Jagdhunde: JGHV – mit Volldampf Richtung Abstellgleis

JGHV-Verbandsrichter müssen ein seltsamer Menschenschlag sein – denn welcher vernünftige Mensch würde sich schon von einem Hundeverein vorschreiben lassen, was er in seiner Freizeit zu tun und zu lassen hat?

Der JGHV hat auf seiner diesjährigen Verbandstagung am vergangenen Wochenende in Fulda beschlossen, dass Verbandsrichter ihre Richterbefugnis einbüßen sollen, wenn sie Hunde nicht anerkannter Rassen führen oder züchten. Das langjährige Engagement, dass ein Züchter, Hundeführer und Verbandsrichter an den Tag gelegt hat, soll also nach dem Willen der Verbandsfunktionäre null und nichtig sein, bloß weil ein Rüdemann sich neben der anerkannten Rasse auch einer nicht anerkannten – sich aber, wie etwa bei den Heideterriern, seit nunmehr 30 Jahren zunehmender Beliebtheit erfreuenden – Rasse widmet? Wieso und mit welchem Recht eigentlich?

Um eines vorneweg klarzustellen: Es geht nicht darum, den verdienten und engagierten Züchtern anerkannter Rassen ihre Verdienste oder Berechtigung abzusprechen. Es ist toll, dass es durchgezüchtete und leistungsfähige Spezialrassen gibt. Ich würde mich, wenn es um die Anschaffung eines Jagdhunds geht, immer um einen Welpen aus einem guten Zwinger bemühen. Schon, weil es ein riesiger Vorteil ist, bereits beim Welpenkauf in etwa absehen zu können, welche Eigenschaften, Talente und Merkmale der erwachsene Hund aufweisen wird, der Hund voraussichtlich also zu seinem Hundeführer passen und seinen zukünftigen jagdlichen Aufgaben gerecht werden wird.

Ich kenne aber auch eine ganze Reihe von Leuten, die erfolgreich mit Hunden jagen oder jagten, die nicht per JGHV-Ahnentafel 30 Generationen Inzucht nachweisen können. Das sind zum Beispiel Leute, die ein großes Herz haben und einen Hund einer Jagdhunderasse – aber ohne Papiere – oder auch einen Jagdhundemix aus dem Tierheim oder von einer Jagdhundehilfsorganisation übernommen haben. Sollen diese Hunde nach dem Willen des JGHV im Tierheim versauern, weil nicht-jagende Halter mit deren Jagdtrieb überfordert sind und sich Jäger aus Furcht vor Hundeverbandsrepressionen nicht trauen, so einem von den Gralshütern der Rassereinheit verschmähten Hund eine Chance zu geben?

Ich kenne darüber hinaus auch Leute, die mit echten Feld-Wald- und Wiesen-Mischlingen jagen, auch dies zum Teil sehr erfolgreich. Das passiert zum Beispiel, weil der Hund halt schon da war, als Herrchen oder Frauchen den Jagdschein machte. Oder weil der Hund einem Jäger oder einer Jägerin aus irgendwelchen Gründen übergeholfen wurde und jagdliches Talent zeigte. Was spricht dagegen, wenn körperlich geeignete Hunde, die ihr Können auf einer Brauchbarkeitsprüfung unter Beweis gestellt haben, zur Jagd eingesetzt werden? Richtig: Gar nichts. Es sei denn, man ist Züchter und fürchtet um seine Pfründe. Dabei ist das schon wegen der oben ausgeführten Vorzüge des Rassejagdhunds unbegründet: Kein halbwegs klar denkender Mensch wird sich das Risiko antun, z.B. einen Mischlingswelpen für die Jagd ausbilden zu wollen, bei dem es alles andere als unwahrscheinlich ist, dass er nach all der Mühe doch nur fürs Sofa taugt.

Eine ernst zu nehmende Konkurrenz stellen da schon weit eher sogenannte “nicht anerkannte Rassen” wie die Heideterrier dar, die daher nicht ohne Grund als Beispiel angeführt wurden – schon weil man für so einen Hund ohne “richtige” Papiere nicht die Welpenpreise erzielt, die JGHV-Züchter aufrufen. Bei hohen drei- bis mittleren vierstelligen Kaufpreisen für einen Welpen kommt mit zwei oder drei größeren Würfen im Jahr – auch nach Abzug von Futter- und Tierarztkosten – ein ganz ansehnliches Einkommen zustande. Manch einer muss für so ein Einkommen das ganze Jahr lang arbeiten gehen, manch ein Rentner oder Jungjäger soll es sich nicht leisten können, 1000 Euro und mehr für einen Welpen hinzublättern. Vielleicht sollte der JGHV ja mal thematisieren, ob solche Welpenpreise wirklich noch angemessen und zielführend sind – oder ob sie den viel gescholtenen Schwarzzüchtern und Hundevermehrern in die Hände spielen.

Es ist übelste Heuchelei, wenn die Hundevereinsfunktionäre so tun, als sei es unweidmännisch, “nicht anerkannte” Hunde zu züchten oder zu führen oder als ginge von “nicht anerkannten Rassen” eine Gefahr für das geheiligte deutsche Jagdhundewesen aus. Eher ist das Gegenteil der Fall: Ein Blick in die Geschichte aller deutscher Jagdhunderassen zeigt, dass diese ausnahmslos aus genau dem hervorgegangen sind, was die Funktionäre nun verteufeln: Aus Gebrauchskreuzungen und Zuchtversuchen, bei denen diverse Rassen – und ganz bestimmt auch der eine oder andere jagdlich hoch dekorierte Dorfköter – munter verpaart wurden. Bei einigen Rassen ist das ein paar hundert Jahre, bei anderen noch gar nicht so lange her. Erfahrene, kenntnisreiche und verdiente Rüdemänner wie Rudolf Friess haben den Sinn und die Berechtigung, ja, die Notwendigkeit von Gebrauchskreuzungen immer wieder verteidigt – auch und gerade gegen die von ihm als oftmals verderblich kritisierte Rein- und Schönheitszucht der Zuchtverbände.

Es gibt keinen Anlass, zu behaupten, die Jagdhundezucht sei nunmehr ein für alle mal abgeschlossen. Die Jagd entwickelt sich weiter, folglich wird sich auch die Jagdhundezucht weiterentwickeln müssen. Beispiele dafür gibt es genug: Die immer weiter zurückgehenden Niederwildbesätze werden die Vorstehhundezucht vor Herausforderungen stellen, die Ausbreitung des Wolfs womöglich ein Umdenken – und Umzüchten – beim Spurlaut erzwingen. Weiträumiges Brackieren ist in den schrumpfenden Revieren und bei zunehmender Zerschneidung der Landschaft durch Straßen und Siedlungen kaum mehr durchführ- und verantwortbar. Mit einem Jagdhund, der so kompromisslos raubwildscharf ist, wie noch vor kurzem gefordert, hat man heute nur noch Ärger.

Auf diese Herausforderungen und die daraus abzuleitenden Ansprüche an den Jagdhund wird man reagieren müssen – durch züchterische Experimente. Einen anderen Weg gibt es nicht, wenn man nicht in Kauf nehmen will, dass nicht mehr nachgefragte Rassen untergehen. Ein gutes Beispiel für eine erfolgreiche Anpassung ist der (lange Zeit nicht anerkannte) Schweizerische Niederlaufhund – eine Reaktion auf die kleiner werdenden Reviere (Dank an JAWINA-Leser AN für den Hinwesi!). Der JGHV wäre gut beraten, wenn er sich darum bemühte, bei diesen Experimenten im Boot zu sein, sie zu beraten, zu begleiten und auszuwerten. Wer glaubt, den Fortschritt aufhalten zu können, indem er die Experimentierfreudigen und Aufgeschlossenen abstraft, befördert sich mittelfristig lediglich selbst ins Abseits.

Den borniertesten Hundevereinen im Schweißhundelager ist längst eine ernst zu nehmende Konkurrenz erwachsen – gut so! Konkurrenz belebt das Geschäft, zwingt zum Nachdenken und zur Erneuerung verkrusteter Strukturen. Eine ähnliche Entwicklung zeichnet sich im Jagdgebrauchshundewesen ganz allgemein ab: Ein gutes Beispiel ist der Verein brauchbarer Jagdhund e.V. (VBJ), der für geeignete Hunde aller Rassen die gesetzlich vorgeschriebene Brauchbarkeitsprüfung ausrichtet – ob mit oder ohne Papiere und ganz ohne Snobismus und Vereinstümelei.

Ein Verband, der sich in erster Linie mit sich selbst, Traditionshuberei und der Wahrung der finanziellen Interessen angeschlossener Zuchtvereine beschäftigt, verliert über kurz oder lang seine Daseinsberechtigung. SE

Beitragsbild: Hermann, ein Jagdhundemix – na und? Foto: privat

 

12 Gedanken zu „Jagdhunde: JGHV – mit Volldampf Richtung Abstellgleis

  1. Eddie

    … alles was mir zu diesem Thema hätte einfallen können niedergeschrieben …DANKE dafür!

    Ich habe die Meldung ungläubig hingenommen und kann es immer noch nicht fassen. Das entspricht so ganz und gar nicht dem, was ich bisher bezüglich Jagdhundewesen wahrgenommen habe, wenn auch etwas blauäugig – ganz offenbar etwas mehr blauäugig.
    Ich jage selbst mit einer anerkannten Rasse, mein erstes Mal und ich bin begeistert von der Vielzahl positiver angewölfter Eigenschaften. Ich würde nicht auf die Idee kommen, meinen zweiten Hund woanders als bei einem etablierten Züchter zu holen. Ich will hier nicht für Schwarzzucht in die Bresche springen. Doch genau, um das zu verhindern und ggf. im Rahmen vielversprechender Kreuzungsversuche bereits im Frühstadium kontrolliert einen großen Geenpool aufzubauen, ist eine organisierte Zucht unumgänglich. Die Erfahrung und das Engagement der Züchter, die sich solch einer Herausforderung stellen lässt sich nicht hoch genug bewerten. Und ganz ehrlich: Ist eine reine Leistungszucht nicht die wahre JGH-Zucht?
    Und zu allem Überfluss fehlen dann noch die richtigen “Hundefreunde” und selbsternannten Experten die ihre großen Vorsteher in Schilf und Mais an Sauen einsetzen, sie reihenweise ins KKH schaffen und so lange an denen rumoperieren, bis schlussendlich doch ein HT daraus geworden ist.

    – Was für ein Nonsens diese Entscheidung –

    Horrido

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      1. Christoph Heinz

        Der Heideterrier ist keine Rasse es ist ein geschaffener Begriff weil er sich besser und gewinnbringende verkauft als “Mischling ” keiner weiß doch mehr was da genau drin ist.
        Wenn ein Richter die Meinung vertritt das man in JGHV keinen Hujd findet der seinen Ansprüchen genügt dann kann er da auch nicht richten denn es genügt ja nicht seinen Ansprüchen!
        Die Entscheidung ist absolut nachvollziehbar und geht absolut in die richtige Richtung.
        Gerade der Heideterrier ist das paradebeispiel dafür wie man es nicht machen sollte.
        Würde man diese Mischlinge mal klar und nachvollziehbar züchten nicht nur irgendwie vermehren könnte es tatsächlich eine Rasse werden.
        Wer ernsthaft Hunde führt wird immer einen JGHV Hund wählen… alles andere eher so Geplänkel oft wird ja schon die Brachbarkeit nicht nachgewiesen.

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        1. Paul Rößler

          Wer ernsthaft Baujagd auf Fuchs, Dachs und Marderhund betreibt, der wird ganz schnell feststellen, dass er dafür im JGHV bald keinen passenden Hund mehr findet.

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          1. Jörg Frahnow

            Aha, und wo wird man denn Deiner Meinung nach fündig? Wo gibt es denn die achso überragenden Bauhunde?

            Meine Erfahrung als Teckelzüchter im DTK ist, dass es kaum noch Weidgenossen gibt, die in der Lage sind einen Teckel zur Baujagd zu führen, weil sie sich ins Hemd machen, wenn der Hund nicht alle 30 Sekunden an der Oberfläche erscheint und sie zu Hause gar nicht erst erscheinen brauchen wen der Wuffi auch nur die kleinste Schmarre am Fang hat. Dass es insgesamt nicht besser wird mit raubwildscharfen Hunden das mag wohl sein, liegt aber eben auch daran, dass man als Züchter nicht selbst für jeden einzelnen Hund den Leistungsnachweis erbringen kann. [Beitrag gekürzt, keine Werbung, admin.] Schauen wo der Hund herkommt sollte man natürlich aber das gilt ja wohl auch für Vorstehhunde und andere Spezialisten. Umso befremdlicher ist dieser Artikel hier oben denn die Hunde ohne Herkunftsnachweis sind mir bislang auf der Jagd noch nicht als Überflieger begegnet. [Möglicherweise mangels Blick über den JGHV-Tellerrand…, admin.]

  2. Carpe Diem.. jetzt erst recht

    SE macht (wieder) einen Rundumschlag gegen den JGHV. Dabei ist der “Erlass”, dass JGHV-Richter ihre Richterbefugnis nach o.g. Kriterien verlieren für den JGHV nur folgerichtig. Jeder JGHV-Richter weiß jetzt, woran er ist und kann sich daran halten oder nicht. Dennoch hat SE im Sinne seines Artikels recht. Der JGHV ist ein Verband dem die Jagdgebrauchshundevereine beigetreten “wurden” mangels Alternativen. Die Landesjagdverbände haben wie die Zuchtvereine die Satzung etc. des JGHV anerkannt und unterwerfen sich (wie dem DJV). Dass der JGHV aber in die Mitglieder der Zuchtvereine vereinnahmt und deren Leistungsrichter zwangsverpflichtet, obschon der JGHV gar keine Einzelmitgliedschaft kennt, das ist die eigentliche Unverschämtheit. Ausgeliefert haben sich die Landesjagdverbände, da sie keine eigenen Richter für ihre Brauchbarkeits- und Schweißprüfungen ausbilden sondern auf die JGHV Richter zurückgreifen. Hier wird der Bock zum Gärtner gemacht.

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      1. Uppi

        Habs mit dem JGHV hinter mir. Teckel und Verbandsschweißrichter. Da ich aber den “Jagdgebrauchshund” nicht abonnieren wollte…..
        Hatte ich wieder freie Wochenenden

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  3. Standrecht

    Das abweichen von Positionen kann für viele gedanklich schon mal zum Macht- und Kontrollverlust ausarten.
    Und wo kämen wir denn hin, wenn am Ende jeder seinen Jack Russel, Ridgeback oder Pudel zum Stöbern führt. Wie sollte man denn da die Geldmaschine am laufen halten?

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  4. UT

    Wollen wir hier an dieser Stelle eine Umfrage starten, bei der wir anonymisierte Beispiele aus unserem jagdlichen Umfeld beziffern, bei denen regelmäßig Hunde ohne jagdliche Prüfung zum Einsatz gekommen sind? Bei dem Ergebnis, so bin ich mir fast sicher, würden einige Funktionäre zusammenzucken. Ein Resultat von überzogenem und arroganten Vereinsklüngels. Glücklicherweise Hundevereine sind nicht alle so.

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  5. Jörg Frahnow

    [Kommentar gekürzt, Netiquette beachten, admin.] Nehme ich heute an einer Gesellschaftsjagd teil, dann füllt sich der Treffpunkt am Morgen mit unzähligen “Jagdautos” im hohen 5stelligen oder gar 6stelligen €- Bereich. Nicht dass mich jemand falsch versteht, ich gönne jedem sein Auto und beneide niemanden darum nur wäre es doch schön, wenn wir auf den selben Gesellschftsjagden doch wenigstens so viele gute Jagdhunde hätten wie dicke SUVs. Beim folgenden Ansitz und auf dem Streckenplatz mit Schüsseltreiben wird später alles mit edlen Smartphones im 4stelligen €-Segment dokumentiert und wenn das Schei*ding nach 2 Jahren die Mitarbeit verweigert ….was solls dann gibts ein neues.
    Nur der Hundezüchter, der für einen ordentlichen Welpen einen ordentlichen Preis aufruft, ausgerechnet der spielt den Hundevermehrern in die Hände. […]

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  6. Frank

    Was wohl Sigismund Freiherr von Zedlitz und Neukirch – manchen besser bekannt als “Hegewald” – zu diesem Erlass sagen würde. War es nicht der Gründer des DGStB und Befürworter von Leistungsprüfungen, mithin “Urlegitimator” heutigen Leistungsrichtens, auf den man sich im JGHV nur allzu gern beruft, der für die Schaffung einer seinerzeit neuen Rasse nach Phänotyp und Eignungseigenschaften namens Deutsch-Drahthaar gegen die damalige, die Genvielfalt bis zu Gefährdung einzelner Rassen reichende Reinzucht-Ideologie einstand?
    Klar, man kann Hegewald nicht für “unkontrollierte” und v. a. undokumentierte Experimente in Anspruch nehmen, keine Frage! Aber sein Beispiel zeigt doch sinnfällig, welche Chance der JGHV gerade in dieser qua Tradition historisch erwiesenermaßen so erfolgreichen Haltung vertan hat – und sich damit, Hegewalds Wirken ist ja nun keine Unbekannte, erkennbar neuerlich zum Büttel der Partikularinteressen einzelner Zuchtvereine hat machen lassen.
    Wäre ich übrigens Verbandsrichter und hätte neben meinem schicken Drahthaar als Loshund noch eine wüste Terriermischlingsmeute am Strick – also nach meiner Richterzulassung, aber vor einem solchen Erlass – ich glaube, ich würde gleich mal zum Anwalt rennen und checken lassen, ob sich die Granden meines Dachverbandes da nicht auch juristisch mal wieder ein wenig klagewürdig weit aus dem Fenster gehängt haben.

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