Jeder zweite stirbt an Krebs

Strahlentherapie beim Jagdhund

Bei häufigen Erkrankungen wie Krebs oder Arthrose gelten unsere vierläufigen Jagdhelfer schnell als austherapiert – und werden eingeschläfert. Die Strahlentherapie verspricht Linderung und Heilung in Fällen, die bislang als aussichtslos galten.

„Hunde leiden doppelt so häufig an Krebs wie Menschen“, erklärt der renommierte Jagdkynologe und Tierarzt Prof. Dr. Hans Wunderlich, „Bei bestimmten Tumoren, Sarkomen etwa, ist ihr Risiko sogar bis zu 15mal höher“. Wunderlich ist Gründer der Tierarztpraxis in Bestensee, einem kleinen Ort 35 Kilometer südlich von Berlin. In der Gemeinschaftspraxis arbeiten wie in einer Poliklinik verschiedene Fachärzte und Spezialisten unter einem Dach zum Wohl ihrer vierbeinigen Patienten zusammen. Die Tierarztpraxis ist eine der wenigen in Deutschland, die über eine eigene Abteilung für Strahlenheilkunde verfügt.

„Die Diagnostik hat auch in der Tiermedizin Riesenfortschritte gemacht“, so Wunderlich, „Wir wissen also immer früher und genauer, woran ein Tier leidet. Wenn uns der Patientenbesitzer dann aber fragt, was er tun kann, konnten wir oft nur sagen: Mach ihm noch eine schöne Zeit.“ Und am Ende dann die letzte Spritze: Fünfzig Prozent aller Hunde werden wegen Krebserkrankungen euthanasiert. „Der große Vorzug an der Strahlentherapie: Sie ist ein wirksames therapeutisches Angebot, das über das traditionelle Aufgeben hinausführt.“

Nicht vorschnell einschläfern

In der Humanmedizin ist die Strahlentherapie ein anerkanntes und weit verbreitetes Verfahren. Bei Krebserkrankungen stellt sie die zweitwichtigste Behandlungsform nach dem chirurgischen Eingriff dar. Anders in der Tiermedizin: „Das Strahlentherapie-Angebot für Tiere liegt im Promillebereich“, beklagt Wunderlich. Es gebe zu wenig Therapieeinrichtungen und das vorhandene Angebot stoße auf wenig Beachtung bei den Veterinären und Voreingenommenheit bei den Tierbesitzern. So wird vorschnell eingeschläfert, obwohl sich mit ein paar Bestrahlungen in vielen Fällen Heilung oder zumindest Linderung sowie eine deutliche Verlängerung der Lebenszeit bei guter Lebensqualität – also Schmerzfreiheit – erreichen ließe.

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Überwachung der Bestrahlung im Kontrollraum, gemeinsam mit Patientenbesitzern.
Foto: SE

Das Anwendungsgebiet der Strahlentherapie ist breit gefächert. Sie kommt bei bösartigen (malignen) Krankheiten wie Krebs zum Einsatz, aber auch bei gutartigen (benignen), zu denen etwa Arthrosen zählen. Die eigentliche Therapie läuft immer nach dem gleichen Muster ab. Nachdem die Diagnose gestellt ist, wird die zur Behandlung der jeweiligen Erkrankung notwendige Strahlendosis in Gray festgelegt. Gray, abgekürzt Gy, ist die Maßeinheit für die während der Bestrahlung vom Körper aufgenommene Energie (J/kg). Für die Dosisfindung ist in Bestensee Prof. Dr. Hubert Vogler zuständig.

Spezialisten aus der Humanmedizin

Vogler kommt aus der Humanmedizin. Viele Jahre leitete er als Chefarzt die Abteilung für Strahlentherapie und Nuklearmedizin am Klinikum Bad Saarow. Erst nach seiner Pensionierung wechselte der hochqualifizierte Spezialist in die Veterinärmedizin. Dort ist sein Fachwissen sehr gefragt, denn in der Tiermedizin gibt es bisher keine Qualifikation für Strahlentherapeuten, die jedoch Voraussetzung für die Genehmigung einer Bestrahlungseinrichtung ist. „Der Wechsel der Disziplinen ist unproblematisch“, erklärt Prof. Vogler, „denn die behandelten Krankheiten und die bei der Bestrahlung eingesetzten Geräte sind weitgehend die selben.“

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Strahlenkanone.
Foto: SE

Die Strahlendosis wird grundsätzlich in kleinere, gut verträgliche Portionen, sogenannte Fraktionen, aufgeteilt, die der Patient in mehreren Sitzungen verabreicht bekommt. Während der Bestrahlung dürfen sich die Tiere nicht bewegen und erhalten daher eine leichte Sedierung. Die bei der Bestrahlung bösartiger Tumore benötigte Strahlendosis kann Nebenwirkungen wie sonnenbrandähnliche Hautreizungen oder Haarausfall an den betroffenen Stellen zur Folge haben. Arthrose und andere gutartige Erkrankungen sprechen auf viel geringere Dosen an, die praktisch nebenwirkungsfrei sind: „Die Strahlenbelastung bei einem Interkontinentalflug ist höher“, erklärt Prof. Vogler.

Strahlemaenner

Die Strahle(n)männer: Prof. Wunderlich (re.) und Prof. Vogler.
Fotos: SE

An Arthrose, einer schmerzhaften Gelenkerkrankung, die zu Bewegungseinschränkungen, Lahmheit und schließlich sogar völliger Unbeweglichkeit des betroffenen Gelenks führen kann, leiden vor allem große und schwere Hunde sehr häufig. Üblicherweise wird Arthrose mit Cortison und hohen Dosen starker Schmerzmittel behandelt. Auf diese Weise gelingt es aber oftmals nicht, die Patienten schmerzfrei zu stellen. Außerdem belasten die Medikamente bei Verabreichung über einen längeren Zeitraum Leber, Nieren und Verdauungstrakt, so dass die Behandlung vielfach aufgrund der gravierenden Nebenwirkungen abgebrochen werden muss.

 Praktisch nebenwirkungsfrei

„Die Strahlentherapie ist bei Arthrose die eindeutig bessere und wirksamere Methode: praktisch nebenwirkungsfrei und auch noch preiswerter“, so Prof. Wunderlich. Die Wirksamkeit der sogenannten Röntgenreizbestrahlung bei Arthrose ist in vielen seriösen wissenschaftlichen Studien nachgewiesen worden. Einer Untersuchung der Tierärztlichen Klinik Gessertshausen bei Augsburg zufolge trat bei neunzig Prozent der Hunde, deren Arthrose bestrahlt wurde, ein andauernde Besserung ein. Andere Studien ermittelten Ansprechraten von siebzig bis achtzig Prozent der Patienten, bei denen Schmerzfreiheit oder eine deutliche Besserung zu verzeichnen war. Am wirksamsten ist die Behandlung, wenn die Krankheit in einem frühen Stadium behandelt wird. Wunder wirkt natürlich auch die Strahlentherapie nicht: „Das ist wie in der Humanmedizin“, erklärt Prof. Vogler. „Wenn es bei einer Erkrankung eine Überlebenschance von 70 Prozent gibt, kann ich dem Patienten nur raten: Stellen Sie sich auf die richtige Seite!“

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Prof. Wunderlich kontrolliert auf dem Monitor, ob der Patient – in diesem Fall ein Pferd – ruhig steht. Bewegt sich das Tier, muss die Bestrahlung abgebrochen werden.
Foto: SE

Wie der therapeutische Erfolg bei der Röntgenreizbestrahlung zustande kommt, ist wissenschaftlich noch nicht vollständig geklärt. Vermutlich wirken dabei zahlreiche biologische, chemische und physikalische Prozesse zusammen. Bei degenerativ-entzündlichen Gelenkerkrankungen läuft ein Umbauprozess im Gelenk ab, in dessen Verlauf sich die Zusammensetzung der Gelenkflüssigkeit ändert und Knochen sich um und neu bildet. Am Ende dieser Umbauprozesse ist das betroffene Gelenk weniger leistungsfähig und in seiner Beweglichkeit eingeschränkt. Alle diese Vorgänge finden in einem sauren Milieu statt (Azidose), dass verantwortlich ist für das Hauptsymptom degenerativer Erkrankungen: Schmerz.

Krebs bei Hunden und Katzen immer häufiger

Durch die Bestrahlung wird der pH-Wert in den alkalischen Bereich verschoben. Zugleich regen die Strahlen die Durchblutung an, giftige Stoffwechselprodukte werden dadurch schneller abgeführt. Helferzellen (Leukozyten) strömen in den bestrahlten Bereich und bekämpfen die Entzündung. Auf diese Weise hält die Strahlentherapie die fortschreitende Abnutzung des Gelenks zwar nicht auf, lindert aber die Schmerzen. Typischerweise stellt sich die Besserung nach einer gewissen Wartezeit (Latenzzeit) von einigen Wochen ein. Häufig können schon nach wenigen Bestrahlungen die Schmerzmittel schrittweise reduziert und schließlich abgesetzt werden.

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Bestrahlung einer Katze mit operiertem Fibrosarkom.
Foto: SE

Doch gerade auch bei bösartigen Krankheiten kann die Strahlentherapie in der Tiermedizin beachtliche Erfolge vorweisen. Immer mehr Hund und auch Katzen erkranken an Krebs – die Ursache dafür ist unbekannt. Häufig ist die Strahlentherapie dann die einzig mögliche Behandlungsform. So ist bei Nasenspiegeltumoren von Katzen oder Nasenhöhlentumoren bei Hunden eine Operation oft nicht möglich, weil dann gleich die ganze Nase weggeschnitten werden müsste. Dank Strahlentherapie überleben die Hunde diese Erkrankung im Mittel um über 30 Monate – viel Zeit in einem Hundeleben! 60 Prozent der Katzen mit Nasenspiegeltumor sind nach der Bestrahlung länger als ein Jahr tumorfrei.

Trotz des wissenschaftlich nachgewiesenen Erfolgs der Strahlentherapie, machen Tierärzte nur äußerst zögerlich von ihr Gebrauch. Häufig wird sogar nach Tumoroperationen auf eine anschließende Bestrahlung verzichtet. „In der Humanmedizin ist das Tumorbett nach der OP bestrahlungspflichtig“, so Prof. Wunderlich. „Das sollte auch in der Tiermedizin Standard werden.“ SE

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