Heikos Reh

Ein Jäger erlegt ein gehandicaptes Reh. Heikos Reh. Das gibt Ärger. Eine Jagdgeschichte aus der Großstadt.

In der Ermittlungsakte der Berliner Polizei ist die “Tatzeit” akribisch festgehalten: Am. 10. Mai 2013 um 19.46 Uhr erlegt der Berliner Stadtjäger Manfred Wollny (Name von der Red. geändert) ein Reh am nordwestlichen Stadtrand Berlins. Schon seit mehreren Wochen hatte der Stadtjäger Hinweise von Anwohnern erhalten, die ein oder zwei Stück Rehwild “mit was um den Hals” meldeten. Von einer Schlinge oder einem Strick war die Rede, einem Geschirr oder gar einem Regencape. Die Stücke sollen verwahrlost wirken, eines sogar hinken. Die Rehe seien “atypisch zutraulich” , wahrten aber “eine gewisse Fluchtdistanz.”

Die zuständige Amtstierärztin lässt sich die Beobachtungen von einem Anwohner bestätigen und ist nach Rücksprache mit dem Stadtjäger einverstanden, dass dieser die Tiere erlegen soll, wenn er sie vorhat. Mehrere Streifgänge in dem Gebiet verlaufen ergebnislos. Am 10. Mai geht dann ein weiterer, entscheidender Hinweis einer Anwohnerin bei Wollny ein: Ein “Reh mit einer Schlinge um den Hals oder etwas ähnlichem humpele hier verletzt herum.” Der Stadtjäger begibt sich vor Ort, nachdem er seinen Einsatz beim zuständigen Polizeiabschnitt angemeldet hat. Nach längerer Suche bekommt er das Stück in Anblick. Es steht ihm spitz zugewandt. Am Träger des Stücks ist tatsächlich so etwas wie ein Strick zu erkennen. Wollny schießt.

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Der gestreckte Rehbock trug ein Geschirr.
Fotos: privat

Als er ans Stück tritt, staunt er nicht schlecht: Das Reh, ein Bock ohne Gehörn, trägt tatsächlich ein Geschirr – und offenbar schon lange. Die Riemen des Geschirrs haben deutliche Spuren im Haarkleid und der Decke des Tiers hinterlassen. Auf dem Rückenteil des Geschirrs ist eine silbrige Kapsel befestigt. Wollny bringt das Stück zur Polizei, die eine Untersuchung im Landeslabor Berlin-Brandenburg veranlasst. Ergebnis: Es handelt sich um ein mehrjähriges adultes Tier, das kein Gehörn ausbilden konnte – denn es war kastriert. Spätestens jetzt schwant Stadtjäger Wollny, dass es Ärger geben könnte.

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Eine silbrige Kapsel ist an dem Rückenteil des Geschirrs befestigt.

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Später stellt sich heraus, dass es sich dabei um einen Sender handelt.

Und schon am 12. Mai, zwei Tage nach der Erlegung des Kastratenbocks, ist es soweit. Ein Mitarbeiter der Polizeiwache ruft Wollny an: “Hier auf dem Revier ist ein Mann, und der weint, weil sein Reh erschossen wurde”, sagt der Polizist. Bei dem Mann handelt es sich um Heiko L., Sozialarbeiter und Hobby-Schäfer. Er erstattet Anzeige wegen Verstoß gegen das Tierschutzgesetz “Töten eines Tieres ohne ersichtlichen Grund”, heißt es erläuternd in der Ermittlungakte, Jagdwilderei und Diebstahl – weil Wollny angeblich Geschirr und Sender (die silbrige Kapsel) “gestohlen” habe, die zu diesem Zeitpunkt “zwecks Abholung” in der Asservatenkammer des Landeslabors lagern.

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Mit seinen Rehen hat L. es schon mehrfach in die Berliner Lokalpresse geschafft. Diverse Bilder dokumentieren, wie L. “seine” Rehe im VW Polo spazieren fährt. In Berlin finden das alle total süüüß. Vor zwei Jahren ist schon mal eines seiner Rehe von einem Jäger erschossen worden. Und, so geht aus der Ermittlungsakte hervor, L. ist von einer (anderen) Amtstierärztin bereits ermahnt worden: Denn die Aneignung von Rehkitzen sowie die anschließende Aufzucht und Haltung in L.s Einzimmerwohnung und auch die temporäre Auswilderung im Wald – sind nicht erlaubt. Die Veterinärin setzt L. auseinander, dass die Tiere zudem durch Geschirre und Regencapes gefährdet sind, weil sie im Wald damit schnell irgendwo hängenbleiben könnten und dann womöglich qualvoll verenden müssten. L. beeindruckt das offenbar nicht, für die Abgänge in seinem Sprung scheinen sich stets Neuzugänge zu finden.

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Nach dem Abschuss des Rehbocks fühlt L. sich bedroht, was er laut Polizeiakte auch zu Protokoll gegeben hat. Auf seiner Facebook-Seite orakelt L.: “Ende Januar wurde I. (Name des Rehs) erschossen. Tags darauf wurde mir eine “letzte warnung” an den stall genagelt und mit roter farbe besprüht. Ich hätte zu verschwinden. (…) Wieder ein tag später lag ein stilisiertes abgestochenes schaf im vogelhaus: Welch überraschung: mit roter sprühfarbe. Ein gutes jahr vor Beas tod berichtete sie mir, das sie von zwei jägern bedroht wurde, dies sei ihr gebiet und wir kämen mit unseren schafen nicht hierher. Zur selben zeit begannen 5000 euros monatlich in wöchentlicher absoluter regelmäßigkeit spurlos zu verschwinden. Sie starb genau an dem tag, an dem ihr konto auf null war. (…) Was soll ich denken? 1 und 1?”

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Dieser Ausdruck mit dem zitierten Ausschnitt von Heikos Facebook-Seite findet sich in der Akte, die Jawina.de vorliegt.

Die Polizeibeamtin, die L.s Anzeige gegen Wollny bearbeitet ist unsicher, wie sie den Sachverhalt einschätzen soll und wendet sich, so will es Wollny erfahren haben, mit der Bitte um eine Stellungnahme an einen Berliner Förster, dessen Rivalität mit den Stadtjägern  bekannt ist. “Der hat dann, obwohl er doch selber Jäger ist, gesagt, dass sei unverantwortlich, ein zahmes Tier, ein Haustier zu erschießen, das ginge gar nicht und müsse streng geahndet werden. Mich hat an der Sache am meisten fertig gemacht, dass der mich so beschuldigt hat.” In der Ermittlungsakte findet sich eine “Abgabebenachrichtigung” des Forstbeamten, mit der dieser die Akte an die Jagdbehörde weiterleitet. Darin schreibt er: “Aus der Akte ist zu entnehmen, dass das Reh mit Geschirr vermutlich nicht herrenlos war und somit das Töten und der Einsatz von Schusswaffen somit nicht durch das Jagdrecht gerechtfertigt sind. (…) Es besteht die Vermutung, dass es sich hier um ein Offizialdelikt handelt.” Die Ermittlungen nehmen jetzt richtig Fahrt auf, Wollny nimmt sich einen Anwalt.

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Nach fast einem Jahr – einem langen, bangen Jahr, denn Anzeigen wegen Verstößen gegen Tierschutz- und Jagdrecht sind für jeden Jäger bedrohlich – stellt die Staatsanwaltschaft das Ermittlungsverfahren gegen Wollny gem. § 170 Abs. 2 StPO ein. Dies bedeutet, so Wollnys Anwalt, dass “eine strafbare Handlung nicht erkennbar” gewesen sei. Auf den Anwaltskosten in Höhe von knapp 700 Euro bleibt der ehrenamtlich tätige Stadtjäger sitzen. Wollny versucht vergeblich, sich die Anwaltskosten im Rahmen eines Amtshaftungsanspruchs von den Berliner Forsten erstatten zu lassen – schließlich haben nach seiner Ansicht erst die Beschuldigungen des Försters zu den Ermittlungen gegen ihn geführt. Doch die Forstbehörde weist sein Verlangen als “unbegründet” zurück, und auf einen weiteren kostspieligen Rechtstreit will er es nicht ankommen lassen. SE

4 Gedanken zu „Heikos Reh

  1. Joachim Ernst

    Das wirklich Schlimme ist doch, daß wir inzwischen über jeden Schwachsinn ernsthaft diskutieren. Eine Sache kann gar nicht blöd genug sein, als dass sich nicht irgendwer in Behörden oder Medien fände, der den “aufgedeckten Skandal” verfolgt, “Experten” einschaltet usw.
    Dabei lautet die Frage doch gar nicht, ob Herr Wollny etwas falsch gemacht hat, sondern ob Herr L noch alle beisammen hat. Ein Kitz aus der Natur holen, kastrieren (!!!), in einer Zwergenwohnung aufziehen und dann besendert durch die Gegend hüpfen lassen.
    Hallo!? Welch krankes Verständnis von Natur und Tierschutz macht sich da eigentlich breit unter den Dächern deutscher Großstädte?

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  2. Anko

    Ich frage mich, ob nicht die Staatsanwaltschaft und wegstens der von der StA konsultierte Förster auf den Anfangsverdacht einer Straftat der Jagdwilderei und Verstosses gegen das TierschuzG hätten stoßen müssen: Offenbar hat Heiko L. ein Kitz aus der Natur entnommen, ohne jagd- oder wildaneignungsberechtigt zu sein. Und dieses ohne erkennbaren Grund kastriert. Der nächste Punkt wäre, dass wohl kaum ein Tierarzt den Eingriff an dem Wildtier ausgeführt haben wird. Diese Geschichte hat sicherlich Potential für eine Fortsetzung.

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  3. Arlette

    Leute!
    Herr Heiko L. hat das Kitz mit der Flasche liebevoll aufgezogen!
    Die Mutter des Tieres ist verunglückt! Das Kitz wär Fuchsfutter, hätte Herr Heiko L. das Rehkitz nicht mit der Flasche aufgezogen!!!
    Aufziehen mit der Flasche heißt: teuere Ziegenmilch kaufen, ein Fläschen aller 3 bis 4 Stunden warm machen ( auch Nachts), das Bäuchlein massieren und so weiter, und so weiter ….. ! Das ganze von Mai bis mindestens Oktober!
    Kastriert werden mußte das Tier, da es keine Scheu von Menschen hat und so während der Brunftszeit, die Menschen in “seinem Revier”angreifen könnte!
    NUR während der Brunftszeit!
    Daher hat Herr Heiko L. genau richtig gehandelt und ihn kastrieren lassen.
    Mehr erfahren Sie unter: [Link entfernt, admin.]

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    1. admin Beitragsautor

      Er nicht eben nicht genau richtig gehandelt: Das fängt damit an, dass er sich das Rehkitz nicht aneignen durfte, und sich damit einer Straftat (Wilderei) schuldig gemacht hat. Sich jedoch selektiv über Gesetze hinwegzusetzen, die einem nicht in den Kram passen, falsch, veraltet oder sonstwie unpassend erscheinen, erscheint höchst problematisch: Man hat dann eigentlich keine Argumente mehr gegen den Einbrecher, Vergewaltiger oder Mörder, der aus seiner Sicht ja dasselbe tut.
      Und das, was Sie da als “liebevolle Aufzucht” beschreiben, ist doch eine furchtbare, grausam egoistische Liebe, die ein Wildtier quält und in einen Krüppel und Kastraten verwandelt. Da wäre Fuchsfutter noch die bessere, dem Lauf der Natur überdies weitaus eher entsprechende Lösung gewesen.
      Es ist nicht zu erwarten, leider, dass Sie und ihresgleichen jemals Ihren Standpunkt hinterfragen oder gar einsehen, was Sie mit ihrem Helferkomplex, Ihrer Vermenschlichung, Ihrem Niedlich-Gefinde und Ihrem Leiden schaffenden Mitleid anrichten. Aber dass Sie noch Nachahmer schaffen wollen, die auch ein süßes Reh im Auto spazieren fahren wollen oder von der Ricke abgelegtes Rehkitz retten” wollen und damit zugrunde richten – das geht wirklich zu weit. Deshalb haben wir den Link entfernt.

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