Jagen in der Kulturlandschaft des 21. Jahrhunderts – (M)Ein Leitbild

Ein Gastbeitrag von Dr. Armin Freund, Wildbiologe

Jagd ist ein Recht sui generis, bedarf also keiner eigenen Begründung. Dennoch müssen wir unser Tun in einer Gesellschaft, die sich immer weiter von der Natur und vom Verstehen von Zusammenhängen in der Natur entfernt, verständlich machen, um gesellschaftliche Akzeptanz zu gewinnen. Hier muss vor allem die Tatsache betont werden, dass die Jagd mit dem Entstehen der Kulturlandschaft selbst zu einem ökologischen Faktor geworden ist, also eine unverzichtbare Rolle spielt im komplexen Gefüge unserer mitteleuropäischen Ökosysteme. Man kann nicht einfach aufhören zu jagen.

Wo das versucht wurde, wie in Teilen der Schweiz, müssen staatlich bestellte „Killerkommandos“ ausrücken, die „Wildbestandsregulierung“ auf ein Art durchführen, die man beim besten Willen nicht als Jagd bezeichnen kann. Auch in deutschen Nationalparks wird krampfhaft versucht alles zu meiden, was an herkömmliche Jagd erinnert. Man spricht auch hier nur noch von Wildbestandsregulierung. Trophäen als schöne Erinnerungen an die Jagd werden beinahe als Teufelszeug abgetan und landen direkt in der Knopffabrik. Was haben wir in den letzten Jahrzehnten falsch gemacht, dass es so weit kommen konnte?

Es ist aber so, von der gesellschaftlichen Akzeptanz werden Fortbestand und Entwicklung der Jagd als Kulturgut in unserem Lande ganz wesentlich abhängen. Um unserer Gesellschaft Jagd besser verständlich zu machen, müssen wir neben den positiven konservativen Grundzügen verstärkt moderne Aspekte der Jagd aufzeigen und auf einer Reihe von Gebieten unsere Grundeinstellungen und unsere jägerischen Kompetenzen neuen Erkenntnissen anpassen.

Um dieses Ziel zu erreichen, werde ich hier aus meiner Sicht einige Bausteine eines solchen Leitbildes aufzeigen, auf die man bei Diskussionen innerhalb der Jägerschaft und zwischen Jägern und nichtjagender Gesellschaft zurückgreifen kann. Wir haben es als Jäger auch immer wieder mit anderen Naturnutzern zu tun, nämlich Waldbauern und Landwirten, die uns brauchen, von denen wir aber immer wieder auch gerügt werden, weil wir angeblich nicht genug jagen. Für das gegenseitige Verständnis und die Akzeptanz der unterschiedlichen Interessen aller Naturnutzer, ausdrücklich auch derjenigen Menschen, die die Natur für Freizeitaktivitäten nutzen, soll dieses Leitbild Grundlage sein.

Verantwortung für die Kulturlandschaft im dichtbesiedelten Mitteleuropa

Unsere Landschaft Mitteleuropas ist eine seit Jahrtausenden vom Menschen geprägte Kulturlandschaft. Überließe man z. B. die Norddeutsche Tiefebene sich selbst, so dominierten hier wie vor Jahrtausenden Buchenwälder. Man lese z. B. die Germania des Tacitus mit den eindringlichen Schilderungen der dichten Wälder Germaniens, die den Römern gewaltige Furcht einflößten.

Mit dem Wachstum der menschlichen Bevölkerung wurde Wald zu Gunsten von Siedlungsraum, Feldern zum Ackerbau und Wiesen als Viehweide zurückgedrängt. Die Kulturlandschaft entstand. Auch Teile des Waldes wurden ja noch bis vor wenigen Jahrzehnten/Jahrhunderten als Hutewälder genutzt. Erfreulicherweise hat der Waldanteil in unserem Land in den letzten vier Jahrzehnten um etwa 1 Mio Hektar, das sind 10 Prozent zugenommen.

Als Jäger tragen wir besondere Verantwortung dafür, dass die komplexen Wechselwirkungen von Lebewesen untereinander und mit ihrer unbelebten Umwelt nicht noch weiter vom Menschen negativ beeinflusst werden. Dazu sind wir durch unsere Ausbildung, Erfahrung und ständige Präsenz in der Kulturlandschaft besonders prädestiniert. Jeder Jünger der grünen Zunft muss sich dieser besonderen Verantwortung jederzeit bewusst sein.

Es hat sich in der Menschheitsgeschichte immer wieder gezeigt, sich um etwas zu kümmern gelingt am besten und sichersten, wenn der Mensch für dieses „etwas“ besondere Verantwortung hat. Insofern ist unser Reviersystem, dessen Grundkonstruktion gerade auch vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte auf dem Prüfstand stand, eine wichtige Einrichtung. Verstünde darunter jemand ausschließlich die Verfolgung seiner jägerischen Interessen, so wäre dieser jemand allerdings auf dem falschen Dampfer. Revieregoismus und Jagdneid haben hier nichts zu suchen. Jagd hat im Reviersystem durchaus auch eine dienende Funktion zur Erreichung landwirtschaftlicher oder waldbaulicher Ziele. Wichtig ist im letzten Satz das „auch“. Priorität muss ein vernünftiger und allseits akzeptierter Kompromiss jagdlicher und gesellschaftlicher Ziele haben. Es ist nur zu verständlich, dass für uns Jäger die Schaffung oder Wahrung gesunder, artenreicher und an die Landeskultur angepasste Wildbestände im Vordergrund stehen müssen.

IMG_8903_klein

Foto: SE

Ethische Grundsätze der Jagd

Jäger sind in besonderem Maße dem Schutz der Natur verpflichtet. Dazu gehören neben dem Schutz von Lebensräumen vor allem auch Natur- und Artenschutz. Arten, die durch Bejagung bedroht sein könnten, bejagen wir nicht! Jagd muss nachhaltig sein. Die jägerischen Bemühungen um den Erhalt und die Renaturierung von Lebensräumen und von Landschaftselementen sollten wir selbstbewusster als bisher bilanzieren und der Öffentlichkeit vorstellen.

Jagd ist gleichermaßen dem Tierschutz verpflichtet. Zum tierschutzgerechten Töten von Wildtieren gehören neben sachgemäßer Ausrüstung die ständige Pflege und Weiterentwicklung der Schießfertigkeit jedes einzelnen Weidgenossen sowie die Berücksichtigung ethischer Grundsätze, wie sie im Begriff Weidgerechtigkeit zusammengefasst werden.

Unter sachgemäßer Ausrüstung verstehe ich z. B. moderne, leistungsfähige Jagdoptik um einerseits genau ansprechen zu können und um andererseits einen sicheren Schuss anbringen zu können, der rasch und tierschutzgerecht tötet. Das saubere Ansprechen jeden Stückes vor dem Schuss muss ehernes Gesetz bleiben! Wenn die Forderung der Verlängerung der Jagdzeit auf den Rehbock bis in den Januar nur damit begründet wird, im Herbst und Winter auf den Bewegungsjagden jedes Stück Rehwild unter Feuer nehmen zu können, ohne es genau ansprechen zu müssen, dann lehne ich diese Forderung ab. Von der wildbiologischen Seite her spricht allerdings nichts gegen die Erlegung von Rehböcken im Herbst und Winter.

Ebenso wichtig ist der regelmäßige Schießstandbesuch. Die Treffpunktlage unseres Haupthandwerkszeugs muss von Zeit zu Zeit überprüft werden. Schießfertigkeit, insbesondere wenn es um bewegliche Ziele geht, ist immer wieder zu trainieren. Ich habe durchaus ein gewisses Verständnis für die Forderung nach einem Nachweis der Schießfertigkeit vor dem Lösen des Jagdscheins. Dies auch insbesondere vor dem Hintergrund dessen, was man jeden Herbst auf Bewegungsjagden erleben kann. Unser Wild ist keine Zielscheibe für das Übungsschießen!

IMG_9042_klein

Unverzichtbar: Regelmäßiger Schießstandbesuch.
Foto: SE

Unter dem Aspekt Tierschutz sei hier nur beispielhaft der Schutz der zur Aufzucht notwendigen Elterntiere genannt. Das betrifft keineswegs nur die dem Geheck Nahrung zutragende Fuchsfähe. Dazu gehört auch der eiserne Grundsatz Kalb vor Tier. Gerade beim Rotwild, wo es eine enge und langandauernde Bindung von Alttier und Kalb gibt, ist es eine Todsünde, dem Kalb das Tier wegzuschießen.

Auch der generellen Berücksichtigung wildbiologischer Erkenntnisse bei der Jagdausübung fühlen wir uns verpflichtet. Wenn wiederkäuendes Schalenwild ab Weihnachten seinen Stoffwechsel umstellt und seine Aktivität zur Energieeinsparung bis in den März drastisch reduziert, dann muss in dieser Zeit eben Jagdruhe auf diese Wildarten herrrschen. Dass diese Forderung im Zeichen drohend angewachsener Schwarzwildbestände zu Gewissenskonflikten führen kann, ist mir durchaus bewusst. Diese Konflikte lassen sich nur lösen, wenn wir die Bejagung der Sauen weiter intensivieren, um die Bestände nachhaltig zu senken.

Gesetzlicher Auftrag

Unsere Verantwortung für das Wild in der Kulturlandschaft hat an vorderster Stelle Eingang in fast alle Landesjagdgesetze und ins Bundesjagdgesetz gefunden. Wir sind für die Anpassung von Wildbeständen und –besätzen an die Landeskultur verantwortlich und sind dringend gehalten, dies an vorderster Front durchsetzen. Und nur wir Jäger können tatsächlich direkt auf Wildbestände Einfluss nehmen. Dass hier sehr unterschiedliche Interessen aufeinander stoßen, wissen wir nur allzu genau. Da sind die reinen Waldbauenr, von denen der eine oder andere das wiederkäuende Schalenwild am liebsten ganz aus seinem Wald verbannen möchte; da ist aber auch der Waldbesitzer, der ausschließlich jagdliche Interessen hat und den Verbiss- und Schälschäden nicht interessieren. Gerade in diesem Kontext muss der verantwortungsvolle Jäger vermittelnd und aufklärend tätig sein. Die Züchtung riesiger Schalenwildbestände ist ebenso abzulehnen wie das erbarmungslose Zusammenschießen von Wildbeständen ohne Rücksicht auf deren Sozialstruktur. Gerade beim Rotwild, unserem größten und so überaus reizvollen Säugetier, versündigt sich der Mensch in furchtbarem Maße. Erinnert sei nur an Einstandsgebiete und Vogelfreiheit außerhalb dieser, an Wintergatter mit Abschuss an der Fütterung oder an die Tatsache, dass in einigen Bundesländern dem Rotwild extrem wenig Lebensraum zugebilligt wird.

Kompetenz der Jäger

Zur Ausübung der Jagd ist es unabdingbar, unser Wissen und unsere Fähigkeiten ständig an neueste Erkenntnisse der Lebenswissenschaften im weitesten Sinne anzupassen. Insbesondere gehören dazu Wildbiologie (Verhalten, Anatomie und Physiologie) und Ökologie (Wissenschaft von intra- und interspezifischen Wechselwirkungen von Tier- und Pflanzenarten sowie mit ihrer abiotischen Umwelt).

Auch die Kenntnis und konsequente Anwendung rechtlicher Vorschriften im Zusammenhang mit der Jagd sind wichtig. Hier sind insbesondere Umgang mit und Aufbewahrung von Jagdwaffen zu nennen. Auch wenn wir die rechtliche Knebelung legaler und in den allermeisten Fällen gesetzestreuer Waffenbesitzer bedauern und für überflüssig halten, müssen wir versuchen, für die Forderung der Gesellschaft nach Sicherheit Verständnis aufzubringen.

Gewinnung hygienisch einwandfreier Lebensmittel

Als „Erzeuger“ von hochwertigem und natürlichem Wildbret sind wir uns der besonderen Verantwortung für diejenigen bewusst, die Wild als Nahrungsmittel genießen wollen. Entsprechend setzen wir alle einschlägigen Vorschriften zur Wildbrethygiene konsequent um. Wildbrethygiene beginnt beim Erlegen und Aufbrechen des Wildes und endet bei der Abgabe des erlegten Stückes oder von küchenfertigem Wildbret an den Endverbraucher. Unsere Verpflichtungen zur Kennzeichnung erlegten Wildes und zur Entnahme und Weiterleitung von Gewebe- und Blutproben zur veterinärhygienischen Überwachung von Wildbeständen und die Verpflichtung zur Trichinenschau bei erlegtem Schwarzwild oder auch beim Dachs nehmen wir konsequent wahr.

IMG_3809

Foto: SE

Dass hier noch Luft nach oben ist, zeigen die beinahe tägliche Wahrnehmung bei Gesellschaftsjagden, was das Aufbrechen angeht, oder das eine oder andere Stück, das beim Wildhändler hängt. Im letzten Jahr konnte ich in einer solchen Situation nicht an mich halten und habe einen Weidgenossen, der gerade ein völlig verdrecktes Stück Wild beim Händler abgegeben hatte, gefragt, warum er denn das Stück nicht wenigstens mit Wasser ausgespült habe. Antwort: „Ich hab es doch gründlich mit Moos ausgewischt.“ Noch Fragen? Selbst auf die Gefahr als Nestbeschmutzer bezeichnet zu werden, halte ich daran fest, wir müssen Missstände in unseren Reihen selbst benennen und konsequent versuchen, sie abzustellen.

Jäger im gesellschaftlichen Kontext

Viele Jäger sind Jagdausübungsberechtigte und besitzen durch Flächeneigentum oder Pacht das Recht, in einem bestimmten Gebiet die Jagd auszuüben. Wenn andere Menschen zunehmend die Kulturlandschaft in ihrer Freizeit nutzen, ergreifen wir die Gelegenheit, diesen Menschen unser Wissen um die Natur und um natürliche Zusammenhänge im Revier zu vermitteln. Auf diese Weise gewinnen wir Akzeptanz bei der nichtjagenden Gesellschaft und kanalisieren deren Freizeitverhalten in einem der Natur dienlichen Sinne. Kooperation ist immer besser als Konfrontation. Gleiches gilt für den Umgang von Jägern miteinander.

Die Wahrung der Interessen einer ordnungsgemäßen Land- und Forstwirtschaft obliegt uns Jägern im besonderen Maße. Und auch daran sei hier nochmals erinnert: Nur wir haben den gesetzlichen Auftrag, Wildbestände an die landeskulturellen Verhältnisse anzupassen. Dieser Verpflichtung stellen wir uns ohne jede Einschränkung.

Heranführen des Jägernachwuchses an eine zeitgemäße Jagd

Neben der gesellschaftlichen Akzeptanz wird die Jagd der Zukunft auch ganz wesentlich von den Jägern der Zukunft bestimmt. Wir legen deshalb größten Wert auf eine den jeweils neuesten Erkenntnissen angepasste Ausbildung und Prüfung des Jägernachwuchses. Das bei vielen Weidgenossen nach wie vor vorherrschende Motto „das haben wir schon immer so gemacht“ muss in jedem Einzelfall auf den Prüfstand. „Konservativ“ heißt „bewahrend“, nicht „fortschrittsfeindlich“.

Wir versuchen mit allen Kräften, den Jägernachwuchs in die bestehenden Strukturen des Jagdwesens und insbesondere in die praktische Jagdausübung einzubinden. Jagdneid und Revieregoismus haben in einem zeitgemäßen Jagdwesen keinen Platz.

Jagdausübung darf Freude machen

Wir haben keinerlei Grund, uns als Jäger zu verstecken oder uns unseres Handwerks zu schämen, leisten wir doch durch unser Engagement für die Natur einen erheblichen Beitrag zur Biodiversität in der Kulturlandschaft, also zur Artenvielfalt und zur Vielfalt der Lebensräume. Insofern war es ein Kardinalfehler der Vergangenheit, auf die Frage, weshalb wir jagen zu antworten, „weil es keine großen Beutegreifer gibt und wir regulieren müssen“. Die Freude an der Jagdausübung, und dazu gehört wesentlich mehr als das Töten von Tieren, haben wir meist für uns behalten. Nun, da der Wolf als großer Beutegreifer zurückkehrt und Luchse ausgesetzt wurden, kommen wir in arge Nöte, wenn wir den Wolf ausschließlich als unseren Jagdkonkurrenten betrachten.

In Sachen Wolf sollten wir gelassen bleiben. Schaut man sich den Nahrungsbedarf eines Wolfsrudels an und die Größe seines Reviers, dann wird deutlich, dass nur ein geringer Teil unserer potentiellen Jagdbeute im Wolfsrachen verschwindet. Auch die Verhaltensänderungen des Wildes unter Wolfseinfluss, die die Jagd schwieriger machen, werden sich im Laufe der Zeit relativieren. Jäger und Beute müssen sich einfach wieder aneinander gewöhnen.

Auch unsere Freude an der Jagd ist also absolut legitim. Ebenso die Freude an einer Trophäe. Eine Trophäe stellt für uns eine Erinnerung an ein Jagderlebnis dar. Die Erbeutung besonders vieler oder besonders starker Trophäen steht für uns nicht im Vordergrund. Insofern ist die Abschaffung von Güteklassen für männliches Schalenwild nur folgerichtig.

Auslandsjagd

Auch die Jagd außerhalb der heimischen Wildbahn wird von uns stets unter Beachtung dieses Leitbildes ausgeübt. Wir erkennen an, dass weidgerechtes Jagen im Ausland den Interessen der einheimischen Bevölkerung dienen muss und dem Schutz und Erhalt der Natur im Gastland. In vielen Teilen Afrikas ist zu beobachten, wie positiv sich die Jagd und die damit verbundenen Einnahmequellen auf die Akzeptanz des Wildes durch die einheimische Bevölkerung ausgewirkt haben. Die eine oder andere Tierart gäbe es sicher nicht mehr, wenn sie nicht sinnvoll bejagt würde. Und dies gilt keineswegs nur für Afrika. Der Alpensteinbock verdankt sein Überleben einem jagenden italienischen König.

IMG_6150_klein

Auslandsjagd
Foto: SE

Jagdverbände

Um der Jägerschaft die Bedeutung der gerade aufgelisteten Punkte zu verdeutlichen und um unsere Anliegen in die nichtjagende Öffentlichkeit zu transportieren, brauchen wir starke und einheitliche Interessenvertretungen. Den Jagdverbänden der Bundesländer und ihrem Dachverband, dem DJV, erwächst hier besondere Verantwortung. Starke Verbände können ihre Rolle aber nur spielen, wenn die Jägerschaft wie ein Mann hinter dem Verband steht und persönliche Befindlichkeiten hinter dem großen gemeinsamen Ziel zurückstellt. Dass dies in der Vergangenheit leider nicht immer so gelaufen ist, zeigt der überaus bedauerliche Austritt des Bayerischen Jagdverbandes aus dem DJV. Mir scheint, dies war ein Paradebeispiel dafür, dass hochrangige Verbandsfunktionäre ihre eigenen Befindlichkeiten über die gemeinsamen Interessen der im DJV organisierten Jäger gestellt haben.

Es bringt uns aber auch nicht weiter, wenn ständig über Verbandsfunktionäre gemeckert wird. Es gibt nicht Gutes, außer man tut es, hat Erich Kästner zutreffend gesagt. Und frei nach John F. Kennedy sollte nicht immer nur gefragt werden, „was tut der Verband für mich“. Vielmehr sollte öfter die Frage gestellt werden, “was kann ich für meinen Verband tun?“

Ein Gedanke zu „Jagen in der Kulturlandschaft des 21. Jahrhunderts – (M)Ein Leitbild

  1. Koch Rüdiger

    Hallo,

    also ich jage seit nunmehr 44 Jahren und Jahr für Jahr hat mich die jägerische Selbsbeweihräucherung und die damit einhergehende Unfähigkeit den Tatsachen in die Augen zu schauen mehr und mehr angeekelt.

    Die Frage, was wir Jäger denn eigentlich falsch gemacht haben, die auch in dem von Ihnen verfassten Beitrag gestellt wird, ist im Grunde ganz einfach zu beantworten: Immer dann, wenn die Natur unsere Hilfe gebraucht hätte, wenn ein regelrechter Aufschrei auch und besonders von der Jägerschaft hätte kommen müssen, hatte diese Jägerschaft gerade mal wieder wichtigeres zu tun.

    Etwa den Jäger Franz Josef Strauß in seine politischen Schranken verweisen, weil er den Rhein-Main-Donaukanal ohne Sinn und Verstand durchgesetzt hat?? Pustekuchen: Die Mehrheit der im Wesentlichen koservativ orientierten Jägerrschaft hat ihm artig seine Stimme gegeben, als er sich denn dann zum Kanzler der Republik wollte erst kören und dann krönen lassen.

    (Nebenbei: Wenn Bedarf besteht, lassen sich noch so einige Anekdoten aus dem Leben des Herrn Stauß nachschieben, die ein beredtes Zeugnis seines Umwelverständnis liefern.)

    Gleiches gilt sinngemäß für Projekte wie die A20 und den damaligen Ministerpräsidenten Schleswig-Holsteins, Carstensen, ebenfalls ein großer Nimrod vor dem Herrn. Fast ist man an dieser Stelle geneigt zu sagen: und damit selbstverständlich und automatisch Befürworter derartiger Großprojekte mit ihrem gnadenlosen Natur- und Landschaftsverbrauch. denn der natürliche Feind der Umwelt ist der Jäger,

    Fakt ist : Die Hauptsache für deutschlands grüne Zunft war, dass ein Strauß ein Bollwerk gegen Ökofreaks jedweder Couleur darstellte. Was spielte da das Almühltal, um das sich diese grünen Spinner sorgten schon für eine Rolle, “Opfer müssen gebracht werden”, soll schon Otto Lilienthal heroisch angesichts des nahen Todes gehaucht haben, nach seinem tragischen Absturz aus zuvor nie erreichter Höhe.

    Nun, der Absturz der Jägerschaft begann in erster Linie mit dem Auftauchen kritischer Geister, etwa mit Horst Stern und seinen denkwürdigen ” Bemerkungen über das Rotwild”, mit denen er die jäger quasi über (Weihe)nacht von Wolke 7 herabkatapultiert hat.

    Die Reaktion der so plötzlich sich im freien Fall Befindlichen war eine Mischung aus Hilflosigkeit , Verständnislosigkeit und Borniertheit.

    Statt die Zeichen der Zeit zu erkennen, statt den Mumm und die Weitsicht zu haben, sich an die Spitze der Ökologiebewegung zu stellen, ohne dabei allerdings opportunistisch alles zu akzeptieren was man so in manchen Ökozirkeln verzapfte: Nichts als ideologischer Mauerbau , Gejammer und Geklage seitens der “praktischen Umwelschützer”. Als solche nämlich sahen sich die die Jäger, damals wie heute, gerne selber. Vor allen Dingen aber:, So wollten sie gesehen werden.

    “Jagd ist praktischer Umwelschutz”, prangte es uns damals von den Attributen des beginnenden Geländewagenwahnsinns entgegen.

    Statt sich mit der ökologischen Thematik ernsthaft auseinanderzusetzen wurden Oberpfeifen wie ein Constantin Freiherr von Heereman in öffentliche jägerische Ämter gehievt. Fortan turnten sie lernresistent und narrenfrei durch die mediale Öffentlichkeit.

    Durch eine Öffentlichkeit, die gottlob (wenn auch viel zu langsam) begann, Dinge wie etwa die Massentierhaltung kritisch zu hinterfragen. Alle bescheidenen Erfolge die auf diesem Gebiet bis heute erreicht wurden, gehen gewiss und sicher nicht auf das Konto dieses, mit dem Adelprädikat verunzierten obersten Repräsentanten der konventionellen Landwirschaft, der er ja auch war.

    Im Gegenteil, permanentes Konterkarieren seinerseits war angesagt, bei jedwedem Versuch, Dinge zu ändern, die dringend geändert werden mußten.

    Begleitet von diversen Jägerchören , die sich in nahezu schon rührender Hilflosigkeit einer öffentlichen Kritik ausgesetzt sahen , intonierte er sein Lied vom edlen Weidwerk. Es war die ewige Leier von den abermillonen Kilometern an Hecken, die Familie Jäger nahezu täglich in selbstlosem Einsatz für alles Getier das da kreucht und fleucht aus dem Boden stampfte.

    Es hätte nur noch gefehlt hinzuzufügen: “Unter Einsatz des eigenen Lebens” um die Posse komplett zu machen.

    Nun ja, die Öffentlichkeit hörte lieber die Lieder die man etwa bei Greenpeace sang. Das Ganze hatte eben sehr viel auch mit Glaubwürdigkeit zu tun. Die aber erringt man eben nicht, indem man sich selbst einen Verfechter vorgestrigen Gedankengutes vor den Karren spannt. Damit zieht man die Karre nicht aus dem Sumpf, man fährt sie ert richtig in den Dreck.

    Wenn ich all das bedenke und ich könnte noch stundenlang weiter aus dem Nähkästchen plaudern, dann denke ich, die Jäger sind noch viel zu gut weggekommen bei der ganzen traurigen Geschichte.

    Ich könnte z.B. auf den Gedanken kommen, dass das Lied vom treuen Bambi, das weltfremden Jagdgegnern so leicht über dire Lippen kommt, von den Jägern zumindest mitkomponiert wurde, als sie anno dunnemals eine völlig überzogene Winterfütterung zu begründen suchten.

    (Auch ich habe da zeitweise mitgemacht, hielt das sogar für ökologisch geboten, bin also keineswegs frei von Sünde. Aber das zu behaupten liegt mir auch fern.)

    Nur eine relativ kritiklose Öffentlichkeit (im Vergleich zu der von vor 25 Jahren) ermöglichte es den jägern heute wieder etwas von ihrerm einstigen Renommee zurückgewonnen zu haben.

    Ganz ehrlich: Ich weiß nicht ob ich darüber lachen oder weinen soll.

    Mit einem freundlichem Weidmannsheil

    Rüdiger Koch

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.