Jagdhundezucht: Weg ins Verderben ?

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Jörg T. Epplen, Humangenetiker an der Ruhr-Universität Bochum und Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des VDH, über verbrecherische Zuchtstrategien, die Gefahren der Inzucht,  den Einfluss von Genen, Umwelt und Erziehung auf die Leistung von Hunden und “die hohe Kunst des Züchtens”.

JAWINA: Wenn ich als Züchter oder Zuchtverband einer kleinen Spezialhunderasse diese Rasse durch züchterische Methoden und Entscheidungen möglichst stark schädigen wollte – wie müsste ich da vorgehen?

Prof. Dr. Epplen: Puh. Mit Geschwistern züchten und möglichst nur mit einem Geschwisterpaar. Oder Sie könnten es natürlich auch teuer machen und sagen, ich kloniere bzw. kopiere den Hund, der den Prototyp der Rasse darstellt für jeweils 56.000 Dollar. So ist es durchaus möglich, die Rasse zu Grunde zu richten.

JAWINA: Ähnelt das letztere nicht auf fatale Weise der Zuchtstrategie in manchen Vereinen, wo hochprämierte Rüden besonders häufig zum Zuchteinsatz kommen?

Prof. Dr. Epplen: Ja.

JAWINA: Sie halten das für ungeschickt – warum? Und wie sähe dem gegenüber eine verantwortungsvolle Zuchtstrategie aus?

Prof. Dr. Epplen: “Ungeschickt” ist ungeschickt ausgedrückt, das Gegenteil von pejorativ: Beschönigend. Ich halte das, wenn es um die Hunde geht, für verbrecherisch. Wie sähe die Alternative aus? Jeder einigermaßen gesunde Hund, von dem man vermuten kann, dass er keine offensichtliche Erbkrankheit hat, kommt maximal ein Mal zur Fortpflanzung.

JAWINA: Wozu das?

Prof. Dr. Epplen: Damit das, was an genetischer Variabilität heutzutage noch in der Rasse vorhanden ist, erhalten bleibt.

JAWINA: In vielen Verbänden stellt die Zuchtwertschätzung ein wichtiges Instrument dar, d.h. Leistung und äußeres Erscheinungsbild eines Hundes, insbesondere von Deckrüden werden bewertet, danach wird über den Zuchteinsatz entschieden. Was bedeutet Zuchtwertschätzung und was ist davon zu halten?

Prof. Dr. Epplen: Zuchtwertschätzung ist ein wissenschaftlich höchst wertvolles Instrument, wenn es richtig angewandt wird. Das heißt, dass eine Population von mehreren zehntausend Individuen zugrunde liegt; die Zuchtstatistik muss alle paar Jahre anhand neu entstandener Populationen überprüft bzw. neu justiert werden.

JAWINA: Das heißt bei kleinen Hundepopulationen mit einigen hundert oder vielleicht nur 50, 60 Nachkommen im Jahr, ist Zuchtwertschätzung irrelevant.

Prof. Dr. Epplen: Ja; der klare Menschenverstand sagt dem Züchter dasselbe, wie die teure Zuchtwertschätzung.

JAWINA: Was sagen überhaupt Leistungen und Erscheinungsbild eines Hundes – der Phänotyp – über den Genotyp, sein genetisches Potenzial aus?

Prof. Dr. Epplen: Schrecklich wenig, weil praktisch alle morphologischen Merkmale – Rute, Fell, Größe, Verhalten, Leistung – multifaktoriell sind. Mehrere Gene und Umwelteinflüsse sind also dafür verantwortlich. Die Erscheinung eines Hundes sagt also nur aus, dass die tatsächlich verwirklichten Möglichkeiten anhand des Genotyps gegeben sind. In einer Rasse ist das Potenzial für bestimmte Leistungen angelegt, aber es sind Umwelteinflüsse – Ausbildung, Haltung, Hundeführer – die darüber entscheiden, ob das Potenzial explizit zur Ausprägung kommt. Da gibt es eine breite Spanne der Merkmalsausprägungen, aber die genetische Grundlage muss natürlich angelegt sein: Man kann aus einem Vorstehhund keinen Erdhund machen.

JAWINA: Das leuchtet spontan ein. Welche genetischen Risiken bringt es mit sich, gezielt auf die Unterdrückung oder Hervorhebung bestimmter Merkmale zu züchten?

Prof. Dr. Epplen: Dass eben die genetische Variabilität eingeschränkt wird und dass sie ggf. auch kritisch eingeschränkt wird.

JAWINA: Stichwort Epilepsie – sie befürworten es, mit epileptischen Hunden zu züchten?

Prof. Dr. Epplen: Ich befürworte das nicht, aber bei kleinen Rassen muss man sehr genau abwägen, ist die Evidenz, dass das eine genetische Form der Epilepsie ist, eindeutig und belegbar – und wenn nicht, dann sollte man sehr vorsichtig sein, alle Wurfgeschwister, Eltern und Nachkommen von der Zucht auszuschließen.

JAWINA: Also sollten gerade kleine Rassen mit jedem einigermaßen gesunden und leistungsfähigen Hund auch züchten?

Prof. Dr. Epplen: Im Prinzip ja, aber dann würden Sie die Populationsgröße der Rasse extrem ausweiten, wenn tatsächlich jeder zum Einsatz käme. Nehmen Sie eine durchschnittliche Wurfgröße von drei bis sechs Welpen, dann würde in der nächsten Generation die Population schon x-Mal so groß sein. Das kann ja auch nicht sinnvoll sein, weil zum Beispiel jagdlich eingesetzte Hunde ja hoffentlich nur an Jäger abgegeben werden sollten oder an jemanden, der damit umgehen kann und Agility, Suchhundeinsatz oder sonst etwas Sinnvolles damit macht. Also können Sie nicht alle Hunde zur Zucht einsetzen, denn sonst würden sie die Population in kurzer Zeit multiplizieren.

JAWINA: Manche Verbände, Schweißhundeverbände zum Beispiel, fahren die entgegengesetzte Strategie, halten die Population klein und befriedigen nicht einmal die Nachfrage nach Welpen aus den Reihen ihrer Vereinsmitglieder.

Prof. Dr. Epplen: Ja, da brauchen wir gar nicht so weit zu gucken, nehmen Sie die  bayerischen Schweißhunde, die machen das so, hört man. Aber die sind ja durch die Veranstaltung dort in Thüringen [Jahreshauptversammlung KBGS, Suhl, 29.4.2017] auf die Problematik nochmal aufmerksam geworden, und sind – wie der Vorsitzende und vor allem auch der Zuchtwart sagten – durch den Vortragsinhalt und die Aussagen etwas durcheinander geschüttelt worden. Das heißt, auch dort kommt es jetzt zu einem Reflexionsprozess, der hoffentlich dazu führt, dass auch die “Ausländer“, so sie denn wirklich zur Rasse gehören, mit zum Einsatz kommen und dass nicht bevorzugt nur mit einigen wenigen Hunden gezüchtet wird.

JAWINA: Nochmal ganz konkret gefragt: Was ist für kleine Spezialhunderassen wie die Schweißhunde die richtige Zuchtstrategie zwischen künstlicher Verknappung und Exklusivität und dem Aufblähen der Population?

Prof. Dr. Epplen: Rein theoretisch: Man könnte sich überlegen, dass aus jedem Wurf mindestens 1(-2) züchterisch interessante Geschwister einmal mit möglichst unverwandten Hunden aus ganz anderen Linien verpaart werden. Wiederholungen von Verpaarungen sollten absolute Ausnahme sein bzw, ganz vermieden werden. Damit wäre auch eine Deckaktbegrenzung eingebaut, um z.B. sog. Matadorrüden etc. zu vermeiden.

JAWINA: Wie wird ihre Botschaft bei den Zuchtvereinen aufgenommen?

Prof. Dr. Epplen: Sehr unterschiedlich. Es gibt sicher Hundevereine, die weniger nach der Funktion des Hundes gucken, sondern mehr nach dem Phänotyp, also mehr nach Exterieur und Erscheinungsbild. Die sagen, naja, lass den Theoretiker da sich mal produzieren. Die Vereine, bei denen es um Leistung geht, da sind die Ohren doch deutlich weiter offen. Ein paar Zuhörer schauen betroffen und äußern, jetzt hat er’s uns aber gegeben. Andere lehnen sich zurück, grinsen freundlich und denken wahrscheinlich, lass den reden; wir machen es doch so, wie wir es immer gemacht haben – und wie es richtig ist…

JAWINA: Was ist Regenerationszucht und was ist davon zu halten?

Prof. Dr. Epplen: Dieser Begriff wird eher selten angewandt, z.B. bei Kaltblutpferden sowie im KBGS und bedeutet ganz kurz gefasst, das Einkreuzen mit wenigen Hunden einer eng verwandten Rasse. Diese Strategie muss sehr genau abgewogen werden und muss in meinen Augen auf jeden Fall immer kompetent wissenschaftlich begleitet werden von Zuchtexperten bzw. vom wissenschaftlichen Ausschuss des VDH.

JAWINA: Welchen Stellenwert hat Inzucht in der Hundezucht, was ist davon in Hinblick auf Chancen und Risiken zu halten? Viele Züchter scheinen das ja nach wie vor für ein – wenn auch anrüchiges – Geheimrezept zu halten, um vierbeinige Überflieger heranzuzüchten.

Prof. Dr. Epplen: Richtig, vor ein paar Jahren gab es sogar in der Zeitschrift Jagdgebrauchshund von einem bekannten Jagdhund-Buchautor ein Votum für „etwas Inzucht“, man müsste es nur „richtig“ anstellen. Also, da lügt man sich selber in die Tasche, wenn man auf vierbeinige Überflieger hofft. Nämlich, weil man auch mit strenger Inzucht immer wieder eine (Normal-)Verteilung der Leistungsmerkmale erhält, mit extremen Minima und Maxima. Natürlich, wenn man dann das unerwünschte Extrem immer wieder “wegwirft”, sprich abtötet, dann kann man da initial, bei einer Rasseneugründung schon etwas erreichen. Aber später wird das bei einer etablierten Rasse sicherlich ins Verderben führen.

JAWINA: Was heißt Verderben?

Prof. Dr. Epplen: Genetische Verarmung der Rasse und damit Aussterben der Rasse, wenn es konsequent weitergeführt wird.

JAWINA: Gibt es das, dass eine Rasse genetisch “fertig hat”, oder ist da immer noch etwas zu retten?

Prof. Dr. Epplen: Nehmen Sie eine hochspezialisierte, ehemalige Jagdhundrasse, die Lundehunde, die sind mit einer Inzidenz von >50 Prozent von einer schweren Darmerkrankung betroffen, die sind sozusagen vor dem Ende. Es gibt andere Rassen, die einfach ausgestorben sind. Bei den Lundehunden ist es so, dass auch von bestimmter wissenschaftlicher Seite öffentlich gefordert wird, dass verwandte nordische Rassen eingekreuzt werden.

JAWINA: Was bringen DNA-Biobanken?

Prof. Dr. Epplen: DNA-Biobanken bringen einerseits, dass man unmittelbar auf die Gendaten oder DNA-Daten von allen in der Biobank befindlichen Hunden zurückgreifen kann. Vor allem aber auch auf diejenigen, die von Hunden stammen, die bereits verstorben sind, an die man sonst nicht mehr drankäme. Das bewirkt sekundär, dass es praktisch keine Fragen bezüglich der Abstammung mehr gibt. Es ist also eigentlich gar kein genetischer Fingerabdruck zum Rüdennachweis mehr notwendig, weil jeder weiß, wenn das Material in der DNA-Biobank ist, dann kann jederzeit überprüft werden, ob Abstammungen tatsächlich stimmen oder auch nicht.
Bei den Weimaranern hat die DNA-Biobank beispielsweise gebracht, dass man einen neu entstandenen Gendefekt für PRA innerhalb von acht Monaten identifizieren konnte und damit dann die weitere Ausbreitung des Gendefekts verhindern konnte.

JAWINA: Sind DNA-Biobanken in allen Rassen üblich und was ist dazu erforderlich?

Prof. Dr. Epplen: Da gibt es sehr große Unterschiede. Erforderlich ist dazu, dass der Vorstand eines Vereins seine Mitglieder mehrheitlich überzeugt, dass so eine DNA-Biobank eingeführt wird.

JAWINA: Welche Kosten entstehen dadurch?

Prof. Dr. Epplen: Das ist leicht unterschiedlich zwischen verschiedenen Anbietern. Bei uns kostet es 40 Euro pro Hund. Wir präparieren die DNA aus EDTA-Vollblut mit einem Verfahren, das alle molekulargenetischen Methoden erlaubt, quantifizieren die DNA und klären deren Qualität ab; dann werden die verschiedenen Aliquots in verschiedenen Tiefkühlschränken eingefroren. Wenn man einfach nur Blut nehmen und in einen Tiefkühlschrank werfen würde, wie das andernorts passiert, dann kann ich das natürlich billiger machen oder auch nicht. Dann habe ich aber nicht die Gewähr, dass ich von jedem Hund, von dem Blut eingesandt wurde, nachher auch DNA habe. Denn nach zehn Jahren kann man nur noch in ungefähr der Hälfte der Bluteinsendungen hochmolekulare DNA erhalten, die in allen molekulargenetischen Experimenten auch verwertbar ist. Zur vertraglich geregelten Einrichtung einer DNA-Biobank gehört für uns auch, dass der betreffende Verein und seine Mitglieder in all den Fragen betreut werden, die mit DNA-Tests für verschiedene Merkmale, Erbleiden, Abstammungsfragen usw. unmittelbar und engmaschig betreut werden.

JAWINA: Was ist die richtige Vorgehensweise, wenn ich eine unerwünschte Mutation ausmerzen oder eine gewünschte hervorheben möchte, die genetische Vielfalt aber erhalten will.

Prof. Dr. Epplen: Das Ausmerzen ist bei mendelnden Erbgängen relativ einfach, in dem man zum Beispiel bei einem dominant vererbten Merkmal die Mutationsträger aus der Zucht nimmt. Anders ist es beim rezessiv vererbten Merkmal, da können, für gewisse Zeiträume, die heterozygoten Mutationsträger in der Zucht verbleiben, müssen aber immer gezielt mit Nicht-Mutationsträgern verpaart werden. Bei den multifaktoriell bedingten Erbleiden ohne klassischen Erbgang – Paradebeispiel sind die meisten Formen der Epilepsie – ist die Strategie schwieriger festzulegen, weil halt eine ganze Reihe von Genen zur Krankheitsmanifestation beitragen können, plus die vielen, meist unbekannten Umwelteinflüsse. Da müsste man je nach Populationsgröße der Rasse sehr genau abwägen, inwieweit man anhand der Informationen, die man über erkrankte oder nicht erkrankte Geschwister hat, die Betroffenen nicht mit in die Zucht nehmen kann oder darin belassen sollte. Das wird nicht nur theoretisch sondern vor allem praktisch hochkompliziert…

JAWINA: Nehmen wir ein konkretes Beispiel: Wenn ich das Problem oder den Eindruck habe, dass meiner Zucht, meiner Rasse, die Wildschärfe abhanden gekommen ist. Gibt es für solche Fälle die passende Zuchtstrategie? Muss ich die Problemfälle nur mit einem mutigen Hund verpaaren und alles wird gut – oder ist das eine Illusion?

Prof. Dr. Epplen: Nein, da kommt die hohe Kunst des Züchtens ins Spiel. Da habe ich alle Hochachtung und da hört bei mir auch schnell die Wissenschaftlichkeit auf, ich bin kein und werde nie Züchter. Also dieser Züchter, der kann das, der hat ein Auge dafür, oder, der kann das nicht. Wenn bei einer Merkmalsausprägung wie Wildschärfe viele verschiedene Gene jeweils einen geringen Einfluss ausüben, dann kann ich das gewünschte Ziel vielleicht mit viel züchterischer Erfahrung erreichen – oder einfach mit Glück.

Meine erste Hündin, die beinahe 14 1/2 ist, die wurde von einem professionellen Ausbilder der Züchterin zurückgegeben. Der sagte, die hat keine Wildschärfe. Völliger Quatsch! Dieser professionelle Ausbilder konnte nur mit Deutsch Drahthaar umgehen und hat die Weimaraner-Hündin so verstockt gemacht, dass sie mit ihm gar nicht mehr richtig interagiert hat. Das ist nur ein kleines Beispiel, die Mella hat sich durchaus später die Frischlinge geholt und hat auch den Überläufer-Keiler, den ich leider nur weidwund getroffen habe, so lange umkämpft, nachts um zwei, bis ich dann auch an ihn rangekommen bin.

JAWINA: Stark!

Prof. Dr. Epplen: Aber das ist natürlich nur ein Einzelfall, da gibt es keine wissenschaftliche Aussage dazu.

JAWINA: Nach meinem Eindruck haben sind die Zuchtwarte in vielen Vereinen – vorsichtig ausgedrückt – nicht so die Genetik-Experten, was fatale Auswirkungen auf die Zucht und Zuchtstrategien hat. Welche Hilfestellung bietet z.B. der VDH den Zuchtvereinen und Züchtern?

Prof. Dr. Epplen: Der VDH bietet breiteste Ausbildungsmöglichkeiten, aber da sehen Sie in aller Regel nicht die Zuchtwarte zum Beispiel von Jagdhundevereinen, sondern den einzelnen wirklich interessierten Züchter.

JAWINA: Also so ähnlich wie bei den Schießständen, wo man ja auch immer die Leute trifft, die es am wenigsten nötig haben?

Prof. Dr. Epplen: (lacht) Tja, da treffen Sie gleich den Richtigen…

Die Fragen stellte Stephan Elison.

Zur Person

Prof. Dr. med. Jörg T. Epplen ist Humangenetiker an der medizinischen Fakultät Ruhr-Universität Bochum. Er führt zwei Weimaraner, eine 14 Jahre und eine fünf Jahre alte Hündin. Er ist Jagdscheininhaber seit 2002 und jagt am liebsten heimisches Wild, besonders in deutschen Mittelgebirgen.

Beitragsbild: Prof. Dr. Epplen mit seiner Langhaar-Weimaranerhündin Xylona vom Fenriswolf. Foto: privat

5 Gedanken zu „Jagdhundezucht: Weg ins Verderben ?

  1. Joachim Orbach

    Ich finde es gut, wenn auch auf einem Jagdblog einmal ein Thema zur Jagdhundezucht veröffentlicht wird. Was mir aber in diesem Beitrag fehlt ( evtl. kann man das ja noch nachholen ). Bekanntlich versteht man ja unter Inzucht die sexelle Fortpflanzung nahe verwandter Individuen und nicht entfernter verwandter Individuen -was aber leider oftmals nicht immer bei allen Hundeleute immer so klar ist. Entsprechen wird daher auch zwischen Inzucht und Linienzucht ( “Familienzucht ” ) unterschieden und gerade bei der Linienzucht halte ich die Berechnung des Inzuchtkoeffizienten für wichtig.
    Hier hätte man meiner Meinung nach die Fragen an den Herrn Prof. Dr. Epplen stellen sollen:
    Wie hoch darf nach Ihrer Meinung u. ggf. auch anderer Wissenschaftler der Inzuchtkoeffizient bei einer beabsichtigten Wurfplanung sein ( ggf. auch für Rassen mit kleiner und großer Zuchtbasis?
    Wieviele Generationen sollten Ihrer Meinung nach und ggf. auch nach der Meinung anderer Wissenschaftler bei der Berechnung des Inzuchtkoeffizienten berücksichtigt werden?

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    1. Keule

      Dazu ist in dem Artikel alles gesagt: Denn “Familienzucht” und “Linienzucht” sind nichts anderes als beschönigende Ausdrücke für mehr oder minder krasse Inzucht. Als Mediziner sage ich ihnen es gibt gute Gründe dafür, daß das bei Menschen verboten ist. Und wohin das bei der Hundezucht führt steht ja im Text.

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      1. Joachim Orbach

        Hallo Keule,
        meine 2 Fragen waren an Herrn Prof. Dr. Epplen gerichtet ( bzw. Mitteilung an die Redakion von JAWINA ), die er ja auch schließlich in seinem Kommentar beantwortet hat. Was nun das Thema Linienzucht bei Tieren anbelangt, gibt es ja bekanntlich unterschiedliche wissenschaftliche Veröffentlichungen. Die größte Sammlung dieser Veröffentlichungen dürften sich im Commonwealthbüro für Tierzucht befinden. Zudem ist Linienzucht nicht verboten – wobei man zwischen gengerer und weiterer Linienzucht ja auch noch unterscheiden muss. Weshalb würden sonst Wissenschaftler zwischen Inzucht und Linienzucht als Zuchtmethoden unterscheiden?

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    2. jörg epplen

      Danke Ihrer Nachfrage. Je nach Zucht-Verein wird ja weiterhin ggf. auch mehr oder weniger starr nach IK-Zahlenwerten vorgegangen, weil man sich mit einem derartigen Vorgehen vermeintlich “sicherer” fühlt. Definierte Grenzwerte anzugeben macht meines Erachtens aus mehreren Gründen nicht allzu viel Sinn, denn man muss die in der Hundezucht meist kleine Populationsgröße auch in die Verpaarungs-Strategie mit einbeziehen. Die Populationsgröße geht in die Berechnung nicht unmittelbar ein, sondern nur
      n 1 = Anzahl der Generationen vom Vater zum gemeinsamen Vorfahren,
      n 2 = Anzahl der Generationen von der Mutter zum gemeinsamen Vorfahren und
      FA = Inzuchtkoeffizient des gemeinsamen Vorfahren
      Demnach ist der IK auch von der Anzahl der in die Berechnung eingehenden Generationen abhängig. Einfacher zu verstehen, wenn auch mathematisch weniger korrekt bzgl. der Aussagekraft, ist der Ahnenverlustkoeffizient, der dem einen oder anderen Züchter ein besseres Gefühl bzgl. der gemeinsamen Vorfahren gibt.
      PS: Eine unserer Weimaraner-Hündinnen hat von den 8 theoretisch möglichen verschiedenen nur 6 unterschiedliche Urgroßeltern. Je weiter man zurückgeht, um so weniger der theoretisch möglichen verschiedene Vorfahren sind urkundlich vorhanden. Insbesondere in den Weltkriegen war der Vorfahrenverlust ganz enorm. Letztlich sind in den Zuchtbüchern nur 1 Rüde und 1 Hündin als die Weimaraner-Urelten verzeichnet, wiewohl genetisch 4 differente Y-Chromosomen (männliche Ur-Linien) und 4 mitochondriale Genome (weibliche Ur-Linien) unter Weimaranern in in Deutschland nachweisbar waren….

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  2. Reinhard Scherr , 1.Vorsitzender im KBGS

    Die Zucht des bayerischen Gebirgsschweißhundes wird gerne als Beispiel für eine kleine Population genutzt und die Fehler, die in vielen Zuchtvereinen gemacht werden, werden dann auf diese Rasse projiziert. Der Klub verwahrt sich gegen die Aussage, die Welpenzahlen künstlich gering zu halten.
    Es ist viel Unwissenheit um die Zucht des bayerischen Gebirgsschweißhundes im KBGS in Umlauf, daher erlaube ich mir die Zuchtstrategien hier zu skizzieren .
    Die Anfragen der Mitglieder nach Welpen können seit Jahren gedeckt werden. Wir geben in jedem Jahr mehrere Hunde an die Schweißhundführer des Auslands ab. Bei unserer Zuchtauswahl wird großer Wert auf Gesundheit, Leistungsfähigkeit, Härte am Wild und Wesensfestigkeit gelegt. Inzucht und Linienzucht wird nachweislich seit mindestens 40 Jahren beim BGS nicht mehr betrieben. Viele unserer Würfe haben 62 unterschiedliche Vorfahren in den letzten 5 Generationen. Von 1998 bis 2015 durften nicht mehr als 18 -20 Welpen nach einem Zuchttier in seinem Leben gezüchtet werden, um die genetische Basis nicht zu verengen. Jetzt können Rüden nach einer Überprüfung der Nachkommen bei den ersten Würfen, weitere 2-3-Würfe, immer mit unterschiedlichen Hündinnen, gemacht werden. Wiederholungswürfe sind seit 1980 nach unserer Zuchtordnung verboten. Wir verfolgen das Ziel aus jedem geborenen Wurf mindestens 1 Hund wieder in die Zucht zu bringen. Seit 1994 wurde ganz bewusst mit Hunden aus der gesamten Population (knapp 5000 Hunde) des Internationalen Schweisshundverbandes gezüchtet, zur Erweiterung der genetischen Basis.
    Um die Erkenntnisse aus dem Vortrag von Prof.Dr. Epplen umzusetzen, müssten wir von unseren Leistungsanforderungen Abstand nehmen .
    Dazu fehlt zur Zeit die Bereitschaft.
    Eine Diskussion wird im Klub zu führen sein, ob wir das Instrument Regenerationszucht, welches Anfang der 50`er Jahre in unserer Rasse angewendet wurde, um den züchterischen Flaschenhals der Kriegsjahre zu überwinden, noch einmal anwenden. Es ist nach unserer Einschätzung zur Zeit nicht erforderlich und birgt durchaus unbekannte Gefahren.
    Es ist korrekt, dass wir ein Zuchtwertschätzungsprogramm anwenden. Allerdings beziehen sich die Zuchtwerte zum größten Teil auf Leistungsmerkmale, lediglich das Stockmaß fließt in die Berechnung mit ein. Die Zuchtwerte werden nicht als Grenzwerte behandelt, sondern als Orientierungswerte.
    Z.B. kann man klare Zusammenhänge feststellen zwischen Zuchtwert Stockmaß und Größe der Nachkommen, ebenso ist nach meiner Erfahrung eine klare Relation zwischen dem Zuchtwert Fährtensicherheit und der Arbeitsweise des Hundes auf der Fährte abzuleiten. Dies sind keine Erkenntnisse, die ich nur von meinen Hunden ableite, sondern aus der Beobachtung der Rasse in den vergangenen 20 Jahren.
    Jeder Jäger der sich ernsthaft der Nachsuche auf alles Schalenwild widmen möchte, kann im Klub Mitglied werden und erhält dann auch einen Welpen.

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