Heult nicht, schießt!

Brandenburger Jäger sind verärgert, ja, entrüstet, der Landesjagdverband Brandenburg (LJVB) protestiert, man könnte meinen, den Weidmännern wäre schweres Unrecht widerfahren. Doch was ist geschehen? Das Landwirtschaftsministerium hat die Jagdzeit für Rehböcke verlängert. Endete die Jagdzeit bisher am 15. Oktober, so können Böcke nun bis zum 15. Januar und damit auf den Drückjagden im Spätherbst und Winter erlegt werden. “Der Rehbock wird zum Sündenbock gemacht und zum Waldschädling degradiert”, klagt Werner Glanzer, Vorsitzender des Kreisjagdverbandes Oberhavel, in der MOZ. Und: “Nur um zu sparen, wird geschossen”, regt sich Werner Glanzer auf, der Zaunbau zum Schutz der Kulturen sei den Waldbesitzern zu teuer.” Dabei habe doch “Rehwild wie jede andere Tierart eine Existenzberechtigung und dürfe nicht Opfer von Wirtschaftsinteressen werden.”, barmt Glanzer. Ins selbe Horn stößt LJVB-Präsident Dr. Wolfgang Bethe auf der Internetseite des Verbandes: “Wir fürchten, dass diese Regelung einer geistigen Haltung Vorschub leistet, die Rehe als Schädlinge betrachtet.“

Was ist der Grund für Aufregung? Die Neuregelung der Jagd- und Schonzeiten dient einem klaren Ziel: Auf Drückjagden soll mehr Rehwild gestreckt werden. Bisher war es ziemlich knifflig, Rehe auf Drückjagden zu schießen, denn die Böcke (die nach der bisherigen Regelung Schonzeit hatten) werfen im Herbst ihr Gehörn ab und sind oben ohne nur schwer von den Ricken (die Jagdzeit haben) zu unterscheiden. Man musste also ganz genau hinsehen, um Männlein und Weiblein zu erkennen und nicht anstatt einer Ricke den klassischen Bock zu schießen. Für das ganz genaue Hinsehen, in der Weidmannssprache Ansprechen genannt, ist aber auf Bewegungsjagden oft kaum Zeit oder Gelegenheit. Die von Hunden und Treibern beunruhigten Tiere huschen eilig über die schmale Schneise – und weg sind sie, meist auf Nimmerwiedersehen. Nach meiner Erfahrung auf Drückjagden, auf denen der Bockabschuss per Sondergenehmigung gestattet war, ist es auf diese Weise tatsächlich deutlich leichter, Rehwild zu erbeuten. Und ich empfand es dabei durchaus als angenehm, dass nicht ständig das Damoklesschwert eines Fehlabschusses über dem Jägerhaupt dräut.

Streckenstatistik

Kräftige Zuwächse: Streckenstatistik 2012/13
Grafik: DJV

Wird die Neuregelung also dazu führen, dass das Rehwild aus Brandenburger Wäldern verschwindet? Ganz sicher nicht – und das weiß auch jeder, was das Geheule und Gezeter gewisser Kreise so unerfreulich macht. Denn zum einen wird niemand gezwungen, auf seinen Flächen oder seinen Jagdpachtgebieten Böcke oder Rehwild auf Drückjagden freizugeben es zu schießen, wenn es frei gegeben ist. Zum anderen zeigt ein Blick auf die Streckenstatistik, dass alles Gerede von “Raubbau”, “Opfer” und “Ausrottungskampagnen” geradezu lächerlich unbegründet ist. Seit Jahrzehnten kennen die Schalenwildstrecken (mit Ausnahme des Muffelwilds, das gebietsweise bereits dem Wolf zum Opfer gefallen ist) nur eine Richtung: Steil nach oben. Und für diese Entwicklung gibt es nur eine Erklärung: Nämlich dass durch die Bejagung nicht einmal der Zuwachs abgeschöpft wird.

Daran sind nicht – oder nicht nur – die Jäger schuld. Der Klimawandel und die geänderten Anbaustrukturen in der Land- und Forstwirtschaft schaffen ideale Bedingungen für das Schalenwild (und eher nachteilige für das Niederwild). Die Jäger legen sich – ehrenamtlich und auf eigene Kosten – bei der Regulierung der Bestände ordentlich ins Zeug, wie die steigenden Strecken beweisen. Aber angesichts von sich verdoppelnden Beständen, sollte auch der verbohrteste Verbandsvertreter einsehen, dass Forderungen, noch das letzte Bambi und Wildschwein durchzufüttern, ein wenig aus der Zeit gefallen wirken.

Realitätsverweigerung hat ihren Preis. Die Jägerschaft sieht sich zunehmend mit unliebsamen rechtlichen Regelungen konfrontiert. Gleichzeitig finden die Vorstellungen der Jagdverbände in den Gesetzgebungsverfahren kaum noch Berücksichtigung. “Die Situation, die wir jetzt beim Rehwild haben, ist eine Folge der jahrzehntelangen Blockadehaltung der Jägerschaft.”, sagt ein Brandenburger Insider, der nicht namentlich genannt werden möchte. “Und wenn sich das nicht ändert, werden wir in zehn Jahren beim Rotwild in derselben Situation sein.” Wollen wir das?  SE

Beitragsbild: Streckenentwicklung der Schalenwildarten von 1970 bis 2012. Grafik: Thünen-Institut.

Ein Gedanke zu „Heult nicht, schießt!

  1. Hans-Dieter Pfannenstiel

    Dass die Jagdzeit auf den Rehbock und auf andere männliche Cerviden trophäenorientiert ist, muss eigentlich allen klar sein. Aus biologischer Sicht spricht nichts dagegen, Böcke auch im Herbst und bis Ende Dezember zu erlegen. Die Befürchtung allerdings, die man bei der Verlängerung der Rehbock-Jagdzeit haben muss, und sie wird leider von Zahlen aus einigen Landeswaldoberförstereien bestätigt, ist eine ungünstige Beeinflussung des Geschlechterverhältnisses in der lebenden Population. Wenn die neue Regelung radikal umgesetzt wird, steigt der männliche Streckenanteil. Damit wird das eigentliche Ziel, nämlich die Absenkung zu hoher Rehwildbestände, sicher nicht erreicht.
    Der Hinweis, jeder könne ja selbst entscheiden, ob er nach dem 15. Oktober noch Rehböcke erlegen will, ist allerdings auch deplatziert. Wenn man diesem Gedanken folgt, kann man alle Jagd- und Schonzeitregelungen aufheben und alles der Verantwortung der Jäger überlassen. Dass das nicht funktionieren kann, ist einsichtig.

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