Interview: Gemischte Gefühle

Ein Gespräch über die Psychologie von Jägern, Nichtjägern und Jagdgegnern, über die Zusammenhänge von Aggression, Jagdtrieb und Sexualtrieb und die Lust am Töten.

Frage: Herr Prof. Dr. Heubrock, Sie haben sich in verschiedenen Studien mit der Psychologie der Jagd und der Jägerpersönlichkeit beschäftigt. Welche Motivation, welchen Anlass gab es für diese Forschungen?

Prof. Heubrock: Nach den Amoktaten von Erfurt und Winnenden wurde Waffenbesitz in Deutschland zunehmend zum Problem erklärt. Es gab Gruppen besorgter Eltern, die forderten, es dürfe in unserer Gesellschaft keine Waffen geben – weder bei Sportschützen, noch bei Jägern. Da haben wir uns gefragt: Wie gefährlich sind Legalwaffen und deren Besitzer denn wirklich? Also haben wir uns zunächst einmal die Kriminalstatistik angeschaut und den – öffentlich nicht zugänglichen – Waffen- und Sprengstoffbericht der Bundesregierung ausgewertet, in dem es darum geht, welche Tatwaffen bei Tötungsdelikten Verwendung finden.

Frage: Mit welchem Ergebnis?

Prof. Heubrock: Mit dem Ergebnis, dass Legalwaffen keine große Rolle spielen: Sie kommen nur bei 2,6 Prozent der Verbrechen zum Einsatz. Alle anderen werden mit illegal besessenen Waffen begangen. Und dazu ist noch zu bemerken, dass Legalwaffen häufig bei Taten im psychosozialen Nahfeld eingesetzt werden. Affektiv motivierte Tötungsdelikte werden laut BKA aber unabhängig davon begangen, welche Waffe dem Täter gerade zur Verfügung steht. Was gerade zur Hand ist, wird benutzt, ob Legalwaffe oder Küchenmesser. Diese Ergebnisse haben wir zum Anlass genommen, die Fragestellung auszuweiten: Wir wollten wissen, wie sind die Menschen, die Legalwaffen in der Hand haben, gestrickt. Sind die gefährlicher? Wie gehen die damit um? So haben wir in einer Stichprobe Jäger und Nichtjäger in einer umfassenden Persönlichkeitsdiagnostik verglichen.

Frage: Und dabei haben die Jäger ziemlich gut abgeschnitten?

Prof. Heubrock: Ja, deutlich besser als die nicht jagende Vergleichsgruppe: Höhere Lebenszufriedenheit, niedrigere Aggressivität, bessere Impulskontrolle und so weiter. Besonders die höhere Lebenszufriedenheit ist wichtig, weil das eine überdauernde Persönlichkeitseigenschaft ist. In der Psychologie unterscheidet man zwischen Eigenschaften, die sehr stark durch die Situation dominiert werden, dazu gehören einige Aggressivitätsfaktoren wie reaktive Aggression: Ob Sie mir eine reinhauen würden, wenn ich Sie trieze. Dann gibt es die überdauernden Faktoren, auf die die Situation wenig Einfluss hat. Wer gelassen oder lebenszufrieden ist, der lässt sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen. Es hat uns selber überrascht, dass Jäger in dieser Dimension so gut abschneiden.

Frage: Diese Ergebnisse harmonieren nicht gerade mit den Vorurteilen breiter Bevölkerungsschichten.

Prof. Heubrock: Nein, und man macht sich mit der Präsentation solcher Ergebnisse nicht nur Freunde. Ich bin neulich auf einer Podiumsdiskussionvon Radio Bremen, wo es um die geplante Einführung einer Waffensteuer in Bremen ging, von einem Vertreter der Winnenden-Gruppe massiv persönlich angegriffen worden: Ich als Jäger und Befürworter legalen privaten Waffenbesitzes sei persönlich verantwortlich für die Toten von Winnenden…

Frage: Unfassbar!

IMG_8888Prof. Heubrock: Ich könnte das emotional aufgreifen – das tue ich aber  nicht, weil ich Wissenschaftler bin und denke, man muss sich mit den Fakten auseinander setzen. Aber mit Aussagen wie: ‚Alle Jäger sind potenzielle Mörder’, sehen sich ja viele Jäger konfrontiert. Wir Jäger geraten dann schnell in die Defensive und können nur sagen: ‚Aber ich hab doch keinem was getan, ich bin doch ein lieber Mensch.’ Aber so kann das natürlich nicht stehen bleiben. Das war für uns ein Motiv, eine wissenschaftliche Untersuchung zu machen und Themen anzugehen, mit denen man auch in der Wissenschaft keinen Blumentopf gewinnen kann. Auf eigene Kosten übrigens, das zahlt ja keiner.

Frage:Auf eigene Kosten? Haben die Jagdverbände, der DJV, Sie bei Durchführung, Auswertung oder Verbreitung der Studienergebnisse nicht unterstützt?

Prof. Heubrock: Die Verbände waren zunächst so misstrauisch, dass wir gar keine Unterstützung bekommen haben. Als die Ergebnisse für die Jäger dann günstig ausfielen, wurden sie etwas aufgeschlossener. Aber wissenschaftliche Erkenntnisse sind – selbst wenn sie unsere Position stärken – nicht wirklich gefragt. Das habe ich etwa bei der Präsentation der Jungjägerstudie vor dem DJV-Präsidium erfahren, für die ich extra nach Berlin gereist bin. Ich durfte da ganz schnell meine Power-Point-Präsentation in einer vollgepackten Tagesordnung abspulen. Es ging dabei für den DJV doch um wichtige Fragen: Was machen wir für die nächste Jägergeneration, die übernächste? Aber keiner der anwesenden Präsidenten hat auch nur eine Frage gestellt oder Interesse gezeigt. Ich wurde dann schnell aus der Tür herausgeschoben, etwa so: Prof. Heubrock hat es jetzt gesagt, sonst noch was? Wir haben auch noch Wichtigeres zu tun.

Frage: Ein Armutszeugnis…

Prof. Heubrock: Muss man wohl so sagen, ja. Leider bezeichnend dafür, wie die organisierte Jägerschaft mit Wissenschaft insgesamt umgeht.

Frage: Die Vermittlung zwischen Wissenschaft und Politik hat sich der CIC auf die Fahnen geschrieben. Haben Sie es da mal versucht?

Prof. Heubrock: Wir hatten, als es um diese Geschichte ging, auch mit dem CIC Kontakt aufgenommen, ich habe ganz viel geschrieben – und das ist da dann versandet. Es kamen keine Antworten mehr.

[imagebrowser id=1]

Frage: Lassen Sie uns noch einmal auf die Studie zur Jägerpersönlichkeit zurückkommen. Sie haben darin die unterschiedlichen Eigenschaften von Jägern und Nichtjägern beschrieben, aber nicht nach den Gründen dafür gefragt. Warum schneiden Jäger so viel besser ab? Wird man Jäger, weil man lebenszufrieden ist, oder wird man lebenszufrieden, weil man Jäger ist?

Prof. Heubrock: Ich kann dazu nur Vermutungen äußern, denn wir haben das ja nicht untersucht. Es gibt sehr viele Gründe, Jäger zu werden: Weil es in der Familientradition liegt oder zum Beruf gehört. Lebenszufriedenheit ist wohl kein Weg dorthin. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Sich viel in der Natur aufhalten, nahe an und in der Natur sein, das trägt zu Lebenszufriedenheit, zur Ausgeglichenheit bei. Dass Jäger Ärger und Aggression besser kontrollieren können, kann hingegen durchaus mit der Jagdausbildung zusammenhängen: Wir werden ja darauf trainiert, mit der Schusswaffe beherrscht und vorsichtig umzugehen.

Frage: Nach Amokläufen sehen sich auch Jäger immer wieder mit Forderungen nach weiteren Verschärfungen des Waffenrechts konfrontiert. Sind Waffenrechtsverschärfungen die Lösung?

IMG_8891Prof. Heubrock: Auf gar keinen Fall, das habe ich auch mehrfach – unter anderem vor dem Innenausschuss des Bundestages – vorgetragen. Amoktäter haben ihre Tat lange geplant. Amok, was nach spontanem Ausrasten klingt, ist deshalb keine so gute Bezeichnung. Der Erfurt-Attentäter Robert Steinhäuser ist lange vor der Tat in einen Schützenverein eingetreten, hat Schießnachweise gefälscht, Waffen und Munition gehortet. Bei Tätern, die ihre Tat so gründlich, lange und entschlossen planen, bringen Waffenrechtsverschärfungen nichts. Selbst ein totales Verbot privaten Waffenbesitzes würde nur eine Verlagerung auf andere Tatmittel, zum Beispiel Sprengstoffe oder Hieb- und Stichwaffen bewirken. Aber das will keiner hören und mit solchen Worten macht man sich keine Freunde.

Frage: Was macht Menschen zu Amokläufern?

Prof. Heubrock: Die Täter sind meistens depressiv und haben paranoide Gedanken: Die ganze Welt ist schlecht, keiner versteht mich. Diese zunehmende Entfremdung kann dann zur Amokhandlung als erweitertem Suizid – das ist der treffendere Ausdruck– führen.

Frage: Wenn Waffenrechtsverschärfungen nichts bringen – wie kann sich die Gesellschaft vor solchen Taten schützen?

Prof. Heubrock: Durch Früherkennung: Es gilt, die Warnsignale wahrzunehmen, die die Täter bisher immer ausgesendet haben: Eine Ankündigung im Internet, eine SMS an den besten Freund: Heute gehst du besser nicht zur Schule. „Leaking-Phänomen“ (von engl. Leak – Leck, Red.) nennt man das. Es gehört zu meiner gutachterlichen Tätigkeit, dass Polizei oder Schulen an mich herantreten und fragen, ob mutmaßliche Amokdrohungen ernst zu nehmen sind.

Frage: Bei unseren Großvätern hing die Jagdwaffe am Garderobenhaken im Flur oder im Kleiderschrank. Trotzdem kam es nicht ständig zu Amokläufen. Wer heute seine Waffe für Sekunden unbeaufsichtigt lässt, fürchtet sogleich, dass einer damit loszieht und so viele Menschen wie möglich tötet. Wie kam das?

Prof. Heubrock: Es gab solche Fälle auch früher, nur nahmen sie einen anderen Verlauf: Ich kann mich an einen Fall aus meiner Kindheit erinnern, als sich ein Mitschüler mit dem – übrigens im Kleiderschrank verwahrten – Jagdgewehr seines Vaters im Wohnzimmer erschoss. Das war wochenlang Dorfgespräch. Nur: Angriffe gegen Autoritätspersonen oder Mitmenschen waren normativ ein absolutes Tabu. Seit den Siebziger Jahren ist der Grundsatz: Man geht nicht gegen andere vor, tritt nicht nach, wenn einer am Boden liegt, durch die Medien und die gesellschaftliche Entwicklung aufgeweicht worden. Zu beobachten ist zunehmender Egozentrismus und eine Individualisierung in Arbeitswelt und Familie.

Frage: Warum reden wir nach Amoktaten immer nur über Waffenrechtsverschärfungen und Aufbewahrungsvorschriften?

Prof. Heubrock: Dahinter steckt die Generalstrategie, Waffen aus der Bevölkerung herauszuholen. Kürzlich wurden gleich drei Anträge in den Schleswig-Holsteinischen Landtag eingebracht: Einer mit dem Ziel, privaten Waffenbesitz komplett zu verbieten, einer mit dem Ziel einer zentralen Aufbewahrung in Schützenhäusern und ein weiterer mit ähnlichem Anliegen. Die Zielrichtung ist klar: Waffen sind grundsätzlich böse, wollen wir nicht, Schwerter zu Pflugscharen. Das ist Salamitaktik: Die Hürden für den Waffenbesitz sollen so erhöht werden, dass die Jäger aufgeben. Waffensteuer ist auch so eine Variante.

Frage: Aber warum reden wir nicht über die von Ihnen skizzierten gesellschaftlichen Umwälzungen, Stichwort Egozentrismus und Individualisierung.

Prof. Heubrock: Wir leben in einem Versicherungsland, wo sich die Menschen gegen alles ab- und versichern wollen. Mit Gesetzesänderungen wird der Bevölkerung suggeriert, dass absolute Sicherheit geschaffen werde. Nur: Die gibt es nicht. Es wird immer Kranke und Wahnsinnige geben, ein Restrisiko wird immer bleiben. Das traut sich aber kein Politiker zu sagen.

Frage: Gibt es beim heutigen Menschen noch so etwas wie einen Jagdtrieb und wie wirkt er sich aus?

IMG_8884Prof. Heubrock: Ich glaube schon, dass es einen kulturhistorisch und evolutionsbiologisch nachweisbaren Rest noch gibt. Nur dass nicht jeder, der den Jagdtrieb in sich spürt, auch Jäger wird. Aber schauen sie sich Menschen an, die in der Wirtschaft tätig sind, ein gesichertes Einkommen haben und sich um ihren Lebensstandard keine Sorgen machen müssen: Dennoch kämpfen – also jagen! – sie um die nächste Rendite, wollen Konkurrenten ausstechen. Das geschieht nicht zum Lebenserhalt, sondern ist Selbstzweck geworden. Ich denke, das sind Rudimente des Jagdlichen. Man jagt dann halt andere Trophäen, die man nicht ins Jagdzimmer hängt.

Frage: Unterscheiden sich Männer und Frauen in dieser Hinsicht?

Prof. Heubrock: Wir sehen dieses Verhalten bei Männern ausgeprägter als bei Frauen. Frauen in Führungspositionen haben einen komplett anderen Führungsstil: Nicht so sehr konkurrenzdominiert, sondern eher integrativ. Ich glaube, auch das ist ein Relikt aus der evolutionsbiologischen Rollenteilung. Deshalb bringen Frauen einen etwas anderen Stil in die Jagd,das merkt man auch.

Frage: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Jagdtrieb und Aggression? Bei Hunden verneint die Verhaltensforschung das ja.

Prof. Heubrock: Die Bevölkerung hält uns das ja gerne vor: Wer auf die Jagd geht, ist ein aggressiver Mensch. Aber Jagdtrieb und Aggressionstrieb sind nicht miteinander gekoppelt. Hunde sind dafür ein gutes Beispiel: Das Jagdverhalten sieht vollkommen anders aus, als das Aggressionsverhalten: Hinter etwas herzulaufen, das sich schnell bewegt, ist etwas ganz anderes, als bei einer Begegnung mit Artgenossen zuzuschnappen. Aggression würde sich überdies auch gegen Mitglieder des eigenen Rudels richten, wie man das etwa bei Angstbeißern sieht.

Frage: Einem beliebten Vorurteil zufolge ist bei Menschen mit ausgeprägtem Jagdtrieb auch der Sexualtrieb stark ausgeprägt. Der Psychologe und Erzähler Paul Parin hält Jagd- und Sexualtrieb gar für identisch – was meinen Sie?

Prof. Heubrock: Jagd hat mit Sexualtrieb überhaupt nichts zu tun. Das ist ein uraltes Vorurteil, das sich durch die Diskussion mit Nichtjägern – manchmal auch mit Jägern – zieht. Das hat ganz einfach damit zu tun, dass das psychoanalytische Konzept – der von Ihnen erwähnte Paul Parin ist Anhänger der klassischen Psychoanalyse nach Freud – nicht viele andere Triebe als den Sexualtrieb kennt. In der Psychoanalyse kam dann vor vielen Jahren die Diskussion auf, ob Sexualtrieb dasselbe ist wie Aggressionstrieb. Es gibt unterschiedliche Schulen, die dazu sehr unterschiedliche Ansichten vertreten. Da kommt es her und hat sich bis heute leider so gehalten. Aber das sind völlig unterschiedliche Funktionen für das menschliche Wesen und das menschliche Überleben, und das sollte man auch fein säuberlich trennen. In der Sexualität nur die aggressive Komponente zu sehen ist eine Verkürzung. Bringen Sie da mal den Gender-Aspekt herein: Das weibliche Erleben von Sexualität sieht komplett anders aus, als die männliche Variante. Und die kriegen Sie nicht zu fassen, wenn sie das rein phänomenologisch betrachten und auf den aggressiven Anteil reduzieren.

Frage: Wir haben über die Psychologie der Jagd gesprochen – lassen Sie uns über die Psychologie der Jagdgegner reden. Wenn ich mir verbohrte Jagdgegner ansehe, habe ich oft das Gefühl, dass das die größten Jäger vor dem Herrn wären, wenn man ihnen den Jagdschein schenken würde. Kann es sein, dass Neid und unterdrückter Jagdtrieb der Antrieb für diese Leute sind?

IMG_8883Prof. Heubrock: Genau so ist das. Ich bin ja auch Profiler (ein Fallanalytiker, der Persönlichkeitsprofile von Straftätern erstellt, Red.). Da kommt es häufig vor, dass Hausdurchsuchungen bei Personen die nach außen besonders soft und pazifistisch auftreten, militärische Gegenstände, Uniformen, manchmal aufwändig selbst geschneiderte Phantasieuniformen zutage fördern. Auf deren sichergestellten PCs finden sich dann gerne Panzerspiele und dergleichen. Das Unterdrückte kommt so zum Ausdruck – aber eben heimlich, das darf keiner wissen.

Frage: Also Moorhuhnjagd auf den Rechnern von Jagdgegnern?

Prof. Heubrock: So kann das aussehen. Häufig findet man auch Listen von Jägern, was an Abschusslisten aus dem Bereich der Organisierten Kriminalität erinnert. Ich musste mich kürzlich mit der Zwickauer Terrorzelle auseinandersetzen. Die Rechtsterroristen haben ebenfalls Listen von Staatsschützern, Polizisten oder potenziellen Opfern mit Migrationshintergrund aufgesetzt. Auch im Bereich der Mafia gibt es das: Todeslisten. Solche Listen sind immer sehr verdächtig. Dahinter steckt immer die Assoziation, dass man solche Listen abarbeiten müsse, durchstreichen, ein Häkchen ranmachen. Dafür gibt es noch ganz andere historische Beispiele… Genau so gehen diese Jagdgegner vor: Die haben Listen gefertigt von Jägern, die man sich vornehmen muss.

Frage: Ein merkwürdiger Widerspruch:Diese Brutalität gegen Menschen wegen angeblicher Grausamkeit gegen Tiere.

Prof. Heubrock: Ja – schauen Sie sichJagdgegner in Aktion an, wenn es zu Prügeleien kommt oder wenn Hochsitze beschädigt oder sabotiert werden: Das ist nicht nur Aggression, das ist Hinterhältigkeit, Vorsatz. Damit nehmen die sich ihre eigenen Argumente aus der Hand.

Frage: Warum schlägt uns Jägern auch von Seiten des Naturschutzes soviel Ablehnung entgegen, obwohl sie oft die gleichen Ziele verfolgen?

Prof. Heubrock: Das hat mit Neid zu tun. Organisierte Naturschützer haben das Bedürfnis zu bestimmen, wie Natur aussehen, wie sie gestaltet werden soll. Jäger tun das auch, damit ist Konkurrenz gegeben.

Frage: Wir Jäger haben das Problem, dass wir gegen das Tabu des Tötens verstoßen. Sie haben in einer Studie untersucht, was Jäger zur Jagd motiviert. Naturerleben, Wildbret, Hege wurden als Gründe genannt – aber auch – bei einer kleinen Gruppe (5,2%) – Freude am Erlegen/Töten. Wie problematisch ist dieses Motiv?

Prof. Heubrock: Wenn das für manche Menschen ein Motiv ist, dann müssen wir auch das offen ausdrücken. Kommen wir noch mal zum Amok zurück: Wie kommt jemand dazu, mit 19, 20 Jahren die Phantasie zu entwickeln, möglichst viele Mitschüler oder Lehrer zur Strecke zu bringen? Das kommt in unserer Bevölkerung als pathologische Variante vor. Auch wenn Jäger in den meisten Persönlichkeitsdimensionen wesentlich besser abschneiden als Nichtjäger, heißt das nicht, dass pathologische Varianten bei uns Jägern nicht auch vorkommen.

Frage: Ist das eine pathologische Variante?

Prof. Heubrock: Lust am Töten als primäres Motiv für die Jagdausübung? Ich würde sagen schon. Weil die Kultur uns da bereits hätte formen müssen. Es geht um das Töten als primäres Motiv: Wenn ganz normale Familienväter in den Krieg ziehen und eine Lust am Hinrichten von Gegnern entwickeln – nicht weil es sein muss oder befohlen wurde – wenn das Töten also zum Selbstzweck wird, ist das pathologisch. Warum haben wir sonst Mord ohne Affekt, Serienmörder? Sie sehen ja, dass ich sehr viel für die Polizei arbeite, das ist ja ein halbes Polizeimuseum hier. Ich habe viel mit Tötungsdelikten zu tun, die nicht im Affekt passiert sind, sondern wo jemand ganz gezielt aus Lust am Töten oder Quälen sich Opfer sucht. In der forensischen Begutachtung sagen solche Personen dann nicht ‚Ich hatte eine schlechte Kindheit’, oder so. Wenn es eine sogenannte antisoziale Persönlichkeit, eine echte Psychopathologie, ist , dann bekennen die sich dazu: Ich konnte nicht anders, der Kitzel war wieder da, ich musste wieder töten. Wie so ein Juckreiz. Bei Mördern oder Sexualdelikten geht es nicht um sexuellenLustgewinn, sondern um Macht und Dominanz: Ich habe die Macht zu unterscheiden, wann ich wen und wie zur Strecke bringe. So entstehen Serienmorde. Ich glaube, dass die Jäger, die sich zur Lust am Töten bekannt haben, eigentlich meinten: Ich brauche das Gefühl, dass ich auch mächtig bin und über andere Wesen entscheide.

Frage: Aber Jäger töten Tiere. Macht das – nicht nur im strafrechtlichen Sinn – nicht einen fundamentalen Unterschied?

Prof. Heubrock: Macht es das? Gerade Jäger machen diesen Unterschied ‚Ich Mensch – dort Tier’ doch gar nicht so sehr. Da gibt es den Hirsch Hansi, der über Jahre liebevoll gehegt wird. Das ist eine persönliche Beziehung, wie sie Menschen sonst nur zu ihren Haustieren aufbauen. Das sind aber Wildtiere, die gehören mir noch nicht einmal.

Frage: Wie stellt sich das Töten für die ganz überwiegende Mehrheit der Jäger dar, die nicht dieser pathologischen Variante zuzurechnen ist.

Prof. Heubrock: Immer mit ambivalenten Gefühlen. Das beschreiben viele Jäger, ich kenne das auch. Ich habe mich entschlossen, diesen Rehbock zu strecken, er kommt, ich schieße und er liegt. Wir freuen uns erst, doch schon mischt sich ein Gefühl des Bedauerns hinein. Das ist normal, denn Gefühle, die nur aus einer Dimension bestehen, haben wir als Menschen gar nicht. Wir haben immer, wie auch der Philosoph Ernst Bloch das beschrieben hat, gemischte Gefühle, ein Konglomerat. So sollte es auch sein, so funktioniert unsere Selbstkontrolle, weil wir so unser Tun hinterfragen und rechtfertigen können. Radikale, ideologisch verblendete Menschen haben diesen Gefühlsmischmasch künstlich, durch Gehirnwäsche, eindimensional gemacht – die hinterfragen ihr Tun nicht mehr. Ansonsten zeichnet uns Menschen aus, dass wir uns aufgrund unserer gemischten Gefühle ständig hinterfragen. Das sollte bei Jägern ganz genau so sein. Im Lauf des Lebens verändert sich dieser Gefühlsmischmasch: Je älter man wird, desto mehr hinterfragt man sich: Hab ich alles richtig gemacht, was bleibt mir noch zu tun, bevor es zu spät ist. Die erfragenden Gefühle sind im Vordergrund, nicht so sehr die Entschlossenheit. So kommt es, dass die älteren Jäger gerne den ganzen Abend draußen sitzen, reichlich Anblick haben – und den Jungjäger oder den Jagdgast den Rehbock schießen lassen.

Frage: Es ist Ihr Anliegen, mit den von Ihnen durchgeführten Studien etwas für die Sache der Jägerschaft zu bewirken. Meinen Sie wirklich, dass wir mit diesen teilweise etwas zwiespältigen Erkenntnisse in der Öffentlichkeit punkten?

Prof. Heubrock: Ich denke schon. Wie ich schon sagte: Wir sollten uns als Jäger mit diesen gemischten Gefühlen betrachten: Das Bedauern am gestreckten Stück, keine Lust mehr zu haben, als älterer Jäger noch etwas zu schießen: Das wird von vielen negiert. Warum reden wir darüber nicht? Das ist Teil unserer jagdlichen Identität. Wir können unsere Authentizität nur begreifen, wenn wir sie in dieser Widersprüchlichkeit wahrnehmen, ohne diese ideologischen Glättungen. Psychologie ist nie glatt. Wenn wir Jäger ehrlich miteinander umgehen, können wir auch authentisch mit Nichtjägern über diese Gefühle sprechen. Es nimmt uns ohnehin keiner ab, dass man mit dem Gewehr in den Wald gehen muss, um eine Benjes-Hecke zu pflanzen.

Die Fragen stellte Stephan Elison

Zur Person: Prof Dr. Dietmar Heubrock, ist Diplom-Psychologe und Geschäftsführender Direktor des Instituts für Rechtspsychologie der Universität Bremen. Heubrock ist Autor zahlreicher Bücher und weiterer Veröffentlichungen zu den Themen Neuro- und Biopsychologie, Forensische Neuropsychologie sowie Rechts-, Kriminal- und Polizeipsychologie. In seiner wissenschaftlichen Arbeit beschäftigt er sich unter anderem mit der Prävention von schwerer zielgerichteter Gewalt an Schulen, der psychologischen Begutachtung von Heranwachsenden, die eine Legalwaffe erwerben wollen und mit Methoden der Operativen Fallanalyse zur Unterstützung der polizeilichen Ermittlungstätigkeit. Prof. Heubrock ist begeisterter Jäger.

8 Gedanken zu „Interview: Gemischte Gefühle

  1. Günter Krause

    Ein Bericht der mir aus der Seele spricht. Auch aus meiner eigenen Erfahrung kann ich sagen, das Jäger im Allgemeinen mit sich und der Umwelt in Einklang und Zufriedenheit leben. Auch die Agressivität ist weit weniger ausgeprägt und wird auch besser kontrolliert. Dazu trägt mit Sicherheit auch die gute Ausbildung “das grüne Abitur” bei.
    Warum die Jagdverbände so etwas nicht mehr nutzen verstehe ich nicht.

    Antworten
  2. Klaus Haischer

    ich wünschte mir, dass dieses Interview in einer Zeitung wie “Wild und Hund” veröffentlicht wird. Vermutlich ist das den Herrn dort zu differenziert und zu substantiiert.
    Das ist eine umfassende zutreffende Aussage, die Jäger lesen sollten, um in den gängigen Diskussionen verbal mithalten zu können.

    Herzlichen Glückwunsch, besser könnte eine Analyse nicht sein.

    Antworten
  3. Michael Huber

    Das ist Balsam für die Jägerseele. Bei den vielen ritualisierten Aggressionen gegen Jagd wünschte ich mir endlich ein profundes Engagement von Politikern und den Jagdbehörden für die Jagd in Deutschland. Unser Staat sollte das größte Interesse daran haben, die Jagd nicht verkommen zu lassen. Einzig Jagdscheininhaber und Jagdbezirke „nur“ zu verwalten, ist zu wenig.

    Antworten
  4. Ulrich Eichstädt

    Was nützt eine Veröffentlichung bei Wild & Hund oder einem anderen Jagd- (oder auch Waffen-)magazin? Die Leser dort haben eh keine anderen Resultate erwartet und man predigt daher den bereits Glaubenden (was nicht einmal in der Kirche Sinn macht). Für den Playboy ist das Interview zu unsexy, für die Praline zu lang, und der Spiegel würde nach langer Recherche herausbekommen, dass Heubrock wohl selbst jagt, weil er sich mitten im Text durch ein “wir” geoutet hat – also unglaubwürdig, alle seine Ergebnisse. Wenn man die Forschung schon nicht aus Steuergeldern bezahlt, kann dat eh nix sein.

    Ich werde das Interview dennoch verteilen – einzeln, an ausgewählte, aber noch andersgläubige Freunde. Bin übrigens selbst (aus Faulheit und Zeitmangel) kein Jäger, respektiere aber deren Arbeit, seit ich sie in vielen Beispielen kennenlernen durfte.

    Antworten
  5. Karl H. Schweitzer

    Endlich mal ein Statement, dass von dem Politisch gesteuerten und medial verbreiteten Anti-Waffen Campagne abweicht !
    Die essentiellen Inhalte mit extrem hohem Wahrheitsgehalt, die Prof. Heubrock darin ausgearbeitet hat, zeigen auf, was die Anti-Waffen-Lobby fortgesetzt pathologisch zu verschleiern sucht !
    Ich jedenfalls hoffe, wenn es mal wieder soweit ist ( was Gott bitte verhüten möge ! ) , und der Staat aus welchen gründen auch immer mal wieder “zu den Waffen!” ruft, dass der mündige Bürger sich an das erinnert wie man mit ihm umgeht und was der Staat den legalen Waffenbesitzern im tiefsten Frieden alles antat, antut und aufbürdet !

    Antworten
  6. Hartmut Riemer

    Ganz so edel, wie Herr Heubrock – vorallem ältere Jäger – (ich bin 78) schildert, bin ich nicht. Zwar habe ich keinen Jagdneid, aber mehr Jagderfolg und weniger Revierarbeit wünsch’ ich mir schon.

    Hartmut Riemer, Reutlingen BW

    Antworten
  7. Michael L.

    Eine Studie über Jäger durchgeführt von einem begeisterten Jäger muss nicht unbedingt ein Kardinalfehler sein.
    Aus dem medizinischen Bereich weiß man allerdings, dass Studien oft im Sinne der Auftraggeber ausfallen:
    http://www.sueddeutsche.de/leben/getraenke-studien-wes-geld-ich-nehm–1.734246
    Grundsätzlich muss man sich also das Studiendesign näher betrachten,
    wovon im Interview leider überhaupt nicht die Rede ist:
    Wer ist wie befragt worden und mit welcher Vergleichsgruppe randomisiert.
    Und dann die Statistik!
    Zitat: ‘Mit dem Ergebnis, dass Legalwaffen keine große Rolle spielen: Sie kommen nur bei 2,6 Prozent der Verbrechen zum Einsatz. ‘Zitat Ende.
    Das mag sogar sein. Aber rechnen Sie mal die Zahl der Tötungen durch Legalwaffen durch. Da kommt man auf ganz andere Prozente.
    Allein die Jagdunfälle, darin Jäger auf Jäger schießen, Jäger auf Zivilisten und zuletzt sogar auf sich selbst.

    Und dass Jäger (selbst-)zufriedenere und aggressionsgemindertere Leute sind: Wage ich zu bezweifeln.
    Einmal gilt, dass derjenige, der Gewalt institutionalisiert ausübt, dies nicht mehr privat tun muss.
    Dann aber gilt auch, dass rituelle Gewaltausübung auch Modi bereitstellt für Bereiche, in denen Gewalt nichts zu suchen hat.
    Sozusagen: Übung macht den Meister.

    Und wenn ich mir die aktuellen Jagdkataloge ansehe, die sich in ihrer modischen Präsentation, in ihrem Waffenstatusgehabe in gar nichts vom Otto-Katalog unterscheiden,
    glaube ich auch nicht, dass man es beim Durchschnittsjäger mit einem Menschentyp gehobenerem Ethos zu tun hat.
    Allein der Jagdtourismus: Bärenschießen in Kanada, Wölfe im Ural und den Elch in Schweden, legen nahe: Töten macht Spaß.
    Es ist ein Konsum an Tieren, der manche Jäger den Metzgern gleichstellt, die ich wesentlich mehr bedaure als den Revierjäger,
    der Abschusszahlen vorgelegt bekommt, die er zu erfüllen hat, ob er mag oder nicht.
    Jagen, altes Adelsprivileg, ist doch inzwischen vollkommen verbürokratisiert, kostet Unmengen Zeit und Geld, das man nur zur Hälfte über den Jagdgast wieder hereinbekommt: Und da soll man keine Aggressionen bekommen? Wo bleibt da die Ganghofer-Romantik?
    15 mal Ansitz für einen Schuss, der dann auch noch daneben geht und das Wild verendet im Unterholz und dann das ganze Geschleppe mit dem Waidmannswerk.
    Man muss es sagen: Jagen bereitet nur dem Nicht-Jäger Freude. Dem Jäger selbst ist es ein Graus.
    Und das ist gut so.
    Ich persönlich bin nicht gegen die Jagd.
    Aber ich finde, man sollte ein schlechtes Gewissen dabei haben.
    Man sollte sich hundeelend fühlen.
    Das zumindest ist man sich schuldig.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.