Lernen und Lärmen

Blattjagd funktioniert nicht. Dachte ich. Bis ich eines besseren belehrt wurde. Ein Selbsterfahrungsbericht.

 Vor einigen Jahren bejagte ich mit Freunden ein Revier am südlichen Stadtrand Berlins. Jogger, Mountain-Biker, Reiter, Spaziergänger, Geocacher und Nordic-Walker waren sieben Tage die Woche 24 Stunden lang präsent. Jede Nacht lieferten heimliche Gestalten ausgediente Kühlschränke, Waschmaschinen und Couchgarnituren an, und hinter jedem Gebüsch waren poppende Pärchen zu Gange.

Sämtliche Bewohner der angrenzenden unedlen Stadtteile ließen ihre Hunde dort frei laufen, weshalb wir in regelmäßigen Abständen zu Tode gehetzte Rehe aus Zäunen zerren mussten. Einmal hatte sich eine kleine, unerschrockene Jagdgesellschaft im Revier versammelt, die „Mörder! Tierquäler!“-Rufe nahmen wir schon gar nicht mehr wahr. Der Wind stand ungünstig und wehte übelriechende Miasmen vom Klärwerk Waßmannsdorf herüber, Flugzeuge im Landeanflug auf den Flughafen Schönefeld donnerten haarscharf über unsere Köpfe hinweg. „Ach“, sagte einer, „es ist einfach ein herrliches Fleckchen Erde!“,und wir lachten uns kaputt.

Geheimnisvoller Gummiball

Warum wir trotzdem (u.a.) dort jagten? Nun, es war eins der wenigen Reviere im Berliner Umland, in dem es noch einigermaßen üppig Niederwild gab: Hasen, Fasane, Enten – und Rehwild ohne Ende. Leider waren die Rehe aufgrund der eingangs beschriebenen Umtriebe nicht so einfach zu bejagen: Erst wenn sich der größte Trubel gelegt hatte, steckten sie vorsichtig die Häupter aus den dichten Feldholzinselchen, in denen sie tagsüber Deckung fanden.

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Klärwerk Wassmannsdorf: Jagen neben 300.000 Kubikmetern Scheiße…

Wenn sie austraten, war es fürs Ansprechen und Schießen meist schon zu dunkel. Wer einen Rehbock zur Strecke bringen wollte, vertändelte manche Stunde bei vergeblichen Ansitzen, es verging auch schon mal ein Jagdjahr ohne Weidmannsheil auf den Bock – trotz reichlichen Bestands. Und was zur Strecke kam, war überwiegend jung und unerfahren.Dann, eines schönen Tages Ende Juli, kam ein Jagdgast zu Besuch. Er war leidenschaftlicher Rehwildjäger und hatte für ein Wochenende freie Büchse im Revier. Samstag früh ging er auf Morgenansitz, Samstag Abend hatte er drei brave Böcke gestreckt.

Auf unsere, mit ungläubigem Staunen vorgebrachte Frage, wie er das fertig gebracht habe, zog er einen schwarzen Gummibalg aus der Tasche, der, wenn man ihn mit Daumen und Zeigefinger zusammenquetschte, ein misstönendes Quietschen von sich gab: Es handelte sich um einen Buttolo-Blatter. Damit, so versicherte der Jagdgast, habe er die scheuen Böcke aus ihren Einständen hervorgelockt. Noch am selben Tag ging beim örtlichen Jagdausstatter eine Großbestellung ein: Jeder, der in dem Revier jagte, wollte auch so ein Teil haben und zwar sofort.

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Ein Gedanke zu „Lernen und Lärmen

  1. Gottfried Schnurr

    Netter Bericht, die eigene Erfahrung ist meist zielführender als zahlreiche Herstellerversprechen von diversen Blattinstrumenten auf diversen Jagdmessen. Ich möchte jedem meiner Mitjäger die Geschilderte ohne meine Methode wärmstens ans Herz legen. Allerdings bevorzugte ich vom ersten Moment an das echte Blatt als Lockinstrument. Was ich selbst in über 20 Jahren Jagdpraxis für nicht erreichbar hielt, trat dann mit Hilfe eines erfahrenen Blattjagdspezialisten (auf DVD) doch noch ein. Zum Leidwesen meiner unmittelbaren Nachbarn und meiner Familie, war doch das Einüben der Fieplaute, der Sprengfieplaute und das Angstgeschrei im Garten oder im Haus immer weittragend zu vernehmen. Aber mein Verständnis für diverses Kopfschütteln und Rufe aus der Nachbarschaft lohnten sich schon letztes Jagdjahr im Brandenburgischen und in meinem alten Odenwaldrevier. Ich habe drei Tips : Blätter nur von der Rotbuche oder Blutbuche, Üb-DVD bestellen direkt beim Blattmeister (Werbung entfernt, admin) und üben, üben, üben…, und last but not least der “Müllersche Rehwildkalender”.
    Bei ausreichendem Üben stellt sich der Erfolg von Alleine ein, ich war selbst überrascht und bin es immer noch. Ich kann meinem Vorredner bestätigen, Blattjagd ist spannendste Erlebnisjagd !

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