Insektensterben: Fake-News aus dem Bundesumweltministerium?

Sind Meldungen über das Insektensterben eine “grün-rote Wahlkampffalle”?

Vor wenigen Tagen hat das Bundesumweltministerium (BMUB) vor dem Insektenschwund gewarnt: Um 80 Prozent habe sich der Bestand an Insekten seit 1982 reduziert. Auch JAWINA hat die Meldung aufgegriffen. Dass es weniger Insekten gibt als früher, deckt sich mit dem empirischen Befund vieler aufmerksamer Naturbeobachter, eine viel zitiertes Indiz ist die Menge an Insekten, die nach einer Überlandfahrt von der Windschutzscheibe geschrubbt werden muss. Das zur Holtzbrinck-Mediengruppe gehörende Internetportal meedia.de äußert massive Zweifel am Realitätsgehalt der Meldung: Die Zahlen seien alt und nicht belegt, der “angebliche Insektenschwund” eine “grün-rote Wahlkampffalle”, die sich die “Kommunikationsprofis der Grünen haben einfallen lassen.” Unter Berufung auf einen ursprünglich in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) erschienenen Artikel schreibt meedia.de, dass die Zahl von 80 Prozent von einem “Verein von Hobbyforschern in Krefeld” stamme und sich die Zahl lediglich auf “zwei Standorte im Krefelder Naturschutzgebiet Orbroicher Bruch” beziehe. Das Operieren mit Zahlen aus derart fragwürdiger Quelle, wirft meedia dem BMUB vor, schade nicht nur der Sache, sondern vor allem der Glaubwürdigkeit aller Beteiligten.

JAWINA hat beim BMUB aufgefordert, zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen. Wir haben gefragt: Verbreitet das BMUB wissentlich oder versehentlich Fake-News? Betreibt das von einer SPD-Ministerin geführte BMUB Wahlkampfhilfe für die Grünen? Inwieweit sieht das BMUB die eigene Unabhängigkeit von Naturschutzverbänden wie Nabu und Bund noch gegeben, deren Positionen das BMUB offenbar ungeprüft und unreflektiert übernimmt und verstärkt?

Die Antwort einer Ministeriumssprecherin des BMUB, die namentlich nicht genannt werden möchte (!),  geben wir im folgenden ungekürzt  wieder [Hervorhebungen durch BMUB]:

Sehr geehrter Herr Elison,

Sie hatten uns zur Validität der Aussagen in der Antwort auf eine Kleine Anfrage aus dem Bundestag bzgl. des Insektensterbens gefragt. Sie können die Antwort als Stellungnahme des Ministeriums oder mit Bezug auf einen Ministeriumssprecher nutzen.

Der Artikel, auf den Sie sich beziehen, ist uns bekannt. Wir vermuten, dass der Verfasser die Antwort auf die Kleine Anfrage nicht kennt und sich ausschließlich auf einen Bericht darüber bezieht.

Aus den darin erwähnten Studien leitet das BMUB keine deutschlandweite Generalisierung ab.

Bezüglich grundsätzlicher Voraussagen zur Entwicklung des Insektenbestandes teilen wir darin vielmehr folgendes mit:

„Eine belastbare, bundesweit repräsentative Datenbasis zur Einschätzung von Langzeitveränderungen von Vorkommen und Bestandsgrößen der Insektenfauna in Deutschland gibt es nicht. Der Indikator „Gefährdete Arten“ ist Teil des Indikatorensets der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt (NBS) und wird regelmäßig in Berichten der Bundesregierung zur NBS publiziert (Indikatorenbericht 2010, Rechenschaftsbericht 2013, Indikatorenbericht 2014). Teil des Indikatorensets ist auch der auf dem bundesweiten Vogelmonitoring aufbauende Indikator „Artenvielfalt und Landschaftsqualität”.

Daneben teilen wir in unserer Antwort Studienergebnisse zu einzelnen Standorten mit, an denen ein Rückgang von Insekten zu beobachten war und ist.

Diese lassen sich aber nicht auf die Entwicklung in ganz Deutschland übertragen. Gleichwohl geben Sie Hinweise auf den Bestand einzelner Insektenarten.

Dazu heißt es:

“Studien zufolge gibt es an Versuchsstandorten dramatische Rückgänge der Insektenbiomasse vom Jahr 1982 bis zum Jahr 2017 um bis zu 80 Prozent. Untersuchungen zu Schwebfliegen im Wahnbachtal belegen Artenrückgänge bei Schwebfliegen (Syrphidae) in den Jahren 1989 und 2014 zwischen 30 Prozent und 70 Prozent und auch Individuenverluste zwischen 70 Prozent und 96 Prozent. Die Rückgänge von Individuenzahlen und der Biomasse von Insekten fallen dabei in der Regel noch höher aus als die Rückgänge der Artenzahlen.“

Diese Aussage bezieht sich auf diese Studie: SORG, M. et al. (2013): Ermittlung der Biomassen flugaktiver Insekten im Naturschutzgebiet Orbroicher Bruch mit Malaise Fallen in den Jahren 1989 und 2013. – Mitteilungen aus dem Entomologischen Verein Krefeld 1: 1-5.

Ergänzend zum Hintergrund der Studie: Josef Tumbrinck, Landesvorsitzender des NABU Nordrhein-Westfalen, stellte am 13.01.2016 im Umweltausschuss des Bundestages die Untersuchungsergebnisse des „Entomologischen Vereins Krefeld“ vor, mit dem der NABU zusammenarbeitet. Ehrenamtliche hatten zwischen 1989 und 2013 an insgesamt 88 Standorten in Nordrhein-Westfalen fliegende Insekten gesammelt, ihre Arten bestimmt und sie gewogen. „Während wir 1995 noch 1,6 Kilogramm aus den Untersuchungsfallen sammelten, sind wir heute froh, wenn es 300 Gramm sind“, so Tumbrinck. Der Rückgang von bis zu 80 Prozent beträfe unter anderem Schmetterlinge, Bienen und Schwebfliegen. [Quelle: nabu.de]
Wichtig ist in dieser Frage auch die Feststellung, dass die Rückgänge von Individuenzahlen/Insektenbiomasse nicht gleichzusetzen sind mit dem Rückgang von Artenzahlen.

Weitere Studien sind in der Antwort auf die Kleine Anfrage ebenfalls aufgeführt.

Weitere in der Antwort auf die Kleine Anfrage zitierte/genutzte Studien:

·         Rote Listen gefährdeter Insektengruppen

·         SCHWENNINGER, H. & SCHEUCHL, E. (2016): Rückgang von Wildbienen, mögliche Ursachen und Gegenmaßnahmen (Hymenoptera, Anthophila). – Mitteilungen des Entomologischen Vereins Stuttgart 51 (1): 21-23.

·         NUß, M. (2016): Der stumme Frühling – Von der Fiktion zur Wirklichkeit. – Senckenberg Museum Frankfurt.

·         HABEL, J.C. et al. (2015): Butterfly community shifts over 2 centuries. – Conservation Biology 30 (4) 2016: 754-762. DOI: 10.1111/cobi.12656.

·         “Darüber hinaus sind fachgutachterliche Einschätzungen von Verbreitung und Häufigkeit sowie Bestandsentwicklungen von Organismen auf breitestmöglicher Basis Gegenstand der Roten Listen gefährdeter Tiere, Pflanzen und Pilze. Sie werden gegenwärtig aktualisiert. Im Rahmen dieser Aktualisierung wurden bisher 25 Rote Listen für Insektengruppen mit knapp 8.000 Taxa (Arten und Unterarten) veröffentlicht; von ihnen wurden ca. 7.800 Taxa einer Gefährdungsanalyse unterzogen.

·         Eine Resolution zum Schutz der mitteleuropäischen Insektenfauna wurde im Jahr 2016 aufgrund der drastischen Bestandseinbrüche bei Insekten in der Kulturlandschaft von Experten der Hymenopterologie verfasst und in der Zeitschrift Naturschutz und Landschaftsplanung (Jahrgang 48, Heft 12, Seite 393 bis 396) publiziert.”

Generell gilt: Studien und Untersuchungen, die das Bundesumweltministerium und seine nachgeordneten Behörden für ihre Arbeit nutzen, sind selbstverständlich hinsichtlich ihrer Validität und Belastbarkeit hin eingeschätzt/geprüft.

Sollten Sie weiteres Quellenmaterial benötigen, die den Rückgang der Insektenindividuenzahlen und der Insektenvielfalt untermauern, finden Sie beispielsweise hier und frei zugänglich weitere wissenschaftliche bzw. von Landesregierungen publizierte Beiträge: http://www.bund-rvso.de/insektensterben-offener-brief.html

Beitragsbild: Schwarzer Falter. Foto: SE

5 Gedanken zu „Insektensterben: Fake-News aus dem Bundesumweltministerium?

  1. Anko

    “Eine belastbare, bundesweit repräsentative Datenbasis zur Einschätzung von Langzeitveränderungen von Vorkommen und Bestandsgrößen der Insektenfauna in Deutschland gibt es nicht. ”

    Schau an.

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  2. Johannes Döh

    Sie glauben demnach, dass das Insektensterben nur eine Wahlkampfstrategie der Grünen darstellt? Ich lese die Antwort des BMUB anders und kann auch aus eigener Erfahrung sprechen. Man sollte sich nicht an den 80% im Raum Krefeld aufhalten. Selbst wenn sich diese Zahl auf 10% bundesweit reduzieren würde, wäre das alarmierend genug. 80% in einer Region ist schon katastrophal. Wer mit offenen Augen durch die Natur wandert und sich auch 20 oder gar 30 Jahre zurückerinnern kann, wird bestätigen, dass der Schwund an Insekten sehr deutlich zu erkennen ist. Das gilt natürlich nicht für Leute, die eine Biene nicht von einer Schwebfliege unterscheiden können. Hier mal eine andere Darstellung: soznet.org/wenn-insekten-sterben/

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    1. admin Beitragsautor

      In dem Beitrag steht: “Dass es weniger Insekten gibt als früher, deckt sich mit dem empirischen Befund vieler aufmerksamer Naturbeobachter […]
      Also was soll die Unterstellung in Ihrem Einleitungssatz?

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  3. Uwe

    Die oben angegebenen angeblichen 4 Studien entpuppen sich bei näherem Hinsehen als ganze 2, davon die eine hinter Bezahlschranke und die andere vom Orbroicher Bruch. Dazu kommen zwei Artikel/Vorträge ohne präzise Angeben zum wer, wie, was und wo. Auf die eine der beiden Studien bezieht sich die zitierte NABU Behauptung von 88 Sammelstellen in NRW zw. 1989 und 2013. Tatsächlich waren es lt. Veröffentlichung ganze 2 Sammelstellen mit 22 Probenahmezeitpunkten in genau 2 Jahren. Die “Studie” selbst erwähnt nur Daten aus 1989 und 2013 und verschweigt die durchaus vorhandenen weiteren Daten aus den Jahren dazwischen. Siehe Artikel der Welt vom 21.7.2017 (Wer bin ich und wenn ja wie viele) mit Zitaten des Studienautors Michael Sorg, leider nur als Papierversion bzw. hinter Bezahlschranke.

    Und zu dien “ausgesuchten” bzw. aufgeblasenen Daten heisst es oben: “Generell gilt: Studien und Untersuchungen, die das Bundesumweltministerium und seine nachgeordneten Behörden für ihre Arbeit nutzen, sind selbstverständlich hinsichtlich ihrer Validität und Belastbarkeit hin eingeschätzt/geprüft.”

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  4. K. Battefeld

    Wer jemals in den achtziger Jahren Auto gefahren ist – egal ob Opel Kadett, VW Käfer oder Mercedes, wird sich recht gut an das leidige Reinigen der Windschutzscheiben mit einem Kunststoffschwämmchen erinnern, das alle 100 km fällig war. Heute fahre ich 400 km ohne annähernd so viele Insekten auf der Scheibe zu haben.
    Dies kann man sicher auch dem verbesserten cw-Wert zuschreiben. Allein daran sollte man es aber nicht festmachen. Bei mir im Garten brummt es im Sommer wie wild (ohne irgendeinen Ökokram und inclusive Spritzmittel gegen Blattläuse) 100 Meter weiter auf dem Acker ist bereits tote Hose.
    Inzwischen werden Nummernschilder an Autos bereits von Wissenschaftlern als standardisierte Insektenfanggeräte eingesetzt telegraph.co.uk/news/newstopics/howaboutthat/8630835/Two-trillion-insects-killed-on-Dutch-cars-every-year.html

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