“Jagd darf durchaus ein bisschen sexy sein”

Lodenkotze und Trachtenjanker – das muss nicht sein, wie die die stilvolle Neudefinition des Jägerinnenlooks zeigt, den Jungjägerin Katja bei der Freisprechung ihres Jägerlehrgangs trug.

Viele Gemeinschaften, Gruppierungen und Gangs haben und pflegen Aufnahmerituale, entwickeln Codes und Chiffren, Riten der Zugehörigkeit, an denen die Eingeweihten sich erkennen: Seeleute bescheren den Anfängern unter ihnen durch das Beinahe-Ersäuft-werden bei der Äquatortaufe ein unvergessliches Nahtoderlebnis, Spezialeinheiten der Kölner Polizei zwingen Neuankömmlinge, Zaziki-Eis von fremden Körpern zu essen, Rekruten bei der Bundeswehr werden in Metallspinde gesperrt und durch die Gegend gekollert – wobei die Spind-Insassen fröhliche Lieder singen müssen – oder kriegen den Hintern mit einer Bohnermaschine massiert.

Es ist, wie man sieht, ein zentrales Kriterium bei diesen Aufnahmeritualen, dass es dabei gern entwürdigend, schmerzhaft und unbedingt auch ein bisschen eklig zugehen darf. So auch bei uns Jägern. Wer dazugehören will, muss nicht nur seine bloßen Hände in den möglichst noch dampfenden Eingeweiden eines toten Tiers versenken, mit Gleichmut komisches Getröte anhören und zumindest vorgeben, die Erzeugung der misstönenden Kakophonie unbedingt selbst erlernen zu wollen oder bibbernd bei Dreckswetter auf wackligen Gestellen im Wald ausharren.

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„Selbstredend ist das gesamte Outfit in den Farben grün und braun gehalten, sagt Katja. „Das Kleid ist ein Fundstück aus einem Second-Hand-Shop und vereint eine gewisse Festlichkeit mit körperbetonter Verspieltheit. Jagd darf durchaus ein bisschen sexy sein. „Die Stiefel sind aus massiven Pferdeleder und handgemacht. In Kombination mit dem eher feinen Kleid unterstreichen sie den gewollten Kontrast zu dessen Verspieltheit, indem sie bodenständige und praktikable Festigkeit symbolisieren und damit einen gewollten Bruch ins Outfit bringen. Zur Jagd braucht frau solides Schuhwerk – bei aller Schönheit hat das uralte Handwerk auch einen durchaus martialischen Aspekt.“

Nein, wer es ernst meint mit der Jagerei, muss mehr tun als das. So wie die Angehörigen bestimmter Sekten ihre Loyalität unter Beweis stellen, indem sie in der Fußgängerzone peinliche Pamphlete verteilen, so müssen werdende Jäger ihre Bereitschaft erproben, für die Jagd alles andere – Freunde, Familie, Kollegen – aufzugeben und hinter sich zu lassen. Dieser schmerzhafte Initiationsprozess verlangt, dass sie sämtliche bisher gehegten Vorstellungen über Stil, Mode, Geschmack und geziemendes Auftreten in der Öffentlichkeit verleugnen und ins Gegenteil verkehren. Es ist erschreckend, wie bereitwillig selbst junge Menschen, für die die Wahl der falschen Turnschuh- oder Smartphonemarke vor kurzem noch eine peinliche Beschämung bedeutet hätte, sich dem grausamen Diktat der Gruppe beugen, welches da lautet: Scheiße aussehen, um dazuzugehören.

Schon während der Jungjägerausbildung beginnen die Adepten des blutigen Handwerks,  Cord- und Lederhosen zu tragen. Klamotten, die ihnen bislang als Ausweis tiefsten Hinterwäldlertums galten, werden mit stoischer Leidensbreitschaft an der Uni und im Lieblingscafé spazieren geführt: Junge Männer und Frauen in Trachtenjankern mit Hirschhornknöpfen, komische Hüte, klobiges Schuhwerk – ein trauriger Anblick.

Dass es ganz anders, viel besser, mutiger, frischer, stilvoller geht, beweist Jungjägerin Katja, die dieses durchdachte Kostüm bei der Freisprechung ihres Jägerlehrgangs trug.

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„Anstatt des eigentlich obligatorischen Hutes habe ich mich für ein olivgrünes Barett entschieden. Es ist aus einem Militaryshop nahe der Motzstraße. Das grüne Barett der Bundeswehr ist ursprünglich die gängige Kopfbedeckung der Jägertruppe, die vorwiegend in Wäldern und Gebirge operiert und ist somit nicht nur aufgrund der Farbgebung mit der Jägerschaft assoziiert. Wir kämpfen auch: für Naturschutz und möglichst artgerechten Lebensraum des Wildes und eine natürlichere und nachhaltigere Kultur des kulinarischen Gebrauchs der Ressourcen unserer Mutter Erde. Das Barett hat eine Applikation um den Jägerbruch gemäß der Sitte an der rechten Seite zu befestigen.“

 

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„Die Halskette ist ebenfalls selbstgemacht aus einem selbstgeschliffenen Smaragden mit fünf Ecken, die für die fünf Elemente Erde, Wasser, Luft und Geist stehen und einem rundgeschliffenem Peridot für meine persönliche Schicksalszahl 6. Peridot und Smaragd sind natürlich grüne Steine.”

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„Am Gürtel mit integriertem Geheimfach befindet sich neben einem massiven Jagdmesser aus Damaststahl eine selbstgebaute Tasche für Handy und Dokumente. Das Jagdmesser ist ein persönliches Geschenk meines Lehrprinzen und schon aufgrund dieser Tatsache nicht wegzudenken. Die Klinge besteht aus Rosendamast.“

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„Am Gürtel mit integriertem Geheimfach befindet sich neben einem massiven Jagdmesser aus Damaststahl eine selbstgebaute Tasche für Handy und Dokumente. Das Jagdmesser ist ein persönliches Geschenk meines Lehrprinzen und schon aufgrund dieser Tatsache nicht wegzudenken. Die Klinge besteht aus Rosendamast. In die Ledertasche freihändig eingeschlagen sind zwei Tiere, die nicht unbedingt jederman sofort mit der Jagd in Verbindung bringen würde: Katze und Uhu. Beide sind hervorragende Jäger – fast lautlos, gezielt und effektiv. In der ostasiatischen Kultur gelten sie zudem als Glücksbringer.“

Die Tasche ist im Ätherwerk Berlin nach Katjas indiviuellen Wünschen gefertigt worden. Das Ätherwerk – stilistisch zwischen viktorianisch, Steampunk, Fantasy, Mittelalter und Vintage changierend – hat sich auf die Herstellung hochwertiger, einzigartiger Kostüme, Gewänder, Gürtel, Holster, Waffentaschen und Messerscheiden – auch und gerade für die Jagd spezialisiert. Alles wird in aufwändiger Handarbeit produziert, wobei Fundstücke von Flohmärkten, Auktionen und Haushaltsauflösungen vom antiken Messingbeschlag, über alte Buchseiten, alte Zahnräder bis zum historischen Gründerzeitschloss verarbeitet werden, wie es auf der Internetseite des Ätherwerks heißt.

 

„Jagd bedeutet für mich vor allem einen ursprünglicheren Zugang zum Kreislauf des Lebens in einer künstlich generierten, hübsch in Plastik verpackten Welt, die über das blutige und entartete Geschäft mit Tieren hinwegtäuschen will”, sagt Katja. “Die Antwort auf Massentierhaltung kann für mich nicht in der – heute so hippen – Totalverweigerung und Negierung des Fleischkonsums liegen. Das Leben und das Sterben in einer möglichst würdigen und artgerechten Weise – das ist Jagd. Und damit steht sie auch als Gegenentwurf in einer Welt zwischen massentauglicher kulinarischer Bequemlichkeit, auf Kosten von Tieren, die unter unwürdigen Lebensbedingungen ihr kurzes Dasein fristen und einer naiv-negierenden Strömung von Vegetariern und Veganern, die auf diese Art ihre berechtigte Kritik an den hiesigen Zuständen zum Ausdruck bringen.”

Text: SE/Katja M., Fotos: SE

Ein Gedanke zu „“Jagd darf durchaus ein bisschen sexy sein”

  1. Georg Baumann

    Mann Stephan, was hab’ ich gelacht. Mein Vater hat noch mit der Bratpfanne zwei rohe Eier auf dem blanken Allerwertesten zerdroschen bekommen, was man als “zum Jäger schlagen” bezeichnete. Widerrede mit Verweis auf Tradition zwecklos. Zu ertragen nur mit reichlich Jägermeister, der damals nach der Jagd noch in Strömen floss (Traditon). Mir ist das Gott sei Dank erspart geblieben. Allerdings musste ich als Jungjäger nächtelang durchsitzen, um ja keine Chance auf Sauen zu verpassen. Wenn man dann bei den obligatorischen Arbeitseinsätzen am Tage – wer braucht schon Schlaf, noch dazu in dem Alter? – ein Gähnen nicht unterdrücken konnte, wurde man mit den aufmunternden Worten “Junge, keine Passion, oder was?! Reiß’ Dich zusammen, die Sauen kommen nicht aufs Sofa!” zu Höchstleistungen angespornt. Gut, dass die Zeiten vorbei sind.

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