Hessen: Besucherrekord bei Vortrags- und Diskussionsveranstaltung “Passt der Wolf in unsere Kulturlandschaft?”

Der Wolf sollte ins Bundesjagdrecht übernommen und während einer festgelegten Jagdzeit planmäßig bejagt werden. Die Bundesregierung  sollte dafür die Voraussetzungen schaffen, indem sie der EU den „günstigen Erhaltungszustand“ des Großraubtieres in Deutschland meldet und die Lockerung seines höchsten Schutzstatus (“streng geschützt“) beantragt. Nur auf diese Weise könne die Akzeptanz des Großraubtieres in der Bevölkerung langfristig gesichert werden, betonte der Zoologie-Professor a. D. und Diplom-Biologe Dr. Hans-Dieter Pfannenstiel auf der Veranstaltung der Jägervereinigung Oberhessen (JVO) in Grünberg (Landkreis Gießen) zum Thema „Passt der Wolf in unsere Kulturlandschaft?“ am 11. Februar in der Gallushalle in Grünberg.

Der JVO-Vorsitzende Helmut Nickel kündigte eine Petition mit dem Ziel an, den Schutzstatus des Wolfs zu senken. Zudem sollten alle Daten der genetischen Untersuchungen von Wölfen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Die JVO-Veranstaltung verzeichnete mit 468 Teilnehmern einen neuen Besucherrekord.

„Der Wolf muss sich der vom Menschen extrem überformten Kulturlandschaft anpassen, nicht aber 80 Millionen Menschen an den Wolf“, brachte Prof. Pfannenstiel die Problematik auf den Punkt. Denn die deutschen Jagdgesetze forderten generell an die Landeskultur angepasste Wildbestände. Beim Topprädator Wolf sei dies jedoch umgekehrt: „Weidetiere müssen in Hochsicherheitstrakten eingezäunt werden, an Schulen fallen Wandertage aus, Kindergärten lassen ihre Zöglinge nicht mehr ohne weiteres im Freien spielen, und Hunde werden bei der Jagd in Wolfsgebieten nicht mehr geschnallt.“

Pfannenstiel zeigte anhand einer Grafik, dass seit dem Jahr 2000 die Wolfsrisse bei Weidetieren und die Ausgleichszahlungen der öffentlichen Hand für gerissene Tiere proportional zum Anstieg der Wolfszahlen steigen. Sein Fazit: „Die Schutzmaßnahmen bleiben also nahezu wirkungslos.“ Allein von 2016 auf 2017 sei die Zahl der Übergriffe auf Nutztiere um 66 Prozent gestiegen. Pfannenstiel bezog sich bei diesen Zahlen auf die offiziellen Angaben der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW). Laut DBBW wurden von 2001 bis 2018 in der Bundesrepublik 7.220 Nutztiere durch Wolfseinwirkung getötet, verletzt oder vermisst.

„Wölfe haben immer wieder Menschen angefallen, getötet und gefressen“, sagte Pfannenstiel und verwies auf Berichte, nach denen im Januar 2019 in der Ukraine ein Mann und zwei Frauen von einem Wolf gebissen und teils schwer verletzt wurden. Die Behauptung, dass Wölfe von Natur aus menschenscheu blieben, sei falsch. „Die Wölfe haben in Deutschland definitiv keine Scheu vor dem Menschen. Woher sollen sie diese auch haben?“ bemerkte der Zoologe. Denn die Scheu vor dem Menschen müsse den Wölfen erst anerzogen werden.

Zudem reguliere sich die Zahl der Wölfe zwar in unberührter Natur von alleine, nicht aber in der Kulturlandschaft. Der Wolf ist laut Referent auch „keine bedrohte Tierart auf der Nordhalbkugel, sondern eines der am weitesten verbreiteten Säugetiere“. Eine planmäßige Bejagung schade dem Wolf als Art überhaupt nicht. „Artenschutz ist nicht gleich Tierschutz“, stellte der Zoologe fest. Der deutsche Wolfsbestand gehöre der europäischen Meta-Population an, die sich in einem guten Erhaltungszustand befinde und innerhalb derer ein reger Genaustausch stattfinde. Wer aber das Vorkommen von Wolfs-Hund-Hybriden dulde, vernichte den Wolf als Art. „Alle genetischen Daten zum Wolf gehören in eine öffentliche Datenbank“, wandte sich der Zoologe gegen die Geheimnistuerei mancher Institute.

Pfannenstiel: „Es gibt keine wildbiologischen oder populationsökologischen Gründe, weswegen der Wolf nicht – wie in anderen europäischen Ländern – auch in Deutschland planmäßig bejagt werden könnte.“  2020 sei in Deutschland bei einem jährlichen Zuwachs von über 30 % mit über 1.000 Wölfen zu rechnen. Eine planmäßige Bejagung wirke sich nicht negativ auf den Erhaltungszustand dieser Art aus.

Als Beispiel nannte der Referent das Baltikum, wo jährlich ca. 300 Wölfe erlegt werden, und zwar allein rund 100 in Estland. Frankreich hat den „günstigen Erhaltungszustand“ der Wölfe auf 500 Exemplare festgelegt, 2017 wurden 52 Isegrims geschossen, 2018 wiederum 40 Wölfe zur Bejagung freigegeben. In Schweden liegt die „Obergrenze“ für Wölfe bei 300 Tieren, regelmäßig finden dort von der EU gebilligte Schutzjagden auf das Großraubtier statt. „Warum geht das bei uns nicht?“ fragte der Zoologe. Denn die Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie (FFH-Richtlinie) der EU fordere den Erhalt von Populationen, nicht den von Individuen.

Der Wolf ist in Deutschland derzeit im Anhang IV der FFH-Richtlinie als „streng geschützt“ eingestuft und genießt damit den höchstmöglichen Schutz. Allerdings wird dieses Großraubwild in Europa in Ländern bejagt, in denen es regional gleichzeitig sowohl im FFH-Anhang IV als auch im Anhang V gelistet wird, der die Bejagung des Wolfs erleichtert und beispielsweise auch für Gams und Steinbock gilt. Als Beispiele paralleler Listung nannte der Referent Finnland, Polen, Spanien und Griechenland.

Im Übrigen haben die „Wolfsmanagementpläne“ der Bundesländer laut Pfannenstiel ihren Namen nicht verdient: „Wir beobachten nur die Reproduktion und Ausbreitung des Wolfs, bezahlen Schutzmaßnahmen und Wolfsopfer und versuchen, die Bevölkerung zu beruhigen. Wie lange lässt sich die Bevölkerung des ländlichen Raums noch von solchen urbanen Ökofantasten gängeln?“

Pfannenstiels Resümee: „Wer Wölfe will, muss auch für deren Bejagung sein. Wer dagegen ist, schadet letztlich dem Wolf.“

Die Referenten Prof. Dr. Hans-Dieter Pfannenstiel (re.), Uwe Müller (li.) und der Vorsitzende der Jägervereinigung Oberhessen e.V., Helmut Nickel. Foto: JV Oberhessen

„Ich habe mich vor den Kommunisten nicht verbogen und lasse mich auch nicht von den Grünen verbiegen.“ Mit diesen Worten leitete Uwe Müller, ehemals dienstältester behördlicher Gutachter für Wolfsrisse in Thüringen, seinen Vortrag  ein. Müller hatte 2019 beim Thüringer Landesamt für Umwelt, Bergbau und Naturschutz (TLUBN) gekündigt, weil dieses „ Redeverbote verhängt und neue Prämissen“ eingeführt habe. Das TLUBN unterstand seinerzeit der grünen Umweltministerin Anja Siegesmund. In „Wild und Hund“ warf Müller im November 2019 seinem früheren Arbeitgeber vor, zwei von ihm erstellte Protokolle über Wolfsrisse im Nachhinein verändert zu haben.

Müller berichtete detailliert über Verbreitung, Populationsentwicklung sowie  Monitoring, Wolfsrisse, Riss-Begutachtung und den Umgang der Politik mit dem Thema Wolf. Seiner Erkenntnis zufolge fallen 40 % der Jahresjagdstrecke des Rehwildes, 10 % der Rotwildstrecke und 9 % der Schwarzwildstrecke den Wölfen zum Opfer.

„Den Vortrag von Professor Pfannenstiel sollten mehr Politiker hören – bis ins Umweltministerium hinein“, forderte der jagdpolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Heinz Lotz, in der Diskussionsrunde unter lautem Beifall der Zuhörer. Die SPD habe 2015 eine kleine parlamentarische Anfrage zum Thema Wolf gestellt, die Ministerin Hinz aber nicht behandelt habe. Lotz: „Sonst wären wir schon ein Stück weiter“. Der Landtagsabgeordnete forderte die Ministerin auf, ihren Einfluss über den Bundesrat geltend zu machen, um den Schutzstatus des Wolfs zu senken.

An die in Grünberg vertretenen Weidetierhalter gewandt, sagte Lotz: „Nach ihrer Demonstration in Wiesbaden soll eine Million Euro in den hessischen Nachtragshaushalt eingestellt werden. Also: Demonstrieren nutzt was.“

„Der Wolf muss von seinem hohen Schutzstatus runter. Ihn nur ins Jagdrecht zu bringen, nützt nichts“, erklärte der grüne Landtagsabgeordnete Hans-Jürgen Müller, der selbst als Landwirt tätig war. Zudem müsse man definieren, wie viele Wölfe man in Deutschland haben wolle. „Man kann Weidetiere sehr wohl vor Wölfen schützen, aber das ist ein finanzielles Problem“. konstatierte der Grüne. Eigentlich müsse hier der Bund tätig werden.

Claudia Papst-Dippel (AfD) trat für ein neues, wirksames Wolfsmanagement ein, das diesen Namen auch verdiene. Die AfD-Parlamentarierin zeigte Verständnis für die Probleme der Landbevölkerung mit der Ausbreitung des Wolfs. Bei diesen Problemen dürfe das Land nicht im Stich gelassen werden.

„Umweltministerin Hinz hat die Weidetierhalter bei ihrer Demonstration in Wiesbaden geradezu beleidigt“, empörte sich der Vorsitzende des Kreisverbands der Jagdgenossenschaften im Vogelsberg, Steffen Schäfer. Die angekündigte Weidetierprämie von 40 Euro pro Hektar sei ein Hohn. Um Weidetiere mit einem ausreichend hohen, in den Boden eingegrabenen Zaun vor dem Wolf zu schützen, sei ein Vielfaches dieses Betrags erforderlich. Ein anderer Diskussionsteilnehmer bezifferte die Kosten auf 7.000 Euro pro Hektar plus 1.000 Euro jährlich für die Überwachung des Elektrozauns.

Der Vorsitzende der Jägervereinigung Oberhessen, Helmut Nickel, kündigte nach den Vorträgen an, zur Jagdmesse in Alsfeld (20. bis 22. März) eine Petition zum Umgang mit dem Wolf zu starten. Ihr Ziel: Den Wolf wie in anderen EU-Ländern im FFH-Anhang V zu listen und ins Jagdrecht aufzunehmen, um auch in Deutschland seine planmäßige Bejagung zu ermöglichen. Außerdem müssten alle genetischen Daten zum Wolf, wie sie beispielsweise das Senckenberg-Institut zur Herkunft von Wölfen erhebt, in einer öffentlichen Datenbank allgemein zugänglich sein.

Nickel kritisierte, dass zum wiederholten Male kein Vertreter der CDU-Landtagsfraktion an der Veranstaltungsreihe der JVO teilnehme. Die jagdpolitische Sprecherin der FDP, Wiebke Knell, hatte kurzfristig wegen eines grippalen Effekts ihre Teilnahme abgesagt. Der Vertreter der Linken, Torsten Felstehausen, war wegen Schnee-und Eisglätte ferngeblieben. Helmut Nickel, JV Oberhessen

Beitragsbild: Gute gefüllt – die Gallushalle während der Veranstaltung der JV Oberhessen. Foto: JV Oberhessen

5 Gedanken zu „Hessen: Besucherrekord bei Vortrags- und Diskussionsveranstaltung “Passt der Wolf in unsere Kulturlandschaft?”

  1. Chris

    “Der Vertreter der Linken, Torsten Felstehausen, war wegen Schnee-und Eisglätte ferngeblieben.”
    Ist das nachvollziehbar? (ehrlich gemeinte Frage!)

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  2. E. Hahlweg

    Prof. Pfannensteil ist mit seinem fortwährendem Engagement für die Jagd zu danken. Er lässt keine Gelegenheit aus auf die Probleme bei der Jagd, ob bei Wolf oder mangelndem Tierschutz, sachlich hinzuweisen und an die verantwortlichen Stellen zu appellieren, die Missstände abzustellen. Während das Gros der Jägerschaft auf dem Hintern sitzt und an den Stammtischen über die “Ungerechtigkeiten der Welt” und insbesondere der Jagd lamentiert versuchen leider nur Wenige, diesen schwierigen Weg, der von Widerständen geprägt ist, zu gehen. Von den Landwirten, die Proteste organisiert haben, könnten die Jäger hier viel lernen.

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  3. MH

    Das erneute Fernbleiben der CDU spricht Bände. Auf einer wieder einmal so stark angenommenen Veranstaltung zu fehlen, zeigt, wie in Hessen der Schwanz mit dem Hund wedelt. Danke an die Jägervereinigung Oberhessen für ihr unermüdliches Engagement.

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  4. Dipl.-Wirsch.-Ing. Richard Faulstroh

    Die Argumente zur Begrenzung der Wolfspopulation sind stichhaltig.
    Ich war mehrmals zur Jagd auf einem Truppenuebungsplatz in Oberoesterreich, bei der Ersten lag eine beachtliche Strecke, danach wurde es immer weniger, und bei der im Jahr 2019 war die Strecke gleich 0. Dafuer haben sich die Woelfe dort stark vermehrt.
    Das traurige Bild der CDU wird von einem Ministerpraesidenten verkoerpert, dessen Gesicht von seiner bevorzugten Kopfposition (iAdG) sehr gezeichnet ist.
    Ich habe bisher immer CDU oder FDP gewaehlt, die CDU ist fuer mich nicht mehr waehlbar.

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