hab ich nicht”, mault er, “und breitbeinig…” Will er auch nicht. Nicht viel los mit den Sicherheitskräften hier.

Ich bollere noch eine Abschiedsrunde um das Zielobjekt, vorbei an den Staatskarossen im Halteverbot und den langen Reihen der wartenden Limousinen vor dem Eingangsbereich. Auf einmal wird mir alles klar: Die Sprache der Architektur kann so eindeutig, so unmissverständlich sein. Im Hintergrund werden die Bonzen aus ihren Sänften gehievt, und hier, hier ist der Lieferanteneingang: Eine U-Bahn-Station, flankiert von langen Reihen von Fahrradständern. Alles klar? Die mächtig Wichtigen kommen im Auto, selbstverständlich standesgemäß mit Chauffeur, das Volk, die Canaille, die Plebs und der Pöbel sollen gefälligst U-Bahn oder Fahrrad fahren. War bei Honni und Mao, bei Ceausescu und Lukaschenko doch auch so.

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Die herrschende Klasse fährt standesgemäß vor, doch auch für den Pöbel ward mit U-Bahn-Station und Fahrradständern gesorgt. Wer will da maulen, weil Parkmöglichkeiten für Besucher schlicht nicht vorgesehen sind?

Ich staune, wie genial das ist, diese sprachlose, offenherzige und so eingängige Art der Kommunikation. Und wie gut das passt zu einer Politikerkaste, die das Volk als eine Art auszubeutendes Rohstoffvorkommen ansieht, als leicht dusslige, unendlich geduldige Kuh, die mit Steuern, Sozialabgaben, Zwangsgebühren, Maut und Ordnungsgeldern zu melken ist und ansonsten demütig an den Straßenrand zu fahren hat, wenn die von 28 Motorradfahrern eskortierte Regierungskolonne Durchlass begehrt, als großen Lümmel und Cretin, den es zu maßregeln und zu erziehen gilt, und dem mit dem erhobenen Zeigefinger zu drohen ist, wenn die Wahlbeteiligung sich in den Promillebereich verschiebt, weil das ja nur an der stumpfen Teilnahmslosigkeit des Lumpenpacks liegen kann, nicht an den Angeboten, zwischen denen es wählen darf… SE

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Wartende Chauffeure vor dem Eingangsportal, im Vordergrund einige geziemende und angemessene Fortbewegungsmittel der Werktätigen.

 

2 Gedanken zu „Lupenreine Demokraten-Herrschaftsarchitektur

  1. Michael Herrmann

    Ein aus dem Leben gegriffener Bericht.
    Einstmals hatte auch ich genau dieses Parkplatzproblem an selbigem Ort, nur war ich zu einer Sozialdemokratin (aus unserer Sicht auch nicht besser) ins Paul-Löbe-Haus geladen.
    Unseren wohl gemeinsamen Freund Gregor B. kann ich mir lebhaft im Abgas des Landys vorstellen.
    Herzlichen Dank für diese äußerst erheiternde Lektüre,
    M.H.

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