KWF zertifiziert Keilerschutzhosen

Weitgehend unbemerkt von der Weltöffentlichkeit hat das Kuratorium für Waldarbeit und Forsttechnik e.V. (KWF) in Zusammenarbeit mit der Berufsgenossenschaft Nahrungsmittel Gastgewerbe (BGN) ein Prüfverfahren für Keilerschutzhosen entwickelt. Bereits im Februar 2016 hatte das KWF u.a. auch die JAWINA-Redaktion zu einem Workshop geladen, bei dem die zuvor an verschiedenen Materialien vorgenommenen Versuche zur Ausgestaltung der Prüfverfahren diskutiert werden sollten. Das Prüfverfahren mit dem Titel “Technische Spezifikation zur Prüfung von Keilerschutzhosen” ist mittlerweile fertiggestellt, es sind bereits fünf Keilerschutzhosen nach diesem Prüfgrundsatz zertifiziert worden. Durchläuft eine Keilerschutzhose erfolgreich das Testverfahren, so wird dies dem Hersteller mit einer EG-Baumusterbescheinigung bestätigt.

Um das KWF-Zeichen zu erhalten, muss die Keilerschutzhose zusätzlich noch einen Praxistext bestehen: “Zu diesem Zweck werden fünf Schutzhosen an fünf Testpersonen herausgegeben” berichtet Lars Nick, der beim KWF für die Prüfung von Keilerschutzhosen zuständig ist. “Der Hersteller kennt diese Personen nicht. Die Testpersonen tragen die Hosen über einen gewissen Zeitraum, in der Saison im Herbst mindestens drei Monate, außerhalb dieser Zeit entsprechend länger. Die Testpersonen geben uns Einschätzungen und Urteile ab, die wir in einem Prüfbericht verarbeiten.”

Die Zertifizierung muss vom Hersteller der Keilerschutzhose beantragt werden – wenn eine Schutzhose nicht aufgeführt bzw. nicht zertifiziert ist, heißt das also nicht, dass die schlecht ist oder durchgefallen ist, sondern eben nur, dass sie bisher nicht zertifiziert wurde. Gerade die Kombination aus EG-Baumusterprüfung und KWF-Praxistest ermöglicht eine sachlich fundierte Einschätzung der Qualitäten der getesteten Ausrüstung und bietet eine wertvolle Entscheidungshilfe, wenn der Kauf einer immerhin einige hundert Euro teuren Keilerschutzhose ansteht.

Die bisher zertifizierten Hosen sind in dieser Tabelle aufgelistet, um zu den Ergebnissen zu gelangen, muss in der Spalte “Objektgruppe” der Begriff “Keilerschutz” ausgewählt werden.

Liste zertifizierter Keilerschutzhosen auf der Internetseite der Deutsche Prüf-und Zertifizierungsstelle für Land-und Forsttechnik (DPLF).

Die mit dem KWF-Zeichen ausgezeichneten Keilerschutzhosen und die ausführlichen Prüfberichte dazu sind hier nachzulesen:

Keilerschutzhosen mit KWF-Zeichen auf der Internetseite des KWF. (Screenshot)

Kern des Prüfverfahrens für die Zertifizierung ist die Überprüfung der Durchstichfestigkeit des Schutzmaterials. Dafür wird die nach Herstellervorschrift fünf Mal gewaschene Hose mit einem Keilerzahnimitat malträtiert:

Beschreibung des Keilerzahnimitats in der Prüfvorschrift. (Screenshot)

Die Prüfapparatur bei der BGN ist auf dem Beitragsbild zu sehen. Der Keilerzahn prallt aus einer “nominellen Fallhöhe” von 650 mm (Prüfvorschrift)  auf das Gewebe, “um einen Aufprall von (7,05 ± 0,2) J herbeizuführen. Alle Konstruktionsarten innerhalb des Schutzbereiches müssen getrennt in zehn Fallprüfungen geprüft werden.”

Auf eine wichtige Einschränkung wird in der Einleitung zur Prüfvorschrift hingewiesen: “Die Keiler schlagen mit Ihren Waffen (den großen und gebogenen Eckzähnen) auf die Beine, weibliche Wildschweine beißen. Das führt zumindest zu Hämatomen, kann aber auch große Schnittwunden zur Folge haben, wenn der Eckzahn in das Bein des Verunfallten eindringt, oder Quetschungen, wenn das Tier beißt. Eine Keilerschutzhose soll vor den Stich-/Schnittverletzungen schützen, bietet aber kaum Schutz vor Bissen z.B. durch weibliches Schwarzwild und Hunde.”

Im Vorfeld des eingangs erwähnten Workshops hatte JAWINA angeregt, den Herstellern von Keilerschutzhosen die Verpflichtung aufzuerlegen, genau anzugeben, welche Bereiche durch die Hose geschützt werden. Hier gibt es nämlich beträchtliche Unterschiede: Manche Hosen bieten echten Rundumschutz, bei anderen sind nur die Vorder- und Innenseiten der Oberschenkel geschützt. Nicht immer ist das leicht zu erkennen, da bei einigen Produkten das Stichschutzgewebe unter einem den Tragekomfort erhöhenden Innenfutter verborgen ist. Diese Anregung wurde leider nicht aufgenommen, stattdessen wurden Mindestabmessungen des Schutzbereichs in der Technische Spezifikation zur Prüfung von Keilerschutzhosen festgelegt.

Mindest-Schutzbereich bei Keilerschutzhosen in der Prüfvorschrift. (Screenshot)

Wer sich eine Keilerschutzhose zulegen möchte, sollte sich also im Vorfeld überlegen, welchen Schutz er braucht/möchte und sich im Zweifel beim Hersteller erkundigen, welche Bereiche durch das jeweilige Modell geschützt werden. SE

Beitragsbild: Prüfstand für die Durchstichprüfung von Keilerschutzhosen bei der BGN. Quelle: KWF/BGN/Lars Nick

3 Gedanken zu „KWF zertifiziert Keilerschutzhosen

  1. Anko

    Wenn ich es richtig verstehe, fällt der imitierte Keilerzahn mit einem Gewicht von 105,3 Gramm mit der Spitze aus einer Höhe von 65 cm auf das Prüfstück, “um einen Aufprall von (7,05 ± 0,2) J herbeizuführen.“

    Die zur Prüfung damit einwirkende Energie von knapp 7 Joule – der Wert entspricht der maximal zulässigen Mündungsenergie freier Luftdruckwaffen – erscheint schon etwas knapp wenn man bedenkt, dass der real schlagende Keilerzahn von einer an Sau im Gewichtsbereich ab Alterklasse 2 geführt wird, die entweder “nur” schlagend oder in vollem Lauf die Waffen anträgt.

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  2. Ralf

    Die maximale Mündungsenergie von EWB-freien Luft- und Federdruckwaffen beträgt in Deutschland zwar 7,5 Joule.
    Dennoch teile ich Anko’s Bedenken. Die Frage ist, ob dieses Prüfverfahren auch den Einsatz der Keilerwaffen eines Hauenden Schweines bei dessen vollem Einsatz der Nackenmuskulatur berücksichtigt.
    Und ich frage mich, warum das Modell meiner Pfanner-Nachsuchenhose (aktuelles Modell) nicht geprüft wurde. Es ist in Deutschland weitläufig im Einsatz. Ich bitte um Nachberichtung.

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    1. Kuratorium für Waldarbeit und Forsttechnik e.V. (KWF)

      Vielen Dank für den Beitrag und die Nachfragen. Dazu haben wir Herr Elison einige Fragen beantwortet, die sicher noch in den Beitrag eingearbeitet bzw. ergänzt werden.

      Ein kurzer Kommentar zu der diskutierten Energie: Leider konnten wir die Energie eines Keilerangriffs nicht messen bzw. haben auch keine Literaturangaben recherchieren können. Sollte dazu jemandem eine Quelle vorliegen, sind wir daran interessiert. Zu bedenken ist aber: Der Keiler läuft nicht gegen eine Wand, sondern ein Bein, welches nachgibt und dadurch die Energieübertragung reduziert. Die Prüfvorschrift für Fleischerei-PSA – an der wir uns zu Beginn orientiert haben – geht von der Energie mit einem abrutschenden Ausbeinmesser aus. Spätere Tests mit Hosen, die einem echten Unfall standhielten, bestätigten unsere Werte.
      Klar ist aber auch: Jeglicher Schutz vor mechanischen Risiken ist begrenzt. Ein Industrieschutzhelm ist auch überlastet, wenn es nicht um den typischen Unfallhergang geht, sondern der herabfallende Stein aus dem dritten Stock kommt.

      Die Frage nach der Pfanner-Nachsuchenhose ist schnell zu beantworten: Weil der Hersteller sie nicht bei uns zum Test angemeldet hat. Die Prüfung beim KWF ist freiwillig. Wenn ein Hersteller jedoch eine Schutzwirkung verspricht, (z.B. durch die Bezeichnung “Sauenschutzhose”), muss er eine EU-Baumusterprüfung nachweisen. Das Zertifizierungsangebot ist allerdings auch noch recht neu, so dass die Produkte erst nach und nach geprüft werden.

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