Louise Gray: Die anständige Fleischfresserin

Louise Gray hat ein Sachbuch geschrieben, das mit ein wenig Augen-Zudrücken auch als Bildungsroman durchgehen würde: Ausgangspunkt der bemerkenswerten Entwicklung, die die Autorin durchläuft, ist die im Kreis ihrer urbanen Freunde halb im Scherz ausgesprochene Idee, ein Jahr lang nur Fleisch von Tieren zu essen, die sie selbst getötet hat. Sie merkt gleich, dass sie damit einen Nerv getroffen hat – Freunde und Kollegen sind fasziniert, sie spüren ihre Unwissenheit, wissen nicht, wie man ein Tier findet, schlachtet, verarbeitet und waren zugleich “hungrig nach einer Beziehung zu dem Fleisch, das sie aßen, und zur Natur im Allgemeinen”: “Mir war klar, dass ich meine Idee in die Tat umsetzen musste.”

Die ist der Auftakt zu “Richtig Tiere essen?!”, wobei der englische Originaltitel “The Ethical Carnivore” (Der ethische / moralische einwandfreie Fleischfresser) das Anliegen des Buchs besser wiedergibt. Als erstes Opfer und Repräsentanten ihrer Idee wählt Gray ein Kaninchen. Es endet im Debakel, jedenfalls fast: Beim Schuss auf das erste von ihr zu tötende Lebewesen ist Gray nervös, sie muckt und trifft zwar das Kaninchen – aber es schlägt noch einen Salto und verschwindet im Gebüsch. Louise Gray fühlt sich, als hätte sie “furchtbar etwas falsch gemacht”, als “schlechter Mensch”, der “furchtbares Leid verursacht” hat. Watership-Down-Assoziationen suchen sie heim (bezeichnenderweise machen ihr, als sie ihre Mission beginnt, immer wieder vermenschlichte Tierfiguren aus Büchern und Zeichentrickfilmen zu schaffen, die die damit verbundene infantile Gefühlswelt wachrufen), ihre Knie zittern, sie ist den Tränen sehr, sehr nahe. Während ihr Guide Steve die Suche aufgibt und in den Pub fährt, dreht Louise, schon auf der Heimfahrt, noch einmal um und sucht das Kaninchen, instinktiv jene Grundsätze befolgend, die deutsche Jäger als Weidgerechtigkeit bezeichnen. Sie zerreißt sich ihr Sweatshirt am Stacheldraht, zieht sich blutige Kratzer und Dornen im Gestrüpp zu – und findet das Kaninchen. Bei Steve und seinen Kumpels im dörflichen Pub erntet “diese merkwürdige Frau in schlammverdreckten Klamotten mit Blättern im Haar” dafür ehrliche Anerkennung. Ihre städtische Schwägerin kreischt: “Du hast ein Schmusetier getötet.”

Nach dem “Schockerlebnis mit dem Kaninchen” wendet sich Gray zunächst weniger empathieträchtigen Tierarten – Muscheln, Austern, Krebsen – zu, um sich dann langsam wieder zu steigern: Sie fängt eine Forelle, schießt eine Taube. Louise Gray ist neugierig und kommunikativ, auf jeder Station, die sie auf ihrer Bildungsreise durchwandert, redet sie mit den Protagonisten und versucht, deren Anliegen und deren Wirtschaftsweise von Grund auf zu verstehen. Sie spricht mit Austern-, Reusen und Fliegenfischern, mit Schäfern, Rinder- und Schweinezüchtern, mit Jägern, Köchen und Metzgern, den Gründern von Start-Ups in der Foodie-Szene und vielen mehr. Als Leser nimmt man an Grays Lern- und Erkenntnisfortschritten teil, und das ist, auch weil es locker, lebendig und aufrichtig geschrieben ist, sehr kurzweilig. Über ihren Versuch, das Pirschen auf Rehwild zu erlernen, schreibt sie zum Beispiel:

“Allein durch die Spurensuche und das intensive Beobachten habe ich das Gefühl, mit der Natur verbunden zu sein. Wer sich so durch die Landschaft bewegt, versteht das Ökosystem besser. In der Stadt sind wir zwar auch jeden Tag unterwegs, aber wir lassen uns von Handys und Routenplanern den Weg weisen. Wir sind so damit beschäftigt, durch das Leben zu hetzen, dass wir nicht mehr hinschauen oder lauschen. Wir haben vergessen, wie man sich draußen zurechtfindet. Ich hätte nicht erwartet, dass ich diese Lektion ausgerechnet beim Jagen lerne.”

Nach dem unvorbereiteten Besuch eines Schlachthofs zeigt Gray alle Anzeichen einer posttraumatischen Belastungsstörung, unkontrollierbares Zittern, Heulkrämpfe, Flashbacks. Nie mehr etwas essen, das aus dem Schlachthof kommt, keiner soll das sehen müssen – das sind ihre ersten Regungen. Aber die Frau, die am Anfang des Buchs mitunter gefühlig bis zur Hysterie wirkt, fängt sich wieder, macht weiter. Und lernt im Lauf des Projekts etwas sehr wesentliches: Den “Tod als Teil des großen Ganzen” zu akzeptieren. “Mir ist es lieber, dass meine Kinder Blut sehen und wissen, dass es zum Leben gehört, als dass sie ein kindisches Verhältnis zur Tierhaltung und zu Nahrungsmitteln entwickeln”, zitiert Louise Gray James Rebanks, der ein Buch über sein Leben als Schäfer geschrieben hat – überhaupt sind die Bücher und Leute, die Gray zitiert, eine ergiebige Quelle von Anregungen zum Weiterlesen, was einer der großen Vorzüge von “Richtig Tiere essen?!” ist. ” “Alles ist in Plastik verpackt, und die Leute tun so, als wäre es nie ein lebendiges Tier gewesen.”

Gegen Ende des Buchs schießt die Autorin sogar einen Hirsch und bleibt ziemlich gelassen dabei – bekanntlich die Bedingung dafür, einen sauberen, weid- und tierschutzgerechten Schuss antragen zu können. Sie ist zum Schluss nicht nur eine sehr akzeptable Jägerin geworden: “Ich habe mich von “blinden Allesfresserin”, die keine Ahnung hat, woher das Fleisch auf ihrem Teller kommt, zur “selbstgefälligen Vegetarierin” gewandelt, die erschüttert ist, wie die Tiere behandelt werden. Und nun bin ich eine “anständige Fleischesserin”, die gerne Fleisch isst, wenn das Tier auf humane Weise aufgezogen und geschlachtet wurde.” Louise Grays Bildungsreise ist (vorläufig) abgeschlossen.

“Richtig Tiere essen?!” ist bei Edel Books erschienen und kostet als gebundenes Buch 19,95 Euro (351 S., ISBN 978-3-8419-0506-2). Wenig edel, vielmehr ärgerlich, sind die vielen Fehler, die die deutsche Ausgabe verunzieren: Zu den vielen Rechtschreib- und Grammatikfehlern gesellen sich haarsträubende Übersetzungsfehler, als Beispiel ein echter Klopper gleich auf Seite 14: “Diese sogenannten gedrehten Züge geben der Kugel einen Drall und sorgen für einen präziseren Todesschuss. Büchsen werden benutzt, um Niederwild zu erlegen.” Autsch. Im Englischen Original steht da ground game, also Haarwild. SE

Eine alternative Rezension gibt es hier.

Beitragsbild: Hochsitzpflichtlektüre. Foto: SE

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