Invasive Arten: Tierschutz-Forderungen realitätsfern

In einem Positionspapier haben sechs Tierschutzverbände die EU-Verordnung zum Umgang mit invasiven Arten kommentiert. Darin lehnen sie jegliche Tötung als „nicht tierschutzgerecht“ ab und plädieren für eine „Unfruchtbarmachung“ von Waschbär, Mink und Co. Mit ihren Forderungen verfehlen sie jede Form der Praktikabilität auf Kosten der Artenvielfalt.

Sechs Tierschutzverbände, darunter der Deutsche Tierschutzbund (DTB) haben sich kürzlich in einem Positionspapier zur Umsetzung der EU-Verordnung für den Umgang mit invasiven Arten (Nr. 1143/2014) geäußert. Im Kern lehnen sie die Tötung von Tieren ab und plädieren für eine „Unfruchtbarmachung“. Der Deutsche Jagdverband (DJV) hält dies vor dem Hintergrund der starken Ausbreitung von Arten wie dem Waschbär für realitätsfern. „Diese Vorschläge mögen sich zwar eignen, um Spenden zu sammeln, sie helfen aber weder dem Tier- noch dem Artenschutz, weil sie keine praktikable Lösung darstellen“, sagt Professor Jürgen Ellenberger, DJV-Präsidiumsmitglied. „Eine Unfruchtbarmachung von invasiven Wildtieren ist utopisch.“

Aus der Position der Tierschutzverbände ergeben sich genau zwei Möglichkeiten: Die Tiere werden entweder in Lebendfangfallen gefangen und kastriert oder sie erhalten eine Art Anti-Baby-Pille über ausgelegtes Futter. Für den ersten Fall ist die Ausbreitung zu weit fortgeschritten (WILD-Monitoring Waschbär), zu viele unterschiedliche Habitate sind besetzt und der Druck auf heimische Arten ist lokal bereits bedrohlich (z.B. auf die Europäische Sumpfschildkröte). So müssten in Deutschland zum Beispiel theoretisch weit mehr als 130.000 Waschbären (Jagdstrecke 2015/16) jährlich gefangen und kastriert werden. Die reinen Kastrationskosten belaufen sich im Schnitt auf 100 Euro pro Tier – macht 13 Millionen Euro jährlich. Tierschutzgerechte Lebendfangfallen kosten zusätzlich zwischen 150 und 500 Euro pro Stück.

Die Anti-Baby-Pille für den Waschbären (immunologische Kontrazeption) wäre ein nicht abschätzbarer Eingriff in heimische Ökosysteme. Ohne Erfolgsgarantie: Es ist nicht steuerbar, wer die Futterköder aufnimmt und die richtige Dosierung ist reines Glücksspiel. Nach Auskunft des Leibniz-Institutes für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) müsste darüber hinaus pro Tierart mit einem finanziellen Forschungsaufwand von etwa einer Million Euro kalkuliert werden.

Fallenfang ist tierschutzgerecht

Die Tierschützer unterstellen in ihrer Position, dass jagdliche Methoden wie etwa der Einsatz von Fanggeräten nicht tierschutzgerecht zu praktizieren seien. Dies ist schlicht falsch. Tierschutz hat einen hohen Stellenwert in der Ausübung einer ordnungsgemäßen Jagd. Die in Deutschland gängigsten Fallentypen hat der DJV erfolgreich nach internationalen Normen für eine humane Fangjagd (Agreement on International Humane Trapping Standards = AIHTS) prüfen lassen. Dazu gehören die Betonwipprohrfalle oder die Strack’sche Holzkastenfalle. AIHTS-geprüft sind ebenfalls Totfangfallen, wie Eiabzugseisen oder „Kleiner Schwanenhals“, die auf DJV-Initiative in Kanada getestet wurden. „Gerade die Fangjagd ist das effizienteste Mittel zur Reduzierung von dämmerungs- und nachtaktiven Raubsäugern wie Waschbär, Mink und Co.“, sagt Professor  Jürgen Ellenberger.

Bundesweit einheitliches Vorgehen gefordert

Weiter fordern die Tierschützer, den Zuzug von potenziellen invasiven Arten zu verhindern. Dies ist sicher begrüßenswert, allerdings gibt es in der praktischen Anwendung wieder ein Problem: Eine Art gilt erst als invasiv, wenn sie heimische Arten oder ein Ökosystem schädigt. Diesen Schaden wird häufig erst offenbar, wenn die Art schon sehr weit verbreitet ist. Eine Position teilen Jäger und Tierschützer jedoch: Die Forderung nach Managementmaßnahmen, die auf der Bundesebene abgestimmt sind. „Ein einheitliches Vorgehen ist notwendig für eine konsequente Vorgehensweise“, so Professor Ellenberger.

Im Juli 2016 hatte die EU eine Liste mit 37 gebietsfremden Tier- und Pflanzenarten veröffentlicht, die in Europa „unerwünscht“ sind, darunter auch der Waschbär, der sich in Deutschland rasant ausbreitet. Der Deutsche Jagdverband hat bei der Zurückdrängung der dem Jagdrecht unterliegenden Arten finanzielle Unterstützung gefordert. PM

Beitragsbild: Waschbär am Gewässer (Quelle: Seifert/DJV)

3 Gedanken zu „Invasive Arten: Tierschutz-Forderungen realitätsfern

  1. Gaby Strasser

    Wenn Sie schreiben, die Forderungen der Tierschützer und Umweltverbände seien “realitätsfern” – dann sind ihre Forderungen und ihre Argumente “tierschutzfern”.
    Ich frage mich immer wieder, warum Jäger sich als oberste Natur- und Tierschützer sehen: Plastik-Absperrbänder, die man nach Jagden einfach hängen läßt/durchreißt, Bleibelastung, gehetzte nicht mit einem präzisen Schuss getötete Tiere, in Panik auf die Straße gehetzte Tiere, nicht mehr benötigte Hochstände, die achtlos im Wald belassen werden (mitsamt Tarnnetzen, Nägeln und Schrauben) – all das ist praktizierter Tier- und Naturschutz???
    Ich kenne 2 ältere Jäger – wenn die Jagd SO aussehen würde, könnte ich diese “Berufung” noch verstehen – das, was der Großteil Ihresgleichen treibt, ist Frevel – an der Natur, an unseren Mitgeschöpfen!
    Invasive Arten sind Arten, die bei uns nicht heimisch sind bzw. waren. Wer ist denn Schuld, dass es wildlebende Waschbären und Marderhunde hierzulande gibt? Der Mensch – NICHT das Tier!!! Vergessen Sie bei den invasiven Arten aber bitte nicht die fremden Mückenarten, die es aufgrund des Klimawandels und der allgemeinen Globalisierung hier gibt. Und vergessen Sie nicht, dass WIR MENSCHEN in das Gebiet der Tiere eingedrungen sind – nicht umgekehrt!

    Antworten
    1. admin Beitragsautor

      Das Einfangen und Kastrieren oder die flächendeckende Hormonbehandlung von Wildtieren sind garantiert nicht tierschutzgerechter, als die ordnungsgemäße Bejagung mit Kugel und Falle. Im Gegenteil: Sentimentalität und Vermenschlichung im Umgang mit Wildtieren führen in der Regel nur zu unnötigem Leid und Tierquälerei.
      Im Übrigen staune ich immer wieder über jene Sorte von Mitmenschen, die sich als Tierfreunde gerieren und ihrem Menschenhass umso ungenierter freien Lauf lassen: Sie, zum Beispiel: Sie sagen, Sie kennen zwei Jäger die ganz ok sind, aber die restlichen 380.000, die Sie nicht kennen, die sind alle böse und “Frevler”, was Sie mit irgendwelchen angeblichen Missständen, Einzelfällen und Jagdgegner-Lügen belegen wollen. Dieses Verfahren der Verleumdung und üblen Nachrede mittels unzulässiger Verallgemeinerung liefert freilich weder wahre Aussagen, noch ist es nett oder fair, finden Sie nicht auch? Wenn Jäger beleidigen und verleumden nicht gesellschaftlich akzeptiert wäre, würde man wohl von Hate Speech sprechen.
      Es geht auch nicht um Schuldfragen, oder darum, wer in wessen “Gebiet eingedrungen” ist, sie kommen aus Ihrer vermenschlichten Sichtweise einfach nicht heraus. Es geht einfach darum: Wollen wir, dass unsere Natur- und Kulturlandschaften nur noch von anpassungsfähigen Opportunisten wie Ratten, Krähen und Waschbären bevölkert ist oder sollen empfindliche Arten, sollen Schwarzstorch, Kiebitz, Äsche und Großtrappe auch eine Chance haben? Wer letzteres will, aber die Methoden, es zu erreichen ablehnt, leidet entweder an der oben zitierten Realitätsferne oder ist ein Lügner – auch und erst recht, wenn es sich um Tier- oder Naturschutzorganisationen handelt.

      Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.