Klau, schau wem!

Auf einer Stöberjagd in Thüringen wird ein Hund entführt. Doch der trägt ein Ortungshalsband. Nach einer wilden Verfolgungsjagd kann die Besitzerin den Dieb schließlich stellen und kriegt ihren Wachtel zurück. Klingt wie ein Marketing-Stunt, ist aber eine wahre Geschichte.

Am Freitag, den 9.1.2015 um 10 Uhr schnallt die Wachtelhundeführerin Carmen J. ihre zwei Stöberhunde auf einer “Hundeführer-Dankeschön-Jagd” im Staatsforst Thüringen. Es ist ein stürmischer Tag, Windböen zausen die Baumkronen im Ölknitzgrund, einem Waldgebiet in der Nähe von Jena. “Nach dem Schnallen ging es einundzwanzig, zweiundzwanzig und schon verschwanden die Hunde spurlaut in den Akazien”, berichtet Carmen J. im Gespräch mit jawina.de. Die zwei Wachtel, der sechsjährige Eddy und die dreijährige Grace, verfolgen einige Rehe über einen Hügel, bald ist vom Hundelaut nichts mehr zu hören.

Nach einer Stunde, in denen sie von den Hunden nichts sieht und hört, wird Carmen J. unruhig: “Normalerweise kommen die immer mal her, lassen sich am Stand blicken.” Gegen 11.30 Uhr wird aus der Unruhe ein “komisches Gefühl”. Um 12 Uhr ist Hahn in Ruh, sie trifft sich mit den anderen Hundeführern – keine Spur von Eddy. Und ausgerechnet heute kriegt Carmens Smartphone keine Internetverbindung zustande, so dass sie die von Eddys Ortungshalsband, einem Tracker G400, gesendeten Positionsdaten nicht empfangen kann. Später stellt sich heraus, dass es an einem Defekt an der SIM-Kartenhalterung des Smartphones lag.

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Der Track in der Übersicht.
Copyright: Tracker

Leicht verzweifelt ruft Carmen Konrad Kreitmair von www.aduro.de (Link zur Händlerseite) an, wo sie den Tracker gekauft hat und bittet um Hilfe: “Wo ist mein Hund?” Konrad klemmt sich sofort dahinter und hilft. Mit den Daten von Carmens Tracker-Lizenz kann Konrad den Hund orten: “Eddy ist auf der Autobahnraststätte bei Quirla, etwa zwanzig Kilometer von deinem Standort entfernt”, verrät Konrad der erstaunten Carmen. Die schwingt sich ins Auto und brettert los.Es ist Viertel nach eins. Als sie kurz vor zwei an der Raststätte ankommt, ist von Eddy nichts zu sehen. Also ein weiterer Anruf bei Konrad Kreitmair: “Dein Hund ist mit 124 km/h auf der A44 Richtung Dresden unterwegs.” Also hinterher. Konrad navigiert Carmen telefonisch, gleichzeitig telefoniert er mit Tracker in Finnland und erläutert die Sachlage. Genial: Die Finnen machen mit einem Steuerungsbefehl das Ausschalten des Halsbands unmöglich. Inzwischen ist Carmens Smartphone angesprungen, und sie kann ihren Hund orten.

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Das ist Reichweite: Ortung aus 1744 Kilometern Entfernung – so sah der Track auf dem Smartphone eines Tracker-Mitarbeiters in Finnland aus.
Copyright: Tracker

Nach knapp 50 Kilometern endet die Verfolgunsgjagd auf einem Feldweg in der nähe eines einsamen Gehöfts. In der Mitte steht eine Scheune, aus der vielstimmiges Hundegekläff zu hören ist. Irgendwo am Zaun hat Carmen Hinweisschilder auf eine “Hundeschule & Tierpension” gesehen. Sie parkt hinter einem grau-metallicfarbenen Allradkombi mit Alu-Hundeboxen im Kofferraum. “Sie haben meinen Hund im Auto”, sagt Carmen. Wie sie darauf käme, fragt der Mann, blaue Jacke, Jeans. “Ich sehe ihn auf dem Ortunsgerät in einem Meter Entfernung”, antwortet Carmen, worauf der Mann erstaunt fragt, “wie weit das denn reiche?”. “Damit kann ich sie theoretisch noch in Amerika orten”, verrät Carmen. Ob das ein Kleiner Münsterländer oder ein Wachtel sei, will der Hundekenner nun wissen. Schließlich öffnet er den Kofferraum und lässt Eddy heraus.

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Abgelegen: Das Gehöft, an dem der verfolgte PKW schließlich stoppte in der Satellitenbild-Ansicht.
Copyright: Tracker

Er habe eine halbe Stunde auf der Autobahnraststätte gewartet, es sei ja keiner gekommen, verteidigt sich der Mann. Nur: Die Raststätte ist 18 bis 20 Kilometer vom Fundort entfernt. Der Track zeigt, dass der Hund mitten im Wald eingesammelt wurde und dann durch Stadtroda und Quirla gefahren wurde. Ziemlich absurd zu erwarten, dass der Hund – der überdies unsichtbar im Kofferraum saß – dort gesucht werden würde. Warum er nicht angerufen habe, will Carmen wissen. Er habe keine Nummer entdeckt, behauptet der Mann. Das ist schon ziemlich dreist, denn Carmens Telefonnummer steht auf beiden Halsungen (dem Ortungshalsband und der normalen Halsung) und ist außerdem in großen Ziffern der Länge nach auf beiden Seiten der Signalweste aufgedruckt. Letztlich ist Carmen einfach nur noch froh, ihren Hund wieder zu haben. Sie lädt Eddy ins Auto und fährt los, ohne sich das Kennzeichen zu merken oder ein Foto von Mann und Auto zu machen.

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Der 6-jährige Wachtelrüde Eddy: Seine Besitzerin ist froh, dass sie ihn wieder hat.
Copyright: privat

Abends entschließ sie sich, Anzeige zu erstatten. Es gibt zu viele Merkwürdigkeiten in dem Fall. Wie konnte der Mann Eddy einsammeln, der sich von Fremden nicht anfassen lässt? “Wenn der jagt, habe sogar ich manchmal Mühe, ihn wieder ins Auto zu kriegen”, sagt Carmen. Ein weiterer Hundeführer, dessen Terrier im November bei einer Jagd in der Nähe spurlos verschwand, gibt ebenfalls eine Anzeige auf, um den Druck auf die Polizei zu erhöhen.

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Um Verschwörungstheoretikern den Wind aus den Segeln zu nehmen: Die Original-Pressemitteilung der Polizei zu dem Fall (Kontaktinformationen entfernt).

Die Polizei unternimmt – nichts: “Wir haben den Vorfall erstmal nur aufgenommen”, erklärt die Sprecherin der Jenaer Polizei. “Der Tatort liegt ja nicht mehr in unserem Bereich, sondern in der Zuständigkeit von Gera. Wir haben keinerlei Angaben zum Fahrer, wissen nicht, wer das überhaupt ist oder ob er irgendwas mit der Tierpension zu tun hat.” Jetzt müssen sich die Beamten auch nicht mehr beeilen: Denn inzwischen dürfte der Mann genug Zeit gehabt haben, möglicherweise weitere “gefundene” Hunde beiseite zu schaffen… SE

Beitragsbild: Eddy mit Ortungshalsband Tracker G400 (Foto: privat).

3 Gedanken zu „Klau, schau wem!

  1. Anko

    Ist es wirklich sinnvoll, ausgerechnet in diesem Zusammenhang öffentlichkeitswirksam und somit auch jede Art Hundesammler über Funktion und Möglichkeit eines Ortungshalsbandes zu informieren? Das nächste mal ist das Halsband mit Sicherheit ab.

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    1. Paul

      da kann ich Anko nur zustimmen ……. sehr ” klug ” gehandelt … !???! aber die Hundebesitzerin auch , außer sie kann nicht lesen und schreiben , aber auch dann kann man um Hilfe bitten , wenn es einem denn wichtig ist ….

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  2. Susscrova

    Ich denke, jeder Hundeführer weiss wie einem zu Mute ist, wenn der Hund nicht wie gewohnt nach der Jagd einsteht und gleichzeitig auch noch aus dem Suchbereich seines Suchgeräts verschwunden ist, oder technische Probleme mit den Geräten aufschlagen.
    Man(n)/ Frau ist Gott Froh und könnte den Hund und die Welt umarmen, wenn er wieder da ist, da kann ich es gut verstehen, daß streng rationelles Denken mit polizeilichem Charakter erst einmal hinten an stehen. Ich kenne Carmen und auch den Stellenwert der Hunde bei Ihr; so eine Passion findet man nicht oft.
    Vielmehr finde ich es extrem bemerkenswert, den Verkäufer/Hersteller sofort zu kontaktieren und ein Tracking des Hundes
    zu veranlassen; ich weiss nicht, ob mir das in diesem Falle in den Sinn gekommen wäre.

    Professionelle Hundediebe wissen doch heute schon, auf was sie achten müssen, zerstören RFID-Tags in den Tieren mit Überspannung und/oder entfernen Halsbänder jeglicher Art; da hat dieser Beitrag sicher nicht primär für eine Weiterbildung beigetragen. Vielleicht hat der Beitrag ja auch das Gegenteil bewirkt, daß man sich Hunden mit solchen Ortungshalsbändern besser nicht nähert, denn wer weiss, wer schon in der Nähe ist ….; das alles sind Mutmaßungen und damit nichtig.

    Nichts desto trotz ist die kriminelle Energie bei manchen Personen schon unglaublich und es gilt, wirklich Augen und Ohren offen zu halten und merkwürdiges Verhalten
    von Dritten auf und neben den Jagden zu beobachten und zu melden; und nicht nur da.

    Ich freue mich sehr für Carmen und die beiden Hunde und würde mir wünschen, daß das eine wirkliche Ausnahme und kein professionelles Vorgehen krimineller Energien auf unseren Jagden darstellt.

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