IZW Berlin: Seeadler vermeiden große Geschosspartikel beim Verzehr von Kadavern

Die Seeadler-Forscher vom IZW Berlin haben ein weiteres Argument für bleifreie Munition gefunden: Seeadler detektieren und vermeiden aktiv die Aufnahme großer Metallpartikel (> 8 mm) aus Säugetierkadavern, ignorieren aber kleine Metallpartikel (3 mm) beim Verzehr, so das Berliner Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in einer aktuellen Pressemitteilung. Beim Auftreffen auf den Tierkörper zersplittern bleihaltige Jagdprojektile in zahlreiche kleine Metallpartikel, während bleifreie Deformationsgeschosse keine Partikel im Körper hinterlassen und bleifreie Teilzerleger nur größere Partikel an das Gewebe abgeben. Daher könnte der Einsatz bleifreier Geschosse Bleivergiftungen von aasfressenden Tieren vermeiden. Zu diesem Ergebnis kamen kürzlich Wissenschaftler des Berliner Leibniz-Institutes für Zoo- und Wildtierforschung (IZW). Die Studie wurde nun in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift „European Journal of Wildlife Research“ veröffentlicht.

In Versuchen mit Seeadlern (Haliaeetus albicilla) fanden die IZW-Forscher heraus, dass die Vögel größere Metallpartikel bei der Nahrungsaufnahme aus Kadavern selektiv aussortieren. Je größer die Partikel waren, desto häufiger wurden diese von den Vögeln detektiert und vermieden. Überraschender Weise nahmen die Tiere die Metallpartikel in der Nahrung niemals ausschließlich visuell wahr, wie man es bei Greifvögeln aufgrund ihres außergewöhnlichen Sehvermögens vermuten könnte. Vielmehr spürten sie die harten Metallteile vor allem durch Tasten mit der Schnabelspitze auf oder spuckten die Partikel wieder aus, nachdem sie diese im Schnabel bemerkt hatten. Diese Erkenntnisse deuten darauf hin, dass Greifvögel sensible Tastrezeptoren an der Schnabelspitze und auch im Schnabel besitzen, wodurch sie in der Lage sind, die Aufnahme unverdaulicher Partikel zu vermeiden.

Um die Bleiaufnahme aus erlegten Tierkadavern in Fütterungsexperimenten zu simulieren, hatten die Wissenschaftler Säugetierkadaver ausgelegt, die mit Metallpartikeln verschiedener Größe und Form präpariert waren. Dabei verwendeten die Forscher ausschließlich nicht-toxische glatte Eisenpartikel anstatt bleihaltiger Munition, um jegliche Vergiftungen und Verletzungen der Aasfresser zu vermeiden. Die Fütterungsexperimente wurden in den Revieren sechs freilebender  Seeadlerbrutpaare während der Jagdzeiten der Jahre 2007 bis 2009 im Naturpark Nossentiner/Schwinzer Heide in Mecklenburg-Vorpommern durchgeführt. Sie ergänzten Experimente mit sechs Seeadlern in menschlicher Obhut, die zur Rehabilitation vorübergehend in der Naturschutzstation Woblitz in Brandenburg untergebracht waren. Sowohl die freilebenden als auch die Seeadler in den Volieren zeigten das gleiche selektive Fressverhalten: Eisenpartikel mit einer Größe bis zu 3 mm wurden sehr häufig aufgenommen, während größere Metallteile typischerweise aussortiert und Partikel mit 8,8 mm Durchmesser nahezu vollständig vermieden wurden.

Herkömmliche bleihaltige Büchsengeschosse, insbesondere der weiche Bleikern, zersplittern beim Eindringen in den Tierkörper in zum Teil unter einem Millimeter kleine Fragmente. Die Ergebnisse der Studie verdeutlichen, dass eben solche kleinen Partikel von den Aasfressern bei der Nahrungsaufnahme verschluckt werden. Besonders während der Jagdsaison ernähren sich Aasfresser häufig von Säugetierkadavern, welche Partikel von Büchsengeschossen enthalten. Bleivergiftungen durch Geschosspartikel stellen die häufigste Todesursache für Seeadler dar. „Auch andere aasfressende Vögel sind von diesem Risiko betroffen“, erklärt Oliver Krone vom IZW. „Unsere Beobachtungen zeigen, dass neben den Seeadlern vor allem Raben und Bussarde zu den Hauptkonsumenten der Kadaver zählen.“

Die Studie liefert den ersten Nachweis, dass Aasfresser es bei der Nahrungsaufnahme vermeiden, große Metallpartikel zu verschlucken. Demnach sind Projektile, die beim Auftreffen auf einen Tierkörper deformieren oder in Stücke von mindestens 9 mm Größe zerfallen, eine geeignete Jagdmunition, um Metallvergiftungen bei aasfressenden Vögeln zu verhindern. Diese Eigenschaften treffen auf zahlreiche bleifreie Büchsengeschosse zu. PM IZW Berlin

Beitragsbild: Screenshot der Pressemeldung auf der Internetseite des IZW.

Publikation:
Nadjafzadeh M, Hofer H, Krone O (2015): Lead exposure and food processing in white-tailed eagles and other scavengers: an experimental approach to simulate lead uptake at shot mammalian carcasses. EUR J WILDL RES; DOI 10.1007/s10344-015-0953-1

2 Gedanken zu „IZW Berlin: Seeadler vermeiden große Geschosspartikel beim Verzehr von Kadavern

  1. HW

    ” Demnach sind Projektile, die beim Auftreffen auf einen Tierkörper deformieren oder in Stücke von mindestens 9 mm Größe zerfallen, eine geeignete Jagdmunition, um Metallvergiftungen bei aasfressenden Vögeln zu verhindern. Diese Eigenschaften treffen auf zahlreiche bleifreie Büchsengeschosse zu”

    Man fragt sich, welchen Erkenntniswert das aber nun hat. Denn wenn bleifreie Büchsenmunition verwendet wird, ist ja offensichtlich auch das Verschlucken größerer Partikel unproblematisch (da ja kein Blei enthalten ist). Was also soll man mit diesen Erkenntnissen anfangen??

    Antworten
  2. R. Kieselmann

    @HW: Ich denke, der Erkenntniswert besteht aus zwei Punkten:
    a) [Munition generell] Größere Partikel werden weniger gefressen als kleinere Partikel –> Munition, die in größeren Stücken im Tierkörper verbleibt (Teilzerleger oder Deformationsgeschosse), führt zu geringerer Metallaufnahme beim Vogel (unabhängig vom Geschossmaterial) –> vorteilhaft, da vermutlich Metallaufnahme durch den Vogel grds. nicht gut ist (nicht nur Giftwirkung durch Blei, sondern evtl. auch scharfkantige kleinere Metallstücke?)

    b) [Bleimunition speziell] Kleinere Metallpartikel werden eher gefressen –> Bleimunition ist damit grds. nachteilig, weil sie gerade bei den heute üblichen höheren Geschossgeschwindigkeiten stark zerstäubt im Wildkörper –> gerade hier ist bei der höheren Giftigkeit von Blei im Vergleich zu anderen Geschossmaterialien (Kupfer/Messing) der Bleieintrag in die Natur (über Aufbruch etc. in den Vogel) schlecht.

    Interessant wäre für die weitere Forschung, inwieweit Alternativmaterialien (Kupfer, Messing) auch toxische Wirkung entfalten (wohl insgesamt deutlich weniger als bei Bleimunition).

    In der Praxis schwierig komplett umzusetzen halte ich die Forderung nach “Projektile[n], die beim Auftreffen auf einen Tierkörper deformieren oder in Stücke von mindestens 9 mm Größe zerfallen”.
    – Deformatoren sind sicherlich für Hundeführer für den Fangschuss gut, weil Teilzerleger den Hund ggf. stärker gefährden. Sie erzeugen aber nicht so zuverlässig einen Ausschuss wie Teilzerleger mit einem Restbolzen.
    – Teilzerleger so zu konstruieren, dass die Splitter mindestens 9 mm groß sind, dürfte herausfordernd sein. Normalerweise (so meine unvollständige Sichtweise) sind die absplitternden Spitzenstücke kleiner (auch bei Kalibern > 9mm)

    WaiHei!
    René

    Zum zerstäubenden Bleigeschoss:
    http://www.seeadlerforschung.de/downloads/faltblatt-bleivergiftungen.pdf
    http://lutzmoeller.net/Munition/Bleierne-Sippe.php (größeres Röntgenbild, auch Zusammenhänge mit Geschossgeschwindigkeit dargestellt)

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.