Hessen: Feldversuch zur Rebhuhnzählung in Wiesbaden

Rebhuhnlockruf soll Kontrahenten herauslocken

Ein zirpendes Geräusch schallt am Mittwochabend durch die Dämmerung in den Feldern von Wiesbaden-Kloppenheim. Claus Deußer aus dem Vorstand der Hegegemeinschaft Wiesbaden/Ost steht mit Gummistiefeln in einem gepflügten Acker und hält sein Handy und einen mobilen Lautsprecher in der Hand aus dem der Balzruf eines Rebhahns ertönt. „Der echte Rebhahn vermutet so einen Kontrahenten in seinem Revier und wird auf den Ruf antworten oder uns sogar entgegenfliegen, wenn er in der Nähe ist.“, sagt Deußer überzeugt. Er geht rund 50 Meter weiter auf einen Heckenstreifen zu, dort ertönt der Ruf erneut, doch kein Hahn antwortet.

Der Landesjagdverband Hessen testet erstmals nach der neuen Jagdverordnung die wissenschaftlich anerkannte Punkt-Stopp-Methode, um Rebhühner im Revier aufzuspüren und zählen zu können. Bereits ab dem kommenden Jagdjahr 2019/2020 sollen hessenweit die Rebhuhnbestände ermittelt werden, so sieht es die neue Jagdverordnung vor. „Die Jäger kennen ihre Reviere und wissen auch, wo sich Rebhühner am liebsten aufhalten. So werden wir ab dem kommenden Jahr über festgelegte Zählrouten detaillierte Daten liefern, die genau belegen, wann und wo sich die Rebhühner aufhalten. Damit die von den Jägern ermittelten Daten landesweit vergleichbar sind, sollen die bisherigen Zählverfahren durch eine einheitliche, wissenschaftlich fundierte Methode ersetzt werden. Seit vielen Jahren arbeiten wir an der Verbesserung der Lebensräume für das Rebhuhn, das für viele andere bodenbrütende Vogelarten wie z. B. dem Kiebitz oder der Feldlerche eine Indikatorfunktion hat. Die Hegegemeinschaft Wiesbaden/Ost hat eine Vorreiterfunktion und hat mit ihrem Lebensraumgutachten einen Meilenstein in der Niederwildhege gesetzt“, so Markus Stifter, Pressesprecher des Landesjagdverbandes Hessen. Dieses Lebensraumkonzept möchte der Landesjagdverband auf viele andere hessische Reviere und Hegegemeinschaften übertragen.

Die Rebhuhnbesätze sind seit den 1980er Jahren europaweit um 93 % gesunken, so ein Feldversuch von Dr. Eckhard Gottschalk an der Universität Göttingen. Viele Revierpächterinnen und -pächter verzichten deshalb schon seit vielen Jahren auf die Bejagung. Seit 2016 ist das Rebhuhn in Hessen ganzjährig geschont. Eine Bejagung des Rebhuhns wäre ab dem Jahr 2020/2021 möglich, sofern die Besatzdichte ausreichend ist und sich im Rahmen des jährlichen Zuwachses bewegt.

Claus Deußer läuft mit seinem Lautsprecher auf eine verwildert wirkende Ackerfläche zu. Darauf stehen grau gewordene verwelkte Sonnenblumen, Raps und jede Menge Unterwuchs. „Flächen wie diese bieten dem Wild das ganze Jahr über Deckung, gerade jetzt im Winter, wo die Felder leergefegt sind. Die scheuen Tiere finden dort weder Unterschlupf noch Nahrung oder Schutz vor Fressfeinden.

Der größte Feind aller Bodenbrüter ist der Fuchs. Wer Rebhühner in den Revieren sehen möchte, muss deshalb die Fressfeinde (Prädatoren) im Zaum halten. Damit das Rebhuhn wieder eine Chance bekommt, müssen drei Faktoren stimmen: Nahrung, Deckung und der Schutz vor Prädatoren. Über Blühstreifen ziehen wir zahlreiche Insektenarten an, die in den ersten Lebenswochen eines Rebhuhnkükens überlebenswichtig sind. Wir arbeiten eng mit den Landwirten zusammen und haben ein weit verzweigtes Netz an Blühstreifen angelegt. Können die Landwirte diese Flächen nicht mehr bewirtschaften, kümmern wir uns um einen entsprechenden Ersatz für den Ertragsausfall. Diesen können wir dank der großzügigen Unterstützung der Landeshauptstadt Wiesbaden leisten, genauso wie die Einsaat und die Betreuung der Blühstreifen.“ Doch auch für Deußer steht fest: „Nicht gefressen werden kommt vor schöner wohnen“, daher hat die Hegegemeinschaft Wiesbaden/Ost auch in diesem Jahr eine Ausnahmegenehmigung beantragt, um während der wichtigen Brut- und Aufzuchtzeit die Rebhühner vor dem Fuchs schützen zu können. „Der Fuchs ist genauso ein Teil der Natur, nur hat er wesentlich bessere Lebensbedingungen als das Rebhuhn und keine natürlichen Feinde. Wir bejagen in den Frühjahrs- und Sommermonaten natürlich nur Jungfüchse, da die Fuchseltern für die Aufzucht der eigenen Jungtiere nicht ersetzbar sind. Für uns ist jedes Lebewesen gleich schützenswert, einen Zweiklassentierschutz lehnen wir ab. Der Mensch muss nur dort eingreifen, wo in der heutigen Kulturlandschaft ein Ungleichgewicht entstanden ist. Da sind Tiere wie das Rebhuhn stark benachteiligt.

Es ist dunkel geworden in Kloppenheim. Heute hat kein Rebhahn auf den abgespielten Lockruf reagiert oder kam gar angeflogen. Dies kann an den extrem niedrigen Temperaturen der letzten Tage gelegen haben, vielleicht hat sich die Balzzeit durch die Kälte auch verschoben. Claus Deußer wird die Rebhühner in den nächsten Tagen noch einmal „verhören“ – wie es in der Jägersprache heißt. „Kehren die Rebhühner zurück ist das eine wichtige Bestätigung unserer Arbeit, die wir als Jäger gerne leisten.“ PM LJV Hessen

Beitragsbild: Claus Deußer von der Hegegemeinschaft Wiesbaden/Ost lässt aus dem mobilen Lautsprecher den Lockruf des Rebhahns erklingen. Foto: Markus Stifter/LJV Hessen

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