Lernen und Lärmen

„Das funktioniert nicht!“

Als die Dinger endlich eintrafen, gab es kein Halten mehr: In jeder halbwegs aussichtsreichen Ecke des Reviers saß einer und befingerte mit vor Aufregung feuchten Händen die weichen, warmen, schwarzen Rundungen des Buttolo-Blatters. Mit jedem Druck der zittrigen Finger entfuhr dem Gummibalg ein tierischer Lustschrei – hofften wir zumindest. Doch das gewünschte Resultat blieb aus. Wie wir auch quietschten, fiepten und pi-ähten: Es ist nicht überliefert, dass dadurch auch nur ein Böckchen zur Strecke kam. Gab es keine Rehböcke mehr? Hatten sie so schnell dazu gelernt? Was machten wir falsch? Die wahrscheinlichste Erklärung ist wohl, dass die aussichtsreichste Zeit für die Blattjagd in diesem Jahr schlicht vorbei war.

Einigen meiner Mitjäger reichte diese entmutigende Erfahrung bereits, um den Blatter für alle Zeiten in irgendeiner Schublade verstauben zu lassen. Wir anderen probierten es im nächsten Jahr nochmal. Ohne Erfolg. „Du musst einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, dann ist es auch egal, wie Du das rumfiepst“, mutmaßte einer. Demnach wären alle von uns aufgesuchten Orte und alle Zeiten die falschen gewesen. „Das funktioniert einfach nicht!“, resignierte ein anderer.

Auch meine Blattjagd-Begeisterung legte sich vollständig, nachdem es mir bei allem heißen Bemühen nicht gelungen war, auch nur einen Knopfbock aus dem Gebüsch zu locken.

Hohe Erwartungen

Das blieb auch so, bis ich – Jahre später – einen Experten traf: Lockjagdfreak und ein großer Freund der Blattjagd. Besagter Experte pflegte gern mit den starken Böcken zu prahlen, die er – wie er behauptete – allesamt durchs Blatten vor die Büchse zitiert habe. Die entsprechenden Bildergalerien belegten etliche Gigabyte Speicher auf seinem Notebook, und wer keine gute Ausrede parat hatte, musste sie sich mehr als einmal ansehen.

Er würde den Bock überhaupt nur noch in der Blattzeit bejagen, erklärte der Experte. Das sei doch viel reizvoller, als ihn schnöde im Mai vom Ansitz zu erlegen oder gar – der Experte zieht ein angewidertes Gesicht – im Herbst auf der Drückjagd. Nur die Blattjagd biete derart gesteigertes Erleben, da zähle noch das jägerische Können. Nachdem ich diesem Vortrag einige Male gelauscht hatte, war meine Skepsis sturmreif geschossen. Verzagt erwähnte ich meinen Buttolo-Blatter. „Eher was für Anfänger!, urteilte der Experte. Ich solle mir einen Mundblatter besorgen: „Mit denen bist du nicht so begrenzt in den Tönen, wie mit dem Gummiball.“

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Foto: SE

Ich beschließe, der Blattjagd noch eine Chance zu geben und bestelle einen Rehwild-Mundblatter nebst dazugehöriger CD. Auf dieser sind nicht nur die verschiedenen einschlägigen Lautäußerungen des Rehwilds zu hören, sondern auch wertvolle Hinweise, welcher Laut wann, wie oft und mit welchen Pausen dazwischen zu spielen ist. Hingebungsvoll übe ich zu Hause, im Auto, bei der Arbeit.

Nach einigen Tagen habe ich das Gefühl, dass ich die Sprache der Rehe einigermaßen beherrsche und finde mich beim Experten zum Vorspiel ein. Der ist – was zu erwarten war – noch nicht ganz zufrieden:Der Kitzfiep sei „zu lang gezogen“, moniert er – „Das ist doch kein Kitzfiep, da steht eher der Mäusebussard zu!“, das Angstgeschrei noch zu verhalten. Nach einer Stunde gemeinsamen Lernens und Lärmens entlässt er mich dann aber in die freie Wildbahn.

Als die Blattzeit endlich herangerückt ist, nehme ich mit ziemlich hohen Erwartungen den niedrigen, gut getarnten Drückjagdbock an der Wald-Feld-Kante ein, die ich für mein erneutes Blattjagd-Experiment auserkoren habe.

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Ein Gedanke zu „Lernen und Lärmen

  1. Gottfried Schnurr

    Netter Bericht, die eigene Erfahrung ist meist zielführender als zahlreiche Herstellerversprechen von diversen Blattinstrumenten auf diversen Jagdmessen. Ich möchte jedem meiner Mitjäger die Geschilderte ohne meine Methode wärmstens ans Herz legen. Allerdings bevorzugte ich vom ersten Moment an das echte Blatt als Lockinstrument. Was ich selbst in über 20 Jahren Jagdpraxis für nicht erreichbar hielt, trat dann mit Hilfe eines erfahrenen Blattjagdspezialisten (auf DVD) doch noch ein. Zum Leidwesen meiner unmittelbaren Nachbarn und meiner Familie, war doch das Einüben der Fieplaute, der Sprengfieplaute und das Angstgeschrei im Garten oder im Haus immer weittragend zu vernehmen. Aber mein Verständnis für diverses Kopfschütteln und Rufe aus der Nachbarschaft lohnten sich schon letztes Jagdjahr im Brandenburgischen und in meinem alten Odenwaldrevier. Ich habe drei Tips : Blätter nur von der Rotbuche oder Blutbuche, Üb-DVD bestellen direkt beim Blattmeister (Werbung entfernt, admin) und üben, üben, üben…, und last but not least der “Müllersche Rehwildkalender”.
    Bei ausreichendem Üben stellt sich der Erfolg von Alleine ein, ich war selbst überrascht und bin es immer noch. Ich kann meinem Vorredner bestätigen, Blattjagd ist spannendste Erlebnisjagd !

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