Hühner retten Wildtiere

Über einen so interessanten wie pragmatischen Ansatz, afrikanische Wildtiere vor der lokalen Ausrottung zu bewahren, berichtet Richard Conniff in der New York Times. In “Chickens Can Help Save Wildlife” beschreibt er den durch die rasante Bevölkerungszunahme enorm gestiegenen Druck auf Wildtierpopulationen in vielen afrikanischen Ländern. Nicht nur, dass menschliche Siedlungen, Weiden und Anbauflächen immer mehr Wildnisflächen und damit Habitate beanspruchen – für viele Menschen in Afrika stellen durch Fallen, Schlingen oder Schusswaffen illegal erbeutete Wildtiere, das sogenannte Bushmeat, die einzige oder hauptsächliche Proteinquelle dar. Modernere Waffen, Kraftfahrzeuge, kommerzielle Vermarktung und das Bevölkerungswachstum hätten zu einem regelrechten Overkill geführt, schreibt Conniff. 15 Millionen Wildtiere werden pro Jahr im brasilianischen Amazonasgebiet gewildert, 579 Millionen in Zentralafrika. 301 terrestrische Säugetier-Spezies sind durch die Bushmeat-Produktion von Ausrottung bedroht, darunter Bonobos und Gorillas.

Selbst wenn sich die Regierungen der betroffenen Ländern entschließen würden, Wilderei und den Handel mit Bushmeat stärker zu verfolgen und zu bestrafen, wäre dies allein keine Lösung. Denn die konsequente Durchsetzung eines Bushmeat-Verbots würde zu Hungersnöten führen, vor allem die Ärmsten und Kinder wären betroffen. Conniff berichtet von fehlgeschlagenen Versuchen, übliche Bushmeat-Lieferanten auf Farmen zu züchten. Doch Wildtiere seien miserable Farmtiere: Sie wachsen zu langsam und benötigen zu viel Nahrung. Hühner jedoch sind billig, in großer Zahl einfach zu halten. Die afrikanischen Hühner jedoch sind relativ klein, legen wenige Eier – 30 bis 40 im Jahr statt 150, auf die es moderne Rassen bringen – und sind anfällig für Tierseuchen wie die Newcastle-Krankheit, an der dann bis zu 90 Prozent des Hühnerbestands eines Dorfes eingehen können.

Eine Initiative unter Beteiligung der Bill & Melinda Gates Foundation versucht, Abhilfe zu schaffen. Non-Profit-Unternehmen wie GALVmed bilden in Gemeinden in Afrika und Indien Mitarbeiter aus, die Impfstoffe gegen Tierseuchen wie die Newcastle-Krankheit verteilen und applizieren. Das Ziel ist, autarke und wirtschaftlich selbständige Unternehmen zu etablieren, eine vollständige Versorgungskette von Veterinären bis zu Erzeugern, die für alle Beteiligten ein moderates Einkommen generiert. In Äthiopien beliefert das Unternehmen EthioChicken gefördert von der Gates Foundation dörfliche Gemeinschaften mit geimpften Hühnerküken moderner Zweinutzungshühner, die Legeleistung und Fleischertrag vereinen.

In erster Linie geht es bei diesem Programm nicht darum, Gorillas zu retten, sagt ein Projektverantwortlicher von der Gates Foundation gegenüber der NYTimes, sondern darum, der chronisch unterernährten Dorfbevölkerung in Entwicklungsländern eine weitere, zuverlässige Proteinquelle zu erschließen. Doch wenn Hühner billig und in großer Zahl verfügbar seien und die Regierungen härter gegen Wilderei vorgingen, lohnte es sich nicht mehr, für die Bushmeat-Gewinnung eine Verurteilung zu riskieren. SE

 

 

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