Hart durchgreifen!

Eine Glosse von Prof. Dr. Hans-Dieter Pfannenstiel

Unverständnis, ja Entrüstung über den unglaublichen Frevel eines Mitglieds der grünen Zunft schlugen hohe Wellen auf der Versammlung der Jägerschaft. Der Vorsitzende kam leider etwas zu spät. Er hatte noch schnell zwei Sack Mais zur Kirrung zu bringen, damit die Sauen nicht beim Nachbarn zu Schaden gehen mussten. Die Unruhe in der Versammlung war verständlich, hatte doch ein Jungjäger einen viel zu guten Jährling erlegt, dessen schon nahezu fingerdicke und kurz gegabelte Stangen sich fast zu Lauscherhöhe emporreckten, obwohl er nur einen IIc-Bock frei hatte.

Unerhört. Einen so klaren Verstoß gegen die anerkannten Grundsätze Deutscher Weidgerechtigkeit hatte es lange nicht mehr gegeben in der Jägerschaft. Dabei war es, wie der Jägerschaftsvorsitzende erregt ausführte, durch konsequente Schonung des weiblichen Rehwildes gerade gelungen, den Bestand fast wieder auf Normalmaß zu bringen, nachdem die Forst im Nachbarlandkreis das Rehwild gnadenlos zusammengeschossen hatte. Umso bedauerlicher war es in diesem Zusammenhang auch, dass der Kreisjägermeister, Arzt in der nahen Kreisstadt, Ende Mai nach sorgfältigem Ansprechen ein Schmalreh erlegen musste, das zwischen den Keulen eine Geschwulst, einen Tumor hatte, vermutlich ein Mammakarzinom, wie der Erleger mit Bedauern ausführte.

Und nun diese Freveltat eines Jungjägers. Die ernsten Bemühungen der anwesenden Pächter und Begehungsscheininhaber, den Rehwildbestand durch konsequente Schonung der gut veranlagten Böcke aufzuarten, waren mit einem Schlag, besser mit einem Schuss, zunichte gemacht worden. Außerdem war allgemein bekannt, dass gerade die jungen IIa-Böcke weit umherwandern und damit den so notwendigen Genaustausch gewährleisten. Und ein solcher Austausch sei bekanntermaßen das sicherste Mittel gegen die gerade bei den stark rückläufigen Rehwildbeständen drohende genetische Verinselung. Schließlich war im letzten Jahr unter höchstministerieller Anwesenheit an der 20 km entfernten Autobahn eine für viele Steuermillionen errichtete Grünbrücke eingeweiht worden, über die auch dieser Gutveranlagte seine Gene hätte weiterverbreiten sollen.

Als der unglückliche Jungjäger zu seiner Entschuldigung vorbrachte, man habe ihm im Lehrgang beigebracht, es sei wichtiger, die notwendige Zahl an Jährlingen zu erlegen, als auf deren Gehörn zu achten, brach in der Versammlung ein Sturm der Entrüstung los. Unter allgemeiner Zustimmung gab der Vorsitzende den sofortigen Ausschluss des Jungjägers aus der Jägerschaft bekannt. Außerdem wurde der Lektor im Jungjägerlehrgang, der diese Irrlehren zu verantworten hatte, mit sofortiger Wirkung aus dem Lehrkörper ausgeschlossen. Schließlich sei man es dem Ansehen der gesamten Jägerschaft in der Öffentlichkeit schuldig, solche schwarzen Schafe schnellstens aus den grünen Reihen zu entfernen. Dieser Akt der Verbandshygiene wurde enthusiastisch gefeiert. Endlich habe der Verband in einer bedeutenden Angelegenheit mal entschlossen gehandelt, statt wie sonst den Dingen nur hinterher zu laufen. HDP

Bild: Das hätte nicht passieren dürfen – ein viel zu guter Jährling (Copyright: SE)

Ein Gedanke zu „Hart durchgreifen!

  1. Frank M.

    Großes Kino! Allerdings habe ich – selbst bei vergleichbaren Böcken – in meiner nun auch schon etwas länger zurückliegenden Jungjägerzeit so etwas nie erlebt.
    Was mich zu der Frage bringt: Gibt’s sowas bei Euch in Bbg. wirklich noch?

    Antworten

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