Kleintiere gerissen: Jagdhund als “gefährlicher Hund” eingestuft

Das Verwaltungsgericht Düsseldorf hat einen Jagdhund der Rasse Deutsch-Drahthaar zum “gefährlichen Hund” deklariert, weil dieser bei zwei Vorfällen im Mai und August 2016 insgesamt 17 Meerschweinchen und Kaninchen gerissen hat. Der Hund war seinem Besitzer, einem 56 Jahre alten Jäger aus Solingen, bei Apportierübungen davon gelaufen. Bei den folgenden ungenehmigten Ausflügen drang er einmal in einen Kaninchenstall , dann in den Kleintierzwinger einer privaten Pflegestation ein, wo er mehrere Kaninchen und Meerschweinchen riss und das eine oder andere auch forttrug. Ob er letztere ordnungsgemäß apportierte und ausgab, ist nicht bekannt. Die Richter bestätigten mit ihrem im Eilverfahren ergangenen Urteil eine entsprechende, zuvor von der Stadt Solingen verhängte Ordnungsverfügung. Die Tötung der Kleintiere durch den Jagdhund – die Richter sprechen tatsächlich von einem “Kleintiermassaker” – rechtfertigt nach Ansicht des Gerichts die Feststellung der Gefährlichkeit laut Landeshundegesetz. Alle Erkenntnisse sprächen für ein “Fehlverhalten des Hundes”.

Die Besitzerin des Kleintierzwingers hatte den Jäger angezeigt und mit Hilfe einer Tierschutzorganisation auf 1000 Euro Schadensersatz für die gerissenen Kleintiere und zerstörten Gehege verklagt. Wird die Gefährlichkeit eines Hundes festgestellt, so darf dieser außerhalb des umfriedeten Besitztums nur mit Maulkorb und Leine ausgeführt werden. Außerdem vervielfacht sich die Hundesteuer: Die Stadt Solingen ruft für einen gefährlichen Hund 720 Euro p.a. auf. Der Hundebesitzer hat gegenüber dem Solinger Tageblatt erklärt, dass er den Drahthaar, seinen elften Jagdhund, nun abgeben wolle. Gem. § 3 Ziffer 5 und 6 des NRW-Hundegesetzes können Hunde z.B. aus den folgenden Gründen als gefährlich deklariert werden:

5. Hunde, die einen anderen Hund durch Biss verletzt haben, ohne selbst angegriffen worden zu sein, oder die einen anderen Hund trotz dessen erkennbarer artüblicher Unterwerfungsgestik gebissen haben,

6. Hunde, die gezeigt haben, dass sie unkontrolliert Wild, Vieh, Katzen oder andere Tiere hetzen, beißen oder reißen.

In einem ähnlichen Fall habe ich mit der renommierten Verhaltensforscherin Dorit Feddersen-Petersen über die Sinnhaftigkeit dieser Regelungen diskutiert. Seinerzeit hatte die Biologin den Verordnungstext als „lächerlichen Unfug“ bezeichnet: Es sei seit geraumer Zeit nachgewiesen, dass Jagdverhalten kein Aggressionsverhalten ist und bei den unterschiedlichen Verhalten „völlig unterschiedliche zerebrale Areale stimuliert“ werden. Überdies übertrage die Formulierung „ohne vorher selbst angegriffen worden zu sein“ in gänzlich unangemessener Weise menschliche Verhaltensmuster auf Hunde.

Zur Beurteilung von Gefährlichkeit im biologischen Sinn müsse das soziale System, in dem der Hund lebt, berücksichtigt werden: „Gefahr geht von Hunden aus, die sozial verwahrlost leben, wenig Menschenkontakt in ihrer frühen Entwicklung (und danach) hatten und in relativ spezifischem Kontext Menschen (!) „wie Beute“ jagen und schwer verletzen beziehungsweise töten.“ Nichts davon trifft auf den angeblich gefährlichen Drahthaar zu. SE

Beitragsbild: Deutsch Drahthaar. Foto: SE

Aktenzeichen: 18 L 4205/16

2 Gedanken zu „Kleintiere gerissen: Jagdhund als “gefährlicher Hund” eingestuft

  1. Grimbart

    Man kann sicherlich über die “Gefährlichkeit” streiten, aber der Fehler liegt hier doch beim Hundeführer. Auch wenn er schon viele Hunde hatte, ist das Verhalten des Hundes doch nur möglich gewesen weil er sich seinem Führer entzogen hat. Das lässt auf einen schlechten Grundgehorsam schließen. Dann schon mit Apportierübungen zu beginnen ist eindeutig verfrüht. Was bleibt ist mal wieder ein Vorfall, der ein schlechtes Licht auf die Jägerschaft wirft. Wahrscheinlich ist es für alle Beteiligten das Beste, dass der Hund in andere Hände kommt. Hoffentlich können dort die “Macken” wieder beseitigt werden.

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  2. Paul

    kann Grimbart einfach nur zustimmen ; bei 95 % solcher oder ähnlich gelagerter Fälle – liegt der Grund ” auf der anderen Seite” der LEINE . Nicht desto Trotz halte ich eher die Einstellung des Gerichtes , als den Hund für gefährlich ( bestehend in absoluter UNKENNTNIS des artenbedingten Verhaltens eines Jagdhundes ; Verfolgungsbeißer . Nicht der Hund hat falsch gehandelt( denn DAS liegt in seinen Genen) sondern sein AUSBILDER (?) hat mieserabel gearbeitet …

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