Kanada: Jäger als Sündenböcke

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Noch vor wenigen Jahrzehnten bevölkerten riesige Herden des Barren Ground Karibus weite Regionen im Norden Kanadas. Allein die Bathurst Herde, die das riesige arktische Gebiet vom Großen Sklavensee bis zur Küste von Nunavut bevölkert, wurde Mitte der 80er Jahre noch auf über eine halbe Million Individuen geschätzt – heute sind davon gerade noch 20.000 übrig. Ideologisch motivierte Wissenschaftler – eine auch hierzulande verbreitete Spezies – hatte die unkontrollierte Jagd mit weitreichenden Gewehren, Schneemobilen und GPS-Geräten dafür verantwortlich gemacht. In der Folge wurde die Jagd 2010 zunächst der nicht-indigenen Bevölkerung verboten, 2014 wurde dann ein totaler Jagdstopp angeordnet, der auch für die Ureinwohner gilt. Dies ist ein harter Schlag für die Menschen vom Stamm der Alaska Dene, für die Subsistenzjagd nicht nur eine kulturelle Tradition ist, berichtet die kanadische Zeitung National Post: Denn Nahrung aus dem Supermarkt ist teuer in der abgelegenen Region, Karibu-Fleisch war daher eine beliebte und notwendige Ergänzung des Speiseplans.

Die indigenen Jäger seien Sündenböcke, schreibt das Blatt, und müssten weit zurückreichende politische Fehlentscheidungen ausbaden. Denn nicht die Jagd ist für den Rückgang der Karibus verantwortlich: “Aber es ist wohl leichter, mit dem Finger auf Leute zu zeigen, die ein Gewehr tragen, als sich mit dem weit komplexeren Problem der Störung von Habitaten auseinander zu setzen”, klagt eine kanadische Biologin Brenda Parlee, die die Ursachen der Karibu-Rückgangs erforscht hat.

In der in Science Advances veröffentlichten Studie “Undermining subsistence: Barren-ground caribou in a “tragedy of open Access” hat Parlee den Nachweis erbracht, dass der desaströse Populationsrückgang eine Folge des zunehmenden Rohstoffabbaus in den nördlichen Territorien ist.

Zunächst untersuchte sie, ob es einen Zusammenhang zwischen Jagdstrecke und Populationsentwicklung des Karibus gibt: Sie fand heraus, dass der Karibuverzehr von 1987 bis 2000 von 0,8 auf 0,1 Karibu pro Person sank. Heute wird also nur ein Bruchteil der Karibus erbeutet, wie noch vor 20 oder 30 Jahren. Parlee folgert: Wenn viele Karibus da sind, werde mehr gejagt, gingen die Bestände zurück, würden sie von den Jägern geschont. Selbst wenn Karibu-Herden sich wieder erholten, blieb der Jagddruck moderat: Einem Zuwachs um 10.000 Karibus stand lediglich eine Erhöhung um ein halbes Karibu pro Person entgegen – was weit davon entfernt ist, auch nur den natürlichen Zuwachs abzuschöpfen. “Es wird viel von der Überjagung der Bestände gesprochen”, sagt Parlee gegenüber der National Post, ” Die Daten zeigen, dass das Gegenteil der Fall ist.”

Das wirkliche Problem ist Parlee zufolge die zunehmende Rohstoffgewinnung, insbesondere der Erzabbau, in der sensiblen Region: Die Spitzenwerte beim Erzabbau zwischen 1990 und 2000 korrelierten exakt mit den Einbrüchen der Karibu-Population. Lärm, Staub, Straßenbau, Fahrzeugverkehr und seismische Auswirkungen der Minen, alle diese Faktoren wirken zusammen und addieren sich in ihren Effekten. Als Ergebnis des Rohstoffabbaus bleibt eine fragmentierte Landschaft zurück, die über 100 Jahre zur Regenerierung braucht. Anstatt die Gewinnung eines für die Dene-Kultur lebenswichtigen Lebensmittels zu verbieten, solle man sich lieber Gedanken um eine vernünftige Planung und Landnutzung machen, fordert Parlee.

Der einst so unermesslich scheinende Bestand an Barren-Ground-Karibus ist jetzt derart dezimiert, dass Jagdverbote wohl aufrecht erhalten werden müssen, um den völligen Zusammenbruch der Population noch abzuwenden. Die Dene-Indianer wurden zuerst zu Unrecht beschuldigt, für den Rückgang der Karibus verantwortlich sein – jetzt müssen sie die Folgen einer verfehlten Entwicklung ausbaden. SE

Beitragsbild: Rentiere (Verwandte des Karibus) in Finnland. Foto: SE

 

 

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