Lernen und Lärmen

Fließendes Rehisch

Nach einiger Zeit erspähe ich eine Ricke mit Kitz. Ich beschließe, an denen die Wirkung meines fließenden Rehisch auszuprobieren und sondere einige PiÄh- Laute ab. Ricke und Kitz werfen auf und äugen zu mir herüber. Dann äsen sie weiter. Meine Befürchtung, durch stümperhafte Blatt-Versuche in kürzester Zeit das Revier leerzublatten sind damit widerlegt. Ich fiepe und pi-ähe noch einige Zeit weiter, bis sich Ricke und Kitz dadurch nicht mehr im geringsten stören lassen. Ein Bock lässt sich aber auch nicht blicken. Meine Enttäuschung mühsam bemeisternd berichte ich dem Experten von dem erneuten Misserfolg.

„Nicht lange herumfiepen“, rät er, „Mach lieber gleich richtig Alarm: Angstgeschrei, ab und zu einen Zweig knicken und mit den Füßen im Laub rascheln, das bringt‘s!“ Mit diesem Konzert – dem sogenannten Eifersuchtsblatten – simuliert der Jäger die Geräuschkulisse einer nicht ganz einvernehmlichen Paarung unter Rehen. Die von einem brunftigen Bock schwer bedrängte Ricke stößt dabei das Angstgeschrei aus. Die dadurch ausgelöste Eifersucht bringt zu Beginn der Blattzeit die lüsternen Platzböcke, zu deren Ende die abgekämpften Recken auf die Läufe.

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Starr vor Staunen

„Probiere ich mal aus“, denke ich mir. Einige Tage später, beim nächsten Ansitz an der selben Stelle war es dann soweit. Nachdem ich meinen Platz eingenommen hatte, wartete ich die obligatorischen Anstandsminuten ab. Dann stimmte ich das Große Angstgeschrei an. Kaum hatte ich die Strophe beendet, hörte ich es im Wald hinter mir rauschen und knacken. Ein starker Sechser wechselte wutentbrannt an, brach aus dem Dickicht und funkelte böse in Richtung des vermeintlichen Konkurrenten.

Starr vor Staunen glotzte ich zurück. Ich war dermaßen baff, dass ich darüber völlig vergaß, wozu die ganze Übung diente. Die Waffe hielt ich umklammert, ohne einen Gedanken daran zu wenden, sie in Anschlag zu bringen. Der Wind küselte, schreckend sprang der Bock ab. Noch geraume Zeit strich er misstrauisch um meinen Blattstand herum.

Seitdem weiß ich: Blatten funktioniert. Und noch etwas habe ich gelernt: Ein wenig Übung und fachkundige Anleitung helfen enorm. Als ich im nächsten Jahr zum Bockansitz am 1. Mai eingeladen wurde, ging ich natürlich trotzdem hin. Aber einen Moment lang habe ich überlegt, ob ich nicht mit dezent gönnerhafter Miene absagen sollte: Von wegen ich schieße meine Böcke halt lieber in der Blattzeit, von wegen gesteigertes jagdliches Erleben und mehr jägerisches Können und so…       Stephan Elison

Ein Gedanke zu „Lernen und Lärmen

  1. Gottfried Schnurr

    Netter Bericht, die eigene Erfahrung ist meist zielführender als zahlreiche Herstellerversprechen von diversen Blattinstrumenten auf diversen Jagdmessen. Ich möchte jedem meiner Mitjäger die Geschilderte ohne meine Methode wärmstens ans Herz legen. Allerdings bevorzugte ich vom ersten Moment an das echte Blatt als Lockinstrument. Was ich selbst in über 20 Jahren Jagdpraxis für nicht erreichbar hielt, trat dann mit Hilfe eines erfahrenen Blattjagdspezialisten (auf DVD) doch noch ein. Zum Leidwesen meiner unmittelbaren Nachbarn und meiner Familie, war doch das Einüben der Fieplaute, der Sprengfieplaute und das Angstgeschrei im Garten oder im Haus immer weittragend zu vernehmen. Aber mein Verständnis für diverses Kopfschütteln und Rufe aus der Nachbarschaft lohnten sich schon letztes Jagdjahr im Brandenburgischen und in meinem alten Odenwaldrevier. Ich habe drei Tips : Blätter nur von der Rotbuche oder Blutbuche, Üb-DVD bestellen direkt beim Blattmeister (Werbung entfernt, admin) und üben, üben, üben…, und last but not least der “Müllersche Rehwildkalender”.
    Bei ausreichendem Üben stellt sich der Erfolg von Alleine ein, ich war selbst überrascht und bin es immer noch. Ich kann meinem Vorredner bestätigen, Blattjagd ist spannendste Erlebnisjagd !

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