Kommunen warnen vor Umwandlung von Wald in Wildnis

Das Bundesumweltministerium (BMUB) und Umweltverbände arbeiten auf die Errichtung von Wildnisgebieten in Deutschland hin. Im Fokus stehen 337 große Waldgebiete. Bis 2020 sollen Kommunen 10 % ihrer Wälder aus der forstlichen Nutzung nehmen und für Wildnis zur Verfügung stellen. „Obwohl auf europäischer Ebene der Stilllegung von Wäldern eine klare Absage erteilt wird, sollen in Deutschland große Waldgebiete in Wildnis umgewandelt werden. Die Wildnispläne des BMUB lassen dabei wissenschaftliche und internationale Entwicklungen weitestgehend außer Acht. Deshalb lehnen waldbesitzende Kommunen einen deutschen Sonderweg ab. Sollten die Pläne des BMUB verwirklicht werden, müssen sich Bürger, Waldbesitzer und Kommunen auf gravierende Veränderungen einstellen. Wildnis nach EU-Standards bedeutet: Verbot von Tourismus, Forst-, Land- und Weidewirtschaft, Jagd, Waldbrand- und Borkenkäferbekämpfung, Beeren- und Pilze sammeln. Gebäude und Straßen müssen in den Kernzonen entfernt werden“, so der Vorsitzende des Gemeinsamen Forstausschusses „Deutscher Kommunalwald“, Verbandsdirektor Winfried Manns (Mainz) und der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, Dr. Gerd Landsberg, anlässlich der Bundestagung des Gemeinsamen Forstausschusses „Deutscher Kommunalwald“ am 27. Juni 2016 in Iphofen. Bereits im Jahr 2009 habe das EU-Parlament in der Begründung zur Entschließung über Wildnisgebiete darauf hingewiesen, dass das Konzept Wildnis im urbanen europäischen Raum an seine Grenzen stoße: „Wir müssen die Natur schützen, jedoch durch menschliche Nutzung“. Die Fläche Europas sei zu klein, um Bürgern den Zugang zu bestimmten Gebieten zu verbieten.

In der „EU-Strategie für Wälder und den forstbasierten Sektor“ des Europäischen Parlaments vom 28. April 20152 werde ausdrücklich die große Bedeutung einer nachhaltigen Forstwirtschaft genannt. Forstwirtschaft sei unverzichtbar, um die gesellschaftspolitischen Ziele der EU bei der Energiewende, dem Klimawandel und der biologischen Vielfalt zu erreichen.

Bestätigt fühlen sich die kommunalen Waldbesitzer in ihrer Kritik jetzt auch durch das im Mai 2016 veröffentliche Umweltgutachten des Sachverständigenrates für Umweltfragen (SRU). Zwar begrüße der SRU mehr Wildnis in Deutschland, weise aber gleichzeitig auf die Probleme hin. So stehe der mit der Ausweisung von Wildnisgebieten einhergehende Nutzungsverzicht im Konflikt mit den wirtschaftlichen Interessen der Flächennutzer. Durch die Aufgabe der Bewirtschaftung entständen Einkommensverluste. Diese beträfen insbesondere die Forstwirtschaft und die Holzverarbeitung, aber auch die Landwirtschaft, die Fischerei und bestimmte touristische und sportliche Nutzungsformen.

Wirtschaftliche Konflikte könne es aus Sicht des SRU auch mit Kommunalwäldern geben. So erwirtschafteten einige Kommunen einen nicht unerheblichen Teil ihrer Einkünfte durch die Holznutzung. Die regionale Wirtschaft könne über indirekte Effekte negativ betroffen sein. Beispielsweise könne es sein, dass das Holzangebot reduziert werde, mit Auswirkungen auf die zuliefernden und weiterverarbeitenden Betriebe, wie Sägewerke und Holztransportunternehmen, bei denen es zu Einkommensverlusten kommen kann.

Unterstützung erwarten die kommunalen Waldbesitzer vom Bundeslandwirtschaftsministerium, das weitere obligatorische Stilllegungen von Waldflächen nicht für sinnvoll hält. „Wir haben das Bundeslandwirtschaftsministerium jetzt gebeten, ein geeignetes Institut mit der Berechnung der volkswirtschaftlichen Gesamtkosten der Wildnispläne des BMUB zu beauftragen. Wir wollen wissen, wie viel Wildnis mit der angespannten öffentlichen Haushaltslage von Bund und Ländern noch vereinbar ist“, so Manns und Dr. Landsberg. Von den 11,4 Mio. Hektar Wald in Deutschland sind 48% Privatwald. 29% des Waldes sind im Eigentum der Länder, 19% im Eigentum von Körperschaften und 4% im Eigentum des Bundes. PM

Beitragsbild: Waldwildnis. Copyright: SE

3 Gedanken zu „Kommunen warnen vor Umwandlung von Wald in Wildnis

  1. Hans-Dieter Pfannenstiel

    Es gibt aktuell knapp 7,5 Milliarden Menschen auf der Erde mit stark steigender Tendenz. Wie könnte es da ein Zurück in den Garten Eden geben? „Wildnis“ ist kein Fachterminus der Ökologie, sondern ein Begriff aus der Alltagssprache. Die bei http://www.wildnisindeutschland.de vereinten Wildnisstrategen verstehen darunter offenbar eine Naturlandschaft, die weitestgehend vom Menschen unbeeinflusst ist und bleibt. Wie das in Deutschland mit knapp 230 Menschen auf einem km2 (100 Hektar) bei den relativ kleinen Flächen, die Wildnis werden sollen, funktionieren könnte, bleibt deren Geheimnis. Es wird in Mitteleuropa keine Flächen geben, denen man alle Einflüsse des Menschen dauerhaft ersparen könnte. Auch auf 5000 Hektar Wildnis wird weiterhin reichlich Stickstoff aus der Luft eingetragen. Die dort zu erwartenden oder bereits vorhandenen Konzentrationen mancher Tierarten (z. B. Wildschwein, Rothirsch, Reh) erfordern weiterhin ständige Bejagung. In allen deutschen Nationalparks wird regulär und intensiv gejagt. Hier offenbart sich ein grundsätzliches Dilemma des Naturschutzes. Eine Maxime lautet „Natur Natur sein lassen“ eine andere Maxime fordert „Pflege- und Entwicklungspläne“, wenn sich ein Gebiet natürlicherweise in eine andere Richtung entwickelt, als es die Wildnisstrategen möchten. So soll beispielsweise das Zuwachsen offener Flächen in ehemaligen Truppenübungsplätzen durch allerlei dubiose Konzepte verhindert werden. Sogar vor dem kontrollierten Abbrennen schreckt man da nicht zurück. Und äußerst fraglich ist auch, ob das mit Pflege- und Entwicklungsplänen verfolgte Ziel nicht bereits menschengemacht ist. In welchen Zustand will man denn die so gepflegten Flächen versetzen? Sollen sie so aussehen wie vor 500, vor 5000 oder vor 50000 Jahren?

    Es wird argumentiert, Wildnis helfe beim Kampf gegen den Klimawandel. Derzeit kann man noch ca. ein Viertel bis ein Drittel der Erde als Wildnis bezeichnen. Dennoch gibt es die globale Erwärmung. 5000 Hektar Wildnis in Deutschland sind daneben vergleichsweise weniger als ein Mückenschiss auf einem Fußballplatz. Auf ihrer Website sagen die Wildnisstrategen: „Je wilder die Natur ist, desto besser gefällt sie vielen Menschen. Wildnisgebiete bieten ein Gegengewicht zur stark genutzten Kulturlandschaft. Körper und Seele kommen zur Ruhe. Deshalb sind Wildnisgebiete weltweit beliebte Ausflugs- und Urlaubsziele, ziehen Touristen und Künstler an und stärken ländliche Regionen.“
    Ist das nicht pervers, wenn man sich die Definition von Wildnis anschaut?

    Selbstverständlich ist es sinnvoll, auch in unserer hochzivilisierten Kulturlandschaft Mitteleuropas die Biodiversität zu schützen und zu fördern. Aber doch bitte mit Augenmaß und nicht über die Eigentums- und Nutzungsrechte der Menschen hinweg. Wollen wir in Deutschland so etwas haben wie das sogenannte Naturentwicklungsgebiet Oostvaardersplassen in den Niederlanden? Das sollten sich die Wildnisstrategen mal genauer und vorurteilsfrei anschauen.

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  2. D. Spengler

    Wenn man bedenkt, dass ein sich selbst überlassener Wald CO2 neutral ist, so ist der Vorschlag den Klimawandel mit einer “Wildnis” (ich sträube mich noch gegen diesen Begriff in diesem Zusammenhang) abzuschwächen geradezu absurd.
    Ein Baum bindet in seinem Lebenszyklus genausoviel CO2, wie er beim Absterben und Verrotten wieder frei gibt. Wir würden im dicht besiedlten Europa damit nur neutrale Flächen schaffen, die das übrige natürliche Gleichgewicht zusätzlich stören. Der Platz für solche (ich nenne sie mal:) Freiflächen ist äußerst begrenzt und würde nicht annähernd für ein gesundes autarkes Ökosystem reichen. Seuchen und invasive Arten wären sie Folge. Wir haben schon lange keinen autarken Naturkreislauf mehr und nur durch Menschenhand, die regulierend eingreift haben wir eine Chance auf Biodiversität und Erhaltung heimischer Flora und Fauna.
    Zumal wir in einer Welt leben, in der etwas unwirtschaftliches sehr schnell uninteressant wird (ich rede von der Allgemeinheit, Jäger überspringen diesen Absatz einfach!). Wenn ein Wald/Besitz also nur Kosten verursacht, wer kümmert sich dann darum? Und mit Laissez-faire gibt man sämtliche regulierenden Zügel aus der Hand. Wenn man diesen Weg also einschlägt, gibt es kein Zurück mehr.
    Ich denke solch einen “Naturschutzansatz” ist sehr gefährlich und sehe ihn als zusätzlichen Ansatz für die Industrie sich den CO2 Ausstoß weiter schön zu rechnen.

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  3. Lars

    Ein “natürliches Gleichgewicht” gibt es auf diesem Planeten nicht und hat es auch nie gegeben. Darüber ist sich die ernsthafte (sic!) wissenschaftliche Fachliteratur seit dem letzten Jahrtausend bereits einig. Wer so argumentiert, macht sich in der Öffentlichkeit schnell lächerlich, wenn er mit richtigen Fachleuten reden muss.

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