IWA 2016: Hannah – Horror herzlicher Hundesitter

“Jeder Jawina-Leser liebt Hannah, also bring sie bloß mit”, forderten mich meine Gastgeber während der IWA 2016, Robert Saemann-Ischenko (Autor der beliebten Willi-Kolumne auf JAWINA) und seine Frau Anja auf. Robert und Anja sind höfliche Menschen. Folglich haben Sie nicht direkt gesagt, dass ich meinen Köter bei einem etwaigen erneuten Besuch doch bitteschön zuhause lassen sollte. Gedacht haben sie es wahrscheinlich schon. Ich könnte es verstehen. Dabei hatte alles ganz harmlos angefangen. Natürlich hatte die betagte, gleichwohl unvermindert durchsetzungsstarke Kurzhaarhündin den freundlich-konzilianten BGS-Rüden gleich am ersten Abend von seinem komfortablen Hundeplatz an der Heizung verdrängt. Betrübt suchte Willi sein Notlager auf der Sauschwarte auf, während Hannah reueloses Wohlbefinden durch die üblichen Schnarchlaute ausdrückte. Diese veranlassten meine Gastgeber, sorgenvolle, ja alarmierte Blicke in Richtung des Gasthundes zu werfen: War hier die Anwendung des Heimlich-Handgriffs geboten? Musste man den tierärztlichen Notdienst anfordern? “Normales Betriebsgeräusch”, suchte ich die skeptischen Gastfreunde zu überzeugen.

In der beruhigenden, jedoch trügerischen Gewissheit, meinen Hund in kompetenter und liebevoller Obhut zu wissen, ging ich meiner Tätigkeit auf der IWA nach. Gleich beim ersten Spaziergang mit Anja entdeckte Hannah gleich im ersten Gebüsch, dass sich auch im heftig zersiedelten Frankenland noch gut jagen lässt: Laut kläffend rannte sie 800, 1000 Meter auf die Bundesstraße zu, wo sie feststellen musste, dass das dichte Straßenbegleitgrün offenbar lange nicht gründlich durchstöbert worden war, was sie bei der Gelegenheit gleich nachholte. Das Rufen und Schreien der Hundeführerin ließ sich zunächst problemlos ignorieren, und auf die weite Entfernung war es für den alten Hund ehrlich nicht mehr zu vernehmen. Unverständlich bleibt aus Hannahs Sicht, dass der schöne Spaziergang bei ihrer Rückkehr – schon zwanzig, dreißig Minuten später – sofort abgebrochen wurde und bei sämtlichen Ausflügen in den folgenden Tagen Leinenzwang herrschte.

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Nein, sein Lieblingsspielzeug darf BGS-Rüde Willi auch nicht behalten… Fotos: SE

Doch auch im Haus der Saemann-Ischenkos fand der Sahneköter ein reichhaltiges Betätigungsfeld. Seit jeher sind knusprige Schweineohren Hannahs Lieblings-Leckerli. Man kann daher die Begeisterung der Hündin ermessen, als sie feststellte, dass bei ihren Gastgebern Schweineohren aus dem Boden wuchsen! Zwar noch verhaftet mit einem eher undelikaten Stück Schwarte, aber bitte, wozu hat ein Hund Zähne.

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Sauberer Schnitt: Die Sauschwarte der Saemann-Ischenkos nach operativer Entfernung der genießbaren Teile.

Flugs war die Ohrenpartie sauber aus der Sauschwarte ausgeschnitten und genüsslich verspeist. Allerdings hatte man nachlässigerweise verabsäumt, die Borsten gründlich abzuschaben, was man als Hund wohl erwarten kann. Hannah ist daher kein Vorwurf zu machen, wenn sie die unverdaulichen, haarigen Bestandteile im Wohnzimmer der Saemann-Ischenkos wieder auskotzte…

Irgendwann hatte sie dem unendlich freundlichen, geduldigen und fügsamen Willi alle Spielsachen abgenommen und gründlich zerkaut. Seinen Fressnapf geleert. Jede geeignete Stelle im Garten markiert und so die Liegenschaft vollumfänglich in Besitz genommen. Die Nachbarskatze unmissverständlich und letztinstanzlich zur persona non grata erklärt. Es blieb nichts weiter zu tun. Ihr war langweilig. Da bleibt nur eins: Den Hausherrn terrorisieren. Mir ist langweilig! Ich verhungere! Heimweh! Ich leide! Tut doch was! Ich meinen Anwalt sprechen! Den Tierschutz alarmieren. In endlosen Fiep-, Schluchz- und Jammerarien sang Hannah ihr Leid, wehklagte, erdrückt von diesem schier unermesslichen Schmerz und Leid ob ihres erbärmlichen Ernährungszustands und der seelischen Qualen infolge emotionaler Vernachlässigung durch hartherzige, fühllose Bezugspersonen.

Doch anstatt die Speisekammer zu öffnen und das darbende Viech zu laben, anstatt sie im Bett schlafen und das Fernsehprogramm bestimmen zu lassen, anstatt einen ausgedehnten Jagdausflug zu unternehmen – gab es ein freundliches Patt-Patt auf die beinharte Stirnplatte und ein paar beruhigende Worte: “Ist ja gut, was hast du denn?” und dergleichen. Soviel Unverständnis. “Hier kommen wir nicht nochmal her”, mag die undankbare Hannah in diesen Momenten gedacht haben – und ich fürchte, aus den eingangs erwähnten Erwägungen heraus, sie könnte Recht haben.

Mir bleibt an dieser Stelle nur, mich für die gastfreundliche Aufnahme und Rumdum-Verpflegung während anstrengender Messetage zu bedanken. Mich für meinen Hund zu entschuldigen, lehne ich freilich ab. Der ist für sich selbst verantwortlich. SE

Video: Robert Saemann-Ischenko, www.saemannischenko.de

2 Gedanken zu „IWA 2016: Hannah – Horror herzlicher Hundesitter

  1. Hans-Dieter Pfannenstiel

    Qualis rex talis grex fällt mir bei den fränkischen Geschichten der Nacktschnecke Hannah nur ein!

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    1. admin Beitragsautor

      Für die verschwindend winzige Minderheit unter den JAWINA-Lesern, die nicht in der Lage sind, fließend auf Latein zu parlieren, hier die Übersetzung: Wie der Hirte, so die Herde bzw. Wie der Herr, so das Gescherr. Eine glatte Lüge natürlich, ich habe noch nie in jemandes Wohnzimmer gekotzt. Ansonsten: Ein leicht professoraler Kommentar,. Tja: Pomum non longinque ab trunco cadit, nicht wahr?

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