Jagdhundeeinsatz auf Stöberjagden: Welche Rasse hat welche Jagdstrategie?

Sarah Isaak hat ihre Bachelorarbeit in Forstwissenschaft an der Georg-August-Universität Göttingen über die “Klassifizierung von Jagdhunderassen anhand des spezifischen Jagdverhaltens auf Bewegungsjagden” geschrieben. Im Interview mit JAWINA spricht sie über ihre Ergebnisse.

JAWINA: Du hast Deine Bachelorarbeit in Forstwirtschaft über den Einsatz von Jagdhunden auf Drückjagden geschrieben – wie bist Du auf die Idee gekommen?

Sarah Isaak: Nachdem ich das erste Mal den Tracker benutzte und den Track meines eigenen Hundes auslas, überlegte ich, ob dieses Bewegungsmuster eigentlich typisch für die Rasse meines Hundes ist. Ich sprach mit anderen Hundeführern, die ebenfalls ihre Hunde orten und es schien, als würden die verschiedenen Jagdhunderassen unterschiedliches Jagdverhalten und Bewegungsmuster zeigen.

Was genau war das Thema, wie lautete die Aufgabenstellung?

In meiner Abschlussarbeit versuchte ich Jagdhunderassen anhand des spezifischen Jagdverhaltens und Bewegungsmuster zu klassifizieren, sprich: Wie jagen und suchen die unterschiedlichen Hunde und kann ich anhand dessen die Rasse bestimmen? Oder anders ausgedrückt: Welche Rasse hat welche Jagdstrategie?

Titel von Sarah Isaaks Bachelorarbeit (Screenshot, Ausschnitt).

Wie bist Du methodisch an die Sache herangegangen, wie wurde die Arbeit der Stöberhunde analysiert und ausgewertet?

Durch die Zusammenarbeit mit der Firma Tracker gelang es, dass ich Daten von verschiedenen Bewegungsjagden mit vielen Hunden, unterschiedlichster Rassen erhielt.
Da der Tracker auch die Laute der Hunde aufzeichnet, konnte ich diese mit in die Arbeit einbeziehen. So erhielt ich eine Reihe von Merkmalen, wie zum Beispiel: Strecken- und Flächenleistung, Geschwindigkeit, Laute und Führerbezogenheit, die ich durch ein bestimmtes statistisches Analyseverfahren untersuchte und anschließend mit Literaturangaben verglich.

Die Hundeortungsgeräte wurden den Hundeführern von dem finnischen Hundeortungsspezialisten Tracker zur Verfügung gestellt. Die exakte Aufzeichnung des Tracks und die Information, wann (und wo) der Hund laut war (Track fett dargestellt), ermöglichen in Verbindung mit der Wiedergabefunktion eine exakte statistische Auswertung des Hundeverhaltens beim Stöbereinsatz. (Screenshot) Unter diesem Link:

https://client.tracker.fi/?ExportEvent=Meute-export_1560753564536

kann man sich die Aufzeichnung eines Hundeeinsatzes (mit anonymisierten Hundenamen) ansehen. Die Zahl der Hunde, die angezeigt werden, ist durch die Häkchen neben den Hundenamen wählbar. Mit Klick auf Start beginnt die Wiedergabe, sinnvoll ist es, die Wiedergabegeschwindigkeit (unten rechts) höher einzustellen, z.B. auf 3600fach.

Zu welchen Ergebnissen bist Du gekommen?

Die unterschiedlichen Jagdstrategien der untersuchten Rassen unterscheiden sich teilweise signifikant. Es zeigt sich eine deutliche Tendenz, sodass ich behaupten kann, dass es möglich ist, die Jagdhunderassen anhand des Jagdverhaltens und Bewegungsmuster zu klassifizieren. Es stellte sich allerdings auch heraus, dass die Hunde teilweise ein anderes Jagdverhalten zeigten, als die Literatur angab. Allerdings ist meine Arbeit ist noch ausbaufähig. Viele Merkmale und Faktoren werden in dieser Abschlussarbeit nicht miteinbezogen und das Ergebnis ist noch nicht aussagekräftig.

Wie geht es weiter, willst Du das Thema weiter verfolgen?

Ich würde diese Arbeit sehr gerne weiter ausbauen um ein repräsentatives Ergebnis zu bekommen. Eine umfangreichere Untersuchung könnte nicht nur Aufschluss darüber geben, dass sich die Jagdstrategien unterscheiden, sondern auch wie. Es wäre ein großer Datensatz nötig, der nicht nur die Bewegungsmuster beinhalten würde, sondern auch Beobachtungen von Schützen und Angaben über die Hunde über den Ausbildungsstand, bzw. die Einarbeitung. Ich könnte mir vorstellen, dass bei einem entsprechenden Datensatz praxistaugliche Ergebnisse zustande kommen würden.

Wie könnte man das Ergebnis praktisch nutzen?

Wenn die unterschiedlichen Hunderassen spezifische Jagdverhaltensweisen und Bewegungsmuster aufzeigen, könnte man dieses Wissen gezielt auf Bewegungsjagden einsetzten und den Hundeeinsatz entsprechend planen. Ein repräsentatives Ergebnis würde handfeste Beweise zu den heutigen rassespezifischen Jagdverhaltensweisen liefern und durch genaue Kenntnisse über die verschiedenen Jagdstrategien wäre ein auf die rasseabgestimmter Jagdeinsatz möglich, um eine effektive und effiziente Bejagung des Schalenwildes zu bewirken. Des Weiteren könnte man die Diskussion um das Schnallen von Vorstehhunden bei Drückjagden beenden. Denn wenn man weiß, wie die Hunde jagen und dieses Wissen entsprechend einsetzt, würde nichts gegen den Einsatz von hochläufigen Hunden sprechen.

Sarahs DK-Rüde Dex im Drückjagd-Outfit. Foto: privat

Wie jagen denn Vorstehhunde nach deinen Untersuchungen auf Stöberjagden und wie unterscheidet sich das von typischen Stöberhunden?

In meiner Untersuchung zeigen die Vorsteher vor allem eine hohe Führerbezogenheit. Sie erreichen eine hohe Streckenleistung, aber eine geringere Flächenleistung als die anderen Hundeklassen. Die Höchstgeschwindigkeiten sind ähnlich die der Laufhunde. Die Vorsteher haben im Vergleich zu den anderen Hunden den höchsten Standlaut-Anteil. Der Spurlaut-Anteil ist ähnlich hoch, wie bei den Erdhunden und der Sichtlaut wird verhältnismäßig wenig eingesetzt. Die Vorsteher lassen sich demnach als sehr führig, aber auch sehr arbeitswillig beschreiben. Sie stellen und suchen Wild, eine länger anhaltende Hetze kommt aber, aufgrund des geringen Anteils des Sichtlautes eher weniger vor. Aber, wie bereits gesagt, es ist ein zu geringer Stichprobenumfang um dieses Ergebnis als allgemeingültig zu beschreiben.

Was ist Dein persönliches Fazit?

Die Jagdhundezucht der verschiedenen Rassen konzentriert sich längst nicht mehr auf die ursprünglichen Ziele: So ist zum Beispiel das Brackieren in der heutigen Zeit durch die landschaftlichen Gegebenheiten nicht mehr ohne weiteres möglich. Darüber hinaus steht die Bejagung des Schwarzwildes im Fokus vieler Bewegungsjagden, sodass eine intelligente Schärfe des Hundes am Schwarzwild quasi Voraussetzung ist, um den Hund auf diesen Jagden zu führen. Dementsprechend wird auch bei der Zucht auf eine angemessene Schärfe geachtet. Viele Jäger benötigen einen vierbeinigen „Allrounder“ und nicht mehr länger einen Spezialisten. Die Jagdhundezucht erlebt einen Wandel, sodass ein Schubladen-Denken in der heutigen Zeit bezüglich des Jagdhundeeinsatzes nicht mehr angemessen ist. Jeder Hund, der auf Bewegungsjagden läuft, arbeitet so gut wie es für ihn möglich ist. Einen „gut“ oder „schlecht“ jagenden Hund gibt es in meinen Augen nicht. Letztendlich liegt es am Hundeführer den Hund „passend“ einzusetzen und da wäre es doch interessant zu wissen, welche Anlagen gefördert und genutzt werden können.

JAWINA: Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person:

Sarah Isaak hat 2019 ihr Studium der Fortwissenschaften an der Universität Göttingen erfolgreich abgeschlossen und wird voraussichtlich im Oktober die Ausbildung für den gehobenen Forstdienst antreten. Sie selbst ist eine passionierte Jägerin und Hundeführerin. Ihren Deutsch Kurzhaarrüden bildete sie selbstständig aus und jagt mit diesem sowohl auf Niederwild, als auch auf Hochwild.

Beitragsbild: Sarah und Dex. Foto: privat

7 Gedanken zu „Jagdhundeeinsatz auf Stöberjagden: Welche Rasse hat welche Jagdstrategie?

  1. Carpe Diem.. jetzt erst recht

    Über das persönliche Fazit von Frau Isaak ließe sich stundenlang diskutieren, dennoch ist es prima, dass sie sich des Themas angenommen hatte.
    Mein Widerspruch: Ein bestens eingearbeiteter Jagdhund auf Stöber- oder Drückjagd ist kein Allrounder sondern ebenfalls ein Spezialist. Wer einen außerordentlich gut veranlagten Hund bekommt, hat einen Rohdiamanten, etwas aus ihm zu machen ist Aufgabe des Hundeführers. Deshalb gilt nach wie vor: “Wie der Herr so´s Geschärr”.
    Das ganze Geraffel, was bei Bewegungsjagden zu oft einem Reh hinterher rennt und die Sauen links liegen läßt, das ist die Wirklichkeit.
    Zuchtvereine haben einen Auftrag, nämlich die rassespezifischen Eigenschaften zu erhalten und Fehlentwicklungen zu vermeiden und nicht “Modegedanken” hinterher zu hecheln und die Rasse zu “verbiegen”.
    [Kommentar gekürzt, admin.]

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  2. Werner

    Die Aufzeichnungen von Frau Isaak im WebApp von Tracker sind mit Vorsicht zu beurteilen, weil man aus diesen Daten den Spur bez. den Sichtlaut sehr schwer herauslesen kann. Darum verstehe ich nicht, wie sie aus diesen Daten die Jagdhunderassen Vorstehhunde und Stöberhunde und Erdhunde im Spurlaut gleichstellt. Wenn man sich die Prüfungsordnung des Deutschen Jagdterrrier anschaut, können Hund und Hündin nur mit der Note 3,5 beim Spurlaut Deckrüden oder Zuchthündin werden. (der Spurlaut wird nur am Hasen geprüft) Wenn man sich die Prüfungsordnung bei dem Vorstehhunden ansieht, braucht der Deckrüde und die Zuchthündin keinen Spurlaut, es genügt der Sichtlaut. Bei den Vorstehhunden wird der Spur/Sichtlaut im zuge der Quersuche geprüft und im Prüfbericht eingetragen was zu hinterfragen ist. Ein Wort zu den Stöberjagden: Stille oder sicht-laute Hunde, durch die das Wild überrascht wird und panikartig flüchtet, sind abzulehnen.

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    1. admin Beitragsautor

      Mit Verlaub: Dass man aus den Daten “den Spur bez. den Sichtlaut sehr schwer herauslesen kann” stimmt einfach nicht. Wenn man den Kartenmaßstab entsprechend wählt (mit dem +/- Zeichen unten rechts), kann man bis auf wenige Meter genau sehen, wo und wann jeder einzelne Hund laut war. M.E. ist das, schon weil es zweifelsfrei dokumentiert ist, aussagekräftiger als die Lautbewertungen auf vielen Prüfungen, wo die Unsicherheit, woran und wie ein Hund laut ist, oft groß ist – was jeder Art von Schmu sehr entgegen kommt. SE

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  3. Killian Werner

    Sehr geehrter Herr Beitragsautor. Arbeite mit Tracker Oy schon seit Mai 2007 zusammen und verwendete das Halsband 310ia und das Handy Benefon ESC. 2012 setzte ich das G4oo ein und 2013 wurden zwei G500 Fi gekauft. Hatte immer sehr guten Kontakt zu Hern Slesar und zu Herrn Konrad Kreitmair, die mir in oft nicht einfachen Zeiten über die Probleme hinweg halfen. Betreue derzeit 14 Halsbänder und nach den Stöberjagden werden die Daten ausgelesen, um die Leistung der Hunde einzuschätzen. Also ich nehme mal an, dass ich die Daten von Frau Isaak auch bewerten kann. Zu der Bewertung: Hunde 1-4 und 6,7,10+14 haben laut Aufzeichnung keinen Laut. Der Hund 5 gibt von 10.30 Uhr bis 13.00 Uhr fast immer Laut, das meiner Meinung weder Spur nicht Sichtlaut ist, sodern schon waidlaut ist. Die Hunde 8,9,11 und H haben einen Spurlaut. Die einzige Möglichkeit zu sehen, ob der Hund bei der Ausarbeitung Spurlaut arbeitet ist, wenn der Hund die Geschwindigkeit verlangssamt weil, er ja mit der Nase arbeiten muss. Bei einigen Vorstehhunden kann man deutlich sehen, dass sie die Geschwindigkeit nicht verlangsamen und mit Sichtlaut stöbern. Stöberleistung: Gute Leistung Hund 2,3,4,6,8, (beste Leistung) 9,H, und 11. Hunde mit nicht so guter Leistung sind 1,5,7,14 und 16. Weidmannsheil

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  4. Carpe Diem.. jetzt erst recht

    Sag ich doch, es läßt sich super diskutieren, was die Hunde lt. Ortungsaufzeichnung so leisten. Ideal wäre, wenn zum Spurlaut, den Aufzeichnungen noch die Information der Jagdgäste, was der Hund X ^ Y für ein Wild gejagd hat, zusammen kommen. Der erfahrene Hundeführer selbst weiß am besten, was sein Hund kann und macht oder nicht. Wenn er dazu noch ehrlich ist und nicht nur Standgeld sparen will, läßt er ggf. seinen Hund am Strick. Die Jagdleitung erfährt es “hintenrum” sowieso, was da an Hundearbeit sichtbar geworden ist.

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