Jagd und Medien: Juchhe, ein Klischee!

Neulich unterhielt ich mich mit einem Journalisten-Kollegen, der für ein Berliner Revolverblatt als Lokalreporter unterwegs ist. Seine Job Description sieht ungefähr so aus: Polizeifunk abhören, vor der Rettungswache rumlungern und bei einem vielversprechendem Vorfall den Einsatzkräften hinterherbrettern, um möglichst als erster am Ort des Geschehens zu sein. Am Tat- oder Unfallort angelangt gilt es dann, sich mit Edelstahlellenbogen durch die Horden der Gaffer und Retter zu drängen (man ist nämlich nie als erster da), um schöne scharfe Farbfotos von geschockten Zeugen, blutüberströmten Opfern und rauchenden Wracks zu machen und dabei möglichst noch ein paar O-Töne einzufangen. Wobei es zunehmend zum Problem wird, dass die Gaffer die Bilder und Filmchen von ihren Smartphones dann schon längst ins Netz geladen haben.

Der Kollege erzählte von einem Unfall, den er letztens im Rahmen seiner beruflichen Pflichten dokumentiert hat: Manta-Manni war mit seiner Breiter-härter-tiefer-Karre im tiefsten Wedding unterwegs, hatte die die Wirkung von ein paar Bierchen auf seine Reaktionsfähigkeit unter-, die Straßenlage seines Opels überschätzt, und war infolgedessen mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit gegen einen Betonpoller gerast. Die Kiste überschlug sich und blieb übelst zerknautscht mit dem hilflos eingequetschten Manta-Manni darin auf dem Dach liegen. Die Feuerwehr schnitt ein Loch in die Tür, zerrte den blutüberströmten Typen heraus, worauf der sagte: “Alles klar Jungs, ich bin okay!” Köstlich, fanden der Kollege und ich, da weiß man gleich, welchen Fernsehsender der guckt. “Aber das ist ja so klischeemäßig, das kann man ja nicht schreiben.”, sagte der Kollege.

“Natürlich kannst du das schreiben, wenn es so war, kannst du es so schreiben, musst du sogar.” Fand ich. “Glaubt einem doch keiner.” Sagte der Kollege. Überzeugt habe ich den Kollegen nicht. Er hat die schöne Pointe weggelassen und eine langweilige Kurzmeldung aus der Geschichte gemacht, weil seine Überzeugung, dass man Klischees nicht bringen könne, stärker war. Das haben sie ihm wohl auf der Journalistenschule eingebläut. Meinen Einwand, dass man Tatsachenunterdrückung zwecks Klischeevermeidung als schon arg flexiblen Umgang mit der Wahrheit ansehen könnte, tat er mit dem Hinweis auf (s)eine angeblich “höhere Wahrheit” ab. Das sei wie mit dem Zwang zu politischer Korrektheit, wenn bei Geschichten über Ehrenmorde nie die Herkunft der Täter erwähnt wird. Was sollen die Leute/Leser sonst denken. Nachher denken die sich noch was. Machen die ja eh, weshalb ja auch die Leserkommentare in vielen Blättern interessanter sind, als die Beiträge selbst (sofern erstere die hauseigene Zensur überstehen).

Jedenfalls ist es angesichts der verbreiteten Klischeescheu schon erstaunlich, wenn einem in einem Qualitätsmedium ein richtig schönes Klischee begegnet. Wie in dem Bericht von Julian Staib in der FAZ über die Proteste der Einwohner eines bayerischen Kaffs gegen ein Asylantenheim. Da kommt auch ein Jäger drin zu Wort. Er heißt Adolf (wie sonst) Strzelbicki und sagt, “es sei eine Zumutung, dass „die Obrigkeit“ ihnen hier „so eine Masse“ reinbringen wolle. Zum Gespräch bittet das Ehepaar Strzelbicki in den Wintergarten, “der Weg dahin führt durch einen Flur voll mit Jagdtrophäen an den Wänden und einem Dachsfell auf dem Fußboden. Alles selbst geschossen. Durch das offene Fenster des Wintergartens zwitschern Vögel, drinnen sitzt man auf Kissen mit Rosenmotiven.” Strzelbicki darf dann noch sagen, dass er schon lange nicht mehr wählen gehe, er „kein Menschenhasser“ sei, doch habe er in Deutschland „keine Türken gebraucht, keine Italiener und auch keine Asylanten“. In Tröglitz, wo vor einigen Wochen eine zukünftige Asylbewerberunterkunft angezündet worden war, da hätten die Leute sich auch nicht alles gefallen lassen.”

Da isser, der zünftige Weidmann, wie man ihn sich so vorstellt, wenn man keinen kennt. Wie er mit seiner rechtsradikalen Gesinnung in seinem spießigen Heim voller Jagdtrophäen hockt und Ausländer, Vegetarier und Schwule hasst. Es ist ja schon lange so, dass zumindest jeder jagende Großstadtbewohner jeden Hinweis auf sein Hobby an seinem Heim oder Auto (Aufkleber etc.) vermeidet – in der berechtigten Befürchtung, dass man ihm andernfalls die Hütte abbrennt oder die Reifen zersticht. Es wäre schon mal zu fragen, ob die unermüdlich wiedergekäuten Jäger-Klischees in den Medien an dieser Situation so ganz unschuldig sind. Man wundert sich nur, dass die FAZ mit dem vollständigen Namen nicht gleich noch die Anschrift veröffentlicht, für den Fall dass Andersdenkende den konstruktiven Dialog (oder so) mit Strzelbickis suchen.

Was zu dieser Art der Berichterstattung zu sagen ist, hat FAZ-Leser Richard R. in seinem Kommentar geschrieben:

“Politisch korrekte Berichterstattung mit Dachsfell und Rosenmotiv

Ich bin verwirrt! Bei Berichten über Einbruchskriminalität ist es absolut ohne Informationsgehalt, wenn der “-ic”-Nachname der Täter, ihre ethnische Herkunft oder Verbindungen zu südosteuropäischen “Großfamilien” genannt werden. Soweit kann ich das nachvollziehen. Aber weshalb ist es wichtig, in einem Artikel über die Befindlichkeiten eines Dorfes dem geneigten Leser mitzuteilen, dass Herr Strzelbicki Adolf heißt, 1939 geboren wurde, Geweihe und Felle im Flur hängen hat sowie auf Kissen mit Rosenmotiven sitzt? Wahrscheinlich soll das dem Artikel Authentizität verleihen…”

Wahrscheinlich, Herr R… SE

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