Jagen mit Dachsbracken: USE ENOUGH DOG!

“Loisl! Loisl!!! Apport!!!!! LOISL, DU ARSCHLOCH, APPORT HAB ICH GESAGT!!!!” Während Loisls Herr am Ufer des Wassergrabens zum HB-Männchen mutiert, Puls und Blutdruck auf beängstigende Werte steigen, setzt Dachsbrackenrüde Loisl mit der die Rasse auszeichnenden Gelassenheit seine zersetzende Tätigkeit fort. Unbeeindruckt von Geschrei und Gefuchtel, die ihm zugedachten unziemlichen Bemerkungen großmütig überhörend, schwimmt er auf die apportierenden Vorstehhunde zu und nimmt ihnen mit der Ruhe und Bestimmtheit, die ein überlegenes Selbstbewusstsein verleiht, die Enten aus dem Fang, um sie ans gegenüberliegende Ufer zurückzubringen. Dort versteckt er sie, sicher verwahrt vor dem Zugriff zwei- und vierbeiniger Jagdkonkurrenten, im dichtesten und dornigsten Gestrüpp.

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Klares Votum pro Schalenwild.
Foto: SE

So legt Loisl nicht nur einen Mundvorrat an für die mageren Zeiten, die da kommen mögen, sondern liefert auch, bei jeder Entenjagd aufs Neue, einen eindrucksvollen Beleg für die Gültigkeit des von seinem Herrn, dem Brandenburger Förster Mark M., im Vorfeld wiederholt bekräftigten Postulats: “Natürlich kann der auch apportieren. Ich steige ich doch nicht selbst ins Wasser, um Enten zu bergen, bloß weil ich eine Dachsbracke führe.” Tatsächlich erweisen sich Wathose und Gummistiefel als überflüssig, es genügen Handschuhe, Schutzbrille und Schnittschutzkleidung, um trockenen Fußes an die erbeuteten Wasservögel zu gelangen.

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Foto: MM

Okay, es ist unfair, diesen Bericht mit der vielleicht einzigen markanten Schwäche Loisls beginnen zu lassen, die zudem einer gewissen Nachlässigkeit diesem Aspekt seiner Ausbildung gegenüber geschuldet sein mag. Schließlich ist er es, der einen prominenten (Wachtel-)hundeführer zu der Bemerkung veranlasste: “Wenn alle so wären wie der, würden wir alle Dachsbracken führen.” Loisl ist ein einsames Genie, ein Hochbegabter unter den Hunden – und am deutlichsten zeigt sich das auf seinem Spezialgebiet, der Jagd auf Schwarzwild.

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Mit diesem Hund in Sumpf und Schilf auf Sauen zu jagen, gehört zum besten, was die Jagd zu bieten hat. Sein Führer schnallt ihn, dann warten wir ein bisschen: “Es ist wie Angeln.”, sagt Mark. Und richtig: Bald erklingt der tiefe Standlaut des Rüden, gefolgt vom euphorischen Hetzlaut, dann wieder Standlaut. Die Sauen sind hochgemacht, bei den rund um den Sumpf auf Bunkern, Wällen und Drückjagdböcken postierten Schützen brechen die ersten Schüsse. Wir schieben uns die Gehörschützer auf die Ohren und rennen los, denn nicht weit vor uns, im dichten Zeug, hat Loisl eine Sau gestellt. Da wollen wir hin, möglichst schnell, möglichst leise und mit gutem Wind.

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Auf einer Nachsuche halten zwei Dachsbracken eine krank geschossene Sau, der Hundeführer kann gefahrlos abfangen.
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Keine Ahnung, wie viele Sauen vor Loisl gestreckt wurden, es sind viele. Der Jagderfolg des Rüden – und der auf seinesgleichen angewiesenen menschlichen Rudelmitglieder – verdankt sich einem Bündel von Eigenschaften. Jede einzelne davon lässt Rüdemänner Lobeshymnen auf die damit ausgestatteten Hunde anstimmen. Aber es ist die Kombination aller dieser Eigenschaften in einem Tier, die dessen Ruf als vierbeiniges, schlappohriges Genie begründet. Neben den für jeden Jagdhund unerlässlichen Merkmalen wie Jagdleidenschaft und guter Nase sind das der absolut sichere und zuverlässige Laut, die Jagdintelligenz und Führerbezogenheit sowie der Schneid, den man den kompakten und eher gemütlich wirkenden Hunden erstmal nicht unbedingt zutraut.

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Laut

Eine meiner ersten Erfahrungen mit Dachsbracken war die Teilnahme an einer Nachsuche. Ich war auf einem Waldweg an dem Jagen abgestellt, in dem die Nachsuche stattfand. Ich hörte: Stille (Riemenarbeit). Hetzlaut (Aha, das Gespann war ans Wundbett gelangt, das Stück flüchtete). Standlaut. Wieder Hetzlaut. (Oha, das Stück geht in meine Richtung, mach dich fertig.) Wieder Standlaut. Fangschuss. Schluss. So soll das sein, so brauchen wir es. Ein auch für Nicht-Hundeführer eindeutig zu interpretierender Laut, unerlässlich für Nachsuche, Drück- und Stöberjagd – bisher hat ihn jede Dachsbracke gezeigt, mit der ich zu tun hatte.

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Intelligenz

Die “gefühlte Intelligenz” eines Hundes hängt stark davon ab, ob er bereit ist, seine Intelligenz in unseren Dienst zu stellen, mit seiner Bezugsperson zusammen zu arbeiten – oder aber lieber sein eigenes Ding zu drehen. Was Jagdintelligenz heißt, hat Loisl immer wieder auf den legendären Sumpfjagden unter Beweis gestellt:

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Sumpfjagd.
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Zwei Jäger kämpfen sich durch dichtestes Gestrüpp an den den Standlaut vor ihnen heran, bis es nicht mehr weiter geht. Vor ihnen ist ein Loch im Gestrüpp. Loisl hat die Annäherung der Jäger mitbekommen und ändert daraufhin sein Verhalten: Hatte er zuvor die Sau im Gebüsch – unsichtbar für die Jäger – bedrängt, so macht er zwischen den üblichen Scheinattacken jetzt größere Scheinfluchten in Richtung der Jäger. Das veranlasst den Schwarzkittel zum Nachsetzen, zum Gegenangriff, wodurch der Hund das Wildschwein vor die Jäger, in die Lücke im Gestrüpp lockt. Ein Schuss, eine kurze Flucht, das Stück liegt.

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Schneid

Man sieht den freundlichen und behäbig wirkenden Dachsbracken nicht an, was sie für schneidige Burschen sind. Doch ich habe selbst gesehen, wie zwei Dachsbracken ein krank geschossenes Wildschwein der 60 bis 70-Kilo-Klasse packten und eisern hielten, bis es abgefangen werden konnte. Ich habe gesehen, wie Loisl allein einen kranken 40-Kilo-Frischling fing. Das Angenehme an den Dachsbracken ist, dass die Schärfe mit Intelligenz gekoppelt ist, so dass blindwütige Aktionen mit krasser Selbstgefährdung in der Regel ausbleiben. Das ist gut so, denn nur solche Hunde sind tierschutzgerecht einzusetzen. Und man braucht nicht so oft einen neuen…

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Foto: MM

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Foto: MM

Auf der Nachsuche stellt die gesunde Schärfe der Dachsbracken die Lebensversicherung für den Nachsuchenführer dar. Davon weiß auch Mark M. zu berichten, den auf einer Nachsuche ein 70-Kilo-Keiler annahm: “Der sprang aus dem Gebüsch und rannte auf mich zu, ich nahm die Waffe hoch und dachte noch: Wenn Du jetzt vorbei schießt, liegst du im Dreck. Im nächsten Moment lag ich im Dreck.” Als er die Mütze, die ihm beim Sturz vor das Gesicht gerutscht war, wieder auf den Kopf schob, war die Steckdose vielleicht zehn Zentimeter von seiner Nase entfernt – und das auch nur, weil Loisl an der Hinterkeule der Sau den Bremsklotz gab.

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Foto: privat

Die Doppelbegabung für Stöbern und Schweiß macht die Dachsbracke zum idealen Hund für Wald- und Drückjagd. Aber nicht jeder Tag ist Jagdtag. Im täglichen Umgang sind Dachsbracken freundliche, kinderliebe und tiefenentspannte Hunde. Eine Neigung zum Langschläfertum scheint angewölft. Jedenfalls kenne ich wenige Hunde, die so großen Wert darauf legen, mindestens bis mittags zu schnorcheln, während die anderen schon durch Haus und Hof wuseln. Weder Fressen noch gutes Zureden vermögen die Dachsbracke vor der Zeit aus dem Körbchen zu locken – nur den Waffenschrank aufschließen und die Jagdsachen einzupacken, müdet sie zuverlässig auf.

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Foto: SE

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Foto: MM

Mark M. hat mit Loisl und der aus der Nachzucht hervorgegangenen Hündin Anja einige Würfe gemacht. Loisl scheint seine guten Anlagen an seine Nachkommen weiterzugeben, auch wenn die jungen Hunde noch nicht an den alten heranreichen. Aber das ist normal: Auch Loisl ist erst im Lauf seines Lebens zu dem unerbittlichen Sauenfänger geworden, als den wir ihn kennen und schätzen.

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Zwei Dachsbracken – Anja und Loisl – an der gestreckten Sau.
Foto: SE

Um keine falschen Erwartungen zu wecken, sei darauf hingewiesen, dass das mit den Dachsbracken kein Selbstläufer ist: Einfach eine kaufen und schon hast du den Überhund – vergiss es. Das musst du dir verdienen. Die Hundeführer, die scharfe, gute Hunde haben, sind die, die keine Sekunde zögern, mit dem Messer zwischen den Zähnen auf den schlecht gelaunten Bassen zu springen. Geld und guter Wille ändern da nichts dran: Jeder bekommt den Hund, den er verdient. Stephan Elison

7 Gedanken zu „Jagen mit Dachsbracken: USE ENOUGH DOG!

  1. Oggi

    Mehr als Gratulation für diesen Bericht, lieber Stephan. Du hast mit Inhalt und Stil genau das getroffen, was Jagd und Kameradschaft in N. ausmachen.

    Herzliche Grüße und ein fröhliches Waidmannsheil Dein Oggi.

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  2. Zbf.

    Das die Alpenländischen Dachsbracken zu solchen Leistungen fähig sind, ist bekannt.
    Nur bedarf dies entsprechender Führung und Erfahrung des Hundes.

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