“In Simbabwe weinen wir nicht um Löwen”

In der wie üblich hysterisch, lobbyistengesteuert und sachkenntnisfrei geführten Diskussion um die Erlegung des Löwen “Cecil” durch einen amerikanischen Zahnarzt, ragt ein Beitrag heraus, schon weil er aus der Perspektive eines Einheimischen geschrieben wurde: Der Biochemiker und Musiker Goodwell Nzou wuchs in Zimbabwe auf, heute lebt und arbeitet er in Rochester im US-Bundesstaat New York. Den meisten Lesern dürfte er unbekannt sein, deshalb zuerst ein paar Informationen über den Autor: Goodwell Nzou wuchs in dem Dörfchen Chitsungo im Tal des Sambesi auf. Eines Tages, er war elf Jahre alt, ging er mit seinem Bruder zum einem Fluss in der Nähe, um sich abzukühlen. Eine Puffotter, eine der gefährlichsten Giftschlangen Afrikas, biss den Jungen ins Bein. Das gelbe Gift der Puffotter zerstört Gewebe und Blut und löst massive Nekrosen aus. Goodwell Nzous Bein schwoll sofort an, die Schmerzen müssen entsetzlich gewesen sein. Seine Familie hatte kein Geld für einen Krankentransport, so setzten sie das Kind in eine Schubkarre und brachten ihn in die nächste, zwölf Meilen entfernte Klinik. Sechs Wochen lang wurde er von Krankenhaus zu Krankenhaus gekarrt (wortwörtlich, wie in seiner Lebensbeschreibung auf der Internetseite des Nazareth College in Rochester, NY, betont wird) – doch der Zustand von Bein und Fuß verschlimmerte sich zusehends. Als seine Familie endlich das Geld zusammen bekommen hatte, um ihn in ein großes, 250 Meilen von seinem Wohnort entferntes Krankenhaus zu bringen, hatte bereits Wundbrand eingesetzt. Die Ärzte hatte keine Wahl, sie mussten amputieren: “Goodwell Nzou war froh, dass der schlimmste Schmerz vorbei war, aber der schwerste Teil seiner Reise sollte noch kommen”, heißt es in seiner Lebensbeschreibung.

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Goodwell Nzous Lebensbeschreibung auf der Internetseite des Nazareth College.

Das Schulsystem Simbabwes sei auf Behinderte nicht eingerichtet, berichtet Nzou, die Stigmatisierung sehr stark gewesen. In ländlichen Regionen Simbabwes gilt Behinderung noch als böses Omen und Hexenwerk. Mit seinem schweren, plumpen Holzbein konnte er nicht mehr auf die heimische Dorfschule gehen. Eine kleine Behindertenrente der Regierung ermöglichte ihm den Besuch einer Spezialschule für Behinderte. Dort überflügelte er nicht nur alle seine Klassenkameraden bei den schulischen Leistungen, er wurde auch ein exzellenter Marimba-Spieler in der Band Liyana, die er mit behinderten Freunden 2005 gegründet hatte. Sie besuchten das Music Crossroads Festival in Mozambique und tourten im Anschluss durch Holland, Belgien und Schweden. Die auf HBO ausgestrahlte Dokumentation “Music by Prudence” über die Band gewann einen Oscar. Die Einkünfte aus der kleinen Europa-Tournee wollte Goodwell Nzou in ein Studium investieren. Er beschloss, Arzt zu werden: “Denn wenn es damals in meinem Dorf einen Arzt gegeben hätte, dann hätte ich mein Bein jetzt noch.”

Er fing an, sich Chemie aus Lehrbüchern beizubringen, die er von seinem Tournee-Geld gekauft hatte. In einem Wandschrank seiner Schule richtete er ein kleines Chemielabor ein. Irgendwann wurde man beim Christian Brothers College (CBC), einer der angesehensten Hochschulen Simbabwes, auf den verbissen lernenden Schüler aufmerksam. Das CBC entsandte die Leiter der naturwissenschaftlichen Fachbereiche, um sich mit Goodwell Nzou zu treffen. Sie besichtigten sein kleines Labor, mit seinen bescheidenen Möglichkeiten führte er ihnen ein beeindruckendes chemisches Experiment vor, und nach ihrer Rückkehr setzten sich die Abgesandten für die Aufnahme Nzous an das CBC ein. In Rochester, NY forscht Nzou derzeit an der Vereinfachung des Aids-Test-Verfahrens.

Pofadder

Baby-Puffotter in Drohhaltung. Foto von Johannes van Rooyen, aufgenommen in der Nähe der Stadt Groot-Marico in Südafrika. Quelle: Wikipedia (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Pofadder.JPG)

Nach der Lektüre seiner beeindruckenden Kurzbiografie stutzt man nicht mehr über den seltsamen Einstieg in Nzous extrem lesenswerten Artikel “In Zimbabwe We Don’t Cry for Lions”, der am 4. August in der New York Times erschienen ist: Er sei gerade in die biochemischen Feinheiten gentechnischer Verfahren vertieft gewesen, als ihn über soziale Medien die Nachricht erreichte, dass alle so traurig über Cecils Ableben sein. Welcher Cecil?, fragte er sich, “War das irgendjemand, den ich kannte, wohnte er bei uns in der Nähe?” Als er mitbekam, dass es sich bei Cecil um einen Löwen handele, der von einem amerikansichen Zahnarzt erlegt worden sei, habe “der Dorfjunge in ihm instinktiv Beifall gespendet: “Ein Löwe weniger, der Familien wie die meine bedrohen könne”, schreibt Nzou. Doch seine Begeisterung legte sich, als er sah, dass der Löwenjäger als der Bösewicht dargestellt wurde: Dies sei der stärkste kulturelle Gegensatz, den er in seinem fünfjährigen Studienaufenthalt in Amerika je erfahren habe.

Ob all die Petitionen unterzeichnenden Amerikaner verstünden, dass Löwen tatsächlich Menschen töten?, fragt Nzou. Dass das Geschwätz über Cecils angebliche Beliebtheit nichts als Medienhype sei? In seinem Dorf in Simbabwe, umgeben von Wildschutzgebieten, sei kein Löwe jemals beliebt oder Träger eines zärtlichen Kosenamens gewesen: Sie seien Gegenstände des Schreckens (objects of terror). Er beschreibt, wie ein einzelner umherstreifender Löwe das gesamte soziale Leben seines Dorfs zum Erliegen brachte, als Nzou neun Jahre alt war. Der Löwe riss erst ein paar Hühner, dann eine Ziege, dann eine Kuh. Die Kinder wurden gewarnt, durften nicht mehr draußen spielen, nur in Gruppen zur Schule gehen. Die Frauen und Mädchen trauten sich nicht mehr allein zum Fluss oder zum Feuerholz-Sammeln, Männer mit Speeren und Macheten mussten sie begleiten. Ein Onkel wurde angegriffen, entkam aber knapp. Niemand besuchte mehr einen Nachbarn, niemand saß nachts um die Feuer. Als der Löwe “endlich getötet wurde, hat niemand danach gefragt, ob sein Erleger ein Ortsansässiger oder ein weißer Trophäenjäger, ob er gewildert oder legal erbeutet worden war.” Die Dorfbevölkerung führte Freudentänze auf, weil das furchteinflößende Biest besiegt worden war.

Neulich habe ein 14jähriger Junge aus einem Nachbardorf nicht so viel Glück gehabt, schreibt Nzou. Er schlief draußen in den Feldern der Familie, um sie vor Flusspferden, Büffeln und Elefanten zu beschützen, die die Ernte zertrampeln (und da zahlt niemand Wildschaden, auch und gerade nicht die sog. Tierschutzorganisationen, die totale Jagdverbote fordern). Ein Löwe tötete den Jungen und fraß ihn auf.

Nzou bittet, ihn nicht misszuverstehen: Für Simbabwer hätten Wildtiere eine beinahe mystische Bedeutung. Jeder Clan habe ein Tiertotem als eine Art mythologischer Vorfahr, seines sei Nzou, Elefant, weshalb er kein Elefantenfleisch essen könne: Das wäre, wie das Fleisch eines Verwandten zu essen. Doch der Respekt vor den Wildtieren habe sie nie davon abgehalten, sie zu bejagen – oder zu erlauben, dass sie gejagt werden.

Nzou wundert sich über die “amerikanische Tendenz, Tiere zu romantisieren” und erinnert daran, dass hier ein normaler Vorgang in einen “absurden Zirkus” verwandelt werde: Im letzten Jahrzehnt wurden in Simbabwe zirka 800 Löwen von wohlhabenden Ausländern zur Strecke gebracht. Warum auch nicht – Löwen lassen sich nachhaltig bejagen, so wie fast jede andere Tierart auch. Er wundert sich, warum Amerikaner sich mehr um afrikanische Tiere bekümmern, als um afrikanische Menschen. Und schüttelt den Kopf über Exzesse, wie die Forderung der Radikaltierschützer von Peta, den amerikanischen Zahnarzt, der Cecil erlegte, zu hängen.

Amerikaner, die den Amerikanischen Puma (Mountain Lion) bis an den Rand der Ausrottung bejagt und ihre Wälder in Betonwüsten verwandelt hätten, sollten Afrikanern nicht vorschreiben, wie sie mit ihren Tieren und Wäldern zu verfahren hätten, meint Nzou. Und er verbittet sich Beileidsbekundungen für getötete Löwen, solange nicht die Bereitschaft besteht, Beileid für die von Löwen (oder durch politische Gewalt oder Hunger) getöteten Dorfbewohner zu bekunden. SE

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