Hundstage

Bergen, retten, schießen – im Einsatz mit Seehundjägern

 Endlich der ersehnte Anruf: „Es geht los“, sagt Jan Dohndorf, Mitarbeiter der Seehundstation Friedrichskoog und Seehundjäger: „Um 20 Uhr müssen wir in Schlüttsiel sein.“ Im Transporter der Seehundstation brausen wir durch plattes Land: Köge und Warften rauschen vorbei, flache, dem Meer durch Deichbau abgerungene Marschen. Am Treffpunkt wartet schon Martin Sell, der für diesen Küstenabschnitt zuständige Seehundjäger. Die Hundebox auf dem Heckträger seines Geländewagens enthält eine – zumindest für Bewohner küstenferner Landstriche – ungewöhnliche Fracht:Zwei Heuler, von den Muttertieren verlassene Seehundjunge.

Seehundjaeger

Die Gefangenenübergabe erfolgt wenig konspirativ unter den wachsamen Augen einer Touristengruppe. Die Heulersaison von Anfang Juni bis Anfang Juli fällt zusammen mit der touristischen Hochsaison an der Küste. Die Tätigkeit der Seehundjäger findet folglich in der Öffentlichkeit statt – und muss diese nicht scheuen. Dass sie Verantwortung, Fingerspitzengefühl und vielleicht eine Prise pädagogisches Sendungsbewusstsein erfordert, liegt auf der Hand.

Dohndorf streift sich eine gummierte Schürze und Schutzhandschuhe über. Es folgt die Erstuntersuchung der zwei Seehundwelpen:Der eine scheint eine leichte Neugeborenengelbsucht zu haben, ansonsten sind sie fit und einigermaßen wohlgenährt. Sie bekommen mittels Trichter und Schlauch eine Elektrolytlösung verabreicht und eine Frischwasserdusche. Dann treten sie – jeder für sich in eine runde Mörtelwanne verfrachtet – die Reise in die Seehunde-Auffangstation an.

Riecht wie nasser Seehund

Während der Fahrt machen sie ihrem Namen alle Ehre und heulen herzerweichend. Es hilft nichts, sich zu versichern, dass dieses Heulen kein Weinen im menschlichen Sinn, sondern ein Stimmfühlungslaut ist. Kein Klang auf der Welt scheint Trauer und Trostlosigkeit völliger Verlassenheit in einem feindlichen Universum besser auszudrücken als dieser, es geht einem durch Mark und Bein. Und während man sich fragt, wie man das die lange Fahrt über aushalten soll, wächst die Bereitschaft, für die – übrigens vom LJV Schleswig-Holstein in Zusammenarbeit mit der Gemeinde Friedrichskoog betriebene – Auffangstation zu spenden oder vielleicht gar eine Seehundpatenschaft zu übernehmen, wer weiß.

Seehundjaeger

In guten Händen: Die Seehundstationen und die Betreuung der Heuler durch die Seehundjäger sind ein Erfolgsprojekt der Jägerschaft. Fotos: SE

Klagelaute und Kulleraugen der Seehundbabys bewirken bei manchen Mitmenschen die spontane Genese eines Helfersyndroms: Sie wollen retten, streicheln, füttern, schützen. Meistens geht das schief: „Neulich haben wir mal wieder einen Heuler bekommen: warm abgeduscht, nach Shampoo riechend und in ein Frotteetuch gewickelt – der ist dann gestorben.“ Schon die Heuler besitzen eine isolierende Fettschicht, bei Wärmezufuhr kollabieren sie unter Hitzestress. „Aber wir kriegen kaum noch Heuler in Decken geliefert. Das ist ein Erfolg unserer Öffentlichkeitsarbeit, die eines unserer Hauptanliegen ist“, berichtet Dohndorf stolz.

Seehundjaeger

Auch Dr. Peter Lienau, Leiter der – ebenfalls von der Jägerschaft gegründeten – Seehundstation im niedersächsischen Norddeich weiß von fehlgeleiteter Hilfsbereitschaft zu berichten: „Manche Leute kippen ständig Wasser über die Heuler, weil sie denken, dass deren Haut nicht austrocknen dürfe – wie bei Delfinen. Andere schubsen sie immer wieder ins Wasser zurück.“ Die meisten rufen bei Heulerfunden inzwischen jedoch professionelle Hilfe – und das ist auch das einzig Richtige. Während Dohndorf über den Geruch shampoonierter Heuler spricht, breitet sich im Auto ein charakteristisches Odeur aus, das einem schon in den Wagen der anderen Seehundjäger in die Nase stieg: Irgendwie nach Meer, tranig, mit deutlich raubtierhafter Note im Abgang – der spezifische Duft der Gattung Seehund.

Hochwild der Nordsee

Moin, Moin“, sagt Klaus Kock – zwei Silben reichen, ihn unzweideutig als Norddeutschen auszuweisen. Konzentriert glast Kock die trocken gefallenen Sandbänke ab, kontrolliert Spundwände und Landungsbrücken. Doch bei schönem Wetter und schwachem Wind ist kein Heuler zu erblicken. Sommergewitter mit starken auflandigen Winden verstärken hingegen die Heulerproblematik. Also bleibt für heute weiter nichts zu tun, als den Totfund vom gestrigen Tage in einer speziellen Tonne zu entsorgen. Kock ist Seehundjäger seit 1988, Büsumer Stadtjäger seit 1996 und Ranger im Nationalpark Wattenmeer. 42 Seehundjäger gibt es in Schleswig-Holstein, 30 an der Nordsee-, zwölf an der Ostseeküste.

Seehundjaeger

Klaus Kock, Seehundjäger in Büsum, sucht die Sandbänke nach Heulern ab. Foto: SE

Voraussetzung ist der Jagdaufseherschein, regelmäßig finden Schulungen statt. In Niedersachsen gibt es 61 geschulte „Wattenjagdaufseher“, von denen aber nur gut die Hälfte aktiv ist. „Wie ist es denn, Herr Kock, hätten Sie nicht Lust auf eine zünftige Seehundjagd? Gegen eine nachhaltige Bejagung wäre angesichts des großen Bestands doch kaum etwas einzuwenden?“ Kock winkt ab: „Die alte Seehundjagd passt nicht mehr in unsere Zeit“, meint er. Zu weit – und unumkehrbar – sei die „Bambiisierung“ dieser Tierart fortgeschritten. Doch warum betätigt er sich als Seehundjäger, wenn jagdliches Interesse als Motivation wegfällt? „Es ist für mich ein Ehrenamt“, erklärt Kock und bringt durch die Betonung zum Ausdruck, wie viel diese „Ehre“ ihm bedeutet. „Außerdem bin ich an der Küste groß geworden, der Seehund als ,Hochwild der Nordsee‘ hat mich schon immer interessiert. Es macht Spaß, diese Tiere zu hegen und die Erfolge bei der Heuler-Aufzucht zu sehen.“

Seehundjaeger

Seehunde auf Helgoland. Foto: SE

Rolf Blädel, Seehundjäger auf Helgoland, sieht das ganz ähnlich. Er spricht von der Freude, die Tiere groß werden zu sehen, sie zu beobachten: „Man steigert sich rein“, bekennt er. Einige markante Seehunde kennt er seit Jahren, gemeinsam Erlebtes verbindet ihn mit den Tieren. „Wie eine Glucke mit ihren Küken“ – so beschreibt er das Verhältnis zu seinen Schützlingen. Wer mit Blädel über die Düne streift, bekommt die naturkundliche Führung zur Seehund- Exkursion dazu: Er liest versteinerte Seetierevom Strand auf, erklärt die „Rotdoppel- und Mehrfachfärbung“ der Feuersteine, die es nur auf Helgoland gebe, und erklärt, warum z.B. durch Schiffsschrauben verletzte Seehunde bevorzugt Helgoland anlaufen: Eine in der Deutschen Bucht nur vor Helgoland vorkommende Algenart, der Zuckertang (Laminaria Saccharina), enthält Jod und Brom, was Wundheilung und Desinfektion bewirkt. Deshalb Verschreiben einheimische Ärzte Diabetikern mit offenen Beinen schon mal Strandspaziergänge.

Seehundjaeger

Rolf Blädel, Seehundjäger auf Helgoland. Foto: SE

Begeistert berichtet Blädel, wie „halbstarke“ Kegelrobben im letzten Winter die verschneite Düne hochrobbten, um wie Schlitten fahrende Kinder auf dem Bauch wieder herunterzurutschen. Vergangenes Jahr fiel eine stark abgemagerte Robbe in der Kolonie auf, die obendrein ihr gesamtes Fell verloren hatte. Die Behörden forderten Blädel auf, das Tier „zu entnehmen“ und zur Untersuchung einzuschicken. Blädel weigerte sich: „Ich hab auch keine Haare aufdem Kopf, werde ich deshalb totgeschossen? Nein, nein, ich strebe die biologische Lösungan.“ Als der Seehundjäger sich am Tag nach der ignorierten Anordnung in einiger Entfernung von der abgekommenen Robbe niederlässt, robbt sie auf ihn zu, schnüffelt an seiner Jacke und legt sich auf seine Füße. „Am nächsten Tag kam sie fauchend auf mich zu– das sind halt Raubtiere.“ Wer ihm so zuhört, ahnt schon, was Blädel auf die Frage antworten wird, ob er nicht an einer Seehundjagd interessiert sei: „Warum sollte ich?“, fragt Blädel zurück. „Ich war noch nie Trophäenjäger und essen sollte man die besser nicht, da sind zu viele Schadstoffe drin.“

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Stimmt!“, bestätigt die Veterinärmedizinerin Dr. Ursula Siebert vom FTZ: „Marine Säuger sind selbst in arktischen Gewässern massiv belastet.“ Schadstoffe reichern sich in Fleisch und Fett der ganz oben in der Nahrungskette stehenden Top-Prädatoren an, weil sich die mit den Beutetieren aufgenommenen Substanzen hier akkumulieren. „Trotz aller Umweltschutzbemühungen schwappen noch immer 70 000 chemische und pharmazeutische Substanzen in der Nordsee herum.“

Rage und Schwärmerei

 Prof. Dr. Hans-Dieter Pfannenstiel, Zoologe und ehemaliger Vizepräsident des LJV Brandenburg, gerät, auf die Seehundjagd angesprochen, in Rage und ins Schwärmen zugleich. Von 1968 bis zur Einstellung der Jagd reiste Pfannenstiel alljährlich zur Seehundjagd nach Pellworm. „Natürlich haben wir das Fleisch gegessen“, berichtet Pfannenstiel und widerspricht damit zugleich der häufig zu hörenden Behauptung, es sei nur Fell und Fett der Seehunde verwertet worden. „Das war sehr dunkles, wohlschmeckendes Wildbret.“ Gesundheitliche Bedenken gab es nicht und geschadet hat es auch keinem. „Die Touristen fanden die Jagd ganz normal“, erinnert sich Pfannenstiel. „Nach der Jagd hat der alte Nickels den Tran ausgekocht, dass die ganze Insel danach stank, und den Touristen erzählt, wie gut der angeblich gegen Rheuma und alle möglichen anderen Beschwerden hilft.“

Seehundjaeger

Foto: SE

Die Einstellung der Seehundjagd sieht Pfannenstiel sehr kritisch: „Seit dem Ende der Bejagung steigen die Bestände unaufhörlich an, bis durchschnittlich alle zwölf Jahre ein Seuchenzug kommt.“ Robben und Seehunde seien Jahrhunderte hindurch bejagt worden, die Bestände hätten dadurch nie abgenommen. Dann veranlassten die Bilder vom Robbenschlachtenin Kanada das Bejagungsverbot – und die Jäger hatten eine weitere Schlacht gegen „vorgebliche Tierschützer“ verloren, „die in Kauf nehmen, dass Tausende von den Viechern elend verrecken.“ Aber der moderne Mensch sei wohl schon zu weit weg von der Natur, um solch simple Zusammenhänge zu begreifen: „Diese Gutmenschen erzeugen weit mehr Leid, als wenn ein paar Tiere totgeschossen würden.“ Das gelte auch für die wahllose Heuleraufzucht in Holland: „Das ist so, als würde man abgelegte Kitze einsammeln und „aufpäppeln – das müsste bestraft werden!“

 Die Seehunde sind seinerzeit waidmännisch zur Strecke gekommen, erinnert sich Pfannenstiel: „Wir haben uns über die Dünen angepirscht und geguckt, ob da welche liegen. Ein paar sind ins Wasser geflüchtet, ein paar sind liegen geblieben, von denen hat man einen geschossen.“ Am einfachsten sei es gewesen, einen Heuler zu erbeuten. „Schon vor der Jagd haben einem die Jagdführer eingeschärft, nur aufs Haupt zu schießen, und sobald der Schuss raus war, hechteten die los und bargen den Hund.“ Sobald die Tiere nämlich ins Wasser rutschten und in die starke Strömung eines Priels gerieten, waren sie weg. „Ich habe aber nicht ein Mal erlebt, dass ein Hund verloren ging“, so Pfannenstiel. „Die Boote, die Leute – alles Originale – das Wattenmeer, ach, war das herrlich, seufzt der Professor, „Das haben uns diese Arschlöcher alles kaputt gemacht!“

Seehundjaeger

Am Schlafittchen: Ein von den Seehundjägern aufgefundener Heuler wird zur Erstuntersuchung gebracht. Foto: SE

Üble Unterstellungen

Wer die Bekanntschaft der Seehundjäger gemacht hat, wird kaum auf die Idee kommen, ihnen Jagdgeilheit oder Schießwütigkeit zu unterstellen. Aber natürlich gibt es auch solche. An erster Stelle ist hier die Föhrer Tierärztin Janine Bahr zu nennen, die ein eigenes „Robbenzentrum“ betreibt (Spenden erbeten) und auch schon vor Gericht stand, weil ihr vorgeworfen wurde, sich Heuler widerrechtlich angeeignet zu haben. Das Verfahren wurde eingestellt. Bahr fordert, man möge das „Töten von Robbenbabys“ beenden, spricht auf ihrer Homepage von einem „Robbenskandal“ und wirft den Seehundjägern vor, Heuler schon aus geringfügigstem Anlass zu töten: Da „reiche ein kleiner Kratzer in der Haut aus, um das Tier „legal“ zu erschießen!“, behauptet Bahr.

Frau Bahr lügt: „Wir lassen alle von den Seehundjägern getöteten Tier vom FTZ untersuchen“, berichtet Johann Böhling, Referatsleiter bei der Obersten Jagdbehörde Schleswig-Holstein. Das Ergebnis ist klar,die Trefferquote beträgt 100 Prozent: „Es war noch kein einziger Fall dabei, dass ein Seehund ungerechtfertigt getötet worden wäre.“ Für Böhling ist es selbstverständlich, dass die Betreuung der Seehunde durch Jagdscheininhaber zu erfolgen hat: „Würde man versuchen, Aneignung und Schußwaffengebrauch außerhalb des Jagdrechts zu regeln, käme man von einer Schwierigkeit in die andere.“ Außerdem wäre es schlicht unbezahlbar – und für die Tiere kein Vorteil – jedesmal Tierärzte anreisen zu lassen, um die kranken Heuler zu euthanasieren. „Jäger haben mit der Hegeverpflichtung die Aufgabe, einen gesunden Bestand der Art zu erhalten, und genau das tun sie hier. Wir haben deshalb auch ganz bewusst an dem Begriff „Seehundjäger“ festgehalten, an dem es immer wieder Kritik gab.“ In Niedersachsen gab man der Kritik nach und taufte die fürdie Seehunde verantwortlichen Jäger „Wattenjagdaufseher“.Nach seinen Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit den Seehundjägern ist Böhling überzeugt: „Die Jäger haben bewiesen, dass sie so etwas hervorragend können.“

Lob des Jagdrechts

 Würden Sie mal mit anpacken?“, fragt Dr. Ilka Hasselmeier vom Forschungs- und Technologie-Zentrum Westküste (FTZ) in Büsum. Es gilt, einen stattlichen Kegelrobbenbullen auf den Sektionstisch des Instituts zu hieven. Bis zu 350 Kilogramm können diese wiegen – sie sind die größten Raubtiere Deutschlands. Die Zoologin widmet sich an der Forschungseinrichtung dem Studium der Meeressäuger. Das FTZ, 1988 nach dem ersten großen Seehundsterben gegründet, gehörte bis vor Kurzem zur Uni Kiel, jetzt zur Tierärztlichen Hochschule Hannover (TiHo). Außer dem Kegelrobbenbullen warten eine ganze Reihe noch auftauender Robben und Seehunde darauf, seziert zu werden.

Seehundjaeger

Dr. Ilka Hasselmeier vom FTZ Büsum und ihr Team. Foto: SE

Forschungsmaterial, das die Seehundjäger anliefern: „Wir sind froh, dass die Seehunde dem Jagdrecht unterliegen“, bekräftigt Dr. Hasselmeier: „Wenn wir die Seehundjäger nicht hätten, sähen wir dermaßen alt aus. Deshalb – und um die Seehundjäger bei ihrer Tätigkeit rechtlich abzusichern – plädieren wir dafür, dass auch die Kegelrobbe ins Jagdrecht aufgenommen wird.“

 

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