Kommentar: Pilgerreise ins Wolfsgebiet – Rituale der Symbolpolitik

Einem uralten Brauch des Politikbetriebs folgend finden sich Politiker an Katastrophenschauplätzen ein, magisch angezogen von anderer Leute Unglück wie Geier von einem Kadaver oder Fliegen von – lassen wir das. Ob Flutwelle, Wirbelsturm, Feuersbrunst oder nun eben ein “verheerender Wolfsangriff”: Der Landesvater wird zwecks medienwirksamer Inszenierung eingeflogen, mit den Insignien des Katastrophentourismus ausstaffiert wie nagelneuen Gummistiefeln, einer neckischen Warnweste oder einem Sicherheitshelm in Signalfarbe, damit er vor laufenden Kameras gütig lächelnd Hände schütteln kann von Helfern und Betroffenen, denen es nicht gelang, schnell genug das Weite zu suchen. Da die bei dieser Gelegenheit üblicherweise gegebenen Hilfszusagen genauso gut, aber bequemer und kostensparend von der heimischen Staatskanzlei aus abgegeben werden könnten, ist die Anwesenheit von Politikern am Ort des Geschehens natürlich komplett nutzlos, wenn man einmal davon absieht, dass sie die Aufmerksamkeit jener anderen, von katastrophischem Zerfall sich nährenden Gattung, der Journalisten, auf sich ziehen und jene somit wenigstens zeitweise davon abhalten, die Rettungskräfte bei der Arbeit zu behindern.

Dank des sattsam bekannten und in schöner Regelmäßigkeit zur Aufführung gebrachten Rituals gehört keine ausgeprägte prophetische Gabe dazu, den Ablauf des für Freitag angekündigten Besuchs des sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer bei der Naturschutzstation Ostsachsen präzise vorherzusagen. Nur 61 von 151 Tieren haben einen Wolfsangriff auf den Flächen der Naturschutzstation am vergangenen Dienstag überlebt. Mit gründlich einstudiertem und routiniert zur Schau gestelltem Betroffenheitsgesicht wird Kretschmer auf den Weiden und Wiesen mit Schäfern und Naturschützern sprechen und ihren Problemen verständnisvoll mit dem Kopf nickend ein Ohr leihen. Die wenig fotogenen Kadaver der gerissenen Schafe und Ziegen, darunter auch 39 Moorschnucken, die im Gegensatz zum Wolf übrigens wirklich eine bedrohte Art darstellen, werden bis dahin natürlich weggeräumt sein. Dergleichen liefert keine schönen Bilder, das will ja niemand sehen.

Kretschmer wird “schnelle und unbürokratische Hilfe” in Aussicht stellen und, ja, er wird “den Bund in der Pflicht sehen”, wahlweise “endlich ein wirksames Wolfsmanagement zu ermöglichen” oder “Maßnahmen gegen die hohe Wolfsdichte” zu ergreifen. Wie gut trifft es sich, dass sich das komplizierte Geflecht aus Lokal-, Landes-, Bundes- und EU-Zuständigkeiten von Politikern aller Couleur als perfekte Verantwortungs-Delegierungs-Maschinerie instrumentalisieren und missbrauchen lässt: Die eigentliche unpopuläre Drecksarbeit, die Entscheidung über die Entnahme sogenannter “Problemwölfe” wird auf die kleinsten und schwächsten Akteure abgewälzt, die oftmals überforderten, furchtsamen oder unwilligen Landkreise und Landratsämter. Die der Wut der Bevölkerung in den Wolfsgebieten am unmittelbarsten ausgesetzten Lokalakteure appellieren an die Landesregierung, die sich für unzuständig erklärt und den schwarzen Peter an den Bund weiterreicht, der wiederum in einer Art Dauerschleife betont, dass eine Regelung nur auf EU-Ebene möglich sei.

Natürlich wissen alle Betroffenen längst, dass das gelogen ist, da in diversen EU-Ländern eine Bejagung oder Regulierung oder ein Management – wie immer man es auch nennen möchte – der rasant zunehmenden Wolfspopulation durchaus möglich ist. Natürlich wissen alle Betroffenen auch längst, dass der ganze Wolfspopanz – genau wie die grassierende Diesel- und Feinstaub-Hysterie – auf einem Geflecht von Lügen und fragwürdigen, um nicht zu sagen getürkten Studien einer gewissen Sorte “politischer Wissenschaftler” aufgebaut ist. Der Wolf war und ist nie in seinem Bestand bedroht gewesen. Das ist genau so eine Lüge wie das Märchen von der angeblich isolierten, und daher auf mindestens 1000 Individuen zu vergrößernden “ostdeutsch-westpolnischen Population”. Der Wolf ist aus den zunehmend dichter besiedelten Regionen Europas lokal verdrängt worden – ob es dafür nicht gute Gründe gab, ja, ob man dem Wolf als Art damit nicht sogar einen Gefallen getan hat – Stichwort Hybridisierung – wird die Zukunft zeigen.

Bei immer mehr Leuten setzt sich der ungute Eindruck fest, dass mit zweifelhaften, aber gekonnt instrumentalisierten “wissenschaftlichen Studien” und falschen, übertriebenen oder fragwürdigen Tatsachenbehauptungen eine politische Agenda verfolgt wird, die dem Willen von Lobbyisten, aber nicht dem des Wählers entspricht. Dass kampagnenstarke und klagefreudige Verbände wie DUH, Nabu und BUND die Politik vor sich hertreiben, die vielleicht auch gerade deshalb zu vernünftigen, ausgewogenen Lösungen auf kaum einem Gebiet mehr in der Lage ist.

Wenn es dann erst soweit ist, dass sich die Leute nicht mehr trauen, ihre Meinung zum Beispiel zum Thema Wolf öffentlich zu artikulieren, weil sie von Tierschützern bedroht werden, wie es schockierenderweise am Ende des verlinkten MDR-Artikels heißt, und das nicht einmal einen Aufschrei der Empörung auslöst – dann muss man kein Hellseher sein, um eine weitere Prophezeiung zu wagen: Dass nämlich manch einer dieses flächendeckende Politikversagen in der Verschwiegenheit und Abgeschiedenheit der Wahlkabine mit einem Kreuzchen an der unliebsamen Stelle quittieren wird. SE

Beitragsbild: Von Wolf gerissenes Schaf (Archivbild). Foto: SE

10 Gedanken zu „Kommentar: Pilgerreise ins Wolfsgebiet – Rituale der Symbolpolitik

  1. Helfried schuricht

    Der Verfasser des Kommentars hat ja hellseherische Fähigkeiten…, ein Kandidat für den Literaturnobelpreis…! Na klar ist der Bund gefragt…, insbesondere das BMU…! Bitte mal im LK Görlitz erfragen, was es bedeutet, wenn ein Wolfsabschuss getätigt wurde…! Wieviel Strafanzeigen hat der LR erhalten…? Bei der Thematik Wolf sind juristische Kenntnisse durchaus sinnvoll…

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    1. Ralf

      Geehrter Herr Schuricht! Erläutern Sie doch hier mal bitte Ihre Darstellung der Rechtslage. Bin gespannt. Kommt wieder “der Wolf ist geschütz und deshalb kann man nichts machen” ? Das kennen wir schon. Bitte ‘ne neue Platte auflegen.

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    2. jochen

      Warum genau hellseherische Fähigkeiten einen zum Kandidaten für den LITERATURnobelpreis machen, bleibt irgendwie im dunkeln. Sie werden sich schon etwas dabei gedacht haben, wenngleich vielleicht nur etwas, was in ihrem eigenen Kopf einen Sinn ergibt? Und ja, juristische Kenntnisse helfen auch beim Thema Wolf. Doch was gestern noch galt, ist morgen manchmal schon uninteressant.

      Im übrigen sehr guter Klartext Kommentar!

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  2. Frank

    Die “Ideologisierung der Wissenschaft”, die Prof. Köhler am Schluss des verlinkten Dieselartikels auch “in anderen gesellschaftlichen Bereichen” am Werk sieht, ist eine Entwicklungseinschätzung, die Bände spricht – leider auch für dieses Thema. Dazu passt die im Kommentar aufgeworfene Frage, ob das Treiben der Politik durch NGO wie DUH, NABU, BUND etc. nicht zu einer Verschiebung vom Wähler- oder Bevölkerungswillen hin zu partikularen Interessen führt – und es genau das ist, was zum einen der Politik nachgerade verunmöglicht, noch irgendwo zu vernünftigen ausgewogenen Lösungen zu kommen. Deren Fehlen dann ganz sicher eine Befindlichkeit prägt, die in erschreckend zunehmendem Maße dann in den Wahlkabinen tatsächlich für die Kreuzchen an ganz und gar unerwünschter Stelle sorgt.

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