Jagen im Pulverdampf

Ein Beitrag von Joachim Ernst, www.eye2nature.com

 Wer denkt bei Vorderladern nicht unweigerlich an Dreispitz, Lederstrumpf und Pulverdampf? Wie aber wäre es mit Elch, Schwarzbär und Präzision? Das paßt nicht zusammen? Doch, denn moderne Vorderlader sind präzise Jagdwaffen, die sich großer Beliebtheit erfreuen.

Aber zäumen wir das Pferd nicht von hinten auf. Ganz falsch ist die erste Assoziation ja nicht. Der Vorderlader ist die Urform unserer heutigen Feuerwaffen, wenngleich auch sie eine Entwicklung durchlebt haben, in deren Verlauf sich ihre Schußleistungen dramatisch verbesserten. Trotzdem, die Nachteile eines Vorderladers klassischer Bauweise für die Jagd liegen auf der Hand.

putzen

(Nicht nur) beim Vorderlader nach jedem Schuss angesagt: Putzen
Foto: Joachim Ernst

Das überaus aggressive Schwarzpulver greift nicht nur den Lauf der Waffe an und fördert so die Bildung von Rost, es lagert sich dort auch in Form von Verkrustungen ab. Ein Problem, das die Vorderlader durch die Jahrhunderte begleitet. Putzen nach jedem Schuß ist die Folge.

Auch der schnelle zweite Schuß zählt nicht zu den Stärken dieser Waffen, selbst wenn das Putzen unterbleibt. Bis das Pulver eingefüllt, die Kugel gepflastert und in Position gebracht ist, vergeht mehr Zeit als dem Jäger zur Verfügung steht.

Doch all das sind vergleichsweise geringe Probleme bedenkt man die unzureichende Zielgenauigkeit. Je weiter das Ziel entfernt, um so deutlicher tritt dieses Manko zu Tage. Es wird begleitet von der über die Entfernung rasch abnehmenden Energieabgabe im Ziel. Auch wenn sie im Laufe der Jahrhunderte technisch immer weiter entwickelt wurden, letztlich sind die klassischen Vorderladerwaffen weit davon entfernt, den Erfordernissen weidgerechter Jagd zu entsprechen.

Anders sieht es da mit den modernen Vorderladern aus. Sie vermögen weit mehr und sind mit den vergleichsweise hoch entwickelten Waffen des 19. Jahrhunderts nicht mehr zu vergleichen. Ein Besuch bei dem Hersteller LHR Sporting Arms in New Hampshire macht dies deutlich.

Mitarbeiter_1

Besuch bei LHR Sporting Arms – ein Mitarbeiter.
Foto: Joachim Ernst

Ein moderner Vorderlader ist eine ernst zu nehmende Jagdwaffe, mit der man sich guten Gewissens auf Elchjagd begeben kann.

Waffen

Moderne Vorderlader bei LHR.
Foto: Joachim Ernst

Verlangt die Jagd mit Pfeil und Bogen dem Jäger noch besondere Fähigkeiten ab, sich dem Wild überhaupt auf Schußdistanz zu nähern, so unterscheidet sich die Jagd mit dem Vorderlader nicht von der mit der Büchse. Jedenfalls was die Schußdistanz betrifft. Ansonsten gibt es doch Unterschiede, die die Jagd zu einem besonderen Erlebnis machen und ein Gefühl vergangener Zeiten aufkommen lassen.

Alles beginnt mit dem Laden der Waffe. Wie damals braucht der Jäger Schießpulver, etwas zu dessen Zündung, ein Geschoß und einen Ladestock. Damit enden die Gemeinsamkeiten mit früheren Zeiten jedoch zunächst.

Das Pulver gibt es für Traditionalisten nach wie vor lose. Der Rest greift zur gepreßten Variante. Das macht das Handling einfach und läßt dem Jäger je nach Situation die schnelle Wahl zwischen 100 und 150 Grain als Treibladung. Eine falsche Handhabung oder versehentliche Überdosierung im Überschwang der bevorstehenden Jagd ist praktisch ausgeschlossen.

Ist die Treibladung im Lauf folgt das Geschoß. Pflaster und einen runden Batzen Blei sucht man vergebens. Zum Einsatz kommen verschiedene Geschoßtypen. Sicherlich ist die Auswahl nicht so groß wie sie für Büchsen zur Verfügung steht. Die Auswahl für den Vorderlader besteht im wesentlichen aus 3 unterschiedlichen Geschoßtypen in den Kalibern 45 bis 58. Das Geschoß wird mit dem Ladestock, den LHR zu einem Multitool ausgebaut und auch so bezeichnet, an seinen Platz oberhalb der Treibladung geschoben.

Damit ist das typische Vorderladerprocedere auch schon abgeschlossen. Was noch fehlt, ist die Lunte oder besser gesagt das Zündhütchen. So nah der Jäger bisher an früheren Zeiten war, so nah ist er im Folgenden einer modernen Kipplaufbüchse.

gekippt

Vorderlader als Kipplaufbüchse.
Foto: Joachim Ernst

Genau wie bei dieser befindet sich auf dem Hals der LHR Redemption ein seitlich zu bewegender Hebel, nach dessen Betätigung der Lauf nach unten kippt. Nur daß statt einer Patrone hier das Zündhütchen eingesteckt wird. Waffe schließen und fertig ist der Ladevorgang.

Ob Pirsch oder Ansitz, ausgerüstet mit zeitgemäßer Zieloptik ist der moderne Vorderlader ein führiger Begleiter. Mit einem Gewicht von 3,2 kg ohne Zielfernrohr wird die Waffe auch auf ausgedehnter Pirsch nicht zu schwer.

Jäger 1

Jäger mit moderner Vorderlader-Büchse.
Foto: Joachim Ernst

Wer kennt die Situation nicht, Wild kommt in Anblick und nach sorgfältigem Ansprechen fällt die Entscheidung zum Schuß. Also Waffe in den Anschlag bringen, fertig machen und… zu spät. Das Stück ist in einer Mulde verschwunden oder äst genüßlich hinter der nächsten Tanne. Keine Chance, einen sauberen Schuß anzutragen und zu lange Zeit, um im Anschlag zu bleiben. Also die Waffe absetzen und sichern.

Alles kein Problem. Die LHR Redemption ist mit einem Spannschieber ausgerüstet, der im Anschlag lautlos mit dem Daumen betätigt werden kann. Die Waffe ist ebenso schnell ent- wie gesichert. Ein roter Punkt zeigt an, daß die Waffe schußbereit ist.

Zielfernrohr

Spannschieber auf dem Kolbenhals eines mit Zielfernrohr ausgestatteten Vorderladers.
Foto: Joachim Ernst

Sollte im Eifer einmal vergessen werden, die Waffe wieder zu sichern, so geschieht dies automatisch, sobald ein Stoß auf die Waffe einwirkt. Das verringert das Unfallrisiko erheblich.

Das alte Leiden der Vorderlader, daß aufgrund der Schwarzpulverrückstände die aus Eisen gefertigten Läufe schneller rosten als man sie putzen kann, gehört ebenfalls der Vergangenheit an. LHR Redemption verwendet eine als Armornite bezeichnete und in das Material einziehende Melonite-Beschichtung. Auf diese Weise ist der Lauf innen wie außen dauerhaft mit 70 Härtegraden nach Rockwell auch gegen mechanische Einflüsse geschützt.

Was aber unterscheidet einen heutigen Vorderlader sonst noch von einer Kipplaufbüchse?

Abgesehen davon, daß der geübte Schütze rund 30 Sekunden zum Nachladen benötigt und damit deutlich langsamer ist als derjenige, der eine Kipplaufbüchse verwendet, sollte der Lauf nach jedem Schuß gereinigt werden. Grundsätzlich führen die nach jedem Schuß entstehenden Ablagerungen im Lauf zu Beeinträchtigungen beim Laden, vor allem jedoch bei der Ballistik. Trotzdem, ein zweiter, präziser Schuß ist immer möglich. Je nach verwendetem Pulver bleibt die Schußleistung auch bei 10 bis 12 Schuß in Folge unbeeinträchtigt. Anschließend ist gründliches Putzen dringend von Nöten.

In Sachen Präzision leistet die LHR Redemption ansonsten Erstaunliches. Drei Schuß aus 100 yard (= 91,44m) Entfernung ergeben ein Schußbild von 1,06 Inches (= 2,7 cm) Durchmesser. Ein Ergebnis, das an Präzision keine Wünsche offen läßt.

Schussbild

Schussbild eines Vorderladers: Drei Schuss aus knapp 100 Metern Entfernung.
Foto: Joachim Ernst

Trotzdem gibt es zwei wesentliche Unterschiede zur Kipplaufbüchse bzw. zu Hinterladern allgemein: Die Balistik entspricht beim Vorderlader eher der eines Schrotschusses als der eines gewöhnlichen Büchsengeschosses. Die LHR Redemption ist ebenso wie andere moderne Vorderlader bei einer Schußentfernung von 250 bis 300m am Ende ihrer Leistungsfähigkeit angelangt. Eigentlich kein wirkliches Manko, denn abgesehen von wenigen Situationen im Hochgebirge, sind 300m in aller Regel jenseits des jagdlichen Alltages und auch jenseits der Schießfertigkeiten des Schützen.

Diese Einschränkung in der Reichweite ist auch einer der Gründe, weshalb Vorderlader in den USA so beliebte Jagdwaffen sind. Mit einem Vorderlader wird das Gefährdungspotential bei Fehlschüssen vergleichsweise gering gehalten.

Mehr noch, in manchen Bundesstaaten, hierzu zählen unter anderen Ohio und Indiana, sind sie die einzigen zur Jagd zugelassenen Langwaffen. In anderen Bundesstaaten wie New Hampshire hingegen gibt es eine eigene Jagdsaison auf Weißwedel Hirsche, während der keine anderen Waffen zur Jagd zugelassen sind.

Auch hinsichtlich der rechtlichen Vorschriften genießen Vorderlader in den USA eine Sonderstellung. Während bei Langwaffen der sogenannte Backgroundcheck des Käufers obligatorisch ist, entfällt er beim Erwerb eines Vorderladers. Das vereinfacht auch den Versand dieser Waffen. Online bestellt und verpackt in einem handelsüblichen Pappkarton erreichen sie den Empfänger auf dem normalen Postweg.

Versand

Kommt per Post: Versandkarton für Vorderlader.
Foto: Joachim Ernst

Verglichen mit einer Büchse nehmen sich Geschoßgeschwindigkeit und -energie im Ziel eher bescheiden aus. Natürlich sind die erzielbaren Werte nicht nur abhängig vom Geschoßgewicht, sondern auch von der Art des verwendeten Pulvers und vor allem auch von dessen Menge. Mit einer Vo von 640m/s bzw. V100 von rd. 490m/s erreicht man den oberen Grenzbereich. Beim Auftreffen im Ziel nach 100m gibt das Geschoss in Abhängigkeit der genannten Parameter noch bis zu 1.375 Joule Energie ab. Für die Jagd auf Hochwild ist das nach deutschem Jagdrecht nicht ausreichend. In ihrem Heimatland den USA werden Vorderlader aber erfolgreich auf Hochwild geführt. Gerade die Jagd auf Schwarzbären wird häufig mit diesen Waffen ausgeübt.

Bleibt zum Schluß noch der zweite wesentliche Unterschied, der Pulverdampf. Hier schließt sich der Kreis, der seinen Anfang beim Laden durch die Mündung genommen hat. Nach der Schußabgabe ist der Schütze für einige Sekunden in Pulverdampf gehüllt.

Vorderlader_Jaeger_Pulverdampf

Pulverdampf.
Foto: Joachim Ernst

Ob das Stück auf den Schuß gezeichnet hat? Das ist für den Vorderlader ein ewiges Geheimnis. Jagen wie damals, aber eben nur fast.

Text und Fotos: Copyright Joachim Ernst

www.eye2nature.com

 

3 Gedanken zu „Jagen im Pulverdampf

  1. der Held

    Also ein Nachbauvorderlader von Ardesa wie der Challenger mit 20″ Drall, oder die Gibbs von Pedersoli schießen auf 100-150m treffsicherer als einige “moderne” Jagdgewehre!

    Anstatt eine Aufwendige Kugelladung können auch .40 oder .45 Sabotgeschosse verwendet werden. Damit lassen sich Schüsse ausführen wo mancher Jäger aus dem Staunen nicht mehr raus kommt!

    Aus einem solchen Vorderlader lassen sich je nach Kaliber und Geschossgewicht bis 2800Joule generieren, und wer mit 300gr aufwärts schießt hat eine doppelt so hohe Stoppwirkung als ein 200gr geschoss was mit 4000Joule aus einem modernen Jagdgewehr kommt!

    Antworten
  2. Stuhlfauth Konrad

    Hallo Leute,
    habe den Text von der Ardesa Callenger gelesen, und muss sagen das es mich sehr beeindruckt hat, weil ich auch Vorderlader schieße und es ist eine Ardesa Kal.45.
    Die Frage ist , darf man das Gewehr auch in Deutschland schießen und ist es waffenschein frei.
    Was kostet so ein Gewehr, und was für ein Kaliber ist es. Würde mich interisieren ob es in Deutschland frei verkäuflich ist.
    Könnt ihr mir mal darauf antworten.

    MFG Stuhlfauth Konrad

    Antworten
  3. Thomas Immel

    Hallo Leute,
    ich schieße mit einem Württemberger Infantriegewehr 1857 von Pedersoli mit 85 Gain Wano und einem Minie Langgeschoss Kal.54 mit 650Grain.
    Ich habe damit auf meinem Firmengelände Fernlochungen am Schrottkübel gemacht,d.h.hat auf 70 Meter 8mm Stahlblech durschlagen und Löcher von ca.20mm hinterlassen.
    Ich denke damit kommt auch ein Elefant zu Fall.

    Waidmannsheil

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.