Hessen: OJB begründet Ablehnung der Schonzeitaufhebung für Waschbären

Ignoranz und Tatsachenleugnung als Entscheidungsgrundlage?

Das Hessische Ministerium für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (MUKLV) hat den Antrag des Jagdpächters Helmut Nickel, die Schonzeit für Waschbären aus Artenschutzgründen aufzuheben, abgelehnt (JAWINA berichtete). Die Begründung lautete im Wesentlichen, dass die Oberste Jagdbehörde (OJB) des Landes “keine Erkenntnisse” habe, die Nickels Einschätzung bestätigen. Wir haben beim MUKLV nachgefragt:

“In dem Bescheid heißt es, die Oberste Jagdbehörde (OJB) habe keine Erkenntnisse, die die allgemeine Einschätzung des Antragstellers bestätigen”, schrieb die JAWINA-Redaktion an das Ministerium. Und weiter: “Dies dürfte sich auf die vom Antragssteller zur Begründung seines Antrags vorgebrachte Einschätzung beziehen, dass die “Schonzeit für Prädatoren zum Verhängnis für bedrohte Arten” werde, da “gerade im Frühjahr, wenn Feldhase, Rebhuhn und Fasan ihre Jungen aufziehen”, […] “diese Jungtiere von den Prädatoren als Futter für die eigenen Jungen benötigt” würden.

Wenn der OJB tatsächlich keine Erkenntnisse vorliegen, die diese Einschätzung bestätigen, so stellt sich uns die Frage, wie das sein kann, und ob ein derartiges Nicht-Erkennen oder Nicht-Erkennen-wollen nicht als schuldhaft vorsätzlich oder zumindest grob fahrlässig qualifiziert werden muss.

Schließlich muss der OJB bekannt sein, dass der Waschbär auf der Unionsliste invasiver gebietsfremder Arten gem. EU-Verordnung 1143/2014 gelistet ist und dass eine Art, um gelistet werden zu können, laut BfN die von der EU festgelegten Kriterien erfüllen muss: “So muss zum Beispiel nachgewiesen werden, dass eine Art nach wissenschaftlichen Erkenntnissen erhebliche nachteilige Auswirkungen auf die Biodiversität oder die damit verbundenen Ökosystemleistungen hat (vgl.: https://www.bfn.de/presse/pressearchiv/2017/detailseite.html?tx_ttnews%5Btt_news%5D=6211&cHash=01793ed4e581b490e7fbc5f9a8787ace).

Die vom Antragssteller geäußerte Einschätzung gibt also den offiziellen, von den EU-Behörden wie vom BfN anerkannten wissenschaftlichen Stand wieder, und es ist schlicht nicht nachvollziehbar und nicht akzeptabel, inwiefern dies der OJB nicht bekannt sein sollte. Bitte nehmen Sie zu diesem Vorgang Stellung.”

Die Antwort des Ministeriums lautete lapidar:

“Mit den Schonzeiten für Waschbären soll der Tierschutz im hessischen Jagdwesen gestärkt werden. Auf die Gesamtsituation in Hessen bezogen ist dies nicht als unverhältnismäßiger Einschnitt ins Jagdrecht zu werten, da den Jägern mit 7 Monaten für Waschbären ausreichend Zeit bleibt, um die Art zu bejagen. Die Hessische Jagdverordnung und das Hessische Jagdgesetz passen sich in das System der Bekämpfung Invasiver Arten nach der EU-Verordnung 1143/2014 ein: In Bezug auf bereits verbreitete Arten sieht die Verordnung nicht die Ausmerzung oder weitestmögliche Minimierung vor, sondern die Abmilderung der negativen Folgen unter Beachtung des Tierschutzes.

Der für eine denkbare Schonzeitaufhebung einschlägige § 26b Abs. 8 HJagdG lautet wie folgt:

Aus Gründen der Wildseuchenbekämpfung, zur Beseitigung von krankem oder kümmerndem Wild, zur Vermeidung von Seuchen, zur Vermeidung von übermäßigem Wildschaden, zu wissenschaftlichen Lehr- und Forschungszwecken oder bei Störung des biologischen Gleichgewichts kann die oberste Jagdbehörde die Schonzeiten für bestimmte Gebiete oder einzelne Jagdbezirke für begrenzte Zeit aufheben bzw. Ausnahmen von den sachlichen Verboten des § 19 Bundesjagdgesetz bzw. des § 23 Hessisches Jagdgesetz zulassen.

Die oberste Jagdbehörde kann im Jagdbezirk Grünberg-Stockhausen keine von der Situation im übrigen Land abweichenden Erkenntnisse konstatieren.”

JAWINA hat Helmut Nickel gebeten, zu der Antwort des MUKLV Stellung zu nehmen. Nickel schreibt:

“Mit den Schonzeiten für Waschbären soll der Tierschutz in Hessen gestärkt werden. Da stellt sich die Frage, warum andererseits beim Schalenwild die Jagdzeit auf den Rehbock verlängert wurde und sich die Abschusszahlen beim Reh- und Rotwild nicht nach dem Tierschutz, sondern nach Verbiss- oder Schälschäden richten.

Was den Einschnitt ins Jagdrecht angeht, so ist dieser nicht von der Hand zu weisen. Zunächst einmal gibt es überhaupt keinen vernünftigen Grund für die Schonzeit von Jungbären. Durch den höheren Futterbedarf für die Aufzucht der Jungbären erhöht sich natürlich der Druck auf die Jungtiere bei den Beutetieren. Mit Plünderungen von Nestern und erbeutetem Jungwild werden Waschbärjunge gut genährt durch den Sommer gebracht und können nun im nächsten Jahr wieder selbst Jungtiere auf die gleiche Art gut und unbehelligt durch den Sommer bringen. Die verfütterten jagdbaren Tiere wie Feldhase, Rebhuhn, Ente und Fasan fehlen im Folgejahr im Bestand. Das ist der eine Einschnitte in das Jagdrecht.

Den zweiten Einschnitt sehe ich darin, dass der Jäger in seiner Hegepflicht behindert wird. Die sieben Monate Jagdzeit sind nichtssagend, da der Fangerfolg nicht in jedem Monat gleich ist. Jedem aktiven Fallenjäger ist bekannt, welche Monate die erfolgreichsten sind. […] Demnach sind die Monate März und Juli die erfolgreichsten Monate für den Waschbärfang. Doch diese Monate fallen in Hessen gerade so, bzw. gerade noch in die Schonzeit.

Bemerkenswert ist die Benennung von Gründen für eine “denkbare” Schonzeitaufhebung. Unter anderem wird hier auch Wildseuchenbekämpfung, Beseitigung von krankem oder kümmerndem Wild und die Vermeidung von Seuchen angeführt. Genau der Grund Wildseuchenbekämpfung (Fuchsräude) wurde im Antrag von Kreisjagdberater Krellmann aufgeführt. Bereits im Jahr 2016 hatte ich einen Antrag auf Aufhebung der Schonzeit gestellt, der u.a. ebenfalls mit Seuchenbekämpfung (Staupe) begründet wurde. Auch dieser Antrag wurde abgelehnt. Begründung unter anderem: “kein subjektiv rechtlicher Anspruch” und “Bei Räude und Staupe handelt es sich in der heutigen Zeit um alltägliche Krankheiten, welche in einem bestimmten Turnus um sich greifen. Das Auftreten einiger weniger Krankheitsfälle pro Jahr rechtfertigt nicht eine grundsätzliche Schonzeitaufhebung.”

Also doch kein Grund für eine “denkbare” Schonzeitaufhebung? Auch der Tierschutz scheint plötzlich kein Grund mehr zu sein. Bei diesen “Argumenten” fehlen einem die Worte.” red.

Beitragsbild: Waschbär-Porträt. Autor: Quartl, Quelle: Wikipedia. Veröffentlicht unter der Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported Lizenz.

8 Gedanken zu „Hessen: OJB begründet Ablehnung der Schonzeitaufhebung für Waschbären

  1. Ronbi

    “erhebliche nachteilige Auswirkungen auf die Biodiversität oder die damit verbundenen Ökosystemleistungen hat”
    Ich bezweifle dies, da die genannten jagdbaren Tiere kaum auf dem Futterplan von Waschbären stehen.
    Eine invasive Art sind Waschbären bestimmt, was ihre Verbreitung anbelangt.
    Und die EU kann irren, das macht sie ziemlich oft und intensiv.
    Das sieht man am Beispiel “Schutzstatus Wolf”.
    Was den Rückgang von Feldhasen, Rebhühnern, hier nicht heimischen Fasanen usw angeht gibt es multimodale Ursachen und die Hervorstechendste davon dürfte die menschliche Art des Lebens und Wirtschaftens zu sein.
    Bei Singvögel, vor allem Amseln, ist die Situation derzeit durch das USUTU-Virus fatal.

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    1. jochen

      Ihre Kompetenz um das seriös zu bezweifeln zu können, ist genau welche? Sie kennen also den Futterplan der hessischen Waschbären, wie ihren eigenen? Es steht sicher fest, daß der Waschbär sich einen, nicht kleinen Teil, an Eiern und Jungvögeln aneignet: https://www.sz-online.de/sachsen/waschbaer-rottet-graureiher-auf-elbinsel-aus-3456773.html und auch bei den Reptilien und Amphibien schlägt er zu: http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/waschbaer-marderhund-mink-bedrohen-heimische-tiere-a-1019632.html
      Je größer die Population, desto größer die Auswirkungen. Das sollte eigentlich nicht schwer zu verstehen sein? Auch das mantraartige Vorbringen der Binse, von den vielen Ursachen, ändert an dieser Tatsache nichts. Vor schöner wohnen, kommt immer noch: NICHT GEFRESSEN WERDEN! Die Anmerkung das der Fasan ja hier nicht heimisch ist ( von den Römern in West und Mitteleuropa angesiedelt) und sich gleichzeitig für den Waschbären ( in den 30érn freigelassen) in die Bresche zu werfen, interpretiere ich jetzt einfach mal als Scherz.
      Die Amseln waren ja eigentlich die einzigen Singvögel, die vom allgemeinen Rückgang nicht betroffen waren. Wie üblich in der Natur, kommt dann eine Seuche, wenn es zuviel wird. Bei den anderen Singvögeln hingegen sieht es natürlich anders aus. Auch hier ist der Waschbär natürlich nur ein lokales Problem, weit mehr Gewicht dürfte beim Thema Prädation die Freigänger und die verwilderte Hauskatze haben. Außerdem die Rabenvögel und anderes Raubwild
      https://www.spektrum.de/wissen/schaden-katzen-unserer-vogelwelt/1356773 Die veränderten Umweltbedingungen kommen da eben noch oben drauf.
      Das alles führt dann eben zu, über 12,7 Millionen weniger Singvogel-Brutpaare als vor zwölf Jahren.

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  2. Hans-Dieter Pfannenstiel

    Gegen Dummheit kämpfen bekanntlich selbst Götter vergebens. Gegen Dummheit kann man aber immerhin noch kämpfen. Gegen ideologische Verbohrtheit, auch die der hessischen Ministerialbürokratie, lässt sich leider weder argumentieren noch kämpfen. Die Waschbärenschonzeit in Hessen konterkariert eindeutig die Bemühungen der EU zur Minderung der negativen Folgen der Anwesenheit des Waschbären für die heimische Biodiversität. Den Tierschutz gewährleistet § 22 Abs. 4 Bundesjagdgesetz, wonach die zur Jungenaufzucht notwendigen Elterntiere mit der Jagd zu verschonen sind. Die Jungtiere sind von diesem Paragrafen nicht betroffen!!! Das Waschbär-Management- und Maßnahmenblatt Hessens zu VO (EU) Nr. 1143/2014 lässt die ideologische Grundhaltung ebenfalls deutlich erkennen: Lediglich die Europäische Sumpfschildkröte und die Gelbbauchunke werden als vom Waschbären bedroht genannt. Auch Fledermäusen und einigen baum- und höhlenbrütende Vogelarten könnte der Waschbär “zusätzliche Verluste” zufügen. Dem Niederwild tut der Waschbär selbstverständlich nichts. Wolkenkuckucksheim ist die Heimstatt der Verfasser solchen Unsinns. Regierung abwählen!!!

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  3. Kr.-Itisch

    Hier geht es leider nicht um rationelle Entscheidungen, auch nicht vor dem Hintergrund von EU-Verordnungen. Das selbst der Koalitionspartner CDU diese (hanebüchenen) Entscheidungen mitträgt, läßt leider auch keine Hoffnung auf Besserung zu. Hier geht es nur noch um Koalitionsräson. Al-Wazir musste die Kröte Flughafen schlucken, dafür dürfen sich die Grünen im Bereich der Jagd austoben und entsprechende Klientelpolitik betreiben. Die Probleme, die Waschbär, aber auch Fuchs und andere Prädatoren so bereiten, sieht diese Klientel (Naturschützer vom Stadtbalkon) eben nicht. So lange das Ressort Jagd in den Verantwortungsbereich des Naturschutzes fällt und die Grünen diesen Bereich quasi fest gepachtet haben, helfen nur Regierungen ohne die Beteiligung der Grünen. Das sehe ich in der näheren Zukunft leider nicht.

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  4. Ralf

    Müsste man die Bevölkerung vielleicht ein wenig mehr über die Problematik(en) aufklären, um den Jagdgegnern den Wind aus den Flügeln zu nehmen? Nur so ein Gedanke…

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  5. Ronbi

    Wo nichts ist, kann nichts wachsen. Wenn ich kein Futter habe für Rebhühner, sprich Insekten, was folgt daraus?
    Nachdem wir durch Flurbereinigung alle Landschaft maschinengerecht getrimmt haben, ergibt das?
    Da gibt es nun einen hoffnungsvollen,wissenschaftlichen Versuch, 20 Meter breite Blühstreifen, ein Teil mehrjährige Pflanzen, der andere einjährige Pflanzen. Extra für Rebhühner. Dann quadratische Löcher in der Wintergerste. Extra für Feldlerchen.
    Und noch Felder, wo nicht gespritzt wird, das gefällt dem Landwirt weniger gut. Alle diese Maßnahmen, werden dem am Versuch teilnehmenden Landwirt finanziell ausgeglichen. Anderswo legt man neue Feldgehölze an. Und wieder anderswo müsste man Wiesen wieder vernässen, um bestimmten Wiesenbrütern ihren Lebensraum zurück zu geben.
    Vor kurzem kam ein Forscher,als erster auf die Idee, was passiert, wenn eine Amphibie in einem Pestizid-Nebel kommt. Ganz erstaunliches Ergebnis, mausetot.
    Eine Sofortmaßnahme, wäre der Verzicht auf das Mulchen von Feldrändern, Wegrändern und vor allem Waldwegen.
    Und Jäger können da viel tun, Überzeugungsarbeit bei Landwirten, Anlegen von Gehölzen, Blühstreifen, Wildäckern, nicht nur für das Wild usw.
    Natürlich, soll auch die Jagd auf Räuber durchgeführt werden, aber bitte weidgerecht mit Schonzeit

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    1. Edelmann

      Richtig! Nur wird der Landwirt, so lange es die Agrarförderung nach qm-Nutzfläche gibt, jeden verfügbaren qm bewirtschaften.
      Das bedeutet, die Feld- und Wegränder werden immer schmaler, wenn nicht sogar der Feldweg komplett mit bewirtschaftet wird.
      Weniger preiswertes Glyphosat wird noch mehr Mulchen mit sich bringen.
      Zudem kann es nicht richtig sein, für die Fehler des Menschen jetzt andere Tierarten (Prädatoren) massiv zu dezimieren.
      Viele dieser Prädatoren sind auch Aasfresser. Wir handeln uns nur Folgeprobleme ein, von denen wir jetzt noch keine Vorstellung haben.
      Für mich klingt dieser reflexartige Aufruf zum Abschuss von Fuchs, Waschbar &Co zum Schutz des Niederwildes nur nach dem Wunsch einer Selbstlegitimation und nach einer Ausweitung der Abschussmöglichkeiten in der allgemeinen Schonzeit.
      Alle Jäger die ich kenne, haben zu Weihnachten einen Hasenbraten auf dem Tisch!
      Man hat sich ja über das ganze Jahr schließlich für deren Schutz eingesetzt ….

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  6. Ronbi

    Fällt mir gerade wieder ein, Waschbären sind eine der am meisten omnivoren Arten, da dürften wir erst recht dazu zählen.
    Kleinsäuger und Vögel werden weniger gern genommen, da zu aufwendig zu bekommen.
    Natürlich kann es kleinräumig auch zu großen Problemen mit Waschbären kommen und es spricht nichts gegen die Jagd.
    Nur haben sie eine Schonzeit verdient, wie auch das Schwarzwild und dereinst der Wolf.
    Doch an erster Stelle steht der Lebensraum.
    Komme grad von draußen, wo ich war sind die Maisschläge verschwunden.
    Jetzt ist es nur noch deckungslose Wüste.

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